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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war

*** Mit dem Wetter habe ich in der vergangenen Woche aufgehört, mit dem Wetter fange ich an: Es gilt, das Jubiläum der ersten Wetterprognose zu feiern. Am 12. oder 14. Mai erschien sie in der Sammlung für den Fortschritt von Landwirtschaft und Handel. Zugegeben, die Datierung ist etwas ungenau, weil damals Zeitschriften nicht so pünktlich wie die c't oder iX in den Handel kamen. Wir schreiben das Jahr 1692 und geben uns mit den Herausgebern der schönen Hoffnung hin, dass alles besser wird mit einer "Wochentabelle mit Angaben über Luftdruck und Windstärken des Vorjahreszeitraums, nach der sich die Leser ihre eigene Wettervorhersage zusammenstellen sollen". Jawoll! Der Leser selbst soll sich den Kopf zerbrechen und nicht die Hardware prügeln.

*** Genutzt hat das Ansinnen nichts. 310 Jahre später sind leistungsfähige Computer mit der Sache beschäftigt und kommen doch kaum über den damals schon belächelten Bauernkalender hinaus. Doch wer will über solche Zeiträume noch grübeln, wenn er nicht gerade Papst ist und Nichtraucher obendrein? Wir sind bekanntlich in der Postmoderne angekommen, die ohne Zeitbezug funktioniert: jede Sau, die durchs Dorf getrieben wird, kann fesch angemalt werden. Nehmen wir nur als Beispiel den Segway-Roller, der im letzten Jahr mit großem Tamtam als geniale Lösung menschlicher Transportprobleme gepriesen wurde. In dieser Woche gab es den ersten Verletzten in Atlanta, USA, wo man die rollende Verwaltung erprobt. An einer Bordsteinkante platzten die Träume. So eine Kante hatten schon die alten Römer, als sie für ihre Wetterprognosen noch die Innereien von Vögeln befragten.

*** Fragen darf man ja. Auch danach, was Kurt Tucholsky, Albert Schweitzer und Heinrich Heine gemein haben. Etwa, dass wir sie zu den besseren Deutschen zählen? Geschenkt. Heute teilen sich die drei ein gemeinsames Schulareal. Das wird von zwei Schulleitern und einer Schulleiterin geführt, die eingewilligt haben, dass RTL in ihren Klassenräumen die Morde von Erfurt nachstellt. Medienethisch vertretbar sei das gewesen, heißt es nun vom Sender. Auch in dieser Woche bleibt das Thema also nicht außen vor, wobei ich medienethisch natürlich niemals lästere und den Amoklauf korrekt wissenschaftlich als Smash bezeichne: Sudden Mass Assault Syndrome with Homicide. Sage noch einer, dass nur die Computerbranche ihre Akronyme pflegt.

*** Wenn die Junge Union als Übung im Kampf gegen den Terrorismus Counter-Strike spielt, wenn Pumpgun, das Buch von Marc Höpfner zum Smash in Erfurt noch nicht indiziert ist, so besteht noch Grund zur Debatte. Zumal gerade ein neuer Verdächtiger ans Tageslicht gezerrt wird: im Freitag werden die E-Mails und SMSes aufs Korn genommen, die die Jugendlichen zum Gestammel erziehen. Es fehle eine Sprache, um die Grenzen zwischen Mein und Dein, zwischen Ich und Gemeinschaft auszusprechen. Sprachlos beschäftigen sich die Menschenjungen etwa mit dem abgewandelten Unreal Tournament, wo man das virtuelle Anbaggern üben kann. Und IBM unterstützt das alles noch? Schlimm, schlimm. Wo bleibt der pädagogisch wertvolle Ego-Builder?

*** Ja, soll ich nur über die Branche lästern, die sich von IBM bis HPQ von Speckgürteln befreit? Vielleicht sollte man weniger mit der Fettgans rummachen, die uns die wochenendliche Soli-TAZ präsentiert. Richtig, es ist das Szenevieh Tuxedo gemeint, dessen Bedeutung uns das Blatt so erklärt: "Linux ist so vollgestopft mit Inhalt wie der Pinguin mit Krill -- und das macht zufrieden." Da bleibt nur die Frage, warum Pino so verdächtig in Richtung Star Wars mutiert. Ein kleiner fülliger Pinguin-Roboter würde sich doch prächtig machen. Es muss nicht immer Krill sein. Wo Sony doch den Slogan "It's a Sony" beerdigt und seine gesamte Markenbildung auf den Aibo fokussiert. Der Roboterhund wird zum Testimonial für alle Sony-Produkte. Ob Hunde wohl von elektrischen Schafen träumen?

*** Was ist bloß mit C# los, dass es nur langsam Fans findet? Schließlich sind die lang vermissten 99 Flaschen Bier wieder da, die nunmehr zeigen, wie elegant Biertrinken sein kann - mit C# und ohne. Diese Ausstellung der Programmierkunst bringt mich zu einem weiteren Jubiläum, den internationalen Museumstag, der heuer unter dem Motto Museum and Globality gefeiert wird. Global heißt natürlich vernetzt, womit erstmals die Online-Museen mit von der Partie sind, die nette Sachen ausstellen. Echte Kunst, versteht sich, die mit nunmehr patentierten Wasserzeichen gegen billige Plagiate gesichert werden kann.

Was wird

*** Gleich mehrere Tage der kommenden Woche liefern dem geneigten IT-Beobachter Stoff zur gepflegten Kontemplation. Ich könnte mit dem 13. anfangen, an dem Novell im schauerlich kalten Barcelona seine Brainshare eröffnet. Das Motto hat sich Novell bei Cioran besorgt: "Wir sind alle Genies, wenn wir träumen". Na, dann drücken wir doch die Schlummertaste.

*** Und wenn's ein schlechter Traum wird, gibt's ein böses Erwachen. So wie am 13. Mai vor 75 Jahren, der als Schwarzer Freitag in die Geschichte einging. Doch billige Späße über Bobos sind mir zuwider, wo doch der "Tag der digitalen Wirtschaft" vor der Tür steht. Am 15. in Berlin; gefeiert von Guido Westerwelle, Edmund Stoiber und N.N. (Die Grünen). Da müssen wir gratulieren, auch wenn digitale Wirtschaft etwas doof klingt. Die analoge ist dann wohl Aldi, wo Computer statt Seifenblasen verhökert werden. "Kanzler wird, wer die Digitale Wirtschaft stärkt!", steht auf den PDFs der Demonstranten. Wahrscheinlich heißt unser erster digitaler Kanzler dann Müller-Maguhn-Möllewelle.

*** Vielleicht liegt ja auch alles daran, dass wir nicht mehr genug miteinander reden. Ein weiterer, hochoffizieller Feiertag muss deshalb erwähnt werden. Am 17. Mai ist der Weltkommunikationstag; dann wird die Zuschüttung des digitalen Grabens gefeiert. Erstmals fällt dieser Festtag mit dem Internationalen Browsertag zusammen. Der wurde ins Leben gerufen, die Gräben zwischen den Programmen zu füllen. Der Kommunikationstag wird seit Jahren von der ITU begangen und ebenso lange von niemandem so richtig ernst genommen. Das ließ die Herren der Telekommunikation nicht ruhen. Eine knallrote Geburtstagsglückwunschkarte für die Weltkommunikation wurde verschickt, in zwei Ausführungen: mit Luftballon und Kondom, weil ersterer dem Transport und letzterer der Kommunikation dient. Und noch ein wichtiger Tag: Aus gegebenem Anlass einen schönen Muttertagsgruß an alle Motherboards. (Hal Faber) / (em)

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