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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Der Blick zurück, er muss nicht an der letzten Woche kleben bleiben. Es tut uns allen gut, wenn der Zeithorizont nicht allzu eng gelegt wird. "Gott weicht keinen Millimeter", höre ich heute als Kommentar aus Israel. Ohne besonderen Anlass erinnere ich also daran, dass Jerusalem erst 1950 die Hauptstadt von Israel wurde und früher, nach einem UN-Plan vom April 1948, ähnlich wie der Vatikan als exterritoriales Gebilde konzipiert war. Auf Antrag von China übrigens, das als Verwalter der Stadt einen "menschenfreundlichen Atheisten" forderte. Nekómedurschtik, wie das meine Oma nannte, wurde man später. Was das mit IT zu tun hat? Nun, die Auswirkungen sind zu spüren, wenn Europa des Boykotts geziehen wird und Amerika über Websites einspringen muss. Die virtuelle Wirtschaftshilfe der USA ebenso wie der doch wohl eher als virtuell anzusehende Boykott der europäischen Staaten aber trifft auf eine Gemütslage, die sich überhaupt nicht virtueller Bedrohungen nicht mehr erwehren kann. "Israel, seit 35 Jahren eine Besatzungsmacht, ist heute ein besetztes Land; die Okkupation ist virtuell, aber höchst effektiv", beschreibt Henryk M. Broder die Situation in Israel -- und schließt seine Beschreibung: "Weißt du, warum der Messias nicht nach Israel kommt? Es ist ihm zu gefährlich." Jerusalem also, das die offiziösen Vertreter dreier Religionen seit Jahrhunderten für sich beanspruchen, mit der Folge entsprechender kriegerischer Schlächtereien, täte eine Entmystifzierung -- und in diesem Zuge Entmilitarisierung und wohl auch Entstaatlichung -- gut. Dann traute sich auch möglicherweise endlich der Messias in seine Stadt.

*** Der Blick zurück aber ruht auch wohlwollend auf Geschehnissen, die nicht zu seiner Trübung Anlass geben. Denn natürlich gibt es auch heuer wieder ein wichtiges Jubiläum. Nein, es ist nicht der 13. April vor 70 Jahren, als alle Kampftruppen der NSDAP verboten wurden und sich auflösen sollten und alle Kämpfe gegen Hitler von Staates wegen für beendet erklärt wurden. Vor 40 Jahren ging ein Ruck durch Deutschland, als der Star Club eröffnet wurde, mit einer Combo, die sich "The Beatles" nannte und als Rocker-Band verschrieen war. Die Bande hatte schon früher in Hamburg gespielt, im Indra und im Kaiserkeller, doch erst mit dem Star Club fasste Popmusik in Deutschland Wurzeln. Die Jugend hatte auf einmal Kultur, ihre eigene, und dabei ist es bis heute geblieben: Die Musik meiner Kinder kann ich selten dekodieren, es ist wie mit gut verdrehtem Lisp-Code. Ja, damals ging ein Ruck durch Deutschland, wie ihn keine Präsidenten-Rede erträumt haben dürfte. Skip! Skip! Skip!

*** So also ruht der nostalgische Blick zurück verständnislos auf der Musik der Kinder, und ich muss mich schwer zusammenreißen, nicht aufzutreten wie meine Eltern -- etwas, was ich mir immer geschworen hatte. Dabei, zugegeben, sind Rage Against The Machine oder Pearl Jam nicht so weit von den Gitarren-Gewittern des Brötzmann-Sohns Caspar entfernt. Und allemal bin ich froh, dass der Wu-Tang Clan aus den Lautsprechern dröhnt und nicht Britney Spears vor sich hin säuselt. Meine erste gekaufte LP jedenfalls kam von der Gruppe The Fugs, hieß Virgin Fugs und erschreckte meine Eltern gewaltig. Im Song C.I.A. Man sang die durchweg jüdische Gruppe vom Auftrag eines Amerikaners, unter "Arabern" für Aufruhr zu sorgen. Ed Sanders, der so schöne Songs wie Command the House of the Devil der Fugs schrieb, beschäftigte sich in seinem Buch "The Family" mit Charles Manson und seiner Truppe, die Helter Skelter von den Beatles als Aufforderung zum Mord interpretierten. Auf Manson kam später Psychic TV mit ihrem Song Roman P[olanski] über den Mord, der von Volkswagen zur Werbung benutzt wurde. Heute spielt bei VW eine andere Musi.

*** Der Blick zurück ganz ohne IT? Macht nix, dekodieren war noch nie einfach. Nehmen wir einmal, etwas näher am Thema meines netten Hosts, dieses kleine Spiel, das eine Website von Sun Microsystems bietet. Sie beschäftigt sich damit, wer bei den Servern den Größten hat. Tja. Vom Leben verwöhnte Spiel-Rezensenten werden Tetris kaum zur Kenntnis nehmen, aber mit den Klötzchen und (für MS-Lover) Solitaire ist es wie mit dem Masturbieren. "Jeder Mensch ist mal alleine", sangen schon die Straßenjungs, "und nimmt dann..." hoffentlich nicht Zuflucht zur Voicemail, die jeder bessere Administrator kopieren kann. IBM und Sun sind die Gewinner einer absolut schrägen Komödie, die offensichtlich gespielt wird, um die Kündigung von mehr als 200.000 Menschen in aller Welt zu verniedlichtuschen.

*** Der Blick zurück ganz ohne teutsches Wort? Macht nix. Denn über allem schwebt die Liebe, nicht die rechte Hand. Wenn die kompetenten Übersetzer meines Hosts recht haben, dann dürfen wir uns an diesen Worten eines richtigen Bobos erfreuen (bitte laut mitlesen, selbst im Internet-Cafe): "Die mächtigste Wirtschaftskraft ist nicht Gier oder etwa die rohe Energie ungebremsten Wettbewerbs. Die mächtigste Wirtschaftskraft ist die Liebe. Die profundeste Transformation der Wirtschaft -- eine Transformation, die durch die schrecklichen Begebenheiten in New York und Washington nur noch dringender wurde -- ist der Untergang der Barracudas, der Haie und Piranhas und der Aufstieg von netten, klugen Menschen, die ihre Arbeit mit Leidenschaft machen. Vergessen wir für einen Moment das Internet. Vergessen wir die Wall Street und die Bundesregierung. Diese Ökonomie ist deshalb anders, weil die lausigen Typen zuletzt ins Ziel kommen." Ja, deshalb finden die lieben Prüfer bei Comroad auf einmal einen Umsatz von lausigen 1,4 % der einstmals stolzen Zahlen. Die Liebe zum großen Ganzen ist es sicher auch, dass das bitterarme Nordkorea für Ausländer das Zocken erlaubt, während Bürger im eigenen Land nicht surfen dürfen. So groß und frei ist es, das Internet.

*** Doch beim Blick zurück mag man nicht nur depressiv werden, denn er fällt nicht nur auf die Geschichte Israels -- oder Deutschlands. Pessimismus mag sich ausbreiten, sollte man sich all die gescheiterten Projekte à la Comroad zu Gemüte führen, über die eine delirierende Website Buche führt, aber man kann auch seinen Spaß haben, gehört man nicht zu den Betroffenen, die geschäftsführende Bobos mit in den Abgrund gerissen haben. Aber nein, die Bobos weilen immer noch unter uns, die Erfinder und Patentierer sind wahrhaft produktiv, die Web-Designer ebenso. Manchmal kommen sie gar auf richtig gute Ideen, wie die Künstler.

*** Aber was wäre der Blick zurück ohne das Positive? Also: Wo bleibt es? Nur Geduld: Da gibt es ein Buch über Internetprojekte, das lustig über Journalisten herzieht, die Freitagnachmittags ihren Stoff zum Stänkern suchen. Hahaha. Dennoch: Das kollaborative Werk predigt die neue Bescheidenheit. Nur drei Tassen Kaffee am Tag, keinen Quatsch von Getrichquick an der Börse und Freude am Teamwork. Ein richtiges Antidot gegen größenwahnsinnige Bobos, die von Liebe faseln, man glaubt es nicht.

Was wird.

Oje, oje. Auch der Blick in die Zukunft enthüllt das, was manche Leser hassen, ein Jubiläum: In der Mitte der Woche ist wieder so ein Ding zu feiern. 5 Jahre Microsoft-Forschung stehen an und werden im englischen Cambridge an der Universität gefeiert, an der Microsoft einige Lehrstühle finanziert. Natürlich ist Microsoft-Forschung viel, viel älter, mindestens bis zu der Zeit gehend, in der Bill Gates und Paul Allen Universitäts-Terminals nutzten, um ihre Basic-Software zu programmieren. In Cambrige kann Microsoft- Professor Roger Needham noch auf weitere illustre Vorfahren zurückgreifen, die sich zum Beispiel mit der "Bokanovskification" (vulgo: Gesichtserkennung) beschäftigten. Wobei, wenn man im Dekodieren schon bei Joseph Needham in Cambridge angelangt ist, sein engster Freund J.B.S. Haldane nicht fehlen darf. Und dann ist es nur ein kleiner Sprung zu C.P. Snow, Cambridge, der in den Reede Lectures 1956 die zwei Kulturen propagiert hat: Wissenschaft und höhere Kunst, entfremdet und einander vollkommen unverständlich. Aber einmal haben sie miteinander geredet, der Wittgenstein, der Computerpionier Alan Turing, Erwin "Katze" Schrödinger, Haldane und Snow: leider nur in einem Buch. In Cambridge also stellt Microsoft zum Jubiläum seine neue Overlay-Technik namens Pastry vor, bei der jedes Individuum im Internet eine besondere ID oder Software-DNA besitzt. In einer Art Multicast-Verfahren können dann Inhalte so verschickt werden, dass sie erst am letzten Knotenpunkt entkoppelt zu den einzelnen Empfängern gelangt. Ich liebe den Fortschritt. Manchmal. Zugegeben: Immer seltener. Ob ich alt werde?

Alt hin, verkalkt her: Britannische Innovationen sind nicht nur in Cambridge zu finden. Nehmen wir einfach nur FAST, die Federation Against Software Theft, das Gegenstück unserer Business Software Alliance. Sie vertreibt ab Montag ein kleines Programm, das im Browser des Anwenders eine neue Schaltfläche "F" installiert. Wann immer ein Surfer das Gefühl hat, auf einer illegalen Seite zu stehen oder illegale Inhalte zu sehen, soll er das "F" drücken, damit automatisch Screenshot und Meldung zur FAST geschickt werden. Für die neue Technik sucht man noch ein deutsches Kürzel. B wie Blockwart wäre ein guter Anfang. (Hal Faber) / (jk)

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