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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Die Bobos leben. Bobos haben Stil. Das behauptet jedenfalls die deutsche Ausgabe von National Geographic in der neuesten Werbekampagne. Bobos suchen das Besondere und Authentische, legen Wert auf Authenzität und Sinnhaftigkeit, lesen natürlich das Erdkundeblatt -- und ziehen darum eine Digitalkamera den analogen, umständlichen Systemen vor. Das behauptet ein Blatt, dessen Fotografen keinen Aufwand scheuen, gute Fotos zu bekommen. Ja, die Bobos sind wieder schwer im Kommen und leidgeprüfte WWWW-Leser wenden sich mit Grausen ab. Doch halt! Das Wort kommt heute nicht mehr vor. Ich schreibe lieber über deutsche Entscheider. 400 von diesen Top-Menschen hat die Wirtschaftswoche befragen lassen und einen Faszinationsindex produziert. Die Rangliste ist faszinierend. Platz 1 natürlich für Bill Gates -- aber danach kommen Wolfgang A. Mozart, Peter Ustinov, Ludwig v. Beethoven und Günther Jauch. In dieser Reihenfolge. Jenningers Faszinosum ist weit abgeschlagen. Doch halt! Den ...ähem, den informationsbasierten Alleinentscheidern in der DV-Branche kann Gates nicht imponieren. Sie haben Verona Feldbusch als Leitstern. Jau, das hat Stil.

*** Im Vergleich zu früheren Jahren fehlt übrigens der große Stilist Henry Blodget unter den Angehimmelten, ein Star-Analyst der Internet-Blase. Abgestürzt ist er, wie die Xbox, über die er heuer noch prognostiziert, aber mit dem geeigneten Wortschatz für die junge Klientel. Rumsauen darf eh nur einer, der große Rock-Stilist Iggy Pop, der heute Geburtstag hat.

*** Es hat Stil, wenn ein noch sehr junger, doch aber schon zum Wunderpinguin Erklärter zugibt, dass er rechtens aus einem Land rausgeworfen wird, in dem er als Tourist werkelte. Stillos ist es, wenn eine Firma ihren Angestellten ungesichert in die Ferne schickt. Manchmal ist Stil auch eine Frage der Sprache -- oder der Benennung. Extreme Blue heißen die Praktikanten, die bei IBM programmieren und letzte Woche nach 2 Jahren ihren Linux-Baukasten für Nicht-Programmierer vorstellten.

*** Stil beginnt im Internet mit der richtigen Web-Adresse. Wobei, wenn wir schon bei den Suchmaschinen sind -- ich muss auch einmal die stilvolle, artgerechte Tierhaltung loben, die sie betreiben.

*** Er hatte Stil. Thor Heyerdahl, der am vergangenen Donnerstag im Alter von 87 Jahren starb, ist mit einem Balsa-Floß namens "Kon-Tiki" bekannt geworden. Weniger bekannt ist sein Protest aus dem Jahre 1978, als er nach einer erfolgreichen Reise vom Persischen Golf über den indischen Ozean und das Rote Meer zurück mit einer multinationalen Mannschaft von Vertretern aller Weltreligionen sein Strohboot "Tigris" vor der Küste Äthopiens verbrannte, um auf den Krieg in Eritrea zu aufmerksam zu machen. "Ich protestiere gegen die inhumanen Elemente in dieser Welt von 1978." Seitdem ist die Welt ein gutes Stück inhumaner geworden. Wie mit seinen Booten für Frühmenschen, so glaubte Heyerdahl, auch die Religionen auf einen Ursprung zurückführen zu können. Heute gilt das nur für Oberflächen aller Art, doch schon ein Stückchen tiefer sieht es düster aus. Die Stimmen, die etwa in den USA einen Rückzug der israelischen Siedler und eine Dreiteilung Jerusalems fordern, finden kein Gehör. Man kann nicht beides haben.

*** Ganz sicher aber stillos ist es, dass die Abschaffung des Frankfurt eBook Award vor dem Welttag des Buches verkündet wurde, den wir am 23. April feiern dürfen. Da kamen Shakespeare und Cervantes auf die Welt. Jetzt warten wir nur noch auf die Abschaffung des Buches, das richtig gedruckt und gebunden wird. Klebepistole statt Fadenheftung oder lieber ein Projekt Gnutenberg, das ist die Frage des Empire? Wo übrigens eine so strahlend heile IT-Welt geschildert wird, dass man sich erstaunt die Augen reibt. Ganz nebenbei ist das PDF dieses Buches eines der erfolgreichsten eDokumente geworden. Vielleicht beweist das ja eines: "Warum soll man sich nicht mit Büchern unterhalten? Sie sind oft ebenso klug wie Menschen und oft ebenso spaßhaft, und drängen sich weniger auf", meinte Hermann Hesse. Den Spruch jedenfalls verteilt Suhrkamp -- Weltbuchtag hin oder her -- gerade auf Werbetüten zum 125. Geburtstag des deutschen Rauners, der im neuzeitlichen Innerlichkeits-Boom vor einigen Jahren bereits wieder zu Ehren kam. Na dann, viel Spaß beim Kommunizieren -- solange es nicht die neuen deutschen Philosphen sind, bekommt man vielleicht endlich einmal eine Antwort, die die Philosophie in Deutschland seit einiger Zeit verweigert.

*** Stil hatten sie jedenfalls, denn Antworten wollten die Philosophen früher geben, auch wenn sie ihnen möglicherweise nicht immer glückten. Und vielleicht schwiegen sie auch zu neuzeitlichen Schrecken. Der Schrecken jedenfalls dürfte den Meisten in die Knochen gefahren sein, als sie des großen Lochs im Mailänder Pirelli-Hochhaus ansichtig wurden. So gemahnt uns der Selbstmord, Herzinfarkt oder was auch immer von Luigi Fasolo gleich wieder, Djerba hin, Dschenin her: "Ihr führt Krieg? Ihr fürchtet euch vor einem Nachbarn? So nehmt doch die Grenzsteine weg -- so habt ihr keinen Nachbarn mehr", wagte sich Friedrich Nietzsche nach vorne -- und das mögen sich dann auch einmal all die Schlaumeier zu Gemüte führen, deren dumpfe Angst vor dem jüdischen Nachbarn in Europa die zerstörerische Situation in Israel zu vermeintlich gehobenem Antisemitismus nutzt.

*** Mit positiver Bilanz ging das "deutsche Gipfeltreffen der Multimedia-Branche" in Stuttgart zu Ende, bei dem 1600 Teilnehmer laut Pressemeldung den "Aufbruch in den Alltag" feierten -- stilvoll, natürlich. Auch wenn der Alltag eher in der grafischen Aufbereitung eines Ludenballs denn im Zimmern einer genialen Wertschöpfungskette besteht. Wozu hat man seinen Sloterdijk? Der Philosoph verpasste dem Kongress eine Flash-Agitation über die Massenmedien. "Understanding Media" hatte es einst bei McLuhan geheißen. Kleiner als "Stichworte zur philosophischen Anthropologie der neuen Medien" geht es bei uns natürlich nicht. Dabei sind die S-Worte zur geistigen Situation dieser Zeit der Philosophie ganz trefflich: "Oder: dass die Gesellschaft ein performativer Ballon ist, der durch die Ausatemluft starker Behauptungen aufgeblasen wird." So sind sie halt inzwischen, unsere Philosophen. Man muss damit leben, und doch seinen Stil behalten.

*** Stil ist eines, etwas anderes aber entzieht sich offensichtlich der klaren Benennung: Nach der Heisenbergschen Unschärferelation kann man Ort und Impuls eines Teilchens nicht gleichzeitig messen. In Düsseldorf hat sich die Mannschaft von Büssow dem Problem genähert, natürlich im Hinblick auf Webblockaden: "Es dürfte Ausdruck einer Unschärfe im Differenzierungsvermögen mancher Diskussionsteilnehmer sein, hier Parallelen zu den Diktaturen im Iran oder in China zu konstruieren", heißt es hier. Pech aber auch, denn das hat das EuropäischeParlament getan. Hier setzt die Büssowsche Unschärferelation an. Das Parlament hat zwar von Websperrungen gesprochen, aber nicht von den rheinischen. In Wahrheit hat die Europäische Union China, Iran, Südkorea und Saudi-Arabien für den vorbildlichen Jugendschutz gelobt. Oder etwa nicht?

Was wird.

Der Stratege des Hauses Microsoft gebrauchte in der letzten Woche erstmals das Wort Kapitalismus und verteidigte diesen seinen Kapitalismus gegen das "Linux-Ding". Am Montag soll unser Faszinosum in einer Art Soap-Opera aussagen, in der Zeugen Probleme haben, das Wort Balkanisierung zu verstehen und es hilflos von Basar ableiten. Man kann nicht alles behalten.

Es gibt noch andere Jubiläen neben dem Weltbuchtag. Etwa den Girl's Day, an dem starke Mädchen schwachen Computern den letzten Kick geben. Den 25. April wählte man übrigens, weil an diesem Tag vor 20 Jahren Jane Fonda mit einem Aerobic-Video das Recht auf Muskelverhärtung für die Frau propagierte.

Der Philosoph Sloterdijk, der so ungerne kommuniziert, rechnet den 11. September übrigens zu den "schwer wahrnehmbaren Kleinzwischenfällen". Vollends wird er den erwähnten kleinen Flieger von Luigi Fasolo aus den Augen verloren haben, der in den "Pirellone" von Mailand gerast ist. Wie das World Trade Center war das schönste Hochhaus Europas ein Paradesymbol der Nachkriegs-Wirtschaft, in Italien "Miracolo Economico" genannt. In seinem Film "La Notte" hat Michelangelo Antonioni als Eingangssequenz die Fassade dieses Gebäudes abgefilmt, mit einer abwärts sausenden Kamera. Die Wirkung der Bilder vom 11. September zeigte sich schon bei einem Absturz in Florida. An gerammte Hochhäuser werden wir uns gewöhnen müssen wie an Falschfahrer: In Osnabrück startet nächste Woche das European Media Art Festival mit der Premiere von Underground Zero, einem Zusammenschnitt von 33 Filmen, die Dokumentar- und Experimentalfilmer zum 11. September gedreht haben. Eigentlich sollte sich das Festival nur mit virtuellen Schauspielern beschäftigen, den Lara Crofts, den Shreks oder den Welten von Tron. So hat sich mit der Katastrophe der Mensch eingeschlichen, selbst der Kongress der Internet-Künstler zur Robotik heißt nicht mehr "Das Wesen der Maschine", sondern "Urban Collisions, New York".

Das Letzte, was den Stil anbelangt, muss natürlich zum Webmobbing gesagt werden. Mit einigen Hundert Beiträgen gehört ein Nutzer namens Günter Frhr. v. Gravenreuth zu den Top-Zuträgern der Heise-Foren. Es wäre wirklich stillos, dem Mann die Freude zu vergällen, Aussagen zu sammeln, die "an Aggressivität und Brutalität kaum noch zu überbieten" sein sollen. Ja, Heise-Forums-Leser sind ein raues Völkchen und wissen auszuteilen. Die Hälfte dieser Leser finden dieses WWWW absolut Stuss, die andere Hälfte einfach nur stillos. Im Cyberspace muss man mit dem Web-Mobbing leben können, auch wenn man eine Marke vor dem Kopf hat. Es ist wie mit virtueller Pornografie, nur lustiger.

Nun, es sei zum endlichen Abschluss festgehalten: Stil hat man, oder man hat ihn nicht. Einem jedenfalls entkommt man nicht: Dass man älter wird, merkt man oft nicht nur an eigenen seltsamen Erinnerungen, sondern auch daran, dass die Freunde um einen herum Geburtstage feiern mit Zahlen, die man 30 Jahre zuvor nur der Elterngeneration zugetraut hat -- Informatik-Geburstag hin, Philosophie-Seminare her. Elterngeneration ist man samt Umfeld jedoch nun selbst, also ging ich gratulieren -- und wollte mich darob in dieser Wochenschau einmal etwas kürzer fassen, was wohl wieder nicht geklappt hat. Auch eine Art von Stil -- denn alte Leute haben ja so viel zu erzählen, ob sie nun auf Sloterdijk, Hesse oder etwa -- besser doch -- Nietzsche schwören: "Mancher wird auch für seine Wahrheiten und Siege zu alt; ein zahnloser Mund hat nicht mehr das Recht zu jeder Wahrheit." So dekretierte Nietzsches Zarathustra, dessen Schöpfer sich jedoch fragte: "Warum dürfte die Welt, die uns etwas angeht, nicht eine Fiktion sein?" In diesem Sinne wird es hoffentlich auch ein schöner Sonntag. (Hal Faber) / (jk)

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