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Was war. Was wird.

Kommunikationsschwierigkeiten hin, Libretti her -- für die Musik besteht auch im digitalen Zeitalter trotz Musikindustrie berechtigte Hoffnung, meint Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Vedi, le fosche notturne! Heute Nacht werfen wir uns alle in Schale, denn es geht in die Oper! Nein, heute geht es nicht um unser aller Daumendrücken für die notleidende Musikindustrie, sondern um die Musik und die Oper schlechthin. Heute vor 150 Jahren wurde Il Trovatore von Guiseppe Verdi uraufgeführt und bewiesen, dass die schönste Musik zum schlimmsten Plot entstehen kann, den nur der blanke Humor in eine stimmige Geschichte verwandelt. Dabei kommt so die unverwüstliche Musik erst voll zu ihrer Geltung. La ziganarella! Heute kommen nicht nur die Freunde der italienischen Oper voll auf ihre Kosten, sondern natürlich auch die Liebhaber rechnergestützter Kommunikation. Erinnert sei an den Verdi-Startenor Richard Taylor, der die erste Forumssoftware von Compuserve (R.I.P.) entwickelte und einige Spiele obendrein. Als Begründung verwies er schon einmal witzelnd auf die Kommunikations-Schwierigkeiten hin, die Verdi und sein in Neapel lebender Librettist hatten.

*** Die Entstehung der Oper im Geiste der Brieftauben führt uns zu einem anderen großen Musikstück, der ersten Technik-Oper "Zwischenfälle bei einer Notlandung", einer "Reportage für Elektronik, Instrumente und Sänger". Boris Blacher der große Komponist dieses Werkes, wäre heute 100 Jahre alt geworden. Andere Komponisten leben und es geht ihnen ausgesprochen schlecht: Feel me. Touch me -- heal me? Als die Who mit ihrer Oper Tommy in New York den Rock in die Metropolitan Opera brachten, verglichen die Kritiker das Stück mit Verdi und seinem Trovatore. Den wenigsten fiel das we forsake you, gonna rape you auf, mit dem Pete Townshend seinen Missbrauch verarbeitete. Es ist der Townshend, der sich im vergangenen Jahr mit Kinderpornographie beschäftigte und heute unter der Anklage steht, Kinderpornographie im Internet gekauft zu haben -- zu Forschungszwecken, so Townshend. Neben dem Künstler gehören Politiker zu den Beschuldigten. Sollte er mit Kreditkarte solche Dateien gekauft haben, so gibt es dafür keine Entschuldigung, auch nicht mit dem Kunstvorbehalt oder den kulturellen Unterschieden.

*** Draußen vor der Oper stehen wir mitten im Leben vor der Achse des Bösen. Die USA bereiten sich auf einen Krieg vor und stoppen die Werbung für das Land der Freiheit. Das Repräsentantenhaus ist kommunikationsmäßig schon abgehängt. Manch einem, der nur noch Schurken in der Welt sucht und ihnen, komme, was da wolle, aufs Haupt schlagen möchte, könnte der 22. Januar zum Nachdenken gereichen. Es kommt nicht oft vor, dass man das vierzigste Jubiläum eines Tages begehen kann, an dem aus Staaten, die sich nur als Erbfeinde begriffen, auch ganz offiziell Freunde wurden. Viele aus den beteiligten Völkern sahen das übrigens schon einige Zeit länger so.

*** Auch in Deutschland aber ist wieder Partei-Sein gefragt. Das Grimme-Institut fordert einen Journalismus der De-Eskalation und bemerkt nicht, dass dies längst egal geworden ist. In, ähem, Bielefeld wurde die neue Miss Deutschland gewählt und wünscht sich prompt ein Gespräch mit Saddam Hussein, wie Konstantin Wecker. Ein weiteres Beispiel von vielen aus dieser Woche: In der Frankfurter Rundschau feiert Jutta Limbach das fehlgeschlagene Bombenattentat von Georg Elser, während sie als Chefin des Goethe-Institutes einen Instituts-Leiter in eine indische Provinz strafversetzt. Manfred Wüst, der das Goethe-Institut in Ramallah aufgebaut hat, wagte es, palästinensische Terroristen als Freiheitskämpfer zu bezeichnen. Was hat die Politik des Desktop Publishing eigentlich mit Computern zu tun?

*** Bei IBM hat sich der Denker und Macher der Initiative D21 in den Aufsichtsrat verziehen müssen. Sein Nachfolger ist ein Kerl und startet flugs die Initiative D10: Nach 93 Jahren wird in Mainz die älteste deutsche Computerproduktion geschlossen, wenn man von der Gründung der Dehomag im Jahre 1910 an rechnet. Opernmäßig gesehen geht es voran, Geschichte ist Geschichte.

*** Geschichte und damit abgehakt sind die Alimente, über die Bill Gates sich diese Woche freuen konnte. Auf seine Oper warten wir immer noch, eine Windows-95-Wolke voller Krieg reicht ebenso wenig wie eine studentische Probebühne. Lustiger sind da schon die Versuche von echten Gläubigen, in einem seichten Interview zwischen den Zeilen zu lesen. Dabei ist die Sache doch so einfach: Was Apple mit dem Mac OS getan hat, kann Microsoft mit Linux machen. Windows ist dann ein nützlicher, ungefährlicher Desktop auf einem billigen Betriebssytem. Erwähnenswert ist noch der Abseilachter von Microsofts prominentesten Ex-Hippie Richard Purcell, dessen sorgfältig geflochtener Haarzopf nun nicht mehr wie versprochen abgeschnitten werden kann, wenn eine gravierende Datenschutzverletzung durch Microsoft festgestellt wird. Abgehakt, alles abgehakt.

*** Nicht abgehakt, sondern verlängert wurde das Copyright in den USA. Der Fall Eldred vs. Ashcroft endete mit einer bitteren Niederlage. Doch die Oper ist erst zu Ende, wenn die fette Dame gesungen hat. So geht der Disney beglückende Fall weiter, in abgewandelter Form auch hierzulande, in der kommenden Woche. Wer das Libretto der Arie vorzieht, sollte in ein paar Stunden hier zuhören.

Was wird.

Was machen 2150 Leader aus 99 Nationen in 270 Sitzungen? Nein, hier ist nicht vom Welt-Sozialforum im brasilianischen Porto Alegre die Rede, sondern vom World Economic Forum, das ab dem 23. Januar in Davos stattfindet. Der Titel, unter dem Bill Gates, Carly Fiorina und Michael Dell mit den Präsidenten Fox (Mexiko) oder Lula (Brasilien) diskutieren, ist schlicht: "Building Trust". Vertrauen in Regierungen, Politiker und Leader muss man einfach haben. Bleibt die Frage, wer das den Homini Davosiensi abkauft.

Va, pensiero: Fliegt, Gedanken -- auch wenn es sicher ein Bruch von Lizenzbestimmungen ist, wenn Gedanken einfach so rumfliegen. Aber alles wird gut: Selbst wenn die Musikindustrie auf der Midem doch noch die endgültige Waffe gegen die bösen Kopierer erfindet, solange Leute wie Manfred Eicher für den Grammy nominiert werden, besteht Hoffnung. (Hal Faber) / (jk)