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Was war. Was wird.

Die CeBIT naht, Intel verstaut sein Häkeldeckchen im Messegepäck und Hal Faber erholt sich von den Grausamkeiten der Unterhaltungsindustrie.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was War

*** Pech gehabt. Da freut sich ein Journalist der sonst der Recherche verpflichteten Computerworld, die Verantwortung für den sich rasend schnell verbreitenden SQL-Slammer einer radikal-islamischen Gruppe aufhalsen zu können -- und dann war es doch nur ein Kollege, der auf der Jagd nach radikal-islamischen eTerroristen seine Honigtöpfe bewirtschaftet. Dabei hätte eigentlich bekannt sein können, dass der Irak nicht allein des Öls wegen größtenteils in Amerika liegt. Mit dem Austausch einiger Mails ging ausgerechnet jener Journalist in eine Falle, der mit seinen "Confessions of Teenage Hackers" die vereinsamten Skript-Kiddies porträtierte und eben diesen Begriff prägte.

*** Jetzt, wo klare Grenzen zwischen Freund und Feind gefragt sind, ist Recherche nicht mehr zeitgemäß. In diesem Sinn verfährt nicht nur die Computerworld, sondern die mindestens ebenso respektierte New York Times, die sicherheitsrelevante Artikel vom CIA gegenlesen lässt. Und CNN entschuldigt sich für eine inopportune Ortsangabe, weil es die Columbia über Palästina, Texas zerriss. Kurzum, Amerika zieht in den Krieg und die Presse zieht mit. Wobei die von Powell so gelobten "feinen englischen Beweise" mindestens feine Plagiate sind. Krieg ist immer gut für journalistische Karrieren.

*** Wenn der Film startet, wird sicherlich die vom US-Minister Rumsfeld misstrauisch beäugte deutsch-kubanische Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Und wo werden Fußbälle hergestellt? Und warum spielte Schröder in Afghanistan Fußball? Sind sie nicht rätselhaft, diese Europäer? Gestern wurde einer dieser seltsamen Franzosen 175 Jahre alt: Jules Verne, dem wir immerhin das Werk "Ein Tag im Leben eines amerikanischen Journalisten" verdanken. Besagter Verne schrieb die bekannte "Reise zum Mond", in der die USA erwägen, Europa den Krieg zu erklären. Müssen wir das hellsichtig nennen oder war Verne ein Phantast? "Herr Rumsfeld, Sie kennen Saddam Hussein persönlich. Was für ein Mensch ist er?", sollte Sabine Christiansen heute Abend fragen, meint die FAZ. Noch ist das Millionenspiel nur ein großes Medienspiel.

*** Heiteren Gemüts wäre es jubiläumstechnisch günstig, in Frankreich zu bleiben, wo der Striptease heute seinen 110. Geburtstag feiert. Doch mir erscheint es passender, daran zu erinnern, dass heute vor 53 Jahren in den USA Senator Joseph R. McCarthy seine Hetzjagd auf jene begann, die er für Kommunisten hielt. Nicht auf Spione, die einfach ihren Job machten, sondern auf Rote in Regierung und Kultur: "Ich habe 57 Fälle in meiner Hand ..." Es gibt Stimmen, die das US-Klima heute mit der Inquisition von McCarthy vergleichen. Das ist sicher übertrieben, denn schließlich erfolgte die Ausladung von Dichtern im Weißen Haus nicht aufgrund politischer Überzeugung. Zeitdruck war es, mehr jedoch nicht. Wer drückt bloß auf der Zeit herum?

*** In der deutschen Kulturszene freut man sich derzeit über den Glanz, den die Berlinale auf die freudlose Hauptstadt wirft. Da läuft die Teknolust von Lynn Hershman und erzählt über die Cyborgs, die Rosetta Stone produziert. Noch schöner ist vielleicht das koreanische Sungnyangpari sonyue jaerim, wo es um ein Computerspiel geht, das auf dem Märchen vom Mädchen mit den Schwefelhölzern des Hans-Christian Andersen beruht. Nur den Film Revolution OS sucht man im Programm vergeblich.

*** Manchmal ist die vergebliche Suche im Programm eine Frage der Formatierung. Eigens für den Browser Opera hat das Microsoft-Network MSN Webseiten entwickelt, die die Inhalte verzerren und Löcher in Texte fräsen. Nichts Neues bei MSN, nichts Neues in unserer Kultur. Einige Beachtung fand der Bericht von El Pais, nach dem der spanische Anarchist Alphonse Gefängniszellen im Stil moderner Kunst gestaltete, mit schrillen Farben, schiefen Wänden, schrägen Betten und anderen Innereien, die den Terror verstärken sollten. Keine Frage, dass sich mit Bedacht vergurkte Seiten als Kunst betrachten lassen.

Was wird

Nun wollen wir alle ganz lieb sein und am Freitag den Valentinstag feiern. Mit Knuddelthreads im Heise-Forum, mit offenen Herzen und Mailboxen. Dabei, bittschön, jeden von Herzen kommenden Virus auf die Festplatte schlenzen und der Kournikova, Daniel oder sonst wem bereitwillig die Adressendatei frei machen. Ja, an dieser Stelle zieht es mich zur Musik, zu diesem wehr- und weltraumuntauglichen Sängerknaben, über den unlängst schon WWWW-Leser diskutieren wollten. Das Grausame an dieser mit Grausamkeiten nur so gespickten Sendung liegt in der einfachen Wahrheit, dass die Unterhaltungsindustrie beweisen will, welchen Schund sie ohne Widerspruch schaffen und verkaufen kann. Gegen die kommenden Superstars hilft es nur noch, das dritte Ohr ins Internet zu hängen und die Musik zu suchen, die diese Branche ruiniert. Alternativ sollte Daniel Kuhlböck für unsere amerikanischen Freunde Louie, Louie in den Fassungen singen, die das FBI imaginierte. Ja, die Welt ist schön.

In Gefahr und höchster Not ist der Mittelweg der Tod, dichtete einst die Friedensbewegung mit Alexander Kluge. Diesmal passt der Satz mehrfach. Gegen den Superstar-Schwachsinn wird bald in Halberstadt der erste Ton aus dem 639-Jahr-Stück von John Cage gespielt, feierlich eingeleitet von Alexander Kluge.

Wenn der erste Ton die ersten CDs füllt, öffnet zu Hannover die CeBIT ihre Pforten. Eine Messe, von der sich mancher wünscht, sie möge nur 639 Minuten dauern. Einigen amerikanischen Firmen wie Adobe wird das völlig egal sein. Für sie macht der rote Strudel in New York halt. So ist es fast wie vor zehn Jahren, als Motorola, Novell und Borland der CeBIT die kalte Schulter zeigten. Konjunkturell kriselte es damals wie heute. Und trotzdem füllten nach Angaben der Organisatoren mehr Besucher als je zuvor die CeBIT-Hallen.

Bekanntlich feiert Intel zur CeBIT 2003 den offiziellen Start des Häkeldeckchens Centrino, womit wir bei der nächsten Analogie wären: 1993 kam zur CeBIT der Pentium, von dem dpa welterfahren zu berichten weiß, dass der Prozessor Bill Gates damals kalt gelassen hat. Ob der Centrino ihn heißer macht, bleibt abzuwarten. In dieser Woche konnte sich Gates jedenfalls über seine Firma Icos freuen, die Erektionsstörungen nun auch in Europa bekämpfen kann. So ist das, wenn Geschichte gemacht wird. (Hal Faber) / (em)