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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Der Sommer mag die Kollegen im kleinen Verlag am Rande der norddeutschen Tiefebene noch triezen, doch die Sommerferien sind Schweiß von gestern. Die Schule hat angefangen, komplett mit einer Meldung zur Verteidigung der Rückmeldekultur. Für Schüler zusammengefast: Spickmich.de ist schwer Scheiße, nur SEfU ist Lego, weil hier nur die Wissensonkels und Wissenstanten nachgucken können, wie sie bewertet werden. Eine ordentliche Rückmelde-Behörde, das ist vorgelebte deutsche Demokratie. Ordentlich den Lehrer melden wie in Nordrhein-Westfalen, das ist schon ganz was anderes als einen gewerkschaftlich organisierten Lehrer mit Hilfe einer Münchener Faktendruckerei wegzukegeln.

*** Neudeutsch ist mit der Rückmeldekultur das Feedback gemeint, mit dem ein Heise-Autor seit Jahrzehnten leben muss: Kaum ist der Artikel online, geht die Diskussion los, ob Angst schnüren kann. Aber klar kann sie das! Angst, die schnüren kann, kann umgekehrt auch von Schnüren befreien! Wenn die Schnüre weg sind, ist man angstfrei, so einfach ist das. Man schaue nur in das Wahlprogramm der CDU/CSU, in dem angstfreie Räume durch verstärkten Einsatz von Video-Überwachungskameras gefordert werden, einen Absatz hinter der Forderung, die Bundeswehr im Innern einzusetzen. "Angst macht frei!", das ist doch weit schöner als dieses "Wir haben die Kraft!", des christlichen Regierungsprogrammes. Es passt auch besser zu der Forderung des Wahlprogrammes, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sein darf.

*** Freie Räume! (Video), frei von Journalisten, das könnte auch ein ganz passables Motto sein, wenn man sich den Wahlkampf der Erfinderin von Stoppsch^H^H^H^H^H^H Stolperfallen betrachtet. Dabei werden zünftige Ostfriesenwitze erzählt. Ja, wollen wir da noch Jedem das Seine hinzufügen, das ein KZ-Lagertor überspannte und von einem Lagerinsassen gefertigt wurde? Es gibt billige Assoziationen, die wahre Demagogie zur Angst schnürt und das Denken verhindert.

*** In Berlin finden dieser Tage rätselhafte Sachen statt. Da läuft ein Mensch so schnell, dass seine Mitläufer ihn als Figur aus einem Computerspiel einstufen, die einen besonderen Cheat-Code kennt. Gottes Werk und Teufels Beitrag titelte ausgerechnet die Zeitung, die seit Wochen einen Comic veröffentlicht, in dem Gott und der Teufel sportlich wetten. An diesem Wochenende sind in Berlin sogar Staatsbesuche 2.0 möglich, bei denen man die Arbeitsräume des Innenminsters besichtigen und eine Hundestaffel streicheln kann. Dazu gibt es sportliche Leistungen und Sportdiskussionen.

*** Die sportlichste Leistung überhaupt wird allerdings nicht gezeigt, obwohl sie nahe an den Cheat-Code heran kommt und beim Bundesinnenministerium angesiedelt ist: Jederzeit könnten beim BKA Sperrlisten zusammengestellt werden, heißt es. Schließlich gibt es erfahrene Cyber-Cops und Detektive, die einer Datei sofort an der Dateinase ansehen, ob sie unter Umgehung eines Stopp-Schildes gespeichert wurde. Es geht noch mehr! Erinnert sei an die drei Computer der RAF-Terroristin Verena Becker, auf denen 32 Jahre altes Beweismaterial gesucht wird. Ob auch hier ein Weg gefunden wurde, wie bei der DNA-Analyse eine Fälschung anzubringen?

*** Was ist die Wochenschau ohne eine Daten-Chronik? Erinnern wir uns an Karl Hans Janke, der gestern vor 100 Jahren geboren wurde. Seine Trajekte und Atom-Omnibusse stehen für Reisen abseits der Deutschen Bahn in der schönen Tradition des emsländischen Transrapids – nur wurden dessen Erbauer nicht wegen wahnhaften Erfindens inhaftiert. Dann darf der Hinweis auf ein unheimliches Zeichen der Zeit nicht fehlen, das vor siebzig Jahren an die Wand gemalt wurde. Aus dem Pakt zwischen Faschisten und Stalinisten erwuchs die Totalitarismus-Theorie.Die Antwort auf diese Theorie heißt Goodbye Mr. Socialism.

*** Apropos cheat codes: Wie war das denn noch mit dem Doping in den Staaten, die einen real existierenden Sozialismus lebten, auferstanden aus Ruinen? Ein Brief an die Sperlinge zeigt wahre Größe: "Und wenn es nur das Schamgefühl wäre, das sich Eurer nach einem erfolgreichen Rennen bemächtigen würde – Ihr könntet Euch nicht ehrlich Eures Sieges freuen. Erspart es Euch und geht mit gutem Gewissen an den Start, die Nationalhymne klingt dann umso erhebender." Ich habe den Mauerfall aus der Ferne erlebt, weil eine Computermesse namens Comdex wichtiger war. Aber ich habe eine hitzige Comdex-Diskussion drei Jahre später erlebt, in der die Behauptung vertreten wurde, der deutsche Arbeiter- und Bauernstaat hätte überleben können, wenn dort die Forschungen am "pflanzlichen Viagra" (nein, kein Link) weiter gewesen wären. So war das Ende eine schlappe Sache, politisch wie wirtschaftlich, mit Sport als Ausnahme. Und danach war auch die Lust weg.

*** Ich bleibe beim Thema: Wir haben die Kraft. Aber die Eier haben wir nicht. Darum fordern wir erst einmal. Dieses frei nach Bloch formulierte Prinzip Hoffnung nennt sich Leistungsschutzrecht für Verlage, die im Internet publizieren. Die Forderung, Verlage vor dem pöhsen Google zu schützen und eine Art GEBTMAL zu installieren, findet sich im bereits erwähnten Wahlprogramm der CDU/CSU. Wie dies mit der pauschalen Medienabgabe zusammengeht, die die FDP in ihrem Programm zusammen mit der Abschaffung der GEZ fordert, wird noch lustig zu sehen sein. Genauso lustig wahrscheinlich wie der Qualitätsjournalismus, der in dieser Woche im Dialog mit Bombenlegern oder im Abschreiben von Twitter (wobei der Twitterer selbst Journalist sein will) wieder einmal Glanzstücke der Recherche ablieferte.

*** Wie wird das erst, wenn der Polizeifunk für die eine oder andere Milliarde Euronen mehr abhördicht auf Sendung geht? So endet die Woche mit einem kleinen Lichtstrahl. Die ausgesprochen sendebewusste Zentrale des deutschen Qualitätsjournalismus sagt ihre geplante Reinwaschung von allen Sünden aus vergangenen Straßenkämpfen ab.

Was wird.

Nix wird es mit einer Petition, die ein geschätzter Blogger eingereicht hat, um nach dem Vorbild der französischen Three Strikes den Fraktionszwang im deutschen System auszuhebeln. Wer drei Mal für ein verfassungsfeindliches Gesetz stimmt, fliegt raus. Was auf den ersten Blick sympathisch klingt, hätte das Bundesverfassungsgericht als Henker über parlamentarische Karrieren installiert. Das wäre die Chavezisierung der deutschen Restdemokratie geworden. Der Vorschlag aus dem Umfeld des Chaos Computer Clubs zeugt von dem Versuch, das Gesetz als schlecht programmierten Code durch einen Patch zu verbessern.

Die ach so pöhsen Hacker haben auf ihrem Sommercamp Hacking at Random ein eigenes GSM-Netz betrieben und verschiedene Tricks in diesem Spiel-Netz gründlich erforscht. Besonders SMS mit all den Versuchen, über SMS Parkmarken oder andere ÖPNV-Tickets zu vertickern, wurden dabei gründlich demaskiert. Wer die aufgezeichnete Präsentation von Pavol Luptak verfolgt, wird sich schnell von der Idee verabschieden, mit Mobiltelefon per SMS irgendetwas zu bezahlen. Genausogut könnte man vor einem Bankomaten seine PIN und Kontonummern jodeln. Hier werden die Drachen wohnen.

Bald wird auch der letzte Rest des Sommers vorbei sein, die Gemüter abgekühlt und die Winde auf den Fluren losgelassen sein, wie immer über die norddeutsche Tiefebene zu pusten. Wer dann kein Haus hat, oder noch schnell in den verspäteten Urlaub abdüsen kann, der nimmt vielleicht ein Hotelzimmer in Kiel, wo vor dem großen Schatten noch eine Sommerkademie stattfindet, die darüber diskutiert, ob Arbeitnehmer Freiwild sind. Wer dann allein ist, wird viel auf Twitter schreiben und in den Alleen unruhig wandern, wenn die Retweets treiben. Und Otis Taylor liefert den Background-Sound. (Hal Faber) / (Hal Faber) / (jk)

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