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Was war. Was wird.

Ist wirklich schon 2009 oder doch noch 1995? Diese Frage vernahm Hal Faber, der darüber erstaunt ist, dass ausgewiesene Journalisten banal und unkonkret und ohne jede Glut schreiben können, wenn ihnen der Kragen geplatzt ist.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Es ist Herbst, das Fallobst fällt und andere faule Sachen schlagen auf. Zum Beispiel ein Internet-Manifest, geschrieben von einer gut vernetzten Szene von "Berufs-Publizisten", die den Aufstand gegen Verleger, Journalistengewerkschaftsschwafler und Kulturteildummschwätzer wagt. Dass daraus ein "Internet-Manifest" wurde, verdanken wir dem glücklichen Umstand, dass die Adresse internet-manifest.de noch frei war und Bloggerdummschwaetzer.de so sperrig-deutsch klingt und bei der Internationalisierung hinderlich ist. Nun liest die Welt "The Internet is a pocket-sized media empire" und übersetzt den germanischen Unsinn in viele, viele Sprachen. Irritierte Fragen, ob wirklich schon 2009 ist oder doch noch 1995, bleiben nicht aus. Der Rip van Internetle, das sind deutsche Leitblogger, die ihre Felle und Skalpe davon schwimmen sehen wie alternde Berufsjugendliche: "I call it the Rip Van Winkle Syndrome, where we're just waking up after a long sleep and realizing that our audiences are going away." Das Ganze wurde dann auch so internetschnell veranstaltet, dass einige Unterzeichner des Manifestes offenbar unterschiedliche Versionen ohne peinliche Platitüden wie Eigentum verpflichtet unterzeichneten. Aber wie heißt es so manifestierlich: Was im Netz ist, bleibt im Netz – bis auf die kritischen Kommentare, die die Ripper in der US-Version ausdauernd löschten.

*** Es ist müßig, die Thesen einzeln anzugreifen. Wenn jemand in der Straßenbahn Richtung Herrenhausen furzt, sagt man auch nicht: "Entschuldigung, ich kann das schöner." Was bleibt, ist das Erstaunen, dass ausgewiesene Journalisten so banal und unkonkret und vor allem ohne jede Glut schreiben können, wenn ihnen der Kragen geplatzt ist. So werden sie Teil der Blödosphäre mit ihren werbigen Selbstdarstellern. Darüber Witzeln tun die anderen, die ein Gespür für den typisch deutschen Größenwahn haben, in Österreich und in der Schweiz. Bemerkenswert bleibt einzig die vom großen deutschen Wirren aufgespießte Fähigkeit, beschönigend vom eigenen Bauchnabel zu berichten. Neu ist das nicht, man kann es auch hier nachlesen, wenn Franziska Heine über die von ihr mitgetragene Einrichtung einer europäischen Mailing-Liste schreibt. Es ruiniert nur den sauber trennenden Online-Journalismus mit einem spezifischen Stallgeruch. Dabei endet der Kragenplatzanfall eigentlich mit einem schönen Satz, wenn man den analfixierten Hintern aus dem Wörterbuch der Gutmenschen rauskürzt: "Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt."

*** Verglichen mit dem Internet-Manifest ist das Internet-Protokoll eine heiße Sache, so heiß in Wahlkampfzeiten, dass man glatt über den Klimaschutz ins Grübeln kommt. Vermutlich liegt es in dieser Argumentationskette, dass Justizministerin Brigitte Zypries in dieser Woche im Interview ein Kioto-Protokoll für das Internet fordert und vom totalen Überwachungsstaat schwärmt: "Vielleicht hat dann jeder eine individuelle IP-Adresse, die so unverwechselbar ist wie seine Telefonnummer?" Die feuchte Fantasie der fürsorglichen Überwachung ist in ein Gespräch eingebettet, in dem die Piratenpartei von Zypries abgekanzelt wird, als kleines Häuflein, dem auch noch Galionsfiguren wie Otto Schily (PDF-Datei der Verfassungsbeschwerde, in der die Rolle von Otto Schily untersucht werden soll) und Joschka Fischer fehlen. Wer die verschrobene Argumentation der SPD-Frau über den "Dialog mit Vertretern der Internetgemeinde" liest, kommt leicht zum Schluss, dass hier ein ganz spezielles Treibhaus für Piraten gebaut wird.

*** Ja, diese Piraten mit ihrem Rumpfprogramm, das neben den Gedanken zum Internet, zum Urheberrecht und zum Patentsystem wenig enthält, was von der Aufregung um ihren Abgeordneten Tauss ablenkt und eine ganze Wochenschau tragen kann. So ist es schon eine Nachricht, wenn ein Pirat kein PC-Freak ist. Aber halt, wie verhält es sich denn mit den Zwergen, die auf den Schultern von Riesen sitzen, um mehr und Entfernteres zu sehen? Sie bleiben erstmal Zwerge, mit Zwergenlohn bezahlt, weil sie sich auf einem öffentlichen Riesen tummeln: "Im Allgemeinen wird für die Schaffung eines Werkes in erheblichem Maße auf den öffentlichen Schatz an Schöpfungen zurückgegriffen. Die Rückführung von Werken in den öffentlichen Raum ist daher nicht nur berechtigt, sondern im Sinne der Nachhaltigkeit der menschlichen Schöpfungsfähigkeiten von essentieller Wichtigkeit." Vielleicht passt diese Auffassung gut zu den Zukunftstipps, die ein Medienmagazin bereithält, das sich an kommerzielle Unternehmen wie den Burda Verlag wendet:

23. Seien Sie geizig. Warum für ein Agenturbild 80 Euro zahlen, wenn Sie eines umsonst bei Diensten wie Flickr bekommen können? Achten Sie jedoch darauf, dass Sie nur Bilder verwenden dürfen, die unter der Creative Commons Attribution Licence veröffentlicht wurden.

Schnell ist da mal die Namensnennung vergessen oder der Hinweis, dass allein nicht-kommerzielle Verbreitung gerade den Geizhälsen den Hals stopfen soll. Vielleicht passt aber auch das Freipreis-System des Weltherrschers, der mit seiner ersten CD ein Experiment gestartet hat, stilecht mit eigenem Internet-Manifest. Die Zukunft wird es zeigen.

*** Vor acht Jahren starben in New York 2600 Menschen. Längst ist das offizielle Gedenken eine politische Routine geworden, ein lautes Gekläffe, das die vielen Geschichten von den Strasse und den Wassern übertönt. Bringt, was Hund ist, zum Schweigen? Von wegen. Vielleicht die beste Antwort auf das offizielle Memorieren kommt von den Kryptographen Whitfield Diffie und Susan Landau. Sie veröffentlichten am 11. September eine Untersuchung zur Geschichte der Abhörmaßnahmen, die nach dem 11. September sprunghaft zunahmen und nicht nur die USA in ein anderes Land verwandelten. In letzter Konsequenz entstand eine Bedrohung der freien Gesellschaft, die größer ist als der Terrorismus, vor dem sie eigentlich schützen soll: Sicherheit ist Angst statt Freiheit.

Was wird.

Ehe die Zukunft beginnen kann, muss die Vergangenheit abgewählt werden können. Das ist nicht ganz einfach, wenn man liest, wie der Blätterwald mitsamt den angeschlossenen Online-Palmen sich auf das Duell der Giganten einstimmen, das angeblich die Wahl entscheiden kann. Parole Gähnen ist bereits ausgegeben. Ein Streit der kleinen designierten Partner, die einen strikt auf der Online-Durchsuchung von Computern bestehend, während die anderen ebenso strikt die Festplatte als Inbegriff der Privatheit sehend, würde vielleicht zu einem ordentlichen Duell reichen. Das ist in dieser Form nicht geplant. Doch was wäre das Netz, wenn es nicht hübsche Alternativen bieten würde?

Neben der Bundestagswahl darf ein Blick nach Schleswig-Holstein nicht fehlen. Dort zittern die Sieger schon vor einem Patt. Immerhin, auf einen gar nicht so unwichtigen Punkt haben sich die Parteien festgelegt. Thilo Weichert, der auf der Demonstration "Freiheit statt Angst" davon sprach, dass Freiheitsrechte eine digitale Dimension haben, soll weiterhin der oberste Datenschützer im Norden bleiben. Seine Wiederwahl in eine zweite Amtszeit soll noch am 16. oder 17. September erfolgen. Das klingt besser als frühere Nachrichten. Gleichzeitig sollen in dem von ihm geleiteten unabhängigen Landeszentrum für den Datenschutz eine Reihe von Stellen abgebaut werden. So sieht die Politik des neuen Ausgleichs aus. (Hal Faber) / (anw)