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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Ja, Erfurt, das Massaker, ich erwähnte es in der letzten Woche. Das Gedenken brach aus wie der Frühling, nur war der nüchterner als die medialen Peinlichkeiten. Eine der vielen Fernsehsendungen zum 26. 4. brachte es dieser Tage auf den Punkt, als die Kamera mit Polizisten auf Streife war: "Inzwischen ist alles wieder wie vor dem 26. April." So ruhig, so still. So kalt und eisig, wie es die deutschen Schulen wieder sind, die mit sinnlosen Parolen wie dem "lebenslangen Lernen" auf den schneller werdenden Galopp der McKinsey-Gesellschaft vorbreiten, in der das Wort vom "geschützten Ort" nur noch für das Schulpersonal gilt, das Jahrzehnte im Job verharrt.

*** Und sonst? Robert, der "Steini", ist berühmt geworden, wie er es sich gewünscht hat. Das Schulgesetz von Thüringen wurde geändert, das Waffengesetz von Deutschland verschärft, das Jugendschutzgesetz novelliert, mindestens eine LAN-Party abgesagt. Am 26.4.1900 wurde der Mann geboren, dem wir die nach "oben offene" Erdbebenskala verdanken. An der nach oben wie unten offenen Erfurt-Skala schulischer, kindlicher Explosionen wird noch gearbeitet. Die Betroffenheitsskala hat Erfurt jedenfalls gestürmt, was den gestrigen 26.4. anbelangt. Wer hörte gestern etwas von Guernica (26.4.1937) oder Chernobyl (26.4.1986), weitere Orts-Chiffren für Spitzenleistungen auf einer Skala menschlicher Katastrophen?

*** "Nelken für alle", möchte man dann gleich noch zur Erinnerung rufen, zur Erinnerung an große Ereignisse in einem kleinen Land. In der Nelken-Revolution hatten die revoltierenden portugiesischen Soldaten Nelken in die Mündungen ihrer Gewehre gesteckt, als sie die Revolution gegen die bis dato durchhaltefähigste Diktatur der Welt führten. Vielleicht würden mehr Nelken auch in dieser bleiernen Zeit ein bisschen helfen -- eine Hetzjagd wie auf Otelo Saraiva de Carvalho, eine der führenden Persönlichkeiten der portugiesischen revoltierenden "Bewegung der Streitkräfte", dürfte aber die Nerven vieler gutsituierter friedensbewegter Fischer-Jünger überfordern. Dann lieber Fernsehen, was? So mancher mag sich fragen, ob das wirklich schon fast 33 Jahre her ist, dass man Jörg Pleva beim Spurt durch die Städte zusah. Lange verschwand der Film dann in den Giftschränken des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Sieht man heute das "Millionenspiel", gerade ist der Film auf Arte zu Ende, erinnert man sich kaum an die Aufregung, die Proteste -- und die Bewerbungen als Kandidaten. Ein Aufreger? Ach was. So groß ist der Schritt von "Big Brother - The Battle" zum "Millionenspiel" als realer TV-Show nun wirklich nicht. Wo Krieg vor allem ein Quotenfaktor ist, überholt sich das Medium selbst, ohne über die eigene Horrorvorstellung der Zukunft zu stolpern. Ich dagegen hätte gerne mehr Nelken.

*** Es gibt nicht nur Unglücke, gescheiterte Revolutionen und schlechtes Fernsehen, sondern auch Jubiläen, die betreffen niemanden, regen keine Seele auf, sondern sind einfach nur da, um vergessen zu werden. Am 23. 4. 1993 stellten Marc Andreessen, Eric Bina und Aleksandar Totic die Früchte ihrer studentischen Projektarbeit im Internet zum Download zur Verfügung: NCSA Mosaic hieß der Browser, mit dem Leben in ein paar Web-Seiten kam, die vorher nur von Spezialisten aufgesucht worden waren. Mit dem Browser Mosaic, später Netscape, heute Mozilla explodierte das Internet, mit dem Browserkrieg zeigte Microsoft, wie man mit einem Monopol in einem Marktsegment einen Konkurrenten in einem anderen aushungern kann. Die Festtagsreden sind vorbereitet, doch die Party wäre launiger ohne die Spaßvögel, die das Internet an den Wurzeln ausbrennen wollen. 190 Billionen Dollar sollen an Schadensersatzzahlungen zusammenkommen, wenn man die Klage ernsthaft durchrechnet. Vergessen wir die Feier, die Sache und das Internet sowieso: Was davon öffentlich erreichbar ist, schrumpft.

*** Die USA mögen zu ihrer geschäftstüchtigen Normalität zurückkehren und gänzlich neue Produkte kreieren, für den Irak ist die Normalität noch lange Zeit verwehrt. Mit dem Erlöschen der letzten Kriegshandlungen hat die Job-Börse Monster Klienten aus dem Irak (Iran, Syrien, Nord-Korea) aus der Datenbank gelöscht -- zu Saddams Zeiten wurden sie noch vermittelt. Dabei werden Fachkräfte gebraucht, ich erinnere nur an die Massenvernichtungswaffen, von Saddam ganz zu schweigen.

*** Zurück nach Deutschland, zur Lürssen-Werft nach Bremen. Dort entsteht gerade Larry Ellisons neue Yacht. Sein alter Kahn, die "Katana", steht für 68 Millionen Dollar zum Verkauf. Sie hatte alles, nur einen kleinen Fehler: Sie war zu klein, als Paul Allen beim Americas Cup mit seiner "Tatoosh" auftauchte. Dabei liebt Paul Allen alles Kleine. Wenn man indes eine Basketball-Halle auf dem Schiff braucht, muss es etwas größer ausfallen -- in der Software ist das als Upscaling bekannt, ein Presseeffekt, den Ellison glänzend beherrscht -- und nun auch die Metöken von Microsoft. Ellison hat es dieser Tage überhaupt schwer: Da stirbt Edgar Codd, von dem er alle Ideen ausborgte, wie es Ellison-Biografen vornehm formulieren. Doch niemand erwähnt Larry.

*** Wirklich zurück nach Deutschland. SARS bedrückt die Menschen. Flüge werden gestrichen, Messen vielleicht auch. Für ein deutsches Fachblatt ein willkommener Anlass, mit einer ziemlich verdrehten Annahme die Leser zu erschrecken: Eine Schmierinfektion, bei der das Motherboard die virtuelle Klinke spielt. Wieviel geheime Steuerbefehle muss man kennen, um solch einen Mist schreiben zu können? Wobei an dieser Stelle nicht verneint werden sollte, dass SARS ein guter Anlass ist, sein Produkt in das richtige Licht zu setzen.

*** Nachdem der "Pretty Woman"-Sänger Roy Orbison starb, gab es manch bizarren Kult um ihn, etwa den mit den Klebestreifen-Fantasien. Nun ist die Frau gestorben, die Roy Orbison für die größte Sängerin hielt: Nina Simone. Mit "Young, Gifted and Black" gab sie der frühen Bürgerrechtsbewegung ihr Lied und der letzte große Hit war ein saftloses Remake der Lighthouse Family, die sich im letzten Jahr "I wish I knew how it would feel to be free" vornahm. All die heute so aktuelle Kritik an den Raffzähnen der Musikindustrie kann man bei Nina Simone finden, die vor Jahren die Konsequenzen zog. Sie leitete ihren Künstlernamen von Simone Signoret her, die unnachgiebig die Rassenpolitik und Kommunistenhetze der USA kritisierte. Nina Simone starb im Alter von 70 Jahren in Frankreich. Mr. Bojangles tanzt für sie.

*** Wenn Geiz geil ist, müsste Deutschlands geilste Woche um den Sommerschlussverkauf herum liegen. Tut sie aber nicht. Seit Freitag läuft die Woche, da startete der deutsche Sexxxcast seinen Download auf die Festplatten "aufgeschlossener Kunden". Ja, "Deutschlands geilste Woche" hat laut Pressemeldung begonnen, ein großangelegtes Experiment, ob man aus der Austastlücke des Fernsehens mit Hilfe von Aldi-PCs eine Auswichslücke machen kann. Jugendliche sind natürlich mit einer Altersabfrage geschützt, wir kennen das ja. Und Papas Rechner mit dem Windows Media Player ist ohnehin gut gesichert. Geiles Deutschland, glückliches Deutschland!

Was wird.

Am Montag wird es dann innovativer, mit dem Download. Dann ist nämlich Apple an der Reihe, das ganze Getue um Universal und den Geschäftsbereich mit der Online-Musik zu klären, den andere schon zu kennen glauben. Die interessante Frage ist dabei, was Steve Jobs in den Augen seiner Fans machen könnte, um wie Linus Torvalds nach seiner DRM-Erklärung dazustehen. Ein Online-Service, vorerst nur für Windows, oder ein reiner Klingelton-Download, das wär doch mal was.

Heraus zum 1. Mai! Die Lieder der Arbeiterklasse kann nicht einmal mehr Oskar Lafontaine komplett singen, wenn man dem Fernsehen traut. Bittere Erfahrung lehrt indes, dass IT-Geneigte das Datum nicht zum proletarischen Freigang nutzen, sondern in der Bude auf den Freitags-Thread warten. Aber bitte, vielleicht ist ein CCC-Camp im Sommer dann das Richtige. Auf der ehemaligen LPG Mao Tse Tung kann mann also den ersten Mai im wärmeren August nachholen.

Mit den Schülern begann ich, mit den Schülern endet der Text. "Schüler sind auch Menschen", schallte es gestern in Erfurt. Von wegen. Zuallererst sind sie, bittschöm, nationalstolzliche Leistungsindikatoren: Pisa 2003 steht vor der Tür und die Sache ist manchen Menschen wichtiger als das Abschneiden der Fußballnationalmannschaft. Deutschland vor! Und das nicht nur um ein, zwei Plätzchen im Vergleich zur großen Blamage, sondern im großen Stil. Um mit dem alten Schottenwitz zu enden: "Weint schonmal!" (Hal Faber) / (Hal Faber) / (jk)

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