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Was war. Was wird.

Wie aus einem Asteroidenschauer prasseln Wahlprüfsteine nieder. Hal Faber wiegt sie aus und findet in Twitteratur und herbstlichen Versen Trost.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war

*** Das Wetter, blafasel, die norddeutsche Tiefebene, blafasel, der Mensch. Viele tiefsinnträchtige Gedanken sollten in die Wochenschau, doch das geht nicht. Schließlich bricht bald der Wahltag an und der verregnet jede gute Absicht. Ja, bei mir regnet es. Nicht Tropfen, sondern Wahlprüfsteine schlagen in der Inbox auf. Es begann im Wonnemonat Mai mit den Wahlprüfsteinen von BOGK, was der Bundesverband Obst, Gemüse und Kartoffeln ist, zu tröpfeln. Dann folgten die Wahlprüfsteine der Architekten, Schwulen und Lesben. Mittlerweile regnet es kräftig Wahlprüfsteine, selbst die Lobby-Gegner haben welche. Vielleicht gibt es einen Zusammenhang zwischen der Zunahme der professionellen Kaffeesatzleserei und der Anhäufung von Wahlprüfsteinen. Selbst Das Böse in der S-Bahn wird unversehens zum Wahlprüfstein, der an Überwachungskameras baumelt.

*** Das Gemeine an dieser Sorte Steine ist, dass sie mit einem ordentlichen Spin geworfen werden. Die Wahlprüfsteine des Informationsforums RFID etwa erwecken den Eindruck, als ob von rechts bis links der Einsatz von RFID-Chips eine tolle Sache ist, die der deutschen Industrie nützt. Die Roten verteilen die Chips mit der öffentlichen Hand, die Rosanen umgehen das Buhwort und sprechen von Funkidentifikation und die Schwarzen stopfen die Chips in die Kühltheken wegen der Rückverfolgung von Gammelfleisch, die irgendwie den deutschen Mittelstand stärken kann.

*** Den lustigsten Wahlprüfstein hat dieses Mal eindeutig der Chaos Computer Club aufgestellt. Er fordert nach ziemlich unschönen Zwischenfällen auf der großen deutschen Freiheitsdemonstration die Identifikationsnummer für Polizisten. Freiheit für Weathermen statt Leathermen? Die Frage forkt in ontologische Dimensionen. Denn die Forderung nach einer Polizisten-ID steht einzig im Wahlprogramm der Linken (PDF-Datei). Gleich nach der Forderung, "perspektivisch" alle Geheimdienste abzuschaffen, kommt der Satz: "individuelle Kennzeichnungspflicht für uniformierte Beamtinnen und Beamte der Bundespolizei einführen" – für jeden CCCler ist damit die Wahlfrage gelöst. Das Modell des CCC findet sich natürlich in Berlin: Wenn man schon für Deutschland ist, dann für FKD, Friedrichshain-Kreuzberg-Deutschland. Sind wir nicht alle etwas Labor?

*** Die Sache läuft gut für die Linke, erst recht, seitdem ein halbwegs prominenter Pirat in der Jungen Freiheit aufgetaucht ist und damit eine besonders borstige Sau in Kleinbloggersdorf die Runde macht. Furchtbar, ganz furchtbar ist das offenbar bei den Netizens, die nicht trällern können. Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft war gestern, heute ist Denkschutz angesagt. Ist es nicht höchste Zeit für ein neues Internet-Manifest oder eine kleine Unvereinbarkeitserklärung? Aber na klar, zumal es nur ein Satz ist: "Wir lachen auf 4Chan über "FAIL"-Meme Bilder, und wenn da nix Neues kommt, dann suchen wir das nächste Ziel, ob da nun die Piratenpartei nen Fehler macht oder Schäuble, ist dabei ganz egal."

*** Auf die hingeschmissenen, mitunter gestapelten oder gemoppelten Steine antworten Politiker wie der erwähnte Herr Schäuble, indem sie Süßholz zurückwerfen, geraspelt oder am Stück. Gleich nach der Wahl kommt alles auf den Kehricht, die Steine, die Hölzer und all die Prüfungen, vom Bündnis Urheberrecht, das sich um "geistiges Eigentum in elektronischen Umgebungen" kümmert bis zum Wissensbund Wikimedia, das nach einem "nachhaltigen Zugang zu unserem kulturellen Erbe" fragt. Die Tradition der Wahlprüfsteine ist eine gewerkschaftliche: Die ersten Steine wurden 1953 geworfen, als der DGB die Kampagne "Für einen besseren Bundestag" startete und die christlichen Gewerkschaftler dies ganz furchtbar fanden, weil sie eine Parteinahme für die Sozen witterten. Heute gibt es nicht nur die Gewerkschafts-Prüfsteine, sondern ganz unchristlich auch Wahlprüfsteine der Muslime.

*** "Ein #Politiker folgte mir, ich folgte ihm und schrieb in sein Facebook die Wahlprüfsteine des bitly, nun folgen wir einander nicht mehr." Dieses (leicht anonymisierte) großartige Stück deutscher Twitteratur über Hingabe, Glück und Abschied, über Facebook und Politik wäre ohne Wahlprüfsteine niemals gezwitschert worden. Es beweist, wie wichtig für alle virtuelle soziale Netzwerke sind. Bleibt nur noch übrig, dieses Interview zum Abschied eines großen Politikers zu bringen, der als Vater des Überwachungsstaates in den Ruhestand geht und uns allen eine Cyber-Polizei wünscht, weil "das Internet kein rechtsfreier Raum ist und nicht sein darf." Ob eine spezielle Polizei für groß angelegte Internet-Fahndungen wirklich die richtige Lösung des "Raumproblems" ist, darf bezweifelt werden. Vielleicht sollte man erst einmal mit dem Blödsinn aufhören, verkürzt vom Raum zu reden, nur weil es einen Adressraum gibt. Bei der Gelegenheit könnte man auch aufhören, vom Flashmob-Terror zu reden, und Unsinn wie "die jungen Schreihälse leben praktisch im Internet" zu schreiben. Yeah, Yeah, noch lebt jeder Mensch auf dieser unserer Welt und niemand "praktisch im Internet".

*** Das Wetter, der Herbst und alle schönen Sonnen helfen das Geröll der Wahlprüfsteine zu vergessen. Und dann gibt es noch Gedichte: Heute vor 190 Jahren schrieb John Keats seine Ode an den Herbst:

SEASON of mists and mellow fruitfulness,
Close bosom-friend of the maturing sun;
Conspiring with him how to load and bless
With fruit the vines that round the thatch-eves run;
To bend with apples the moss'd cottage-trees,
And fill all fruit with ripeness to the core;
To swell the gourd, and plump the hazel shells
With a sweet kernel; to set budding more,
And still more, later flowers for the bees,
Until they think warm days will never cease,
For Summer has o'er-brimm'd their clammy cells.

Neblige Zeit, die weiche Früchte häuft, das war das letzte große Gedicht von Keats im Jahre 1819, in dem seine berühmtesten Werke entstanden. Zwei Jahre später starb Keats an Tuberkulose im Alter von 25 Jahren.

*** Wo bleibt das Positive? Im Alter von 72 Jahren ist Mary Travers gestorben, die Mary des Trios Peter, Paul and Mary. Die Sängerin wuchs als Tochter eines Journalistenpaares in dem Haus auf, in dem auch Pete Seeger lebte. Als "feministische Matriarchin" hielt sie das Trio, das auf allen großen Bürgerrechtsmärschen in den USA spielte, auf Kurs in Richtung politisch engagierter Folkmusik. Puff the magic dragon ist ein untypischer Song des Trios und durch "urban myth" damit gestraft, als Drogensong interpretiert zu werden. Zur Leistung von Mary Travers gehören viele Aktionen in Lateinamerika zur Unterstützung von Bürgerrechtlern; sie engagierte sich auch im Kampf gegen die Regierung von George W. Bush. Dass ihre Musik aseptisch war, oder harmonisch oder kommerziell, wie vom Rock zugedröhnte Musikkritiker lästerten, darf heute ruhig belächelt werden, denn sie war immer parteilich. Ein engagiertes Leben ist zu Ende, das sich nie einer "technologischen Realität anpassen" wollte, wie deutsche Chefanpasser unaufhörlich fordern.

Was wird

Vor 10 Jahren erschien kurz vor der Buchmesse Ray Kurzweils Homo S@piens auf Deutsch und löste einen Riesenwirbel mit der These aus, dass die Menschen bald ihr Hirn uploaden und dann ewig im Speicher existieren bis zum finalen read_write_error. Der Blick zurück lohnt sich, denn Kurzweil geizte nicht mit Prognosen für die Jahre 2009, 2019, 2029 und 2099. Für das Jahr 2009 können wir die Prognosen überprüfen und siehe da, bei den Computern hat Kurzweil Recht behalten, als er kleine tragbare Dinger wie mein G1 ankündigte. Auch beim Musikvertrieb über das Internet kann Kurzweil punkten, während der Verkauf von eBooks noch nicht in Schwung gekommen ist. Bei den übrigen Prognosen, vom Aussterben der Festplatten und CDs über die Spracherkennung und automatische Übersetzung bis hin zum Navigationssystem für Blinde erweist sich die Prognose als übermäßig optimistisch. Das gilt auch für den Finanzboom, den Kurzweil statt der Lehman-Pleite prognostizierte. Dafür kommt die freundliche Suchmaschine Google nicht vor, obwohl Kurzweil frühzeitig als Betatester die Suchmaschine kannte. Heute ist Kurzweil Präsident der Singularity University die hauptsächlich von Google finanziert wird. Der erste Jahrgang dieser Universität für die Vorbereitung der Menschheit auf den technologischen Wandel der Welt hat seine Studien beendet und schenkt der Welt Ideen wie ACASA, wo mit den Mitteln des Rapid Prototypings ganze Häuser entstehen sollen. Der Upload der Gehirne verzögert sich, die Bundesbahn würde es Trieb-Werk-Störung nennen. (Hal Faber) / (ps)