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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Man setzt sich an den Schreibtisch, nachdem man die Spaziergängerin von Sans-Souci angeschaut hat. Und eigentlich weiß man nicht so recht, was man noch zu sagen hat, nachdem man die Geschichte von Max, Elsa und Michel erzählt bekam. Vielleicht hilft es ja, sich die Absurdität des Romy-Films vorzustellen, in dem eine völlig deplatzierte Jessica Schwarz eine Romy Schneider darzustellen versucht, die auch nur halbwegs der Historie gerecht wird – und das in seiner plattesten Bedeutung. Es ist halt doch nur ein Film, Romy hier, Sans-Souci da. Nur die Geschichte hinter dem Film, die Geschichte, man mag mich für sentimental halten oder für historisch und persönlich voreingenommen, diese Geschichte macht immer noch sprachlos. Aber was soll's, Sentimentalität und Voreingenommenheit hilft manchmal auch weiter.

*** So ist das. Hannover trauert um Robert Enke, den seine Krankheit in den Tod getrieben hat. Depression ist eine Krankheit, an der Millionen Menschen in Deutschland leiden, das wird leider viel zu selten ausgesprochen. Wenn Hannover trauert, dann nicht, weil die Stadt so deprimierend ist, wie Messebesucher lästern. Die Stadt kennt das Schicksal der Familie Enke, die Adoption der kleinen Leila nach dem Tod von Lara war im Mai eine öffentliche Angelegenheit, wie jetzt die Trauer. Es ist, abseits des medialen Tamtam, eine hannoversche Trauer, keine Heldenverehrung. Robert Enke ist dabei, die Lady Di der norddeutschen Tiefebene zu werden. Natürlich wird das Ganze medial verwurstet, komplett mit den unvermeidbaren Idioten, die auf der Suizidwelle surfen. Doch die Trauer ist echt und es gibt auch echte Paparazzi. Wo bleibt der Zeigefinger? Ah ja: Nur die Treuen haben ein Recht, jetzt zu trauern, heißt es in der sterbenden Netzeitung.

*** In Hannover sitzt der Heise-Verlag, der einen "Newsticker" betreibt. Nachrichten, die die IT-Welt so produziert, werden redaktionell ausgewählt und aufgearbeitet, mehr oder minder geschickt ergänzt, mit alten Nachrichten verschlagwortet und zum Lesen und Kommentieren Online gestellt, dann von anhänglichen Lesern diskutiert und mit Hinweisen und Tipps versehen, die häufig genug zu neuen Nachrichten führen. Die Heise-Community lebt und ist auch in der Lage, über den Tellerrand zu schauen, wenn IT nur ein Randthema ist, etwa bei einem historischen Jubiläum. Das Tagesaktuelle und die Tatsache, dass der Newsticker ein kommerzielles Produkt ist, unterscheidet das Angebot von der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Sie sorgte in letzter Zeit für Schlagzeilen, weil eine besondere Art von Trollen das Regiment übernehmen will. Dazu hat es natürlich eine Nachricht gegeben, doch sollte man einmal genauer hinschauen. So heißt es in der Löschdiskussion um Wikimedia zur Relevanz dieses Newstickers:

"Du schreibst es doch selbst 'Newsticker'. Also nichts anderes als eine Agenturmeldung. Und das ist nun mal keine überregionale mediale Aufmerksamkeit. Wenn die Presse die Agenturmeldung aufgreift und verbreitet, dann wird mediale Aufmerksamkeit draus. Und das Chaosradio ist ein Podcast für eine Minderheit ohne nennenswerte Außenwirkung abseits der Minderheit. Nur weil Du Teil der Minderheit bist, darfst Du nicht darauf schliessen, dass die Mehrheit das auch irgendwie interessiert."

In der bornierten Weltsicht eines Wikipedianers hat der Newsticker keine Relevanz, erst wenn die "Presse" aufgreift und druckt, dann entsteht etwas, was den modernen Enzyklopädisten wert ist, ins Elysium der gespeicherten Weisheit einzutreten. Natürlich folgt der scheinbare Irrsinn dieser Relevanz-Argumentation einer Methode, die bereits André-François Le Breton kannte, einer der Verleger von Diderots Encyclopedie: "Nichts kann sich auf unsere Geschäfte besser auswirken als die fortgesetzten Kontroversen und das Freiwilligenkorps von Autoren", das so im Diskurs entstehe. Das ganze Geschehen und Vorschläge zur Besserung wären nicht mal für diese randständige Wochenschau relevant, würden die Kinder der Kleinkariertheit nicht immer den Namen Rachsucht tragen.

*** Begriffe wie Häcksen oder die Geschichte der Bayerischen Hackerpost und andere Einträge zum Gewese der Hacker sollen gelöscht werden, selbst "42" ist solchermaßen in die Schusslinie gekommen. Vor mir liegen sämtliche Auflagen des Hackers' Dictionary und des New Hackers' Dictonary. Das sind Bücher, die aus einer "Datei" namens Jargon File enstanden sind, zusammengetragen von vielen Freiwilligen. Verschwinden die Hackerinformationen aus der Wikipedia wie die Wikipedia-Stände vom Hacker-Kongress, so wäre es das Schlechteste nicht, wenn dabei zur Abwechslung mal ein Buch herauskäme. Ich meine das ganz wörtlich, nicht existenzialontologisch verbrämt mit einen Rückgriff auf Lyotard. Wenn man sieht, wie sich die Drachennester vermehren, gibt es einen Nischenmarkt und eine Minderheit, der die deutschen Meisterschaften im Schnelllöschen herzlich egal sind.

*** Spätestens bei Kontodaten hört jede Relevanzdiskussion auf. Ein Mensch mag für das Weltwissen noch so unwichtig sein, das Wissen über sein Konto ist es nicht, zumindest nicht für die staatlichen Inklusionisten in den USA oder den in Finanzdingen außerordentlich offenen Schweden. Dagegen gibt es nun doch Bedenken, dass Bankdaten via SWIFT so ohne weiteres in das Terrorist Finance Tracking Program fließen dürfen. Aber gehört nicht SWIFT zu den Guten, den freundlichen Bankern, die gegen diese Ausspähereien ein eigenes Rechenzentrum in der Schweiz gebaut haben? Davon ist nicht die Rede, kommentiert die Pressestelle von SWIFT die neuesten Verwirrungen doch so: "Das Schweizer Rechenzentrum ergänzt die bereits existierenden Zentren in den USA und den Niederlanden. Es werden keine Rechenzentren geschlossen. SWIFT betreibt seit Juni 2009 in der Schweiz ein drittes Rechenzentrum in gemieteten Räumlichkeiten in der Umgebung von Zürich. Die Inbetriebnahme dieses Rechenzentrums ermöglichte SWIFT, die Verarbeitungskapazität und die Ausfallsicherheit seines globalen Nachrichten-Übertragungssystems zu erhöhen und mit der Einführung geografischer Verarbeitungszonen eine flexiblere Netzwerkarchitektur zu schaffen." Gut, dass wir mal wieder drüber geredet und nicht etwa unverbindlich herum gemailt haben. Flexibilität ist doch was Feines, sagte das Häkchen und verbog sich geschmeidig.

*** Keine Musike in diesen trüben nebligen Herbsttagen? Aber nein, das muss nicht sein. Erinnern wir uns an Video Killed the Radio Star von den Buggles, das vor 30 Jahren erschien, passend zum Geburtstag des Autors hinter dieser Geschichte. Sie wurde in Deutschland als der Klangsauger bekannt. Das Musikvideo, das die Buggles etwas später drehten, war das erste Video dieser Art, das von MTV ausgestrahlt wurde. Deshalb gilt für heute: Hebt den Balken hoch, Zimmerleute, vor James Graham Ballard und seinen Geschichten, damit der Splitter im eigenen Augen nicht schmerzt.

Was wird.

Gesundheitsminister Philipp Rösler hat das gehalten, was man im Neusprech der Politiker eine Jungfernrede nennt. Ihn ereilte nicht das Schicksal seines Kollegen Verteidigungsminister, dessen Rede nach den Ereignissen um Robert Enke wortistisch als Erfüllungsdepression beurteilt wurde. Bei seinem ersten Mal am Bundespult verteidigte Rösler das, was technisch "Einfrieren des Arbeitgeberanteils" bei der Krankenversicherung heißt. Diese Art Kältetod des Sozialsystems wollen die Koalitionsgenossen von der CSU aber das ganze nächste Jahrzehnt nicht mitmachen. Oh pardautz, da fällt er hin: Das ganze nächste Jahrzehnt geht bis 2020 und dann will Jungminister Rösler längst wieder Privatier sein, weil 2018 sein Ausstieg aus der Politik angeblich beschlossene Sache ist.

Rösler, der Geimpfte, wird trotzdem nicht auf der Medica erscheinen, die in der anstehenden Woche ihre Pforten öffnet. Mit seinem Durchhaltebefehl für die elektronische Gesundheitskarte hat er der Messe jedoch einen großen Gefallen getan. Fehlt nur noch, dass er in Erinnerung an den großen, unvergessenen Freitodler Jürgen Möllemann und seinem Einkaufswagenchip die virenresitenten Schlüssel propagiert, mit denen ängstliche Naturen versiffte Tastaturen bedienen sollen.

Unter den vielen Neuigkeiten der größten Medizinmesse der Welt finde ich die Waage von Withings ganz wunderbar, die jeden Morgen meine Werte als Tweet nach Twitter schickt, damit die ganze Welt weiß, was für ein Fettsack ich bin und wieder einmal in der Muckibude nichts getan habe. Das natürliche Ergänzungsmittel ist in diesem Fall ein OP-Tisch mit Heavyweight-Funktion. Abseits von diesem Trend-Thema können Ärzte aus der umliegenden Rollout-Region Nordrhein am Stand der Gematik staunend miterleben, wie das mit der neuen Karte "in Echt" gehen soll. Die gequälten Hilfeschreie aus den bereits versorgten Praxen wird in den Messehallen niemand hören können: Ein Drittel der neuen Karten hat offenbar Probleme, sich den neuen Lesegeräten verständlich zu machen. Diese Geschichte bleibt unterhaltsam. (jk)

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