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Was war. Was wird.

Dumme Gesichter allenthalben zwischen all den Gipfeln, und die Kulturkritik sucht auch nach einem neuen Leithammel. Über den Wipfeln von IT und TV aber herrscht immer noch keine Ruh, bedauert Hal Faber.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Es regnet. Sturm kommt auf, auch in der norddeutschen Tiefebene, und fegt noch die letzten, nach dem Amoklauf beim Weihnachtseinkauf verbliebenen Glühweintrinker von den Weihnachtsmarktständen. Deutschland im Dezember eben, ein Land, das zwischen Superstar II und Vermittlungsausschuss in Raum 1128 kaum etwas wichtigeres kennt als das Verlangen nach dem Entertainer, der das Gesicht eines Privatsenders abgab, nach dessen früheren Besitzer sich man (nicht nur mittlerweile) fast schon zurücksehnen muss. Leo Kirch, der Mann, der 6 Milliarden Euro von der Deutschen Bank will, weil die ihm öffentlich die Unterstützung für sein schlechtes Fernsehen entzog, wirkt fast schon wie ein TV-Hoffnungsträger mit seinen Film-Abspielstationen, denn eines machte er immerhin noch: Fernsehen. Und betrieb nicht nur ein Konglomerat aus Profit-Centern, gegen das Neun Live schon bald als elitärer Kulturkanal erscheinen dürfte. Leute, die Zeiten werden schlecht. Und früher, da war alles auch nur im Rückblick besser -- auch die 'Arald-Smiddd-Show.

*** Genug aber der Abgesänge, genug der trüben Stimmung. I shot you down, bang, bang, und gut ist. Amokläufe sind auch im Kino nur noch als digital hochgezüchtete Kunststückchen zu haben -- nach Schmidt entdeckt dann wohl das Feuilleton Franz Josef Wagner als neuen Leithammel der Kulturkritik: My baby shot me down. Gehen wir also zu den ernsten Themen des Lebens über, denn nach dieser Woche wissen wir, wie der Weltgipfel der Informationsgesellschaft aussieht. Kein steiler Berggipfel, sondern ein sanfter Doppelhügel in Genf und Lyon. Keine magische Formel, die die ungehinderte Kommunikation als Menschenrecht festschreibt, sondern ein Kompromiss, der die Zivilgesellschaft nicht mag und den die Zivilgesellschaft nicht mag. Der digitale Solidaritätsfonds soll ein Jahr lang geprüft werden und dann auf den Hügeln von Tunis 2005 abgesegnet werden: "Einfach in die Schlangengrube springen", wie es Abdoulaye Wade verlangte, ist unfein.

*** Was bleibt vom Gipfel, wenn nicht die Aufregung über die "Hacker", die Zutrittskarten fälschten und sich schwer über die Transponder aufregten, mit denen die Wege der Teilnehmer verfolgt werden konnten. Das ist natürlich lästig, dieser Missbrauch der Technik. Transponder sollen Autoreifen überwachen, nicht Menschen. Aber warum steht das im Absatz zum Weltgipfel? Weil es Weltgipfelpreise gab. Den Preis in der Kategorie "The Best in e-Content and Creativity from around the World" erhielt Reifendirekt aus Deutschlands schönster Stadt, aus Hannover.

*** Weiter mit Gebrumm: "Das ist ein LKW. Kennt ihr ja, habt ihr ja alle schon mal gesehen. Und das ist der Herr Stolpe. Unser Verkehrsminister. Den kennt ihr also jetzt auch. Und der Herr Stolpe, der will jetzt von dem LKW Geld haben, wenn der auf der Autobahn fahren will. Weil der LKW die Autobahn kaputt macht, sagt der Herr Stolpe...." Die Sendung mit der Maut vermehrt unser Wissen um die Niederungen der Wirtschaft, die das Vorzeigeprojekt nunmehr im Juli 2004 starten will oder so, oder irgendwann, dann aber ganz sicher, jedenfalls. Herr Stolpe wird weiter auf sein Geld warten oder am Montag die Verträge kündigen. Aus die Maut. Andere Länder, andere Pannen, sagt ein Sprichwort, das wunderbar zum europäischen Stillstand passt. Aber auch durch Nirgendwo donnern die Lastwagen.

*** Wie es in der Woche fast täglich bis zum Erbrechen in diesem nicht mautpflichtigen Teil des WWW zu lesen war, ist die arme Firma SCO Opfer einer Datenflut geworden, die sie selbst als "cyberterroristische Attacke" bezeichnete. Anscheinend funktionierte nur der FTP-Server von SCO klaglos. Ja, es gibt böse Menschen und schlimme Dinge, die sie mit einem Computer anrichten können, oder auch nicht. Denial-of-Service-Belastungen sind Dinge, die wir hier nicht ignorieren wollen, weil es halt den Heise-DoS gibt. Diese Woche traf es einen Drucker: "Durch einen Spendenaufruf im Heise-Newsticker ist der Kontoauszugsdrucker der Kieler SEB Bank fast zusammengebrochen. Tausende Spendeneingänge führten zu einer Überforderung von Druckkopf und Farbband." Derzeit steht das Spendometer bei SelfHTML auf 12.726 Euro und ein paar Zerquetschte. Weiter so, kann man da nur sagen: Besser angelegt als am Glühweinstand des nächstbesten Weihnachtsmarkts ist die Kohle so allemal.

*** Die Summen, um die es bei SelfHTML geht, sind natürlich lächerlich, wenn man über 127 Millionen Dollar pro Nase verhandeln kann, nur weil man dabei gewesen war und auf einen middelhoffnungslosen Manager verweisen kann, der mündliche Zusicherungen nicht auf Englisch gab. So ist Bertelsmann, endlich, in Gottes Hand angelangt. Der große Hannoveraner Jan-Henric Büttner wird es zu feiern wissen. Ja, Freunde, die Bobos sind wieder unter uns und sie haben mächtig Spaß. Feiern wir daher noch einmal die teuersten Interviews der deutschen Geschichte. Mit Schrempp und Breuer, die stellvertretend für das Bobo-Jahrzehnt des Globalisierns und Internationalisierens die deutsche Tüchtigkeit walten ließen. "Wenn verschiedene Entwicklungsstufen der materiellen Produktion Widersprüche erzeugen, wenn überalterte Produktionsverhältnisse in ein unangemessenes Verhältnis zu den Produktivkräften, wenn private Interessen in Gegensatz zu Bedürfnissen und Interessen der Allgemeinheit geraten, dann geschieht es, dass solche Widersprüche auch im Bereich der Organisationsform der gesellschaftlichen Verhältnisse, der Rechtsform aufbrechen." Alles Klassenkrampf, eh?

*** Was von dieser Zeit übrig blieb, sind vage Erinnerungen an Fahndungsplakate, die Vorläufer der Aldi- und Lidl-Flyer. Nostalgisch wie immer haben sie Konjunktur. Raubkopierer sind Verbrecher heißt eine Werbekampagne der Zukunft Kino Marketing Gesellschaft diesichgrößterbeliebtheit erfreut. Ertüftelt von Goldenen Hirschen, gestandenen Werbern, die sich selbst auf dem Fahndungsplakat präsentieren. Das ist doch ultraschick und spart der notleidenden Industrie das Fotohonorar. Außerdem sehen Werber immer cool aus und sind im Kopieren und Plagiieren ohnehin Deutschlands Beste. Wie wichtig der gerechte harte Kampf der Filmindustrie ist, zeigt ein Blick auf die gebeutelte Musikbranche, wo sich die Großen aneineander klammern um noch größer zu werden. Es bleibt ihnen ja auch nichts anderes übrigen, wenn Musiker anfangen, Songs für 2500 Dollar pro Lied direkt über das Internet zu verkaufen. Ja, Mister Jobs, das waren noch andere Zeiten, als man alle Auftritte von Bob Dylan als Bootleg hatte. Ja, wir werden alle etwas glücklicher im Leben, wenn uns die Musik dauernd bgleitet, am besten mit iTunes.

*** Zu den Toten der Woche gehört John Sidgemore, der im Alter von 52 Jahren starb. Wahrscheinlich wird er in die Geschichte als Bankrotteur eingehen, doch gehört er auch in die Galerie der Internet-Pioniere. Als Chef von UUNet schuf Sidgemore mit finanzieller Unterstützung durch Microsoft eines der ersten Backbone-Verbundsysteme, mit dem sich das Internet überhaupt erst kommerzialisieren konnte. Weitaus weniger berühmt und schon gar nicht reich ist der Gnome-Entwickler Ettore Perazzolli geworden, der bei der jetzigen Novell-Tochter Ximian arbeitete. Er gehörte zu den quelloffenen Programmierern, die uns Journalisten mit seltener Geduld knifflige Sachverhalte erklärten. Und, so wahr ich denn Hal heiße, so darf ein kleiner Blick in die nächste Woche nicht fehlen, weil am 18. Dezember 1803 ein grenzenlos enttäuschter Johann Gottfried Herder starb. Herder ist der deutsche Oberpfarrer gewesen, der verstehn konnte, warum sich die Neger nicht taufen lassen wollten, um nicht in ein Paradies voller Weißer zu müssen. Der unsere Himmel nicht der Sonne Schein gönnte. Reich mir den Knochen, Kleines: "Stanley Kubricks Version des Urmenschen als eines in ständiger Angst lebenden, aggressiven Kleinhordenexemplars aus '2001: A Space Odyssee' und dessen Heimatlosigkeit in einem gleichgültigen, sinnlosen Kosmos scheinen, in unseren Breiten wenigstens, Herders Hintergrundannahmen abgelöst zu haben."

*** Diese Kolumne entsteht jedoch an einem Tag, an dem Ross McDonald, Heinrich Heine und Lester Bangs Geburtstag haben. Ja, das ist Weltkuddelmuddel und Universalanarchie (Heine), a piece of shit (Bangs), betrachtet von Lew Archer: "Nichts ist so schlimm an Kalifornien, dass eine ordentliche Erhöhung des Meerespiegel nicht heilen könnte." Wo ist Schwarzenegger, wenn man ihn braucht? Wo ist der Unaufhaltbare?

Was wird.

Am Montag schalten wir von Schwarzenegger auf Stolpe um: Die vorerst letzte Gelegenheit, die Verträge um die LKW-Maut zu kündigen, wird wohl verstreichen, weil latürnich der Export deutscher Spitzentechnologie nicht behindert werden darf. Das walte Hanau. Zu den wenigen erfreulichen Ausblicken gehört alsdann die Feier zum 10-jährigen Bestehen der Datenschutzakademie, genau an dem Tag, an dem man eigentlich das 20-jährige Jubiläum des Volkszählungsurteils ansteht.

Dann folgt am 17. 12. der 100. Jahrestag des Motorfluges der Gebrüder Wright. Hier brechen wir natürlich ab und feiern unseren Karl Jatho, der auf Hannovers Vahrenwalder Heide 18 Meter schaffte. Wir waren die Ersten! In Hannover! (Oder Leutershausen).

Die Amerikaner dürfen sich auch freuen, über ihre desexualisierten Kellogg's Flakes und ihren Erfinder. Weihnachten rückt näher, geschäftig frickeln Programmier ihren Code, die handwerklich Begabten schnitzen Holzhütchen für die Verwandschaft, die Übrigen, denen nicht schon vom Geruch übel wird, krepieren an zu viel Glühwein: Wer laufend Mails mit "Add 3 Inches" im Betreff erhält, muss diese Anweisung befolgen. Der Rest ist Schweigen^H^H^H^H^H^H^pam. (Hal Faber) / (jk)