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Was war. Was wird.

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Du klagst, dass Nichts dir schmackhaft sei?
Noch immer, Freund, die alten Mucken?
Ich hör dich lästern, lärmen, spucken --
Geduld und Herz bricht mir dabei.
Folg mir, mein Freund! Entschließ dich frei,
Ein fettes Krötchen zu verschlucken,
Geschwind und ohne hinzugucken! --
Das hilft dir von der Dyspepsei!

So gerne unsereiner auch dem geneigten Leser eine dicke Kröte zu schlucken, respektive zu verarbeiten gibt, im Jahr 2003 haben uns andere Leute die dicksten Kröten verdauen lassen. Nietzsche aber wird mir auch aus dem Off verzeihen: Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber, die in diesem Falle gar keine Wochenschau ist, den Blick für die Details schärfen. Sie ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich. Und das auch heute, da ein neues Jahr seinen Anfang nimmt. So lasse ich die fröhliche Wissenschaft einmal ebenso fröhliche Urständ feiern. Denn nachdem meine Wenigkeit schon das neue Millennium mit einem Rückblick auf Tausend Jahre Computerei begrüßen durfte, das Jahr 2001 als Bielefeld-Jahr verabschiedete und uns allen zum Ende 2002 völlig vergeblich ein friedliches neues Jahr wünschte, sei mir also auch dieses Mal ein kleiner Jahresrückblick vergönnt: "Noch lebe ich, noch denke ich -- ich muss noch leben, denn ich muss noch denken." So sei es:

Ein gutes Gebiss und einen guten Magen --
Dies wünsch' ich dir!
Und hast du erst das WWWW vertragen,
Verträgst du dich gewiss mit mir!

Nun denn ...

Was war.

*** ... eigentlich ist's ja doch wurscht: Was war, was soll's? Ein Jahr geht, ein Jahr kommt. The same procedure than every year. Was gibt es denn schon groß zu feiern, wenn nicht einmal bei der Nummer 1 aller Suchmaschinen die "Weapons of Mass Destruction" gefunden wurden? Etwa die Freigabe des neuen Jargon File, Version 4.4.7? Das Ende eines Hacker-Treffens namens 20C3, bei dem es die gesammelten Koryphäen nicht fertig brachten, kurzfristig einen Redner zum Workshop "Hacker-Ethik" zu finden? Na und, den Hacker gibt es nicht mehr, genauso wie die zivilgesellschaftliche Komponente der Informationsgesellschaft, die bei einem Gipfel zu Grabe getragen wurde. Nach all den "Erster"-Posts gehen bald die Letzten, denen eine vielgestaltige Kultur am Herzen liegt. Doch von den Abschieden später mehr, jetzt soll gefeiert werden, weil immer schon gefeiert wurde! Dicke Kröten für Alle! Moschi, Moschi, mit stolz aufragendem Bürzel allen Lesern, die gerade verzweifelt versuchen, eine SMS abzusetzen, damit es einen Beweis gibt, dass jemand denkt, dass jemand lebt.

*** Im Jahre 153 n. Chr., so wollen es die Quellen der Historiker, fingen die Römer an, an Sylvester dem Affen Zucker zu geben. Sie sangen und soffen bis Mitternacht, um dann das neue Jahr zu begrüßen und sich gegenseitig ein glückliches und frohes Jahr zu wünschen. Die Knallerei spendierten später die Barbaren. Der Nachteil der ganzen Geschichte: Der römische Neujahrestag fiel auf den Tag, der heute der 1. April ist. Jeder Heise-Leser scheint den zu kennen: "Ja, ist denn schon April?", gehört zu den täglichen Standard-Beiträgen. Womit ich gleich bei der geliebten Statistik bin, die Jahr für Jahr für Einsichten gut ist. 165.031 aktive Leser/Forumsteilnehmer bilden derzeit das Fundament dieser kleinen Wasserstelle im großen Internet, die über das April-artige Geschehen in der IT-Branche berichtet. Erstmals, tadam, tadam, hat ein Ticker-Freund die Marke von 20.000 Beiträgen gesprengt. Bei aller Anonymität darf ich doch verraten: Es passierte ohne jedes Getrolle, mit meistensteils diskussionsfördernden Meldungen. Über 20.000 Beiträge sind schon eine Leistung, wenn der große Rest der Stammposter zwischen 9000 und 5000 Beiträgen liegt.

*** Doch nicht nur die Heise-Foren sind ein Spiegel des Zeitgeistes im Jahresblick, für den Google heuer keine Zeit hat. Schließlich hat man genug damit zu tun, Ben Affleck und sein Automobil zu bekämpfen, das die Parkplätze der Programmierer besetzt. Auch die Tickermeldungen selbst geben mitsamt ihren Zugriffen ein treffliches Bild des Jahres ab. Am 12. August kam W32.Blaster oder auch Lovesan über die Leitungen und wurde am selben Tag in zwei Meldungen ausführlich seziert. Mit 864.302 Zugriffen stürmt das Wurmzeug des 18-jähigen Jeffrey Lee Parson die All-Time Charts und setzte sich an die Spitze aller Nachrichten. Bis hinunter zu Platz 6 in den Jahres-Charts finden sich praktisch nur Newsticker-Beiträge, die sich mit W32.Blaster befassen -- dann folgen schon der SQLSlammer, der im Januar zuschlug und Sobig.F, der unmittelbar nach dem Blaster auftrat. Wenn die Top-Ten unter Hunderten von Nachrichten nahezu ausschließlich um Attacken auf Computer gehen, wird erst der Stellenwert der Sicherheitsinitiative deutlich, die Microsoft ausgerufen hat. Nur die Meldung von den Abmahnungen wegen KFZ-Kennzeichen im Domain-Namen (191.919 Zugriffe) schaffte es, sich zwischen die Wurmmeldungen zu schleichen. Und erst auf den Folgeplätzen hinter den Würmern kommen "fast normale" Meldungen, etwa um den Prozess des Forumsteilnehmers Holger Voss (164.613 Zugriffe). Auch die Frage, ob Powerpoint etwa blöd mache, scheinen sich viele Leser zu stellen (167.061 Zugriffe). Im Vergleich zu den vergangenen Jahren verzeichnet die Statistik auch Verlierer: Während im Jahr 2002 Meldungen zu neuen Discounter-PC mit Leichtigkeit die Top Ten stürmten, sind sie diesmal nur unter den Top 90 anzutreffen. Dafür hat ein anderes Thema die Gunst der Leser gefunden: SCO und alle Nachrichten über die vielfältigen Winkelzüge, Ankündigungen und Beweise der Truppe um Darl McBride konnten sich locker im Mittelfeld der Zugriffsstatistik etablieren und verdrängten selbst die Debatten um Linux in München oder die Kämpfe der Musikindustrie auf die hinteren Ränge. In einem virenfreien Jahr wäre SCO das Top-Thema -- wäre das Gemauschel um das geistige Eigentum an errno.h selbst nicht schon ein Virus eigener Güteklasse, der Unternehmen Schrecken vor der quelloffenen Software einjagen soll.

*** Mögen andere für die kommende Zeit Hitlisten der überflüssigen Technologien schreiben, wir schauen zurück und blicken auf die Top Ten, die uns nicht ins neue Jahr begleiten werden. Es sind bekanntlich die Abschiede und Flops, die zum Nachdenken zwingen, das ist beim Computern nicht anders als beim Fernleben-Sehen. Nein, nein, nicht Harald Schmidt, dann schon eher der WDR-Computerclub. Die erste Nachricht von seinem Ableben brachte den Club unter die Top 100. Proteste halfen nichts, ganz wie bei dem absoluten Liebling der Nachrichtenredaktion, der Frankfurter Chipfabrik. Und wer will schon heiß und hipp sein? Bald hatte keiner Lust mehr, auf alberne Treffen zu gehen und sich als Flashmob zu produzieren. Für eine derart blöde Idee müsste man den Urheber mit einer nassen Nudel peitschen -- wäre er nicht ein vergleichsweise netter Pionier. Zu den Dahingeschiedenen des Jahres zählt Windows 98, das in einigen Firmen durch einen Linux-Schreibtisch ersetzt werden muss. Wie überhaupt das Ersetzen von Betriebssystemen eine schwierige Sache ist. Abschied nehmen muss man auch von der Idee der fehlerfreien Wahlmaschinen, die nach einem durchaus durchdachten Vorschlag durch Menschen ergänzt werden sollen. Und last but not least gehen die Smart Displays den Weg alles Irdischen. Microsoft hat die "geniale Idee" beerdigt, nur LG Electronics will es weiterhin versuchen.

*** Verschwunden sind aber auch andere, und Adornos 100. Geburtstag diffundiert nahtlos in Kants 200. Todestag. Manche der Verschwundenen werden wir noch schmerzlich vermissen, und das sind beileibe nicht nur Herbert Riehl-Heyse, Katharine Hepburn, Ilya Prigogine, Nina Simone, Leon Uris, Edgar F. Codd, Compay Segundo, Neil Postman oder Ruben Gonzalez. Idi Amin dagegen weint sicher niemand eine Träne nach. Aber gilt auch für Jürgen W. Möllemann oder Leni Riefenstahl: De mortui nihil nisi bene? Nun, immerhn hat auch ein Neujahrstag seine Geburtstagskinder: Vor 125 Jahren kam E.M. Forster zur Welt, der mit The Machine Stops die erste IT-Story der Weltliteratur verfasste. Und wer kann den 85. Geburtstag von J.D. Salinger ignorieren, dessen Holden Caulfield eine unausroggbare Gestalt deutscher Schulbildung zu sein scheint?

Was wird.

Ehrwürdige Jubiläen stehen an, man denke nur an das Wunder von Bern (nein, nicht an den Film) und den Tod von Alan Turing vor 50 Jahren oder die Einführung der Registrierungspflicht vor 4 Jahren. Im letzten Jahr gab es viele Jubiläen bei der Hardware und der Paperware zu feiern, diesmal ist der Mac mit seinen 20 Jahren bereits im Januar dran, während die ungleich wichtigere IBM 360 im April den 40. Geburtstag begehen darf. Vor allem aber sind es die Programmiersprachen, die gewürdigt werden müssen. 50 Jahre Fortran (im September), 40 Jahre Basic (im Mai), was braucht es da noch Vorschläge für eine neue Supersprache? Was man in Basic nicht sagen kann, davon soll man schweigen, so die Philosophie. 10 Jahre DeNIC wollen heute gefeiert werden und bald gilt es, den 200. Todestag von Immanuel Kant zu würdigen, nicht ohne den kategorischen Imperativ zu missachten: Schreibe nur das, was du auch lesen willst.

2004 wird das Jahr sein, in dem der LZW-Algorithmus endgültig frei von allen Ansprüchen sein wird, in dem Pinguine in Venedig einfallen und das "alte Europa" um 10 Staaten wächst, während Amerika einen (neuen) Präsidenten wählt. Statt sinnbefreiter Prognosen, dass 2004 das Jahr des Tablet PC wird, dass Geiz geil bleibt oder dass endlich das Zeitalter des papierlosen Büros anbricht, dass es ein Jahr ohne Naturkatastrophen und Virenattacken wird, statt alledem und alledem sollte ein Blick auf die Gefahren die Sinne schärfen.

Was 1984 dank richterlicher Einsicht nicht passierte, wird 2004 umso gründlicher nachgeholt, mit zunehmender Videoüberwachung und der Kontrolle aller Fahrzeuge. 1984 kam der Barcode unters Volk, 2004 werden es die Transponder sein, die manche liebend gern in die Fontanelle implementieren würden. Den Barcode konnte man zerkratzen, was Lesefehler erzeugte. Wer dem Transponder an die Schaltkreise geht, vergeht sich an einem Kopierschutz und wird nach Artikel 21 eines künftigen EU-Gesetzes ein Krimineller.

2004 wird sich der Trend fortsetzen, dass freie Inhalte im Internet zugunsten obskurer Zahlungs- und Nutzungsmodelle aufgegeben werden. Geldgier, Dummheit mancher Verlagsmenschen und vollkommene Ignoranz für die kulturelle Allmende führen dazu, dass das Internet austrocknet. Bezeichnend ist, wie etablierte Medien die Blogger feiern, die Wiederkäuer etablierter Medien sind und damit den Schwund der freien Informationen überdecken. Hat Wikipedia wirklich nur technische Schwierigkeiten, kämpfen die Creative Commons wirklich nur mit juristischen Problemen? Schön wär's ja.

Zum guten Schluss, zum neuen Anfang statt langweiliger Bestenlisten lieber das
Kolophon.

Denn es braucht gewisser Dinge und Menschen, über das Jahr hinweg Woche für Woche zurück und wieder nach vorne zu schauen. Von der tollen Resonanz auf die Anti-DSDS-Charts bestärkt, darf die Musik nicht fehlen, die über das Jahr geholfen hat. Die da wäre: Shakira, Antologia / Nancy Sinatra, Bang, bang / Willie Nelson, The Great Divide / Wolfram Huschke, Distortion / Tom Waits, Kommeniezuspadt / Antonin Dvorak, Lento aus dem Streichquartett F-dur Op. 96 / Carla Bley, The National Anthem / Up, Bustle and Out, 1 2 3 Alto Y Fuera / Vandermark 5, Staircase -- for John Cassavates / The Brooklyn Funk Essentials, Mambo con Dancehall.

Auch die Bücher sollten nicht fehlen, die manchen Gedanken stärken konnten: Shakespeare, Gesammelte Werke / Georg Christoph Lichtenberg, Schriften / Arno Schmidt, Zettels Traum (reloaded, sozusagen) / Bert Brecht, Meti / Bernhard Siegert, Passagen des Digitalen / Carlo Lucarelli, Schutzengel / Don Alphonso, Liquide / Twister, Sabrina und Twister.

Und von der papiernen-pflanzlichen Welt geht es zur mineralischen, zur Welt der Software, ohne die gar nichts lief: Ultraedit, Euroscript, Microsoft Encarta, Enzyclopedia Britannica Online, Google, Watchinggooglelikeahawk, Winamp, EMusic, Zinf.

Doch was wäre alles Schreiben ohne die Leser und Leserinnen, die verärgert, belustigt oder achselzuckend die Wochenschau im Heiseticker mit ihren Tipps und Hinweisen erst zu dem machen, was sie ist. Dank an DocSnyder, Don Alphonso, Faeshn, Phosmo, Raffzahn, Twister, Tyler Durden, Walrus, Wurgl, sowie N.N. für all die unermüdlichen selbstlosen Sucher der Kolumne, die nicht das Forum betreten, doch rastlos das Web durchpflügen .... und an den Heise-Verlag.

Es beginnt, wie es endet, wie es begann, mit Nietzsche: "Viel Ehren will ich nicht, noch große Schätze: Das entzündet die Milz. Aber schlecht schläft es sich ohne einen guten Namen und einen kleinen Schatz." Und es endet sowohl das Jahr als auch die Jahresendschau, wie das Web begann, mit Tim Berners-Lee, der am letzten Tag des alten Jahres mit diesen Worten Ritter wurde:

"I accept this as an endorsement of the spirit of the web; of building it in a decentralized way; of making best efforts to keep it open and fair; and of ensuring its fundamental technologies are available to all for broad use and innovation, and without having to pay licensing fees."

Wie heißt es noch in der Ritter-Branche: Alle für einen, einer für Alle! Auf ein neues! (Hal Faber) / (jk)