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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Im Unterschied zum schlichten privaten Schreiben ins Web werden Journalisten für diese Tätigkeit bezahlt. Das ist auch gut so, bei dieser Wochenschau und anderen Texten, die Onkel Heise kauft: ich kann davon leben. Andere kämpfen gerade um ihr Leben. Das Honorar für diese kleine Wochenschau geht diesmal an Ärzte ohne Grenzen, die mit ihren "Plug&Play-Hospitals" in Haiti helfen. Nein, das ist kein Spiel. Wer die Ärzte nicht mag, kann sich ja hier beteiligen. Wer pleite ist am Monatsende, sollte für die Zukunft zumindest ein Nichtkaufen-Häkchen bei den Firmen setzen, die mit der Katastrophe Werbung machen. Den Vogel schießt diesmal die schwedische Firma Anoto ab, deren PR-Meldung so beginnt: "Die schrecklichen Bilder in Haiti führen es wieder vor Augen: Bei Massenereignissen geht es zuallererst um schnelle und effiziente Hilfe vor Ort. Die mobilen Sanitätseinheiten der Schweizer Armee setzen daher bereits seit Anfang des Jahres auf eine ausgeklügelte Lösung für die rasche Erfassung und Verarbeitung von Patienteninformationen. Elementare Bestandteile sind dabei die digitalen Stifte..." Soso, dabei ist die Schweizer Armee pleite.

*** Alles glänzt so schön neu. Wie war das noch mit der seinerzeit teuersten Werbekampagne Deutschlands? "Raider heißt jetzt Twix, sonst ändert sich nix." Was für ein schöner Slogan! Auf einmal war die Welt viel heller und Philosophen schrieben tiefe Texte über das Sein und das Nix. Die Nix-Sex-Bewegung hatte Zulauf und jeder mümmelte enthaltsam seinen Schokostümmel von 29 Gramm. Heute ist das alles vergessen. Aus dem elektronischen Personalausweis wird der neue Personalausweis und die einzige Kampagne, das Kärtchen zu verbreiten, ist das Anfixen von 16-Jährigen, die unbedingt ihren ersten Ausweis haben wollen und sowieso gläserne Kerlchen und Mädchen sind.

*** Für die geplante Kampagne der Bitkomiker muss da schon ein besserer Name her! Wie wäre es etwa mit Identitätskondom oder schick denglisch IDentpres wie Identity Preservation Reservoir. Schließlich soll das Teil nur zertifizierten Firmen verraten, wer sich hinter SexyHornyBiSlut verbirgt, damit diese zertifizierten Firmen nach dem Datenstrip noch ordentlich mit den Daten Handel treiben können. Ist Identitätskondom zu peinlich, könnte man analog zu den Lümmeltüten von Lümmelkärtchen reden. Oder vornehm-hintersinnig von einem e-Tui sprechen, in dem die digitale Identität der künftigen Tuis steckt, die mitnichten chemische Nothelfer sind. Und für die Unterschichten könnte man bigbrothermäßig mit dem Wort Fratzencontainer darauf hinweisen, dass in dem Chip mehr Grips drinsteckt als in sieben Staffeln einer Fernsehsendung. Spätestens dann, wenn der Ausweis in allen deutschen Internet-Cafes pflichtschuldig als IDPrüferli neben den automatisch auslesenden PC gelegt werden muss wie beim Zigarettenziehen, wird Werbung für das Teil überflüssig. Die Zwangsbeglückung wird dann zur Erfolgsgeschichte verklärt.

*** Als Raider der Privatsphäre wird Google in Deutschland zum Urbösen erklärt, vor allem von Verlegern und Journalisten, die ihren Schrebergarten enttarnt, fotografiert und vermessen sehen. Die einen sehen durch Google gleich die Demokratie gefährdet, faseln von geheimen Servern und sehen in der IP-Adresse 8.8.8.8 schon den "Beweis" für die große Google-Verschwörung. Die anderen sehen schrumpfende Gewinne und machen Google dafür verantwortlich, dass sie über die Jahre ideenlos zugesehen haben, wie sich der Journalismus ändert. Gefordert wird ein Leistungsschutzrecht, doch hinter dem Gedanken steht der Versuch, die Pressekonzentration weiter voranzutreiben und die politischen Bedenken in Sachen Meinungsvielfalt auszuhebeln. 4G, das ist doch ein schöner neuer, unverbrauchter Name für die Fusion von Burda, Holtzbrinck, Springer, SWMH und WAZ, die Liste ist verlängerbar. Dann hat man zwar immer noch keinen Durchblick, was Google wirklich macht, aber Kinners, diese Synergien! Die vierte Gewalt, ein Großkonzern für Meinungs-Immobilien, wie praktisch. Und wie demokratisch: Wenn Google das Äquivalent zur Kommunistischen Partei maoistischer Prägung ist, sind alle anderen zusammen die Guten! Wer davon redet, dass Google auch eine Akademie der Aufklärung ist, ist böse.

*** Bill Gates hat diese Woche für Schlagzeilen gesorgt, weil er das macht, was Millionen anderer Menschen auch als Hobby pflegen. Gates bloggt und twittert, beschützt von einem eigenen Blogsupportteam, über das was er denkt, was er lernt und wohin seine Reisen gehen. Gedanken, Handlung, Tat und Blog sind alles eins, wie einst bei Fichte. Was seinen Geist bewegt, ist durchaus ehrenswert und was er cool findet, wird in einfachen Sätzen mitgeteilt, nicht ohne auf den eigenen Anteil hinzuweisen. Selbst wenn Gates Notes das Produkt bezahlter Redenschreiber ist, ist dieser Bill Gates echt.

*** Viele werden es dank dem Google-Logo wissen, aber es schadet niemals, auf Django Reinhardt hinzuweisen, der mit zwei Fingern und einem Daumen Musikgeschichte schrieb, nachdem er einen Brand in einer Zigeuner-Wagenburg knapp überlebte. Sein Einfluss reicht bis hin zu den Powerchords der Schwermetaller. Gestern war der 100. Geburtstag des "Vaters" der europäischen Jazz-Szene. Und natürlich darf dieser Django nicht fehlen. Nicht zu vergessen Djangos Marseillaise, mit der zur Befreiung von den Deutschen gleich der ganze Nationalfimmel kommentiert wird.

Was wird.

Nein, es sind nicht die Informatiker in ihrer Nische, die ungeduldig auf ihre Uhr schauen, es ist die ganze Welt, die auf Apples Tablet wartet wie auf den Messias. Was soll das bestens berüchtete Gerät nicht alles können: Bücher speichern, Fernsehen steuern, Ehen retten und so weiter und so gähn. Interessanter ist natürlich, was das Gerät nicht können wird. Denn im Anfixen seiner Kunden ist Apple zweifelsohne Weltklasse: Man denke nur an die Anstrengungen, die die Firma unternommen hat, damit keine Firma eine vernünftige Tastatur für das iPhone anbietet, mit der längere Texte geschrieben werden können. Mit allen Kräften verhindern Juristen das iType von Ion Audio, blockieren Programmierer den Zugang zum iPhone: Geschrieben darf nur mit einer Brückenanwendung, aus der kopiert werden muss. iBah. Wer scharf auf das ultimative Gadget ist, vergesse Apple und greife zu diesem niedlichen Mausstaubsauger, komplett mit packender Produktbeschreibung: "The mouse has a dust reservoir at the back-end. But seems to be too small that needs you to empty it very often. Or else it might burst off and get your desk full of dust again." Heißer Staub, der uns einnebelt, das braucht die Welt!

Richtig vernebelt sind die Denker und Visionäre wie in jedem Januar, wenn sie in Burdas Laufhalle zum Thema Digital, Life Design einfallen, ehe es in die Höhenluft nach Davos zum Weltwirtschaftsforum und seinem Rethink, Redesign, Rebuild geht. Ausgerechnet zum 40. Jubiläum gab der Gründer Klaus Schwab der Süddeutschen zeitung ein (kostenpflichtig abzurufendes) Interview, in dem er als Obergrenze für Gehälter das 20-Fache des Mindestsalärs einer Firma forderte. Der typische Homo Davosiensis, der zum Geschäftemachen in die kalten Berge zieht, hat für solche Beschränkung ähnlich viel Verständnis wie Banker für Obamas Vorschläge. Nach all dem Google-Gegurgel wird CEO Eric Schmidt mit Interesse in Davos erwartet, wo die tatkräftigen Google-Gründer schon häufiger einen Auftritt hatten.

Glückliche Berliner, beneidenswerte Frankfurter: Die Welturaufführung (PDF-Datei) von Metropolis steht bevor, die Ausstellung zum Film ist in Berlin eröffnet. Wie war das noch in ferner Zukunft vor über 80 Jahren, als Herz und Verstand eine Einheit bilden sollten? Und wo bleibt die Erinnerung an Jeff Raskin, der einfache Computer für Millionen bauen wollte und Apple mit seinen Ideen prägte? Zu seinen Lieblingsstücken an der Orgel zählte die Musikbegleitung von Metropolis. (vbr)