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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

Man arbeitet bis zum Tode
erschöpfter als ein Esel
früher aufgestanden als ein Hahn
später Feierabend als eine Nutte
nach fünf Jahren älter aussehend als alle anderen.

*** Dieses Gedicht stammt von einem chinesischen Fabrikarbeiter, der in einem Werk der taiwanesischen Firma Foxconn in Shenzen arbeitet. Dort wird der oder das iPad von Apple hergestellt. An der 499 US-Dollar teuren Basis-Version verdient Apple 203 Dollar, am Top-Modell für 829 Dollar sind es 446 Dollar, die Apple bleiben. Das meldet die Computerworld von der neuen Mother Lode der Kalifornier. Hinter jedem schicken iPad stecken erbärmliche Arbeitsbedingungen und nur wenige neue Innereien.

*** "Vorahmung" steht in der gedruckten Zeitung über dem Gedicht, in der Internetfassung leider zur platten Vorahnung verschlimmbessert. Denn wer wird es sein, der die Vorahmung von Apple nachahmt? Vielleicht die tageszeitung, die für das brandneue iPad-Abo warb?

*** Muttis Computer ist endlich da, begleitet von unzähligen Blogs und Tweets. Seit Al Gore das Internet und Twitter erfand, wurde noch nie so viel über ein vergleichsweise simples Gerät spekuliert. Der bunte Retro-Newton führte zu aberwitzigen Zeitungsgeschichten über das Ereignis, in denen ohne jede Faktenkenntnis schwadroniert wird. Aber was sollen die Armen auch machen bei einem Unternehmen, dessen Arroganz (oder ist es Paranoia?) inzwischen so weit geht, Journalisten auf Faktensuche freundlich Engadget zu empfehlen.

*** "Ein Lied geht um die Welt" ist ein Beispiel von vielen für so eine faktenarme Zeitungsgeschichte. Nein, liebe Süddeutsche Zeitung, der Apple Computer wurde 1982 nicht vom Time Magazine als Man of the Year gefeiert, es war der Personal Computer und das war eine der schlimmsten Niederlagen im Leben von Steve Jobs. Denn niemand anderes als Jobs sollte damals der Man of the Year werden, bis die Reaktion sich anders entschied. Ganz nebenbei konnte Steve Jobs die Musik von Grateful Dead nie leiden. Und das erste Zubehör, eine iPad-Weste, kommt von einer Firma, bei der Steve Wozniak im Aufsichtsrat sitzt.

*** Das iPad ist eine wunderbar sorgfältig kupierte Maschine, die weder als Netbook noch als Smartphone genutzt werden kann. Ob das Gerät tatsächlich dafür geeignet ist, die Digital Natives auf einem Einbaum durch das Internet surfen zu lassen, ist schwer die Frage. Analog zu iTunes soll ein Service wie iPaid entstehen, über den die kostbaren Inhalte der Verlage DRM-geschützt zum Leser rauschen. So hat die IT-Branche immerhin Grund zum Jubeln, da nach dem Kampf der Browser der Kampf der eBücher kommt. Kindle gegen iPad, das kann nur ein Jobs, das kann kein Obama bieten. Folgerichtig, dass die tageszeitung keine Links auf den Langweiler bringt. Wären bloß nur das Internet und Twitter nicht von Al Gore, sondern von Steve Jobs erfunden worden! Die Welt wäre ein Stück abfragebedürftiger.

*** Immer ein Stückchen besser soll die Welt werden, wenn das Weltwirtschaftsforum in Davos beendet ist. Dort beraten die Mächtigen und Macher seit 40 Jahren über die Schlechtigkeit dieser unserer Welt. Diesmal fehlten die Chinesen fast völlig, weil sie das iPad bauen müssen und obendrein stilecht ein Weltwirtschaftsforumklon eingerichtet haben. Statt Friede und Freude gab es diesmal selbstgemachten Eierkuchen aus faulen Eiern. Der Banker ist ein Stänkerer und zwar so derbe, dass der Geist nachhaltig irritiert ist.

*** Mit einem klaren Unentschieden endete zuvor in München die Debatte darüber, ob Maschinen oder Menschen die besseren Informationsfresser sind. Zu sehr ähnelten sich die Argumente der Teilnehmer in der entsprechenden Diskussionsrunde des DLD. Der Informatiker David Gelernter stimmte wunderbar mit den Zeitungsmachern Frank Schirrmacher (FAZ) und Andrian Kreye (Süddeutsche Zeitung) überein. So viel Harmonie muss belohnt werden und wird auch belohnt: Ab nächsten Frühjahr bekommt Gelernter eine regelmäßige Kolumne in der FAZ. Derweil mussten Journalisten, die partout einen Gegensatz in der verbalen Tätschelei sehen wollten, zum richtig groben Wortschatz greifen. Heraus kam die bemerkenswerte Formulierung weinerlicher Halb-Checker, offenbar in Referenz an das Supatopcheckerbunny. Oder hat da jemand seinen Schelling verlegt, dem wir das berühmte deutsche Wort Halbversteher verdanken? "Die Halbversteher, die Hegel sich für ihre Zwecke zurecht machen, sind ebenso schlimm, als die Nichtversteher, die sich ein Phantom als Hegel in den Kopf setzen."

*** Ob etwas zurecht gemacht wird oder nur ein Phantom ist, diese Frage ist im Fall vom guten Google und dem bösen China noch längst nicht entschieden. In München wollte man besonders gut sein und beschenkte alle Teilnehmer des DLD mit einem Nexus One, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass der Hersteller HTC nur in Taiwan und Brasilien fertigt. Nur die Journalisten bekamen zeitlich limitierte Teststellungen, was einige verärgerte, die auf dem DLD die hohe Kunst des Bratwurst-Journalismus mit seinen wilden Feiern pflegten. Ein Google-Kontra kam bekanntlich von Bill Gates, dem frisch gebackenen Blogger. Prompt attestierte Kommentator Liu Dan von der Parteizeitung Good Times der Firma Microsoft ein "relativ tiefes Verständnis für den chinesischen Markt". Freuen wir uns mit Gates, auch wenn er gleichzeitig mit dem Verweis auf Deutschland zeigt, dass er keine Ahnung hat. Ja, bei uns ist die Holocaustleugnung ein Straftatbestand, wie in vielen anderen Ländern auch.

*** Dennoch kann ist Gates ein belesener, kluger Mann und der "Fänger im Roggen" ist offenbar sein Lieblingsbuch, wie hier zu lesen ist, in einem Abschnitt über Lernresistenz. Tatsächlich ist Salinger in den letzten 10 Jahren mehrfach in dieser kleinen Wochenschau aufgetreten, doch damit ist Schluss. Am Mittwoch ist der Schriftsteller gestorben, der "fuck" in die Literatur einführte und sich dennoch von der Wirklichkeit verraten fühlte.

*** Heute ist der Geburtstag des Mannes, der als europäischer Rekordhalter 22.514 Stellen von Pi auswendig kann. In Großbritannien gehört Daniel Tammet damit zu den 100 lebenden Genies. Die von ihm geschaffene Sprache Mänti sollte ursprünglich die Sprache der Na'vi sein, doch dann besann sich der Filmemacher James Cameron und bestellte bei einem Linguisten eine komplette Sprache, die in der Enzyklopädie des Abstrusen ausführlich behandelt wird.

Was wird.

Die nächste Woche verspricht interessante Themen. Man denke nur an die nicht käufliche FDP, die für eine geile Spende für jede Sauerei zu haben ist. Ausgerechnet diese Schutzpatronin der Apotheker und Pharmabranche wird von der CSU aufgefordert, die elektronische Gesundheitskarte einzusparen. Damit die FDP nicht umfällt und die arg beschnittene Karte bleibt, rollt in der deutschen IT-Industrie eine millionenschwere Kampagne an, die Gesundheitskarte jetzt endlich oder nie einzuführen. Der konzertante Schwerpunkt liegt dabei auf dem "Jetzt endlich", das Nie wird nur drohend ausgehaucht, gemeuchelt von angeblich einer halben Milliarde Vorabinvestitionen. Es geht um die Investitionssicherheit der Wirtschaft und nicht um die Datensicherheit der Patienten.

Auch der "neue Personalausweis", einstmals als elektronischer Personalausweis vorgestellt, ist wieder einmal Thema eines Kongresses. Beim alljährlichen Smartcard-Workshop sind der Ausweis und die für ihn benötigten kontaktlosen Kartenleser das Schwerpunktthema der Kartographen. Der Kurs liegt an, der Plan ist stramm: im November muss alles beisammen sein.

Noch schneller soll es bekanntlich bei den Nacktscannern gehen. Geht es nach unserem Innenminister, so sollen die Scanner schon im Sommer kommen und natürlich fast freiwillig genutzt werden: Wer nicht durch den Scanner will, wird penibel abgetastet und nicht nur mit dem Metalldetektor abgewischt. So freundlich kann Europa sein, das will der Europäische Polizeikongress (PDF-Datei) des Behördenspiegels zeigen. Zum Warmlaufen für diesen Kongress hat der BKA-Präsident Jörg Ziercke einen neuen Beweis für die technische Kompetenz seiner Behörde geliefert, als er über die Stoppschilder flunkerte: "Denn wer solche Warnschilder bewusst umgeht, hinterlässt Spuren auf seinem Computer." Das sind offenbar Spuren, die nicht so einfach gelöscht werden können wie das Löschen einer IP-Adresse. Löschen einer IP-Adresse? Aber ja doch. "Das alleinige Löschen einer IP-Adresse führt damit nicht zum Verschwinden der schrecklichen Bilder aus dem Internet." (vbr)