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Was war. Was wird.

Ach ja, es ist einfach, sich über Väterchen Staat lustig zu machen im Rausch der eigenen Bedeutungsschwere. Wenn sich unsere Social-Media-Großkopferten da mal nicht täuschen, warnt Hal Faber. Ein mündiges Selbst, ja das wär was. Ganz ohne Superwellen.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Where are the waves?" Während man sich heutzutage Tsunamis schon live angucken kann (ob man das möchte, oder muss, oder gar sollte, das ist wohl eine Frage, die nicht mehr diskutiert wird), und bei manchen Zuschauern sich schon Enttäuschung breit macht, hat Deutschland so seine eigenen Probleme. "Guten Tag, hier ist der Escort-Service Jürgen Rüttgers. Lernen Sie mit uns das schöne Nordrhein-Westfalen von seiner intimsten Seite kennen. Heute neu mit riesigem Willkomensbonus in unserem Casino. Zur schnellen Beantwortung Ihrer Anfrage drücken Sie bitte 1 für einen Termin mit dem Herrn Minister, 2 für eine anonyme kostenlose Stornierung eines Termins. Drücken Sie bitte 3 für die gerichtlich erzwungene Abfrage des Dienstfahrzeuges und 4 für aktuelle Daten der laufenden Videoüberwachungen. Für alle anderen Fragen warten Sie bitte auf Godot. Sie werden mit dem nächsten frei werdenden PayPol-Mitarbeiter verbunden. Zur Qualitätssicherung unserer privilegierten Politiker-Partnerschaft werden die Gespräche nicht aufgezeichnet."

Tüt-tüt-tütelidüüt

"Bitte haben Sie einen Moment Geduld. Alle PayPol-Leitungen sind belegt. in der Zwischenzeit hören Sie die Laudatio zur Verleihung der Moses-Mendelssohn-Medaille an den unentbehrlichen Berthold Beitz, exklusiv aufgezeichnet von unserem Escort-Service."

Tüt-tüt-tütelidüüt

"Guten Tag, mein Name ist Hasi 4, Schneeschipperin. Was kann ich für Sie tun?"

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"Ich kann Sie nicht verstehen. Telefonieren Sie vielleicht mit einem iPhone? Dann vermeiden sie bitte alle zweideutigen Begriffe wie Stellung, Position oder Bar."

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"Sex? Ach, Sie sprechen sächsisch? Einen Moment. Ich verbinde Sie mit Stanislaw Tillich Opreptions-Service.

*** Ganz Deutschland in der Hand von Politikern? Aber nicht doch. Sooo schlimm ist es ja doch nicht. Wir haben ja noch Experten und Berater, aufrechte Menschen mit unabhängigem Urteil wie etwa Roland Berger, dessen Gutachten "Telematik im Gesundheitswesen" 1997 den Durchbruch für die elektronische Gesundheitskarte brachte. Das war zu einer aufregenden Zeit, als Helmut Kohl noch für die Menschenwürde kämpfte und Experten den aufrechten Gang predigten. Nun sind wir in spätrömischer Dekadenz dabei, das Gesundheitswesen mit einer Kopfpauschale umzukrempeln. Wie versprochen und berichtet, hat Gesundheitsminister Rösler dafür nun eine hochkarätige Expertenkommission eingesetzt.

*** Für Aufsehen sorgte in dieser Woche der CDU-Politiker Siegfried Kauder. Um dem Eindruck einer gewissen Bestechlichkeit durch die Zeitungsverleger zu entgehen, erklärte er das von den Verlegern geforderte überlebensnotwendige Leistungsschutzrecht für halbtot. Mit dieser Halblebendigkeit lässt sich trefflich weiter verhandeln über den Schnüffel-Zuschlag für die freie Presse, die ach so stark unter Google und anderen Suchmaschinen leidet, die keine Detekteien für "lousy pennies" beschäftigen. Detekteien? Im Zoff zwischen der "Bunten" und dem "Stern" präsentiert sich der Zustand des Journalismus, halbnackt und im Rahmen der journalistischen Sorgfaltspflichten ausgesoßt. So lesen wir von der Dienst leistenden "Christian Max Kießling Group", dass Schrift und Layout der vom Stern präsentierten Schnipsel nicht der üblichen Vorlage für Arbeitsprotokolle entsprechen. Das nennt man dann wohl Formatierungsbetrug. Das ausgelagerte Drecksgeschäft der Güllefedern als journalistisches Söldnertum zu bezeichnen, ist noch die netteste Bezeichnung durch eine Edelfeder.

*** Wo die Grenzen der Pressefreiheit liegen, bestimmt das Gesetz. Doch die genaue Grenzziehung wird immer wieder ausgehandelt. Es ist kein Geheimnis, dass auch diese kleine Wochenschau und der Verlag, der sie veröffentlicht, sich dabei Beulen holten. Es passierte in einem Satz zur Realitätsverschiebung eines Anwalts, der eine Passion für Waffen hatte. Das Ganze illustriert mit einem Link zu militärisch drapierten Bildern, auf die der Anwalt selbst hingewiesen hatte. Den Vorgang bewertete das Gericht als Verletzung des Persönlichkeitsrechtes des Abgebildeten. Nun hat der Anwalt zur Waffe gegriffen in einer Situation, die er als auswegslos betrachtete und Suizid begangen. In einer Pressemeldung des FoeBuD zu seinem Tod wird die Ambivalenz deutlich, mit der die Netizen auf die Nachricht reagierten: "Nicht jeder mochte ihn, aber wir kamen immer mit ihm klar – obwohl auch wir nicht alles schätzten, was er so angestellt hat. [...] Er hat unseren Lebensweg bereichert; wir bedauern, dass wir in stürmischen Zeiten uns nicht besser um ihn kümmern konnten." So endete das Leben eines intelligenten Menschen, der sich selbst sein größter Feind war. Er fand Lücken im deutschen Rechtssystem, die er ohne Hemmungen ausnutzte. Einer von denen, die durch den Anwalt in den Bankrott getrieben wurden, schrieb in seinem Nachruf: "Er hätte als Techniker und Jurist so viel erreichen können, er hätte die nichtsahnenden Juristen fortbilden können in Sachen EDV. Es war aber seine Entscheidung, lieber negativ zu wirken. Dabei ist er nicht einmal reich damit geworden, sondern krank und einsam. Es soll uns eine Warnung sein. Wer mit den Menschen arbeitet, statt gegen sie, der hat am Ende mehr."

*** Olympia geht zu Ende. Der große Verlierer sind die Niederländer, die auf Sven Kramer und die Svenergy-Kampagne gewettet haben, in der Hoffnung, niedrige Strompreise zu bekommen. Dank eines Spurfehlers wird für sie der Strompreis steigen, während der Unbesiegbare den Sponsor wechselt. Witzbolde tippen auf TomTom. Der groß Gewinner sind die deutschen Skifahrerinnen, vom Boulevard als "Blitzmädel" ausgerufen, ohne jede Ahnung über die historischen Wurzeln. Wie war das noch im Februar vor 65 Jahren, als Frauenbataillone gebildet werden sollten? Das war ganz sicher nicht im Sinne der Gleichberechtigung. Was mich zurück in die IT-getränkte Welt bringt, in der die Wikiseite der Piratinnen vom Vorstand wegen eines Verstoßes gegen die Parteisatzung kommentarlos gelöscht wurde. Inzwischen ist die Löschung unter Vorbehalt revidiert, das Ganze eine Diskussionsvorlage geworden mit dem hintersinnigen Titel: Klarmachen zum Gendern. Ein Schelm ist der, der etwas vom Kentern liest.

Was wird.

Wie bereits in der letzten Wochenschau angedeutet, geht es nun zur Sache. Das Bundesverfassungsgericht gibt seine Entscheidung zur Vorratsdatenspeicherung unter dem Hashtag #vds bekannt und diese soll, wenn das Raunen eines Richters stimmt, von europäischer Tragweite sein und ein "Grundsatzurteil zu der Massenspeicherung von Telefon und E-Mail-Verbindungsdaten". Wer Nachhilfe braucht, warum das Urteil wichtig ist, sei noch einmal auf einen Text verwiesen, der mittlerweile auch für Menschen mit Papierallergie lesbar geworden ist.

Bleibt die Frage, ob sie ihn verstehen werden. Denn gerade die Apologeten des Social Web sind leider nicht die hellsten, wenn sie sich über Väterchen Datenschutz lustig machen und offenbaren, dass eine Straßenlampe mit Lichtsensor mehr "Intelligenz" besitzt als diese Allesinsnetzschreiber, bei denen es am Ende heißt: "Und außerdem bereitet es mir eine diebische Vorfreude, eifrige Mitarbeiter des Innenministeriums über permanent einflatternden buzzes, tweets und anderweitigen Updates Ihrer Zielpersonen verzweifeln zu sehen..." Für diese sozialen Vollpfosten zur Kenntnisnahme: Dafür gibt es eine Web 2.0-Software namens Centrifuge, die sowohl beim Verfassungsschutz wie beim Bundesnachrichtendienst eingesetzt wird und über das gemeinsame Antiterrorzentrum GTAZ in brüderlicher Nächstenliebe mit dem BKA geteilt wird. Den Firmensitz des Herstellers ist Pullach. Polizeiliche Vorfeldermittlungen in Sozialen Netzwerken wird längst auf Polizeischulen gelernt, verdeckte virtuelle Ermittler sind angedacht.

Väterchen Staat ist viel weiter als die Menschen, die im Kontrollverlust einen orgiastischen Zustand sehen. Es gibt dazu freilich auch die kaum weniger überdrehte Vision von Out of Control, wo alles längst verloren ist und die Schlachten längst geschlagen sind. Wie wäre es mit einer nüchternen, soma-freien Sicht auf das Jetzt.Sofort.Alles, ehe man unkritisch davon schwärmt, Teil einer digitalen Sphäre zu sein, die wie eine Waberlohe um uns flackert?

Dann wäre da noch die CeBIT, komplett mit stark geschrumpfter Partyliste und dem ausdrücklichen Hinweis, dass Messetickets auch Nahverkehrstickets sind: In dieser schönen Stadt braucht niemand den Käßmann zu machen, bis die Bürgersteige hochgeklappt werden. Das Gastgeberland ist Spanien mit Blick auf das Hinterland namens Lateinamerika, zentrales Thema ist der selbstbewusste Umgang mit dem Internet. Große Gebiete, große Worte. Wo fangen wir an, in welcher Halle? Wie wäre es mit dem Selbst, das mündig werden muss, ehe es bewusst handeln kann? Sonst bleibt es doch beim "großen Rundgang für farbiges Druckerpapier" und ähnlichen Übersprungshandlungen.

Denn Kurzschlüsse gibt es ohnehin genug. Man lese nur die Mitteilung der Datev-Steuerberater zum fast sehnsüchtig erwarteten elektronischen Lohnzettel, auf den sich deutsche Arbeitnehmer freuen. Nur lesbar mit dem elektronischen Personalausweis, dem großen CeBIT-Thema anno 2010. Natürlich ist das neue Kärtchen hochsupersicher, genau wie die deutschen elektronischen Reisepässe der murksenden Mossad-Agenten. (jk)