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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Ich bin gerne Online-Journalist, auch wenn die Einnahmen nicht so prickelnd sind und ich das höhnische Urteil eines Professors der Besoldungsgruppe A 14 lesen muss, dass das Honorar nicht der Rede wert ist. Denn im Online-Bereich liegt eindeutig die Zukunft des Journalismus, jedenfalls der Form von Textzünderei, bei der der Leser weiter denken muss und nicht wie ein Masthuhn mit Geschmacklosigkeiten gefüttert wird. Fern bleibe mir der Service-Journalismus, den die Strategen des Paid Content predigen. Die 10 besten Tools und Tipps zur Sommerzeit komplett mit Klickstrecke, wie man einen Uhrzeiger verstellt, sind geronnener Schwachsinn. Wo Udmurtien, Samara, Kemerowo und Tschukotka liegen, die neue Zeitzonen bekommen, wäre noch sinnvoll, wenn es wirklich interessiert. Wer zur Sommerzeit Abwechslung sucht, sollte sich eine Uhr besorgen, die entschärft werden muss und das Lesen dieser Kolumne einstellen.

*** So viel Vorrede muss sein, und das nicht wegen der Sommerzeit, die auf kaiserlichen Befehl am 6. April 1916 zum 30. April eingeführt wurde, komplett mit einem Kommentar in der "Frankfurter Zeitung" zur Überlegenheit der deutschen germanischen Sommerzeit gegenüber der englischen Sommerzeit – weil diese drei Wochen später eingeführt wurde. Vergessen wir an dieser Stelle einmal, dass es der englische Bauunternehmer William Willet war, der die Sommerzeit aus baupraktischen Gründen als erster im großen Stil propagierte und wenden uns der englischen Presse zu. Diese soll nach und nach kostenpflichtig im Internet zu lesen sein, was als "entscheidender Zeitpunkt" für den Journalismus gewertet wird. Freunde der Milchmädchenrechnung kommen da ganz auf ihre Kosten, wenn zum Preis einer Tasse Kaffee verkündet wird, dass die Leser den direkten Zugang zu den Journalisten und Experten bekommen. Dass sie als bezahlende Kunden nicht mehr simple Konsumenten des Internet-Angebotes sind, sondern Teil einer aufregenden Online-Kultur: " We want people to do more than just read it – to be part of it." Klar doch, dass man dafür zahlen muss, wenn Qualitätsjournalismus geboten wird, veredelt durch Handlungsanweisungen des septuagenarischen Herrschers über die Inhalte.

*** Vielleicht sind sie ja besser als das Verbot von 119 Worten, das in Chicago bei der Tribune zwecks Qualitätssicherung erlassen wurde. Obwohl: Die Vorstellung hat ja etwas Schönes, milgramhaft Verlockendes an sich, wenn IT-Journalisten elektroschockig vermittelt werden kann, nicht solche Unworte wie "Software-Schmiede" oder "Internet-Urgestein" oder "pfiffiges Programm" zu verwenden. Noch härter bitte bei Marketiers, die aus einer simplen Mitfahrzentrale 2.0 einen Dynamic Ridesharing Service machen.

*** Bleibt nur noch abzuwarten, ob die Ausführung des Paid Content im Murdoch-Reich besser durchdacht ist als die beim deutschen Hamburger Abendblatt, wo mit wenig Kniffke bei den Browser-Einstellungen der geschützte Bezahl-Content wieder zu lesen ist. Nein, nein, ich werde da nicht konkreter, aber die Sache beim Hamburger Blatt ist ungefähr genauso einfach wie die tolle Sicherheitslücke, die sich in dieser Woche den Kassenzahnärzten in der norddeutschen Tiefebene aufgetan hat. Einmal in das Webportal ihrer Verrechnungsstelle eingeloggt, brauchten sie nur die KZV-Nummer eines Kollegen eingeben und erhielten Einblick auf seine Dokumente, auf Honorarbescheide und Quartalsabrechnungen inklusiver aller Patientendaten. Wer sich über die Sicherheit von medizinischen Daten im Netz noch Illusionen macht, sollte sich das Sonderrundschreiben der kassenzahnärztlichen Vereinigung Niedersachsens besorgen und durchlesen, aus dem Journalisten nicht zitieren dürfen. Security by obscurity, Baby, da hilft auch die schönste bunt bedruckte Gesundheitskarte nicht die Bohne.

*** Obamacare ist ein neues Wort und steht für den wohl größten Erfolg in der bisherigen Regierungszeit des US-Präsidenten Barack Obama. Bei uns gibt es Kommentare mit einem schwiemeligen Unterton, der wohlwollend sein soll. Dabei können wir von der Reform lernen, wie es wenigstens die stationäre Aufnahme erkannt hat: Alle Abgaben an Ärzte, die den Wert von 10 Dollar überschreiten, müssen deklariert werden, die schrecklichen Burgerbrater und Huhn-Verbrenner müssen die Kalorien veröffentlichen, die ihr Fraß enthält. Von solcher Transparenz sind wir in der ach so fortschrittlichen BRD meilenweit entfernt. Ärzte bekommen Bakschisch, wenn sie den Besuch eines Pharmaberaters "bewerten" und wer das Gezeter um die Futterampel verfolgt, darf ruhig in Tränen ausbrechen. Immerhin gibt es Software wie barcoo, die aus der Barcode-ID in einer Datenbank die Werte heraussucht, die die Industrie zu vertuschen sucht. Derweil lacht sich die Pharmaindustrie über unseren Gesundheitsminister Rösler schlapp, der seine Preisbremse als Erfolg verkaufen will.

*** So professionell, wie Medizinjournalisten schwindeln können, arbeiten auch ihre Pendants in dieser unser kleinen IT-Branche. Viel zu viel von dem Schrott, der da veröffentlicht wird, stammt aus den Quellen von "PR-Flaks", den Pressesprechern und angeschlossenen Werbe-Agenturen, die ihre Gülle auf "Experten" regnen lassen, die das für Sanddorn-Nektar halten. Unter PR-Profis gilt es als ausgemacht, dass gelogen werden darf. Damit sind wir beim brisanten Thema, ob die Lizenz zum Lügen auch für Regierungssprecher gilt: Am Freitag, den 4. September 2009 um 8:06 lief eine E-Mail des Bundesnachrichtendienstes über die Verteiler ins Bundeskanzleramt und ins Verteidigungsministerium, in der dieser BBC-Bericht besprochen und verlinkt wurde. Bald wird die Bundeskanzlerin nicht mehr erklären können, von nichts nie niemals etwas gewusst zu haben. Von Deutschen kommende Befehle haben unstrittig eine Katastrophe ausgelöst. Nun wird die Wahrheit am Hindukusch verteidigt – und der Chef der Bundesagentur für Arbeit krempelt die Bundeswehr um. Sie wird aufgehübscht wie eines der jungen Atomkraftwerke, von denen es in Deutschland plötzlich nur so wimmelt. So beseitigt man eine störende Defizitanalyse durch eine mit sanfter Hand aufgetragene Quacksalbe.

*** Am letzten Samstag starb Robin Milner, der 1991 den Turing Award für seine zahlreichen Entdeckungen in der Informatik erhielt. Er gehörte zur Generation der Forscher, die erst einmal eine eigene Programmiersprache entwickelten. ML, ausgeschrieben die Meta-Language, wurde benötigt, um automatische Beweise durchführen zu können. Mit dem Pi-Kalkül entwickelte er eine Beschreibung für Berechnungen, deren Vorgaben sich während der Berechnung ändern. Milner studierte Mathematik und war einer der ersten Programmierer, die an dem EDSAC arbeiteten. Danach betreute er bei Ferranti die Programmbibliotheken, ehe er sich zwischen einer Karriere als Oboist oder Informatiker entscheiden musste. Das Resultat ist bekannt.

*** Ein weiterer Nachtrag muss Grigori Perelman erwähnen, der für seinen Beweis der Poincaré-Vermutung seit 6 Jahren Favorit auf den höchstdotierten Mathematik-Preis war. Nun hat er ihn gewonnen und die Preissumme abgelehnt, genau wie zuvor die Fields-Medaille. Perelman arbeitet weiterhin als Mathematiker und scheut Preise wie Presse. Gerüchte besagen, dass er sich mit der Riemannschen Vermutung beschäftigt, für die er eine weitere Dollar-Million ablehnen kann. Wer Perelman einen Verrückten nennt, könnte dies genauso ignorant über Francisco Ayala behaupten, der dieser Tage den mit 1,6 Millionen dotierten Templeton Prize gewann. Ein geweihter katholischer Priester, der als Evolutionsgenetiker wissenschaftliche Karriere machte, sprengt kleinstkarierte Muster.

Was wird.

Der erste April naht. Er wird voller Nachrichten darüber sein, welche Pläne Google mit China, der Welt, dem Universum und dem ganzen Rest hat. In Deutschland wird es Nachrichten darüber geben, dass die bis zum 29.3. verlängerte Verfassungsbeschwerde gegen ELENA in Bielefeld wegen dem ersten April verlängert wird, weil Koffer voller Formulare verschwunden sind in einem Codeklau sondergleichen.

Daher möchte ich zum Schluss dieser kleinen Wochenschau auf ein anderes Ereignis aufmerksam machen, das das Zeug hat, jeden Aprilscherz in den Schatten zu stellen: Die Berufungsverhandlung zwischen Novell und SCO ist zu Ende, die Schlussplädoyers sind gehalten, nur die Geschworenen sind mit ihrer Beratung noch nicht fertig. Es darf auch niemals fertig sein: Was da in Salt Lake City verhandelt wurde, ist mittlerweile Bestandteil der Computerkultur, mit allen Halbwahrheiten, in denen SCO glänzt wie ein Judenei und das im Staate der Mormonen. Außer Frage steht, dass die Geschworenen dieser gebeutelten und gestrauchelten Firma ihre Sympathie schenken und Novell abblitzen lassen. Gekonnt formulieren dies die Agenturen, wenn sie davon schreiben dass eine Jury über das Eigentum an den Unix-Copyrights entscheidet. Doch darum geht es längst nicht mehr. Zur unendlichen Geschichte gehört es schließlich, dass die Geschichte wirklich unendlich ist, ansonsten wäre es nur eine bitterböse Satire über die Verkommenheit des US-amerikanischen Justizsystems. Das würde niemand mögen dürfen sollen, um es mit einer Anleihe beim bayerischen Justizexperten Karl Valentin zu sagen. Oder, um mit einem leicht verrückten Kollektief einzustimmen: Amsterdamned. (jk)