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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Blauer Himmel in der norddeutschen Tiefebene, der am Horizont seltsam fahl ist und ohne jeden Kondensstreifen. Eyjafjallajökull lässt grüßen. Asche auf mein Haupt, wenn ich über die neue Form des Cloud Computings Witze mache. Eigentlich müsste die Szenerie wie in Metro 2033 aussehen, aber nix da. Die Lage ist nicht ernst und schon gar nicht hoffnungslos, wenn von einem iPad aus weiter regiert werden kann, wenn eine richtige Tastatur benutzt wird. Möglicherweise ist dieser Vulkan eine Marketingmaßnahme von Apple, die Verspätungen zu erklären, für die US-amerikanische Junkies verantwortlich sind: Angeblich macht das iPad applesüchtig wie Oxycontin, ein starkes Opiat, dass die Israelis fürchten.

*** Interessanter als der aschewolkig gewundene Reiseweg von Kanzlerin Merkel über Lissabon und Rom heim in die Republik ist ihr USA-Aufenthalt, komplett mit einem netten Abkommen zum Austausch biometrischer Daten zu unser aller Sicherheit. Falls das BKA meine Fingerabdrucke noch nicht hat, kann es sie bald günstig aus den USA beziehen, wo sie bei jeder Einreise überprüft werden. Mit ein bisschen Gefrickel im Code sollten transatlantische Datenabfragen sogar schneller sein als die im SIS-II-System, das ohnehin nur Fahndungsbestände speichert und dann noch schneckig performant sein soll. Vielleicht hätten die Systemarchitekten dieses 60 Millionen Euro-Unfalls mal bei Google nachfragen sollen, wie das geht mit schnellen Algorithmen. So sorgt Google nur für die Nicht-Nachricht dieser Woche, weil man bei ihrem Besuch in Kaliforien die Bundeskanzlerin einfach abblitzen lies. Sie wollte das Hauptquartier des Datengeistes besuchen und das seltsame Leistungsschutzrecht diskutieren, das nicht nur Blogger ratlos macht. Das wollte Google nicht und sagte lieber den Termin mit Merkel ab. Jede Ähnlichkeit mit einem chinesischen Politbüro ist zufällig.

*** Passend zu den auch von Merkel begleiteten Abrüstungsgesprächen haben sich ganz ohne Merkel US-Präsident Barack "Blackberry" Obama und sein russischer Präsidentenfreund Dimitri Medwedew darauf geeinigt, die Welt künftig per SMS und E-Mail zu regieren. Jedenfalls solange, wie es keinen sicheren Regierungsmodus für Twitter gibt, den Dienst, den Medwedew offenbar bevorzugt. Man kann sich richtig gut vorstellen, so einen Regierungs-Service, in dem Medwedew laufend RTs von Putin verschickt und Angela Merkel mit #mrkl getaggt wird. So wächst transatlantisch vulkanausbruchsicher zusammen, was längst zusammengehört, wie dies unser Bundesgerichtshof erkannt hat: Die New York Times kann vor ein deutsches Gericht gestellt werden, wenn ihr investigativer Journalismus einem deutschen Bürger ein Dorn im Auge ist.

*** Vor sieben Jahren schrieb Paul Graham auf, warum Nerds unbeliebt sind mit ihrem nüchternen Blick auf die Welt. Der Text war Ausgangspunkt einer größeren Debatte um die Bedeutung der Nerds, abseits der spaßigen Definitionen, was ein Nerd ist. Seit einem Jahr gibt es den Text auch auf Deutsch. Nerd, das ist jemand, der ein Blick für Verfahrenstechniken hat. Man lese nur die ergötzliche Stelle über die Bedeutung der Cliff's Notes für den Französischunterricht, weil sich herausstellte, das selbst die Lehrer nur die Cliff's Notes kannten. In unserer Remix-Kultur des Internets sind die Literaturverkürzungen die Norm geworden, und die aus den Cliff's Notes hervorgegangene "Für Dummies"-Bücher sind Legion. Erinnern wir uns daher an den Literaturliebhaber Clifton Keith Hillegass, der heute Geburtstag hätte. Er kaufte einem kanadischen Verleger die Cole's Notes ab, der aus Shakespeares 16 Stücken Kurzversionen zum schnellen Lesen produziert hatte und nannte sie in Cliff's Notes um. Aus der Idee des Literaturfans, den Arbeitern die Lektüre der Weltliteratur zu ermöglichen, entstand eine Buchreihe, die zunächst den Pädagogen verhasst war. Hillegass war entsetzt: Jede Ausgabe der Cliff's Notes bekam eine warnende Banderole: "A thorough appreciation of literature allows no shortcuts." Das half nicht. Längst ist die Warnung verschwunden und die iPhone-Äpp wandert auf das iPad. Wer liest schon noch Kamellen wie Brideshead Revisited? (<-- Hier mal in einer Zusammenfassung für Nörds)

*** 2500 Teilnehmer trafen sich in Berlin zur Nerdkonferenz re:publica und brachten mit mehr als 5000 eingeloggten Geräten das WLAN zum Schwitzen. Eigentlich sollte es um Netzpolitik und Bloggen gehen, aber hey, das Mikrobloggen mit Twitter ist ja so sausubversiv, da muss man gleich multipel vernetzt sein. Inmitten aller Aufmunterungen und aschenputtelig ausbleibenden Referenten gab es viele amüsante Szenen. Eigens zur Konferenz stellte ein "Holzmedium" den reichlich engen Hallraum der deutschen Bloggerszene in einem multimedial angerührten Dossier vor, was prompt Blogger reizte, die davon phantasierten, dass Blogger die FAZ besetzen. Ein Frank Schirrmacher sollte an den Toren der Kalkscheune rütteln? Warum? Frank Schirrmacher hielt derweil Privataudienz im Cafe Einstein und ließ ausgewählte Referenten zu sich kommen. Und alle, alle kamen. Tja, so funktioniert die Frank Schirrmacher-Maschine, die eine Frank Schirrmacher-Maschine bauen lässt, damit das ungesunde Multitasking durch eine gesunde Lektüre ersetzt werden kann, auf Papier, Kindle oder eben dem iPad.

*** Für viele Teilnehmer des Digerati-Schwoofes waren Freiheitsblogger aus der "Dritten Welt" völlig uninteressant - der Saal blieb gähnend leer. Dafür wurde ausgerechnet ein Referat eines Unternehmensberaters hoch bejubelt, der als Change Management Papst (PDF-Datei) damit beschäftigt ist, ängstliche Deutsche zu klassifizieren. Etwa in Zaungäste, in in "Besucher" und in "Bewohner" von Digitalien. Dass das Wiederkäuen einer auch schon 10 Jahre alten These so begeistert, muss amüsieren. Es kann aber auch nachdenklich stimmen, wenn man mitliest, wie die genau diese begeisterten Bewohner von Digitalien ihren durch kein Realleben gebremsten Sexismus auslebten. Dagegen sind die angeblich ach so furchtbaren Heisetrolle gesittete Menschen mit digitalen Manieren, selbst mein Dauerkommentator, dem ich dauernd einen ähem, ähem.

*** Ist der Auftrieb zur re:publica ein Abbild der "Internet-Community"? Oder gibt es zahlreiche, viel verlappende "Communities", so wie es sehr unterschiedliche Gruppen gibt, die alle eine Zeitung lesen, ohne gleich Teil einer Zeitungs-Gemeinde zu sein? Jeder Journalist kennt die Gefahr des Tunnelblicks, wenn man drauf und dran ist, nur für eine Community zu schreiben und den Leser vergisst. Insofern waren die "standing ovations", die der Referent des wunderbar obskuren Wikileaks-Projekts auch eine Art Trollerei. Die Aussage, dass die Journalisten glaubwürdig sind, die ihre Quellen bei Wikileaks veröffentlichen, ist hoch bedenklich. Es kommt der Zensur gleich, wenn eine Plattform gegen Zensur und Unterdrückung von brisanten Informationen auch noch als Messlatte der Glaubwürdigkeit herhalten soll.

Was wird.

Nach der re:publica wartet Berlin auf die Next10 der Game Changers, die selbst ernannte "Kongress zur Zukunft und Relevanz des Webs für Blue Chips, Visionäre und Startups". Für Blogger und Twitterer gibt es einen um 500 Ocken vergünstigten wahnsinnig günstigen Eintrittspreis von 290 Ocken, wenn sie mindestens 1000 Leser oder Follower haben und mindestens einmal am Tag bloggen oder twittern. Soviel zum Thema Relevanz.

Doch zunächst richten sich die Blicke nach Frankfurt. Vielleicht bleiben sie noch länger am Boden, die Flieger. Freie Himmel über Frankfurt! Freilich könnte es passieren, dass Referenten nicht zur Auftaktveranstaltung staufreies Hessen anreisen können, mit der die größte automotive Überwachungsanlage gebührend gefeiert werden soll. 2015, wenn das momentan noch verbotene KFZ-Kennzeichen-Scanning wieder funktioniert, wird jeder fahrende Hesse sanft geleitet und gelenkt, auf dass es nirgendwo mehr stockt und staut. Der Polizist Big Brother bekommt einen schönen hessischen Namen wie Heinz Erhardt. Und ganz im Hintergrund lauert die Einführung einer PKW-Maut, wie sie das Umweltbundesamt (PDF-Datei) in einem Hintergrundpapier zur Diskussion gestellt hat. Bleibt wieder einmal die Frage, ob wir diesmal etwas von den Nachbarn lernen können, nicht nur in Sachen Afghanistan? (vbr)

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