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Was war. Was wird. Auf der Suche nach den richtigen Pillen.

Bezeichnend, wenn die Autokorrektur aus Adorno Ahorn machen will, meint Hal Faber. Was kratzt's den deutschen Ahorn, wenn sich ein Adorno an ihm schubbert? Dabei wäre mehr Adorno, weniger Internet-Gebote auskotzendes Feulleiton ein Schritt nach vorne.

Ahorn

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** BNDal Forte ist ein Medikament zur Anwendung in sinnlosen politischen Prozessen, das laut Packungsbeilage zu 15 Prozent aus einer 30-prozentigen Scheinlösung besteht, zu gleichen Teilen angereichert mit hochkonzentrierter Massenüberwachung und Pressefreiheitsbrüchen. Es soll auch als weiße Salbe verfügbar sein, die man sich in die verschnupfte oder verkokste Nasenschleimhaut reiben kann, wenn man bei akutem Wählermangel vom Wirkstoff Terrorangst abhängig geworden ist. Angesichts der Nachrichten über erkannte und nicht veröffentlichte Sicherheitslücken von Überwachungskameras oder den Berichten aus dem NSA-Untersuchungsausschuss fragt man sich, welche Medikamente beim BND zum Einsatz kommen. Auf alle Fälle sind sie schädlich, denn sie machen die Geheimdienstler US-abhängig, sowohl mental, wie softwareseitig.

*** Ja, der goldene Herbst ist da und mit ihm kommt buchmessig bedingt die Saison der schlauen Spitzköpfe und der großen Feuilletons, mit Reden vom Untergang des Abendlandes, den christlichen Werten und dem Aussterben des Ehe rettenden Puffs. So treten sie auf, die vergeilten Schlussdeichler wie sloty@durlacherfreiheit.de, die mit ihren perlenden Schwänzen über die vernetzte Welt als kulturelle Herausforderung parlieren. Genau, diese elende vernetzte Welt aber auch, ist über sie nicht alles gesagt und geschrieben?

*** Nein, meint die Süddeutsche Zeitung und stellt lang und breit das Projekt Free Speech Debate des Dahrendorf-Programmes vor, das 10 Prinzipien zur Achtung der Meinungsfreiheit gesammelt und erläutert hat. Typisch deutsch, dass in der Lobhudelei aus den 10 Prinzipien gleich 10 Gebote gemacht werden – eine feste Burg ist halt unser unbedingte Glaube an Gebote und Bahnsteigfahrkarten. Vergleicht man übrigens die 10 Prinzipien mit dem, was die Flachpfeifen von #NichtEgal im Dialog mit dem Juristen Arnd Diringer über Meinungsfreiheit getwittert haben, bekommt man eine Ahnung, warum in Deutschland prompt von "Geboten" und "Gesetzen" die Rede ist. Leider sind die #NichtEgal-Ausführungen zur Strafbarkeit von bloßem Hass oder hässlichen Emotionen schon gelöscht und dem blitzschnellen Vergessen anheimgefallen. Nur so viel: Das mit dem Recht auf Meinungsfreiheit wollte man halt etwas enger auslegen im Auftrag der Firma.

*** Reicht es mit den Prinzipien zur richtig verstandenen Meinungsfreiheit? Nein, meint die Frankfurter Allgemeine Zeitung und beginnt gleich eine neue Großdebatte über "Internet als Vehikel der Demokratie", einzeln zahlbar hinter dem Vehikel namens Firewall. Gleich der erste Beitrag zur "Räson des Internet" reizt zum Lachen: "Lässt sich das Internet zur Vernunft bringen?" Hach, es wäre so einfach, wenn eine Technologie vernünftig wäre wie ein Messer, das zum Schneiden da ist und nicht zum Morden. So bekommt Facebook mal wieder einmal die Schuld in die Gesichtsbücher geschoben, die britischen Jungwähler nicht über das Brexit-Referendum informiert zu haben, die folglich der Wahl fernblieben und ihr Stimmrecht verspielten. Ja, ja, die Jungen Briten, da haben wir es doch besser, mit diesem rechtzeitig vor der Wahl veröffentlichten "Aufruf zu einer Leit-und Rahmenkultur" "in Zeiten gesellschaftlicher Unruhe", der "Halt und Orientierung" bringt mit den drei "Kraftquellen" Heimat, Patriotismus und Leitkultur sowie dem glücklich machenden Soundtrack der Nationalhymne.

*** Wen es ekelt, der sei mit mir und diesen aufklärenden Zeilen:
"Anzugehen wäre gegen jene Art folk-ways, Volkssitten, Initiationsriten jeglicher Gestalt, die einem Menschen physischen Schmerz – oft bis zum Unerträglichen – antun als Preis dafür, dass er sich als Dazugehöriger, als einer des Kollektivs fühlen darf. Das Böse von Gebräuchen wie die Rauhnächte oder das Haberfeldtreiben und wie derlei beliebte bodenständige Sitten sonst heißen mögen, ist eine unmittelbare Vorform der nationalsozialistischen Gewalttat. (Theodor W. Adorno)

*** Dies ist ein Zitat aus dem Vortrag "Erziehung nach Auschwitz", vom Hessischen Rundfunk am 18. April 1966 gesendet, in dem Adorno Tacheles sprach und sich mobile, schweifende Erziehungsgruppen und gar Kolonnen von Freiwilligen wünschte, "die aufs Land fahren und in Diskussionen, Kursen und zusätzlichem Unterricht versuchen, die bedrohlichsten Lücken auszufüllen." Von Adorno, freilich nicht im Radiovortrag benutzt, stammt auch der beste Aphorismus zu diesem Un-Ding namens Leitbild: "Das fatale Wort Leitbild, dem die Unmöglichkeit dessen eingeschrieben ist, was es meint, drückt das aus." Die Gier, das Verlangen nach Leitbildern, sind für ihn Gewaltakte, Kennzeichen einer unfreien Gesellschaft.

*** Seit gestern sind wir alle Teil der wichtigsten und größten Cyber-Kampagne, die Europa je gesehen hat, dem Cyber Security Month: Stop! Think! Connect! Wenn sich das Internet schon nicht zur Vernunft bringen lässt, dann müssen wir die Unvernunft gutheißen, alles zu becybern mit Veranstaltungen wie dem drohend klingenden "Die Hacker kommen!" in Hoyerswerda. Auch der Deutsche Bundestag macht mit und es gibt ein Live-Hacking und Hacker zum Anfassen und Anbeißen, ordentlich getrennt einmal im Fraktionssaal der SPD und dem der CDU sowie eine Vorschau unter der intern erreichbaren URL https://www.bundestag.btg/Aktuelles/Live-Hacking.php. Neben dem Monat zur Cybersicherheit gab es in Singapur die bis dato größte Cybersicherheitskonferenz von Europol, Interpol und No More Ransom. Das Konferenz-Hauptthema "Attribution" passte bestens zur ersten Kandidatendebatte im US-Wahlkampf zwischen Hillary Clinton und Donald Trump: Wer bestimmt eigentlich, dass Cyberattacken aus Russland kommen oder aus China oder von jemanden, der auf seinem Bett sitzt und 400 Pfund wiegt, NATO-Bündnisfall inklusive? Auf Trumps Hacker-Invektive reagierte The Hacker Quarterly vorbildlich mit dem Aussetzen eines Cyber-Preisgelds.

Was wird.

Er kommt aus dem Westen, ist aber ganz in Ordnung? "Ich habe lange nicht gemerkt, wie beleidigend das eigentlich ist.", heißt es in der tageszeitung zur deutschen Einheit. Wie schön der Westen war, will dort im Osten niemand wissen. Freuen wir uns zum Tag der Deutschen Einheit mit Oliver Polack, der uns und sich gratuliert für den outgesourcten Judenhass, den jetzt die Araber als "Leiharbeiter" übernehmen über die deutsche Biodiversität: "Deutscher, Biodeutscher, böser Deutscher, Nachkriegsdeutscher, Wessi, Ossi, Flüchtling, Nazi, besorgter Bürger, AfD-Wähler, Pegida-Vogel, Politiker, Idiot, Dümmling, kluger Mensch, dummer Mensch, deutsches Eichhörnchen, Araber." Es ist eine Geschichte aus dem deutschen Westen: Oliver Polaks Vater hatte die Konzentrationslager überlebt und danach weiter in Papenburg gelebt, als Jude unter Deutschen. Nach seinem Tode sollte eine Strasse nach ihm benannt werden, doch ein Stadtratmitglied war dagegen. Im Nachlass seines Vaters fand Oliver Polak eine Postkarte, "Mit schönen Grüßen aus Auschwitz", unterschrieben von diesem Stadtrat. So gehen die Deutschen, die Deutschen gehen so, in Ost wie West. "Wir sind Papst!", das können wir jubeln. "Wir sind Auschwitz!" Nie gehört und Google hustet.

Am 4. Oktober 2006 wurde die Domain Wikileaks.org bei Dynadot angemeldet. Zum kommenden 10-jährigen Geburtstag gibt es im Spiegel ein Interview mit Julian Assange. Dieser ist voll des Selbstlobes, besonders was Edward Snowden anbelangt:
"Nicht zuletzt dank der harten Arbeit von Wikilekas bekam Snowden in Russland politisches Asyl. Er hat Reisedokumente, er lebt mit seiner Freundin zusammen, geht zu Ballettvorführungen und verdient ordentliche Honorare für Reden. Edward Snowden ist im Wesentlichen frei und glücklich. Das ist kein Zufall. Es war meine Strategie, der einschüchternden Wirkung der 35 Jahre Gefängnis für Chelsea Manning etwas entgegenzusetzen. Und es hat funktioniert."
Hat es wirklich funktioniert? Mit seinen Reisedokumenten kommt Snowden nicht aus Russland heraus, in dieser Woche scheiterte in zweiter Instanz wie schon im Juni der Versuch, ihm freies Geleit zu einer Preisverleihung zu sichern. Wie immer die harte Arbeit von Wikileaks aussah, es bleibt spannend, was abseits der filmischen Verarbeitung noch bekannt wird. Die zarte Andeutung, dass das neue Kuba, auf einen amerikanischen Wink hin, ein Asylangebot für Snowden zurückgezogen hatte, gehört dazu.

Und sonst so? Die Landesverräter von Netzpolitik feiern. Zur Party passt das einzige Woodstock-Video, in dem Steve Jobs zu sehen sein soll. One pill makes you larger, one pill makes you small: Feed your head. And the ones that mother gives you don't do anything at all. Eben. Mehr Adorno, weniger Gebote-Feuilleton. (Hal Faber) / (jk)

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