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Was war. Was wird. Das große Irren.

Hat Hal Faber letztens nicht von Abschieden geredet? Oh ja. Scheiden tut weh. Vor allem, weil so viele schuld sind.

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Eichhörnchen

"Ich? Ich war's nicht!" Wenigstens einer, der definitiv nicht schuld ist.

(Bild: Andrew Martin, gemeinfrei)

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** So kann man sich irren.

Da sollte der Rummel ums SAP-Riesenrad und das Gondelfahren am Kran in die Cloud mit IBM mindestens zwei weitere Sommer-CeBITs lang getestet werden, doch nun das. "Es wird keine CeBIT in Deutschland mehr geben", wie Unternehmenssprecher Onuora Ogbukagu verkündete. Schuld sind die Aussteller, denen die Kosten für ein Riesenrad zu hoch sind, jedenfalls im Vergleich zu den Kunden, die zu einem Beratungsgespräch in so ein Riesenrad einsteigen und sich verschaukeln lassen. Schuld sind die Fachbesucher, die den Rummel scheuen und lieber zu einer SAP-Konferenz gehen. Schuld ist die Messe AG als Veranstalter, die sich mit Wasserrutsche und Riesenrad ins Verderben stürzte und Seppuku auf Raten inszenierte. Schuld hatte der "Umsatz", wie es der CeBIT-Berater Sascha Lobo meint, vulgo der böse Kapitalismus auf Drogen, wo Firmen Profite machen wollen und Hotels deftige Aufschläge auf den Übernachtungspreis machen, sobald die "Messezeit" gekommen ist. Schuld sind die "Entscheider" aus anderen Branchen, die nach Hannover kommen sollten und den Weg in die norddeutsche Tiefebene nicht fanden. Schuld sind die Schulklassen, die die Digitalisierung bestaunen sollten und doch nur Kugelschreiber ergattern wollten. Der ADAC war schuld, übernahm er doch nicht die vollen Kosten für den Messebesuch mit einem dicken SUV. Vielleicht hat auch noch Peter Altmeier Schuld daran, der die letzte CeBIT eröffnete. So macht man ganz für umsonst eine gute Figur. Oder die künstliche Intelligenz, die Altmeier mit 3 Milliarden Euro fördern will: Sie kann man nicht so einfach wie ein Riesenrad aufstellen, da muss schon was niedliches wie Watson her. Wenigstens fehlen Putin und Erdogan in der Liste der Schuldigen. Auch den Chaos Computer Club kann man nicht verantwortlich machen: Die letzte lustige Messestörung namens CCCeBIT fand 2007 statt, als ein Bundestrojaner-Pferdchen überreicht wurde.

*** Schuld ist ganz klar diese grässliche Digitalisierung selber mit ihrer Ideologie, dem Technopopulismus, wie Eugen Morozov unter dem Print-Titel "Nutzer alle Länder" in der Süddeutschen Zeitung schreibt, ganz ohne das befehlerische "Vereinigt euch!" des Kommunistischen Manifestes. Dieser Technopopulismus entstand nach Morozov im Jahre 2006, als das Time Magazine Du/Ihr zur Person des Jahres deklarierte, die ganze bunte Gesamtheit der Iche, die das Informationszeitalter kontrollieren. Werch ein Illtum! Heute sind die Nutzer auf ewig gefangen "in den unsichtbaren Käfigen der Datenbroker. Der ehrenwerte Versuch, jeden von uns zu einem ehrenwerten Mitglied des innersten Zirkels der kulturellen Elite zu machen, hat uns stattdessen alle in die unauslöschlichen Listen von Cambridge Analytica verdammt." Wer in einer solchen Zwangsjacke steckt, wer sich unauslöschlich fühlt, hat sicher keine Lust auf Messe, Spaß und Begleitkongress mit Jaron Lanier, dem Warner vor allen möglichen Zwängen, dem Erlöser aller Zwangsgejackten. Wobei an Herrn Morozov die Frage erlaubt sei, was denn bitte in diesem Jahrtausend der "innerste Zirkel der kulturellen Elite" ist. Ein Stuhlkreis auf Mastodon?

*** Ja, so kann man sich irren: Noch in der letzten Wochenschau habe ich froh gestimmt über eine Grundgesetzänderung geschrieben, mit der der Digitalpakt Schule endlich umgesetzt werden kann. Der ist nämlich hundsgemein in Verzug, nicht erst seit dem großspurig vom Digitalpakt die Rede ist. Erinnert sei an die CeBIT Home 1996, als ein Forschungsminister namens Jürgen Rüttgers die Initiative "Schulen ans Netz" startete und meinte, dass zur Jahrtausendwende "multimedialer Unterricht" der Standard an deutschen Schulen sein wird. Nix da, heute noch kratzen Lehrer mit Kreide auf der Tafel herum, es ist zum Verzweifeln. Erst Baden-Württemberg, nun auch noch Schleswig-Holstein und Sachsen fürchten sich vor einem Kollateralschaden in der Bildungspolitik, auch Bayern und Nordrhein-Westfalen haben bedenken, weil sich die Länder finanziell beteiligen sollen. Die seit einem Jahr geparkten 5 Milliarden Euro an Bundesmitteln bleiben weiter unberührt, wenn der Widerstand im Bundesrat die Grundgesetzänderung zu Fall bringt. Zum Vergleich: Das 500 Milliarden-Paket zur Bankenrettung brauchte in Bundestag und Bundesrat etwas über eine Woche, um eine Katastrophe abzuwenden. Die Bildungskatastrophe lassen wir hingegen ungerührt zu und diskutieren lieber über die Dieselkrise.

*** Der nächste Irrtum ist da schon erfreulicher: Es gibt doch kein ungeschriebenes Gesetz, dass Datenschutzbeauftragte Juristen sein müssen, allein schon wegen dem haarigen Kleinklein der DSGVO, die angeblich sogar den weihnachtlichen Wunschzettel gefährden. Nun wird ein Informatiker Bundesdatenschutzbeauftragter, einer der in seiner gläsernen Erklärung 4 PCs und 2 Laptops aufführt und nur über die Zahl seiner Tablets eisern schweigt. Zudem ist da eine interessante Kombination zu finden: Beim Pferdchen steht er in der Tradition des CCC und lehnt den Bundestrojaner ab, beim Bäuerchen der Vorratsdatenspeicherung hat er hingegen keine Bedenken.

*** Noch ein Irrtum? Aber klar doch: Anfang des Jahres habe ich über CRISPR geschrieben und mich über das Geschwafel vom genmanipulierten Supersoldaten lustig gemacht. Irre, dass zum Ausklang des Jahres die Meldung von den ersten Babys die Runde macht. Es darf gezweifelt werden, ob der Versuch der Genmanipulation wirklich als Eingriff von äußerst abscheulicher Natur gesehen wird. Kein Zweifel, dass der Versuch, den Übermenschen auf diese Weise zu schaffen, zu neuer Diskriminierung führt. Wie sagt es der Schriftsteller Tom Coraghessan Boyle im Interview: "Ich sehe das nicht sehr hoffnungsvoll. Die Diskriminierung in hundert Jahren kann man sich ja jetzt schon vorstellen – die der genetisch Modifizierten, 'Überlegenen', gegenüber den 'Normalen. Man wird die normalen Menschen als animalischer und verzichtbarer betrachten. Denken Sie dran, wie wir unsere Tiere behandeln, die Schimpansen – weil sie nicht menschlich sind. Es wird der Punkt kommen, an dem Menschen als weniger wert gelten. Als weniger Mensch. Wegwerfbar. Lesen Sie Aldous Huxleys 'Schöne neue Welt'! Wie wäre es, wenn die Mädchen in Pink glühen, die Jungen in hellblau, wie die Glofischchen? Wobei auch so ein Irrtum ist, Huxley habe seine "schöne neue Welt" als reine Dystopie verstanden.

*** Was für ein schöner Irrtum! Zweimal, nämlich hier und hier hat diese kleine Wochenschau vom Schweizer e-Voting in seiner ganz besonders irren Unsicherheit berichtet. Nun wird mit einem letzten Witz der Stecker zumindest im Pionier-Kanton Genf gezogen und das System abgeklemmt. Der Witz dabei hat CeBIT-Qualität: Es soll finanzielle Gründe haben. Die Kosten für den Einbau einer sicheren Verschlüsselung, wie sie vom CCC-CH gefordert wurde, wollte man auf einmal nicht mehr tragen können.

*** Aber von wegen Irrtum. Und von wegen Schuld. Jedenfalls nicht am Aus für die CeBIT. Da seien auch von mir nochmal deutliche Worte angeführt.

Was wird.

Der Brexit ist eingeleitet und der Irrsinn geht weiter, zumindest im gern zitierten Fall der "polish plumbers". Für all die bald fehlenden billigen polnischen Arbeitskräfte im Catering, auf dem Bau und in der Landwirtschaft sollen die Gefängnisse geleert und Verurteilte mit kurzen Haftstrafen zur Arbeit herangezogen werden. Das soll nebenbei einen erzieherischen Effekt haben, denn eine britische Studie ist zu dem Schluss gekommen, dass Kurzzeitstrafen eben keinen erzieherischen Effekt haben.

Womit die allerletzte Verirrung fällig wird. Inmitten all der Lobhudelei über den Nutzen von Bodycams durch Polizei und Sicherheitsdienste gerät in Vergessenheit, dass im Mutterland der Bodycams inzwischen die Hälfte der Polizisten solche Aufzeichnungsgeräte trägt. Die in den USA damit verbundene Hoffnung, dass auch die unrechtmäßige Gewaltanwendung von Polizisten auf diese Weise dokumentiert wird, hat sich als Irrtum herausgestellt. Täglich werden in den USA zwar Hunderttausende von Polizeieinsätzen mit der Bodycam dokumentiert. Doch nur 8 Prozent dokumentieren Polizeigewalt, 93 Prozent sind aufgenommenes Beweismaterial für Polizeianzeigen gegen die Bürger: wer den Aufnahmeknopf drücken kann, hat die Macht. Das wird auch in Deutschland passieren, wenn die Bodycam im Zuge all der neuen Polizeigesetze polizeikörperdeckend eingeführt wird. Umso wichtiger wird es sein, das kritische Berichterstattung über Polizei und Bürgerrechte kritisch bleibt und möglich ist. Mit den besten Wünschen zum 40. Geburtstag von "Bürgerrechte und Polizei/CILIP ist wenigstens die Empfehlung zum Kongress eine, in der man sich nicht irren kann.

(jk)

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