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Was war. Was wird. Deutschland, kein Sommermärchen.

Inklusion war schon immer eine shitstormtaugliche Angelegenheit, auch als Heimat noch nicht in aller Munde war. Hal Faber aber hat ein Elefanten-Gedächtnis.

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Schloss, Zensur, Überwachung

Ausgeschlossen ist man schnell, und wenn es nur durch dumme Sprüche und den dumpfen Allerweltsrassismus ist. Dummheit stirbt halt einfach nicht aus.

(Bild: Michal Jarmoluk, gemeinfrei)

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Oh, diese Hitze, dieses Leiden unter blauen Himmeln. Die Heimat glüht wie entfernte Wüsten, aus denen Asylsuchende flohen, um in unserer schönen Heimat mit uns zu leben. Oh, sonnigstes, strahlendes Deutschland, du Land der Zukunft und des gemeinsamen Verständnisses, wie es nicht nur Lady Bitch Ray, sondern auch die Bundesregierung dieser Tage in einer Antwort definierte: "Aber Heimat heißt auch Zukunft und Verständnis, gesellschaftliche Veränderungen anzunehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Denn Heimat war und ist immer auch ein Raum sozialer Beziehungen, Ausgleich und Einbindung – Integration. So verstanden ist Heimat Lebensmöglichkeit und nicht nur Herkunftsnachweis. Heimat ist nicht Kulisse, sondern Element aktiver Auseinandersetzung." Heimat als Utopie wie bei Ernst Bloch, und das aus dem Hause Seehofer. Erstaunlich. Ja, dann kann es gerne noch heißer werden und der Herr Minister darf nach Lust und Laune twittern und seine Tweets abschieben.

*** Dabei ist das, was sich da gerade als "Wetter" abspielt, kein Sommermärchen mehr, wie Kachelmann schreibt, sondern das sind organisierte Fake-News, bei denen Hitze und Dürre verwechselt wird. Niemand schreibt mehr die Wahrheit über Ventilatoren, Klimaanlagen, Holzöfen und das Hoch im Norden. Doch es gibt da Zusammenhänge, die auch ein Wetterfuchs wie Kachelmann nicht leugnen kann. Zum Beispiel gibt es eine Kausalität zwischen der Hitze, der allgemeinen Dürre in den Köpfen und der Großmäuligkeit von Law&Order-Trüppchen wie der Deutschen Polizeigewerkschaft. Dort spricht man von der "geistige Verwirrung aufgrund der sommerlichen Temperaturen", die die Kollegen von der ungleich größeren Gewerkschaft der Polizei erfasst haben soll. Dort sollen zumindest die schreibenden Polizisten einen Hitzeknall haben, weil in einem Artikel der Deutschen Polizei angeblich die Kennzeichnungspflicht für Polizisten begrüßt wurde. Was die bei der GdP natürlich dementieren. Ja, aus der Sicht beider Gewerkschaften sind die Menschen in ihrer Rolle als Demonstranten seltsam unfähig: "Es ist doch abwegig zu glauben, dass sich in Tumulten bei Großveranstaltungen jemand eine fünf- bis zehnstellige Nummer, die von der Beamtin oder dem Beamten sichtbar getragen wird, auswendig merken kann oder in brenzligen Situationen davon ein Bild macht."

*** Stattdessen möchte man eine IT-Lösung besonderer Art: "Es gibt zwischenzeitlich Kamerasysteme am Markt, welche in brenzligen Situationen, etwa beim Ziehen der Schusswaffe, des Distanzelektroimpulsgerätes oder etwa des Teleskopschlagstockes automatisch in den Aufzeichnungsmodus wechseln, auch wenn unsere Kolleginnen und Kollegen in dem Stressmoment nicht daran denken. Hierdurch wären die Vorwürfe von 'Polizeigewalt' objektivierbarer und das Ziel jeden einzeln bei Fehlverhalten identifizieren zu können, wäre sichergestellt." Jetzt denken wir einmal kurz darüber nach, wie die so aufgezeichneten "hochpräzisen" Daten in die Hände von Bürgern gelangen können, die nach einer Demonstration für die Seebrücke eine Beschwerde haben. Der jeweilige Informationsfreiheitsgesetzbeauftragte August lässt lächelnd beste Grüße ausrichten.

*** Passend zur IT-Lastigkeit der polizeieigenen Überwachung muss noch einmal auf des neue Projekt am Bahnhof Südkreuz hingewiesen werden, wo das "ungewöhnliche Verhalten" von Passanten und Demonstranten erkannt werden soll. Dort gibt es insgesamt 6 Szenarien, die erkannt und gemeldet werden sollen, von der einfachen Passantenzählung mit der Warnung vor überfüllten Bahnsteigen bis zur Analyse von zusammen strömenden Menschen und der Warnung vor Menschenrotten und Seebrücken-Flashmobs. Wenn alles zur "retrograden" Prüfung aufgezeichnet ist, schlägt die Stunde der "Künstlichen Intelligenz", die nach Bewegungsmustern von Taschendiebstahlsbanden sucht, die ständig die Treppen auf und ab gehen. Natürlich darf auch der stehen gebliebene Koffer nicht im Szenario fehlen, als Chiffre für die terroristische Bedrohung durch unkonventionelle Bomben. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass diesmal die Testergebnisse veröffentlicht werden. Beim Vorläuferprojekt der intelligenten Gesichtserkennung fehlen sie bislang: Die allgemeine Aussage, dass 40 Prozent der am Test beteiligten Freiwilligen erkannt wurden, ist ohne weitere Details absolut wertlos.

*** Details fehlen auch bei einem Vorgang in der somnambulen norddeutschen Tiefebene, dem Rauswurf von Linux beim niedersächsischen Finanzministereium. Selten hat es dürftigere Informationen gegeben als die von den "verschiedenen Stellen", an denen "Skalen- und Synergie-Effekte" entstehen werden. Einfach mal etwas in den Koalitionsvertrag schreiben und machen lassen, das läuft auf einen fetten Auftrag für Dataport hinaus und ist damit eine fundierte Entscheidung für den IT-Standort Deutschland. Von Schleswig-Holstein aus die Ämter und Ministerien erobern, das hat was. Wenn dann das Migrationsprojekt erfolgreich durchgezogen ist – oder auch nicht –, dann kann man ja immer noch im Landtag das Thema Open Source als Chance diskutieren. So bleibt Leben in der Datenbude."Wir sollten nicht von Krisen der anderen profitieren", heißt es. Aber das ist, huch, ein ganz anderes Projekt mit anderen, ebenso wolkigen Allgemeinplätzen wie beim Rausschmiss von Linux. Eine neue, linke Bewegung voller Synergieeffekte in Konkurrenz zu DiEM25? Das wird sich im September zeigen. Das gemeinsame Vielfache ist jedenfalls die Forderung Freiheit für Julian Assange! oder mindestens die Besuchsfreiheit.

*** Ach ja, Besuchsfreiheit ist nicht grenzenlos. Vor 50 Jahren, am 31. August 1968, verlor Charlie Brown seinen Strandball, den ein schwarzer Junge namens Franklin fand. Anschließend lud Charlie Brown Franklin ein, ihn zu Hause zu besuchen. Weiße und schwarze Jungs spielten zusammen, nur wenige Monate nach dem Tod von Martin Luther King. Was die Idee einer Lehrerin war, wurde vom Zeichner Charles M. Schulz gegen alle Widrestände seiner Verleger und trotz vieler wütender Leserbriefe durchgesetzt. Die Schulzsche Inklusion von Franklin gehört zu den kulturellen Erfolgen wie die schwulen Knollennasen und Wulstlippen von Ralf König. Jetzt wird ihm Rassismus und Transphobie vorgeworfen. Zu jeder Inklusion gehört heute jemand, der im Namen seiner oder ihrer Beurteilungsfähigkeit Gerechtigkeit einfordert, für seine oder ihre Weltsicht. "Mich schaudert bei dem Gedanken, in so einer Gesellschaft zu leben: Verbissen, aggressiv, immer einen Grund suchend, sich selbst und sein Weltbild zum Alleingültigen zu erklären. Ich zucke mit den Schultern und mache weiter wie bisher." Das hätte auch ein Charles M. Schulz sagen können.

Was wird.

Wo bleibt das Positive? Natürlich in Russland, wo die ach so gefürchteten russischen Hacker im Mai ihre Konferenz namens Positive Hack Days veranstalteten. Einer der wichtigsten Sponsoren: die Kaspersky Labs, die zudem etliche Redner und Teilnehmer an Hacker-Wettbewerben stellten. Dies soll wohl der Beweis für die viel diskutierte Behauptung sein, dass Kaspersky Labs ein verlängerter Arm der berüchtigten russischen Hacker sind.

Doch während die Spitzen von NSA, FBI, der nationale Geheimdienstkoordinator und die Heimatschutzministerin vor russischen Attacken auf die anstehenden Wahlen zum Kongress warnen, hat Trump die Warnungen kurzerhand weggewischt. Der Mann befindet sich wieder im Wahlkampf, gefürchtet von seinen Parteigenossen. "Alles, was ihn interessiert, ist sein Platz in der Geschichte." (jk)

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