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Was war. Was wird. Die Ballade von der lasterhaften KI.

Ob Karl Klammer schon als Künstliche Intelligenz durchgeht? Hal Faber ist sich nicht sicher, wagt aber immer noch die Frage, warum sich denn bloß eine Künstliche Intelligenz danach sehnen soll, wie ein Mensch zu leben.

Gehirn, Schädel

Ob sich Intelligenz immer in solch einem Materiaklumpen materialisieren muss? Man könnte ja mal eine Künstliche Intelligenz fragen ...

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Als mich das Blut durchkochte dreißig Jahr
und Tag und Nacht nur Gram und Schande war,
da bin ich auch kein großes Licht gewesen,
auch nie als Narr von einem König angestellt.
Mich haben harte Besen
vom Mutterleib hineingefegt in diese Welt.
(François Villon, Ü: Karl Klammer)

Naaaa, wie war das mit dem knall-harten Windows-Quiz für die härtesten der harten Nerds, kurz vor dem allerhärtesten Infight um die letzten Tickets für das Taxi nach Leipzig? Ich hätte da noch eine Zusatzfrage zu Karlchen Klammer, dieser frühen Iteration einer künstlichen Intelligenz. Denn der die brabbelnde Büroklammer machte eine rasante Karriere, viel rasanter wie jener Karl Klammer, dessen Villon-Übersetzung Brecht in seiner Oper verwurstete und dann befand, dass ihm eine grundsätzliche Laxheit in Fragen des geistigen Eigentum zur Ehre gereicht. Brechts Verachtung der bürgerlichen Theorie vom "geistigen Eigentum" schaffte es prompt in ein Gedicht:

Hier habt ihr auf verfallendem Papier
noch einmal abgedruckt sein Testament,
in dem er Dreck schenkt, allen die er kennt --
wenn's ans Verteilen geht: schreit, bitte "hier!"

*** Während Karl, der Übersetzer, von Brecht immerhin so viel Geld bekam, dass er einen Weinberg kaufen und den "Deigroschentropfen" degustieren konnte, verschaffte Karl, der Software-Agent, sich auf andere Weise Ruhm und Ehre. Niemand anderes als Nick Bostrom wurde nach eigener Aussage durch genau dieses nervige Windows-Helferlein inspiriert, sein berühmtes Beispiel über die Folgen der künstlichen Intelligenz nachzudenken, den Klammer-Maximierer. Was wäre eigentlich los, wenn so eine KI darauf programmiert ist, möglichst optimal möglichst viele Büroklammern herzustellen? Sozusagen den kategorischen Klammer-Imperativ zu verwirklichen? Tja, an irgendeinem Punkt wird die KI herausfinden, dass hungernde Menschen gar keine Büroklammern mehr wollen und damit den Weg zur Optimierung der Büroklammerproduktion versperren. Also weg mit den Menschen, denn Höheres wird kommen, die Überklammer, um einmal Nietzsche zu bemühen: "Nicht fort sollst du dich klammern, sondern hinauf!"

*** Nietzsche aber hat mit dem Übermenschen keineswegs eine KI gemeint, genausowenig wie den nationalsozialistischen Herrenmensch. Nietzsches Individualismus hilft also auch nicht, die immer noch offene Frage zu beantworten: "Und warum sollte eine hyperkomplexe Maschine ausgerechnet so leben wollen wie ein Mensch und nicht ein Existenzmodell aus der Unendlichkeit anderer Möglichkeiten wählen, die ihr im Gegensatz zum Menschen zur Verfügung stehen?" Und warum sollte sie sich darum scheren, was denn diese komischen Materieklumpen von ihr halten?

*** Anhängern der Maxipok-Regel könnte die Ansicht des KI-Forschers Rodney Brooks ungelegen kommen, der sich über all die düsteren Vorhersagen der KI-Kritiker lustig macht. Wenn alle Drecksjobs wegfallen, weil KI-gesteuerte Roboter besser putzen und Bettlägerige wuchten können als Menschen, dann ist das positiv, oder? Doch all das Geraune über künstliche Intelligenz und die bösen Algorithmen in dieser Woche bleibt genau das, ein großes Geraune über gewaltige Kreaturen, Atomkraftwerke und Wittgenstein. Ja, ja, die Geister sind in den Maschinen und sie werden uns umbringen wie HAL 9000 oder immanentisieren wie Eschatron 9000.

*** Unter all den Äußerungen und Befürchtungen über den Zustand der künstlichen und der menschlichen Intelligenz in diesen Tage hat Tim O'Reilly noch die klügsten Gedanken. Ja, KI gibt es und sie zeigt sich in den Hochleistungsrechnern der Banker. Verselbständigt hat sie sich auch noch, wie all die Aufkaufprogramme von Aktienpaketen durch die Firmen selbst zeigen, die als "Investitionen" getarnt sind. "Wir leben in einer Welt, die von einem System dominiert wird, das menschliche Werte außer Acht lässt." Zu diesem einfachen Satz sollte man studieren, was der griechische Wissenschaftsstarökonom-Minister Yanis Varoufakis bei seinem Lauschangriff auf die Europapolitiker und Superökonomen von Schäuble bis Macron als selbst ernannter "Whistleblower" aufgezeichnet hat. Stimmt nur die Hälfte der von Varoufakis beschriebenen Vorfälle, wurde Griechenland "gerettet", damit es deutsche und französische Banken nicht ruinierte. Was im Land passierte, war völlig egal, genau wie die Boni für die Zocker, die griechische (und italienische) Staatsanleihen kauften. Wäre der Plan von Varoufakis aufgegangen, 1,5 Milliarden Euro Optionsscheine an China zu verkaufen, hätte Europa noch ein anderes Problem als den chinesischen Hafen Piräus.

*** Das Gegenstück dieser Finanzstrategie steht in einem wirtschaftsfreundlichen Blatt. "Wir sind der größte Steuerzahler der Welt", prahlt Tim Cook von Apple ausweislich der Überschrift in der gedruckten Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Großmannssucht kommt im Verein mit dem Gejammer über die Ungerechtigkeit des internationalen Steuersystems, unter dem Apple wie ein gebissener Hund leidet. 1,6 Millionen Arbeitsplätze habe man in Europa geschaffen und was ist der Dank? Eine Strafzahlung von bis zu 15 Milliarden Euro, bei bisher gezahlten 19,12 Milliarden im Jahre 2015. Online schleimt es sich übrigens anders: "Hoffentlich seid ihr Deutschen richtig stolz auf euch", weil die Fenster im neuen Mutterschiff aus Deutschland stammen. Windows made in Germany, das ist doch auch was.

*** "In Fragen der Privatsphäre stehen wir auf Seiten der Kunden. Wir sollten ihre Nachrichten nicht lesen. Das erwarten sie von uns. Und deshalb haben wir auch keinen Zugang dazu. Ich verstehe, dass andere Leute andere Nachrichten von Leuten lesen und so weiter – um zum Beispiel Werbung zu verkaufen –, aber wir machen das nicht. Das ist einfach nicht das, was wir sind." Diese Sätze zur Privatsphäre kommen vom größten Steuerzahler der Welt und siehe da, er interessiert sich nicht für die Daten, die doch das Öl des 21. Jahrhunderts sind. Sind sie das wirklich? Werden um das neue Öl furchtbare Kriege geführt mit Tausenden von Toten? Entstehen aus den Daten neue Massenvernichtungswaffen, versauen sie unsere Umwelt, wie dies Kohle und Öl gemacht haben? Der größte Steuerzahler der Welt ist kein Big Data-Unternehmen.

*** Ach ja, die Wirtschaft. Mit großem Staraufgebot ist Babylon Berlin gestartet, die Superserie, die das Berlin von 1929 wiederbeleben soll. Da wird ein Pornofilm gesucht, in verruchten Häusern getanzt und weiteres getan. Eine Mafia hat ihre Körperteile im Spiel und es gibt Kommunisten, Nationalsozialisten und viel mehr, nur den Sklarek-Skandal von 1929, die größte Korruptionsaffäre der Weimarer Republik, den gibt es nicht. Wär ja auch nicht mit schönen, starken Bildern zu erzählen gewesen, die Geschichte von den raffgierigen Brüdern.

Bleiben wir in Berlin. Vor 100 Jahren näherte sich die Oktoberrevolution ihrem Höhepunkt, als sich der Militärflügel des Petrograder Sowjets bildete. Entsprechend öffnet eine Ausstellung mit inklusiven Kommunikations-Stationen, was sich nach spannender Technik anhört. Sowjetmacht plus Elektrifizierung und zack ist er da, der internationale Kommunismus mit dem Zusammenbruch der entwickelten Industriestaaten. Nur passierte nichts in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien, von lokalen Aufständen wegen der Kriegsmängel abgesehen. Dort war man noch mit dem Abschlachten beschäftigt oder mit dem Exektuieren von Spionen, die eine verantwortungsvolle Verschlüsselung benutzten.

In der Intershop-Stadt Jena wird investiert, schön. Noch schöner ist, dass dort die Fiffkon 2017 stattfindet und sich mit der Frage beschäftigt, wem man so im Netz trauen kann. Ein spannendes Thema, das vom Vertrauen in Software über das Vertrauen in sein Smartphone bis hin zum Vertrauen in die Attribuierung von Cyber-Angriffen reicht. Aber natürlich lassen auch die ganz großen Fragen nicht locker, etwa die, wie Demokratie 5.0 aussehen kann. Sie wird auf den Hannah-Arendt-Tagen im schönen Hannover erörtert. Der Schluss gehört den Herren Francois Villon, Karl Klammer und Bert Brecht.

Ich sause ab, ich sage gern ade.
Bald trage ich ein Kleid, so weiß wie Schnee.
Es braucht nicht grad der Himmel sein,
wo man mir eine kleine Kammer gibt.
Ich habe einmal die Kathrein geliebt,
man weiß wie sehr. Sie mag mich wieder freien
und geht's in ihrem Kral wie damals zu,
dann, liebe Seele, hast du endlich Ruh.

Dabei wissen wir ja:
Auch der Hass gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.
Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.

(Hal Faber) / (jk)

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