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Was war. Was wird. Die revolutionären Gedanken sind frei

Revolution! Revolution! Ein bisschen nostalgisch gestimmt, lässt Hal Faber die roten Fahne nochmal wehen. Bleibt nur die Frage, welches Emoji für die große amerikanische Revolution steht.

Was war. Was wird. Die revolutionären Gedanken sind frei

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Im Preisregen des goldlaubigen Herbstes ist der XY-Preis in dieser Woche etwas untergegangen. Das ist schade, denn dort lobte der noch amtierende Bundesinnenminister Thomas de Maizière, dass die gerade ihren 50. Geburtstag feiernde Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" mitnichten Angst verbreite, sondern den Bürgern Mut gemacht habe. Klatschklatschklatsch. Mein Vorschlag wäre, auch den "Tatort" in den Reigen der Mutmachfolgen aufzunehmen, denn spätestens mit der letzten "Hardcore"-Folge hat er sich das redlich verdient: Da wurden junge Frauen in Pornos vergewaltigt und behaupteten anschließend, sich nach ihrem Beruf zurück zu sehnen, in dem sie "frei und ohne Scham einfach vögeln" können, so der runnig gag, fullmaskenthroat. Das macht doch Mut, inmitten all dieser Betroffenheitsdiskussionen um einen Harvey Weinstein und seine "Besetzungscouch". Zum Beispiel können wir diskutieren, ob der Tatort nackter als früher ist und der Missbrauch von Natassja Kinski nicht irgendwie hinreißend war. #metoo ist immer eine Frage der Perspektive, da hilft schon mal kein #itwasme-Geprotze und Gerede über "heimatliche Gebräuche".

*** Er jedenfalls hatte keine Heimat: Heute vor 130 Jahren wurde der Journalist John Silas Reed in den USA geboren. Der Kommunist erlebte die Oktoberrevolution, die in dieser Woche die Feuilletons befeuert, und schrieb mit den Zehn Tagen, die die Welt erschütterten, eines der wichtigsten Bücher des letzten Jahrhunderts. Das Buch sollte eine "gewissenhafte journalistische Arbeit" sein, eine Art Live-Reportage der Ereignisse in Petrograd anno 1917. Es erschien in etlichen Ausgaben in den Parteiverlagen der überall aufploppenden kommunistischen Parteien, meistens zensiert, denn das internationale Proletariat sollte ein Recht auf Vergessen haben. Personen wie Sinowjew soll es nie gegeben haben. Nach seinem Weltbestseller wandelte sich der Journalist Reed zum Komintern-Funktionär, denn die Revolution sollte eine Weltrevolution sein oder gar keine. Spätestens 1919 wusste Reed, dass es Aus war mit dem Kommunismus, als er ein Konzentrationslager der Tscheka gesehen hatte. Die Kraft, wie später Orwell oder Koestler darüber zu schreiben, hatte er nicht mehr. Er wurde in Moskau begraben, gleich neben der Mumie der Revolution.

*** Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung? Vielleicht hätte das Ganze klappen können, wenn es Smartphones gegeben hätte. Denn es war zwar Weltrevolution, aber das Telefon funktionierte nicht. Der durch mehrere Schlaganfälle behinderte Lenin versuchte telefonisch, Stalins Treiben zu verhindern, aber die Sprechtechnik versagte, nicht nur im Theater. Aber hach, heute haben wir ja all die wunderbare Technik. Deshalb hat die tageszeitung einmal in die Runde der Intelligentsia gefragt, wo denn die nächste Revolution losgehen wird. Und der schon in der vergangenen Wochenschau gewürdigte Yanis Varoufakis hat so geantwortet:

"Die künstliche Intelligenz untergräbt zunehmend die Fähigkeit des Kapitalismus, ausreichende Nachfrage nach von ihm produzierten Gadgets und Robotern zu generieren. Soziale Stabilität wird davon abhängen, ob wir ein anderes kommunistisches Prinzip wiederbeleben: die gemeinsame Nutzung des von den Robotern produzierten Wertes (die neuesten Produktionsmittel, wie Marx sie beschrieben hätte). Die Verstaatlichung der Roboter wird die nächste Revolution sein."

*** So eine Verstaatlichung der Roboter klingt gut, doch welcher Staat wäre dazu in der Lage? Glaubt man Tariq Ali, dem Kampfgefährten von Varoufakis in der europroletarischen DiEM25, dann wäre es am besten, die Revolution würde in den USA ausbrechen, wo man bekanntlich von Lenin lernt. "Die entwickelten Produktivkräfte, die dritte technologische Revolution, verkörpert im Internet, sind die notwendigen Voraussetzungen für eine soziale Transformation, die einen nachhaltigen Erfolg und eine globale Planung zur Rettung der Erde gewährleistet." Bleibt nur noch die Frage, welches Emoji für die große amerikanische Revolution steht.

Der Blick nach Amerika erinnert ein bisschen an das Große Gebet der alten Kommunistin Oma Meume, nur dass jetzt Alphabet und Amazon angefleht werden, mehr als nur den windschnittigen Ökokurs umzusetzen.

*** Wer sonst so siegt, auf ganzer Parteilinie: China. Es sind mehr als zehen Tage, die die Welt jetzt erschüttern da in Peking, wo der Parteikongress die Losung ausgegeben hat, ab jetzt die Xi-Jinping-Gedanken zu studieren wie weiland Maos Bibelchen. Lenins drei Quellen und der Glaube an die Allmacht des Marxismus, weil er wahr ist, werden in China durch drei andere Quellen ersetzt. Künstliche Intelligenz, Big Data und ein funktionierendes Internet sind die Backbones der neuen Diktatur, zu der Milliarden Chinesen per App klatschen dürfen. Angesehener Bürger bleibt, wer innerhalb von 19 Sekunden zu eingeblendeten Xi-Jinping-Gedanken frenetisch klatscht. Das Fehlen der App auf einem Smartphone könnte Folgen haben und als subversive Geste gelten, wie damals, als jeder Chinese die kleine rote Bibel tragen musste. Und ja, in China sind die Roboter verstaatlicht, auch "unsere".

Was wird.

Am Dienstag wird der neue deutsche Bundestag zusammenkommen, noch ohne eine neue Regierung zu wählen. Immerhin gibt es schon einen Zwölfpunktekatalog der Regierungsbereiten. Man will konstruktiv verhandeln und sich nicht an das Bullshit-Bingo halten. "Wir reden erst über Inhalte" und "Die Posten kommen ganz zum Schluss" sind dabei ganz heiße Kandidaten bei den führenden Antworten, doch der Satz "Alles, bloß kein CDU-Finanzminister" hat auch seinen Charme. Nicht zu vergessen die brillante Logik, dieses "Digitale" ins Agrarministerium zu verfrachten, wegen der Lebensverhältnisse im ländlichen Raum, der Wichtigkeit der CSU und so. Sachen wie 100 Prozent Pure Glasfaser sind schließlich auch eine Frage der Sortenreinheit.

Beschäftigen wir uns in der Interimszeit noch einmal mit der Frage, wie der direkte Draht zwischen den USA und der BRD heute aussieht, in historischer Erinnerung an die Kubakrise, die genau heute vor 55 Jahren öffentlich wurde. Während Deutschland ab 1959 eine Direktschalte in die USA hatte, wurde der Mo-Link erst nach der großen Krise installiert. Über die direkte deutsche Verbindung könnte Bundeskanzlerin Merkel den US-Präsidenten Trump schnell informieren, wer im deutschen Außenministerium installiert wird. Der oder die wird sicherlich wissen, worauf man sich einlässt im Ministerium mit den höchsten Image-Zuwachsraten.

Zum Ende der Woche wird der eGovernment-Monitor der Initiative D21 vorgestellt, mit all den enormen Fortschritten bei der digitalen Verwaltung, erzielt von der alten Regierung. Spannung kommt auf bei der Frage: "Welche Sicherheit wünscht sich die Bevölkerung für welche Anwendungen?" Wie wäre es angesichts der Krack-Bedrohung mit der Entwicklung eines besonders sicheren WLAN-Kabels aus souveräner deutscher Produktion? OK, der war alt. Aber so eine kleine Wochenschau ist auch kein hipper Smartikel.

Download des Originalbildes

(Hal Faber) / (vbr)

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