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Was war. Was wird. Done and Gone.

Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt... dann ist noch nicht aller Tage Abend, kalauert Hal Faber angesichts - ach, all das gar nicht philosophische Elend!

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"Wahrheit ist es, vor der die Meinung erbleicht."

(Bild: agsandrew / Shutterstock.com, Zitat: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie)

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Done, done, gone: Mit der Wahl in Großbritannien ist die Zeit gekommen, den Brexit umzusetzen. Am Ende wird es ein Kleinbritannien geben, denn Schotten, Waliser und Nordiren werden sich eher früher als später verabschieden, um dann wieder in die EU einzutreten. Zumindest die Schotten wollen schnellstmöglich anfangen in einem Europa der Regionen zu leben. Die viel gerühmte "Entscheidung des Volkes" ist da und nun wird der "Volkswille" umgesetzt. Der "schlanke Staat", der seit der Wahl von Margaret Thatcher 1979 im Vereinigten Königreich propagiert wird, wird noch ein Stückchen schlanker werden.

Der neue Slogan vom "peoples government" verdeckt, wie weitere Infrastrukturen und Aufgaben verscherbelt werden, vor allem den National Health Service und die Bildung, möglicherweise auch den Polizeiapparat und die Zoll-Aufsicht an den neuen Außengrenzen. Die Kommunikation unter den einzelnen Behörden ist ja schon privatisiert und gehört Motorola Solutions. Boris Johnson ist auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn angekommen und kann sich freuen, dass die rote Mauer zusammengekracht ist. Sein "One Nation"-Konservativismus im Stil einer englischen CSU wird zumindest England umbauen. Johnsons Erfolg hat auch damit zu tun, dass der Labour-Kandidat Jeremy Corbyn unfähig war, echte Allianzen mit anderen Parteien einzugehen und der einst internationalistisch gesinnten Sozialdemokratie ein klares Bekenntnis für Europa vorzuleben.

*** Wenn selbst die EU den Wahlausgang begrüßt, weil jetzt "Klarheit" herrscht, wie der Franzose Macron kommentierte, hat das zeitgenössische Neusprech einen neuen Höhepunkt erreicht. Nichts ist klar und die Aussage der neuen EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen von den einfachen klaren Zielen "keine Zölle, keine Quoten und kein Dumping" ist eine grobe Vereinfachung. Da ist Bundeskanzlerin Angela Merkel realistischer, wenn sie davon spricht, dass die Verhandlungen "noch kompliziert genug" werden. Dazu titelt das Blatt mit den großen Buchstaben: "Boris Johnson hat all das, was Merkel fehlt!" Er lügt, er trickst und täuscht. Kann das wirklich empfehlenswert sein? Im eingangs verlinkten Telepolis-Kommentar zur Wahl in Großbritannien werden die Tugenden von Johnson anders dargestellt: "Boris Johnson, ein politischer Hasardeur und Angehöriger der heruntergekommensten Kreise einer dekadenten britischen Oberklasse, die in den vergangenen 150 Jahren ein ganzes Empire verspielt hat, und der sich in der Rolle des destruktiven Charakters eines wiedergeborenen Nero gefällt, der sich im Feuerschein des untergehenden Großbritannien sonnt."

*** Die letzte Wochenschau beschäftigte sich anlässlich des Besuches der Bundeskanzlerin mit unserem Auschwitz. Ausdrücklich war nicht von der völlig missglückten Aktion des Zentrums für politische Schönheit ((ZPS) die Rede, das in Berlin ein Auschwitz-Mahnmal installierte. Im Zentrum des Mahnmals war ein Bohrkern installiert, der angeblich aus dem Boden eines Vernichtungslagers stammte. Gegen diese Störung der Totenruhe gab es heftigen Protest, gefolgt von einer halbherzigen Entschuldigung des Künstlerkollektivs. Doch die Aktion sucht nach uns war damit nicht zu Ende. Der Grabstein Franz von Papens wurde entwendet und verschleppt, was neue Diskussionen über die Totenruhe auslöste und Vergleiche mit den Antisemiten mit sich brachte, die jüdische Friedhöfe verwüsten. Eine Reaktion sind die "Regeln für eine Kunstaktion im deutschen Gedächtnistheater", die hinter der Paywall der Frankfurter Zeitung für kluge Köpfe stehen. Darum seien zumindest die letzten drei Regeln für alle Leser zitiert:
"Pass auf, dass deine Aktion einhält, was sie verspricht. Willst du beispielsweise darauf aufmerksam machen, dass die Ermordeten vergessen wurden, verliere auf keinen Fall ihre Knochen. Lerne Zuhören. Reden kannst du ja schon. Nur, weil manche Menschen keine Accounts haben, bedeutet es nicht, dass sie nichts zu sagen haben. Du wirst kein Nachkomme von Shoa-Opfern, weil du das Gedenken kritisiert. Du bist kein Jude, du arbeitest nicht im Betonkommando von Monowitz, also behaupte das nicht."
Die Regeln wurden von Max Czollek und Stella Hindemith aufgestellt. Czollek hat das Buch Desintegriert euch! verfasst, Hindemith ist die Enkelin von Stephan Hermlin, dessen Gedicht Die Asche von Birkenau das ZPS ohne Erlaubnis bei der Aktion verwendete.

*** Unter Polizeibeamten gibt es die Regel, einander in öffentlichen Untersuchungen nicht zu widersprechen. Diese wurde unter der Woche im Amri-Untersuchungsausschuss des Bundestages gebrochen, als über den Fall der Quelle mit dem Decknamen Murat gestritten wurde. Nach "Hase, du bleibst hier", dürfte "Philipp, das stimmt nicht" zu den Sätzen für die Chronik des Jahres 2019 gehören. Interessant ist auch die Erkenntnis, dass das Bundeskriminalamt Anweisungen geben kann, Ermittlungsquellen in der salafistischen Szene "kaputt" zu schreiben, wenn ein solcher V-Mann nicht für eine glaubwürdige Quelle gehalten wird. Nun steht Aussage gegen Aussage, verbunden mit der Erkenntnis, dass Kriminalbeamte sehr emotional reagieren können, wenn sie ihre V-Männer beschützen oder anderen Überwachern abwerben wollen. Das Geraune von einer Anweisung, die "von ganz oben" käme, macht die Sache auch nicht besser und ist in Teilen geeignet, die Bevölkerung zu verunsichern. Das Weihnachtsfest der Verschwörungstheoretiker kann beginnen. Was hatte das BKA gegen die Quelle, die Amri beschattete?

*** Sicher kennen die Leser dieser Wochenschau einfache, offene Sammeladressen wie unsere newstipps@heise.de abseits des abgesicherten Heise-Tippgebers. Journalisten ebenso wie Behörden arbeiten mit vielen solcher Adressen, sei es nun presse@bka.de oder presse@ccc.de. Anfragen an solche Adressen können von allen Personen gelesen werden, die das passende Passwort haben. -- (Sollte der verfassungswidrige Quatsch kommen, über den man im Bundesjustizministerium nachdenkt, können auch alle Ermittler mitlesen.) -- In jedem Fall ist eine Sammeladresse keine private E-Mail-Adresse und das Suchen in solchen Mails ist keine Schnüffelaktion. Was sich die Berichterstattung zum "Fall" der SPD-Mitvorsitzenden Saskia Esken mit den E-Mails leistete, die an die Sammeladresse des Landeselternrates von Baden-Württemberg geschickt wurden, kann nicht mit technischer Inkompetenz oder dem berühmten "Neuland" abgetan werden. Hier geht es einzig und alleine darum, eine frisch gewählte Politikerin abzuschießen, die unbequem werden könnte. Die Vergangenheit ist schon da, sie ist nur, wie üblich, ungleich verteilt.

Hat man den Jubel vom Rande der norddeutschen Tiefebene gehört? Das schöne Hannover hat es zusammen mit Chemnitz, Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg auf die Shortlist zur Kulturhauptstadt Europas 2025 geschafft. Ausgeschieden sind Dresden, Gera und Zittau. Bis zum Sommer 2020 ist nun Zeit, den Kulturentwicklungsplan mit Leben zu füllen, den die UNESCO City of Music in einem Wirbel-Wind of Change umsetzen kann. Besonders gespannt bin ich natürlich auf das "Kompetenzzentrum kulturelle Teilhabe" und den Aufbau einer interaktiven digitalen Plattform. Man liest ja so viel über diese Plattformökonomie, die alles zickzack disruptiviert.

Musike gefällig? Wo die Scorpions so süß pfeifen, sollte man von tatta-ta-taaa Beethoven nicht schweigen. Denn es geht los, der große Beethoven-Rummel zum 250. Geburtstag im Jahr 2020. Und los geht es natürlich am Dienstag in Bonn mit Welt.Bürger.Musik, wobei die Verpunktierung des Wiener Weltbürgers Beethoven mindestens ebenso pittoresk wie der offizielle Hashtag #BTHVN2020 ist. Freude.Schöner.Götter.Funken, es geht ja weiter, wozu gibt es schließlich diese künstliche Intelligenz: Am 28. April soll in Bonn die von einem KI-Programm fertig zu einem feurigen Ende hin komponierte 10. Sinfonie uraufgeführt werden. Nach dem Versuch, mit Huawei-Handys Schuberts Unvollendete zu vollenden, ist Beethovens KI-Vollendung der nächste Streich. Was es mit Cyber-Cyber zu tun hat, weiß ich nicht, aber dieser kuriose Satz aus einer Tickermeldung verdient es, zitiert zu werden: "Wenn jemand aus der Symphonie einen Rap machen sollte, wird die Welt es wohl überleben. Bei Cyberangriffen ist das nicht so klar." Alles klar?

Bei so viel Geschwurbel um Beethoven graut einem schon bei der Vorstellung, was abseits der philosophischen Blase so an Geraune und Gegrunze zu Hegels 250. Geburtstag (der ebenfalls 2020 gefeiert wird) abgelassen wird. Die Eule der Minerva beginnt so manches Mal nicht einmal in der Dämmerung ihren Flug. "Vom herrlichen Sonnenaufgang der Freiheit" zu künden, das eint Hegel sehr wohl mit Beethoven, und letztlich auch mit seinem frühen Freund und Kollegen Hölderlin. Womit das 250-jährige Dreigestirn des Jahres 2020 vollständig wäre. Anlass genug, endlich mal ein paar Leute zu feiern, die so gar nicht weder für betuliche Deutsch- oder Österreichtümelei noch für aggressiven Nationalismus eignen. (jk)