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Was war. Was wird. Down under und anderswo.

Trauer reicht nicht. Die neofaschistische Ideologie, geprägt von europäischen Populisten und Identitären, hat erneut ihr wahres Gesicht gezeigt, zürnt Hal Faber

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Was war. Was wird. Down under und anderswo.

El Torno, Spanien: Zur Mahnung an den vergessenen Bürgerkrieg und an die faschistische Diktatur

(Bild: Fotoeventis / shutterstock.com)

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Eigentlich sollte diese kleine Wochenschau in der 1024. Ausgabe über die Freitagsdemonstranten gehen, die bald alle wählen dürfen. Doch es ist anders gekommen. Dazu kommt das zusammengeschusterte Shitposting vom großen Austausch zum Massenmord in Neuseeland. Wie beschrieb es der Rechtsextremismusforscher Matthias Quent: "Das ist nicht das Machwerk eines Irren, sondern eine ziemlich kohärente neofaschistische Ideologie, die dort dokumentiert wird, die Ideologie einer globalen rechtsradikalen Bewegung, die sich in einem Kulturkampf sieht, einem Kampf gegen den angeblichen Untergang durch Überfremdung." Die von europäischen Neofaschisten in Deutschland, Frankreich, Norwegen und Serbien geprägten Ideen zündeten in Neuseeland.

*** Sie zündeten auch bei kranken Geistern in 8chan, 4chan usw., bei Reddit und anderen Plattformen, auf Youtube und Facebook. Besonders ekelhaft die Kommentare auf den Bilderbrettern, die die weiße Überlegenheit feiern. Welche Überlegenheit? Weder Anders Breivik noch Brenton Tarrent ließen sich auf einen dieser Kämpfe mit Bewaffneten ein, die im "Manifest" verherrlicht werden. In Neuseeland stoppten zwei "Dorfpolizisten" den Mörder nach 36 Minuten. Soviel zu einem, der neben Breivik den Kriegsverbrecher Radovan Karadžic verehrte und sich auf einer Reise durch Osteuropa offenbar radikalisierte. Abseits der Tat regt sich Kritik an den Internet-Konzernen mit ihren unzureichenden Upload-Filtern oder dem zu langsam reagierenden Filter-Personal. Die Cleaners waren zu langsam an Ort und Stelle.

*** Im Manifest des Mörders findet sich ein Link auf diesen Bericht der Deutschen Welle über ein rechtsradikales Netzwerk in der Bundeswehr, das Brenton Tarrent wohl als Teil eines kommenden Aufstandes begriff. Dieses Netzwerk names Uniter, angestiftet, propagiert und kommandiert von einem "Hannibal", wird heute in der tageszeitung in aller Ausführlichkeit beschrieben.Hannibals Reisen haben das Zeug, zum wichtigsten politischen Text des Jahres zu werden, ganz ohne Relotius-Gesäusel. Beschrieben wird die Gründung des Uniter-Vereins verbündeter Kämpfer und "Sicherheitsberater" in Stuttgart, von einem, der in Calw beim Kommando Spezialkräfte stationiert war. Hannibal hatte enge Verbindungen mit Franco A., jenem Offizier, der sich als syrischer Flüchtling ausgab und in Wien eine Pistole für einen Anschlag versteckte. Das rechtsextremistische Untergrundnetzwerk, von dem laut taz-Bericht weder der Militärische Abschirmdienst noch der Verfassungsschutz Kenntnis haben wollen, war nicht nur in der Bundeswehr aktiv. Mitglieder von Uniter waren auch bei der Polizei, bei der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit BFE 523. Der damalige Chef der inzwischen aufgelösten Einheit arbeitet heute als Chef einer Sicherheitsfirma für Uniter. Ein weiteres Mitglied dieser Einheit war Michèle Kiesewetter, die vom NSU erschossen wurde: Die Recherche der Journalisten ist lange noch nicht zu Ende.

*** Verbindungen gibt es auch nach Österreich, wo Uniter als Verein Mitglied in einem Pseudo-Ritterorden namens Lazarus Union war, wie die Journalisten vom österreichischen Standard herausfanden. In rechter faschistischer Tradition ist die Alpenfestung ein wichtiger Rückzugsort. Besonders bizarr ist die Verbindung zu den Philippinen, wo die Polizeikräfte trainiert werden sollen, die von ihrem Diktator Duarte zum Schießen auf Drogenhändler und -Konsumenten ermutigt werden. Ob es Verbindungen zu den supendierten bayerischen Polizisten gibt, wäre eine interessante Frage. Die dokumentierte Ahnungslosigkeit in Sachen Uniter ist jedenfalls groß, wie ein Kommentar der Generalbundesanwaltschaft zeigt: "Also das soll jetzt nicht heißen, dass wir mit der Geschichte Gruppe Süd, Verbindung Franco A., Uniter, das kann sich alles noch ergeben, am Ende sind. Also da bitte ich das Ermittlungsergebnis noch abzuwarten." Das Internet ist halt auch ein Wartesaal.

*** Manchmal warten wir auf Godot, ein anderes Mal auf Snowden oder den Techniker der Telekom: In der letzten Ausgabe des Snowden-Zählers berechnete John Young von Cryptome.org, dass es beim aktuellen Tempo der Veröffentlichung von Snowdens Enthüllungen wohl 42 Jahre dauern wird, bis das gesamte Material online verfügbar ist. Das stellt sich nun als falsche Berechnung heraus, denn die Veröffentlichung der NSA-Dateien wird von Intercept eingestellt. Zynisch gerechnet, rentieren sich Veröffentlichungen nicht mehr, da das verbleibende Material zu randständig ist. OK, für künstlerische Aktionen könnte es reichen, doch Wayne Warholst? Aber die Götter der IT sind ihren Priestern gnädig: Irgendein Big-Data-Deep-Learning-Quantupel dürfte die Reste verwerten, die einst höchst romantisch unter einer Bettdecke in Hongkong den Besitzer wechselten, nachdem sie durch einen Yubikey befreit wurden. Snowden übergab die Dateien an die Filmemacherin Laura Poitras, die nun per Anwalt daran gehindert wurde, ihren Ärger über den Stopp des Projektes publik zu machen. Vielleicht ist ja die allseits entliebte Firma Huawei daran interessiert, das Material für weitere Sticheleien gegen Cisco und die NSA auszuwerten. Das Geld könnte die humanistisch gesinnte Omidyar Foundation zur dringend nötigen Versorgung entrechteter Snowden-Unterstützer verwenden.

Kopfkratz und Augenreib: Will die CDU wirklich Uploadfilter verhindern und sich damit an den mit der SPD ausgehandelten Koalitionsvertrag halten? Oder ist es eine nachhaltige LED-gedimmte Nebelkerze, einzig zu dem Zweck eingeschaltet, Hashtags wie #NieWiederCDU auszubremsen? Schließlich steht am nächsten Samstag die große Demonstrationswelle all derer auf dem Plan, die Artikel 13 für den EU-weit ausgestellten Totenschein des freien Internets halten. Zunächst einmal erinnert das mit feiner Formulierungskunst dahingeworfene "wollen" an Karl Valentin, den Urheber des Satzes "Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut." Währenddessen warnt die SPD ihren Koalitionspartner vor einem "nationalen Alleingang". Was sicher ein deutsches Computerspiel ist.

Dann erinnert die wachsweiche Formulierung der erlaubten Uploads "unterhalb einer gewissen zeitlichen Grenze" daran, dass man sich offensichtlich nur Gedanken über Musikstücke gemacht hat. Zudem fehlen in der Konstruktion die flankierenden Maßnahmen wie das Austrocknen des Darknets, in dem Urhebereien illegal verscherbelt werden. Weiterhin könnte man Waberlohen erwähnen, wie die Behauptung in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", das prominente Youtuber gegen Geld bei dem Protest mitmachen. Die Werbeknete für diese Aktion soll von Create Refresh kommen, wo man den seltsamen Satz mit einem fehlerhaften Possessivpronomen lesen kann: "Wir rufen alle Macher und Künstler dazu auf, eine Bewegung in Gang zu setzen, um euer Recht auf Meinungsäußerung zu verteidigen."

Wo wir gerade beim Recht auf freie Meinungsäußerung sind: Der Versuch der FAZ, die NGO European Digital Rights mit Schmutz zu bewerfen, ist eine Sauerei. Gegenüber dem millionenschweren Lobbyismus der Verlegerverbände mit 60.000 bis 120.00 Euro, die der nun ausscheidende CDU-Abgeordnete Elmar Brok von der Bertelsmann AG kassierte, sind die ca. 15.000 Euro Reisekostenunterstützung von den Open Society Foundations ein Witz. Pro EU-Land stehen 500 Euro für die Reise nach Brüssel zur Verfügung.

Reden wir über Geld. Vor 32 Jahren schrieb ein Hacker mit dem Handle "Psychedelic Warrior" dieses Traktat über eine Gesellschaft ohne Geld, die sich nach den Prinzipien des Anarchismus im freien Tausch entfaltet. Der Hacker PW war Mitglied der Gruppe Cult of the Dead Cow, die das in dieser Woche aufgeblitzte 31337 für "Elite" erfand.

Sein Text endete optimistisch, fast im Sinne der Fridays for Future: "Remember, we are the next generation, and will soon rule the world." Inzwischen ist "Psychedelic Warrior" erwachsen geworden, hat aber weiterhin Großes vor: Beto O'Rourke möchte US-Präsident werden. Er wäre wohl der erste Politiker, dem man nicht dieses Internet erklären müsste. (jk)