Menü
4W

Was war. Was wird. (Ein zweiter Sommernachtsrätseltraum)

Lesezeit: 6 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 120 Beiträge
Von

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Ich bin kein nachtragender Mensch. Da gibt es doch glatt manch Kommentare, was das hier am Sonntag doch echt schnarchlangweilig ist und lahm und früher, vor sechs Jahren, sowieso viel besser war. Aber sie stören mich nicht. Nur wenn ich für das allseits beliebte Sommerrätsel im zweiten Teil die Betriebssysteme ankündige und Microsoft prompt aus Vista ein eigenes Rätsel macht, dann stört das doch etwas. Wenn die Nummer Zwei der Welt schon mit System-Rätseln anfängt, wer hat dann noch Zeit und Muße für mein kleines Sommerrätsel? Außerdem war da genau eine fix und fertig vorbereitete Frage zu Windows Vista.

*** Nun hat Microsoft offenbar einige Probleme, von denen der Markenrang Nr. 2 noch das geringste ist. Dann ist da nur der Zune, der in hebräischer Umsetzung an andere Inhalte denken lässt. Vielleicht hätte eine gepflegte Konversation mit den Machern von The Word Company die Situation gerettet, ein anständiges Protonym zu finden. Urtux ist so ein Wort, das "seinerseits danach verlangt, dass andere fürderhin nach ihm benannt werden wollen, wenn es denn Verbreitung finden soll. ... Ein Original, das nur zu dem Zweck entsteht, kopiert und vervielfältigt zu werden."
Doch heute geht es ja um Betriebssysteme, nicht um Urtuxe. Darum also Frage 1, mit leichtem Microsoft-Einstiegscharakter: Im ersten Teil des Rätsels wurde bereits nach Chaos gefragt. Auch ohne Melinda Gates und Microsoft Bob mit dem Avatar Chaos gab es ausgerechnet in Deutschland einmal ziemlich viel Chaos. Welche beiden Betriebssysteme sind gemeint?

*** Die kleine Wochenschau aus der heißen norddeutschen Tiefebene entsteht an einem Tag, an dem nicht nur das "Kleine Fest im großen Garten" in sein letztes Wochenende bei hoffentlich immer noch sommerlich gestimmten Abendgästen geht und unter anderem "Die Stadt mit Keks" feiert, in der Anna Blume schon da war. Nein, auch ein großer Schwarm von mir hat seinen 201. Geburtstag. Alexis de Toqueville bereiste von 175 Jahren Amerika und interviewte damals auch Charles Caroll, den reichsten Mann Amerikas. Der hielt Demokratie für wichtiger als das Geld. Was kaum verwunderlich war, schließlich war Caroll damals der letzte Überlebende jener ehrbaren Bürger, die die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet hatten. Heute sieht es etwas anders aus, wenn der reichste Amerikaner erklärt, dass wir einfach noch mehr Reiche brauchen, um die Übel dieser Welt zu bekämpfen. Doch sind die Übel nicht nur die Viren, die den menschlichen Körper umfunktionieren. Frei nach Brecht könnte man sagen: Was sind 287 Millionen Dollar im Kampf gegen AIDS gegen die drei Milliarden Dollar, mit denen die USA jährlich Israel unterstützt?
Frage 2, noch bleiben wir in der Microsoft-Welt: Zu welchem feierlichen Ereignis erschien diese Parodie auf das persönliche Betriebssystem von Bill Gates, die auf dem Bild links (wie immer öffnet ein Klick auf das Bild eine vergrößerte Ansicht) zu sehen ist?

*** Mit einer Vetoandrohung hat der amerikanische Diplomat John Bolton eine Resolution im UN-Sicherheitsrat gegen Israel verhindert, mit der sich der Rat tief schockiert über die Tötung von vier UN-Beobachtern im Libanon zeigen wollte. Sehen wir einmal davon ab, dass Israel noch niemals einen UN-Beschluss anerkannt hat, dass Israel in diesen Tagen lieber seine Freiheitskämpfer ehrt, die die Luftwaffe des kleinen Mannes flogen, dass Israel mit seiner modernen Luftwaffe den Libanon in die Steinzeit zurückbombt. Das verhasste Vorbild, das nach der "Zedernrevolution" einen eigenen Weg einschlug, ist ausradiert, eine neue Generation von Kämpfern ist in Produktion. Schon die Hisbollah ist ein Produkt Israels, die nächsten Kampfgruppen werden es genauso sein.
Doch zurück zu John Bolton. Zu Beginn seiner Karriere in Washington spielte er eine wichtige Rolle in einem Skandal, in dem der Nahe Osten eine wichtige Rolle spielte. Ich zitiere aus der gerichtlichen Untersuchung:
"The Court: That may be true, but what is happening to the material that's the subject of this litigation?
John Bolton: It is being prepared for deletion.
The Court: What?"
Und damit die Frage 3: Wie hieß das Betriebssystem, das dank eines voreingestellten Parameters die großangelegte Datei-Löschaktion verhinderte und wie der Skandal, der auf diese Weise vertuscht werden sollte?

*** Es gibt Menschen, die ganz naiv daran glauben, dass die IT-Branche nichts mit all diesen Sachen im Nahen Osten zu tun hat. Und es gibt Menschen wie den finnischen PHP-Entwickler Jani Taskinen, der offenbar als UN-Blauhelm in Afghanistan eingesetzt war. Einer der vier getöteten UN-Soldaten war ein finnischer Freund, darum hat Taskinen die Mitarbeit an PHP eingestellt. Immerhin ist Zend eine israelische Firma. Nun zeigt die Slashdot-Diskussion, wie borniert auch die Verfechter der Open Source denken können. Kein Klischee ist dumm genug, als dass es nicht gepostet werden kann, selbst der Ladenhüter aus der Zeit des Kalten Krieges über die sowjethörigen Finnen darf wieder ran.
Die Frage 4 geht darum zurück in diese kalte Zeit: Welche Firma wirbt auf dem Bild rechts für ein Produkt, das die Kluft zwischen den (Betriebs-)Systemen überwinden soll. Zusatzfrage für die Freunde kniffliger Rätsel: Die Werbung erschien ein Jahr, bevor einer der beiden abgebildeten Herren die Schirmherrschaft über eine damals wichtige IT-Messe übernahm. Wann war das?

*** Ja, es ist ein ernster, heißer Sommer, in dem das übliche Sommerlochtheater aus Bayern kommt. Eine Autobahnvignette soll die Bürger der BRD davon abhalten, im Ausland zu tanken, zum Beispiel bei den Ösis, die darob feixend Almdudler trinkend in ihrem Alpensafe sitzen. Dabei brauchen wir gar keine Vignette, wenn mit dem neuen Antiterrorgesetz die Mautdaten zu Fahndungsdaten herangezogen werden. Ratzfatz werden dann die Tankterroristen gefasst, die bei den Ösis und Polacken waren. Die Zeiten, in denen in Deutschland mit Mauer und Stacheldraht gearbeitet werden musste, sind schließlich technisch sowas von vorbei.
Was uns zu Frage 5 führt: Wir sehen auf dem Bild links den Startschirm einer sehr späten Version eines Betriebssystems, über das der Westen einstmals die Nase rümpfte. Passend zu den netten Plänen aus Bayern wurde die weltweite Lizenz für dieses System auf einer deutschen Autobahnraststätte verkauft.

*** Achja, die Ösis. Sie haben einen ganz eigenen Humor, wenn sie von manchen Betriebssystemen gleich eine Screenhot-Orgie anfertigen, die sich gewaschen hat. Da können wir Piefkes aus der norddeutschen Tiefebene nur mit den Witzen kontern, die die SCO Group fast wöchentlich liefert.
Da bin ich glatt versucht, einen gewissen Koffer abzubilden, den c't-tv einmal munter abgefilmt hat. Doch ich nehme lieber den offiziellen Newsletter der Firma SCO für Frage 6: Was fehlt in dem Bericht über ein Abkommen zwischen Novell und SCO, der auf dem Bild rechts zu sehen ist?

*** Nach dieser Aufstellung soll es 438 Betriebssyteme und 140 "Linux-Variationen" geben, Die Liste hat ein paar Fehler, soll aber nur andeuten, dass der Fragenpool für Sommer- und andere Rätsel schier unerschöpflich ist.
Da man aus Fehlern bekanntlich schlau wird, ist befasst sich Frage 7 mit einem in der Aufstellung fehlenden Betriebsystem. Im Jahre 1999 verschickte ein Fernsehsender ein Betriebssytem auf einer einzigen 3,5"-Diskette, zusammen mit der Aufforderung, für das "gefährliche Internet" nur dieses System zu benutzen. Wie hieß das System und auf welchem anderen System basierte es?

Was wird.

Etwas Gutes hat der Sommer neben allen anderen Freuden auf jeden Fall: In der Gluthitze entblättern sich die Mythen – etwas, was leider auch die Menschen tun, auch wenn sie es eigentlich besser unterlassen sollten, aus allgemein ästhetischen Gesichtspunkten. Aber mit den Mythen hat es seine eigene Bewandtnis. Niemand nimmt mir mehr den schwarzen Hubschrauber ab, mit dem die Texte zum Verlag kommen. Und das sagenhafte CMS, das diese Seiten im Netz bereitstellt, das gibt es zum Erstaunen der Kiddies nicht. Mein treuer Editor, der in einem DOS-Fenster, in einem OS/2-Fenster oder schlicht in einem Terminal-Fenster starten kann, produziert nach wie vor reines ASCII. Und alles Gerede über einen Heise-DOS ist blanke Aufschneiderei. Das gilt auch für das ganze Gerede über Web 2.0 und seine großartigen Manifeste. Am Ende bleibt ein Sonnenstich und ein großes Gezeter aus dem Planschbecken übrig, und Web 2.0 ist Früher 2.0. Aber dann muss bald doch Web 3.0 folgen und uns alle auf eine höhere geistige Ebene transportieren. Das geistige Computern, ganz Abseits der IR-Chats mit den Verstorbenen.
Woran sich logischerweise Frage 8 anschließt: Welcher Experte für Verschwörungstheorien verkaufte welches Betriebssystem?

Zum 1. August beginnt ein neues Kapitel der Rechtschreibreform. Brav habe ich mir den neuen Duden und den Wahrig angeschafft. Schließlich saßen Mitglieder beider Mannschaften in der Kommission, die die Reform der Reform der Reform besorgte. Beide Werke sind voller Seltsamkeiten und das nicht einmal bei den englischen Worten, die in unserer Branche nicht selten sind. So wird Scrolling etwas umständlich als "gleitendes Verschieben der Bildschirmdarstellung" erklärt, aber immerhin darf man Scrolling schreiben und nicht Schrollstreifen, wie es 1994 ausgerechnet unter den Microsoft-Entwicklern versuchsweise eingedeutscht wurde.
Frage 9 ist darum eine Frage, die auch Microsoft-Entwickler bewegt: Wann erscheint Windows Vista? Halt, halt, halt, diese Frage darf ich ja gar nicht stellen. Dieses Foto links zeigt einen Optionen Poll der Zeitschrift Byte (R.I.P) – in einem Jahr, in dem welches Betriebssystem noch nicht erschienen ist?

Dass die Vernunft in Trippelschritten geht, glauben eh nur professorale Tippelbrüder. Aber wenn der aufs Schönste danebengreift, dann darf man sich über den neuen deutschen Anarchismus freuen, und wenn er nur in der Sprache ist. Wie hieß es noch 1929 in den Typografischen Mitteilungen der deutschen Buchdrucker: "Die Rechtschreibung ist eine förmliche geistige Folter der Jugend, eine Folter wie die übermäßige Arbeitszeit, für deren Herabsetzung die besten Menschen jahrzehntelang gekämpft und gelitten haben. Die deutsche Rechtsschreibung, das ist noch der unverfälschte Geist des Militarismus, das ist noch Dressur zum gottbegnadeten Untertanenverstand und Kadavergehorsam, das ist noch die alte deutsche, autoritäre Erziehung in Reinkultur." 77 Jahre später singen wir den Sommersong "...." Ach Sch****, den suchen wir ja noch.
So also die abschließende Frage 10: In welchem Systemangebot gab es ein Hintergrundbild, in dem ein ähnlicher Fluch auftauchte. In welcher Sprache wurde da geflucht?

Die Auflösung der zweiten Teils des Sommerrätsels gibt es wieder am Montagabend, der dritte Teil widmet sich nächste Woche dem mobilen Leben. Und immerhin wird es auch langsam konkreter mit der Musik, die zu diesem Sommer passt – derzeit läuft hier nach Chick Coreas "Return to Forever" nicht nur die "Summer Music" der Freejazz-Zirkuskapelle des Willem Breuker Kollektiefs, sondern auch Seeeds "New Dubby Conquerors": Weil "im Sommer tust du gut und im Winter tut's weh" nicht nur auf das "Dicke B" zutrifft und es auch in Hannover wie im ganzen Land bei manchen Leuten "zuviel Kraft in der Lunge für zu wenige Trompeten" gibt. (Hal Faber) / (jk)