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Was war. Was wird. (Eine Sonderedition)

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Es ist gar nicht wie immer. Zwar möchte die Wochenschau von Hal Faber auch heute den Blick für die Details schärfen; natürlich ist die sonntägliche Wochenschau Kommentar, Ausblick und Analyse, Rück- wie Vorschau zugleich. Aber es hat etwas Besonderes, wenn nunmehr das 500. Wochenende verstreicht, an dem Hal Faber seine unbedeutenden Einsichten zum Besten gibt. So sollen dieses Mal auch Freunde und bewunderte Kollegen zu Wort kommen.

Was war.

*** Was kann man heute besser feiern als den Geburtstag des großen Dichters und Journalisten Walt Whitmann? Wie könnte man anders beginnen als mit dem Song of Myself, diesem Gedicht, das der österreichische Kritiker Hermann Bahr dem Publikum als "Lokalreportage mit Visionen" empfahl? Geht nicht. Geht schon gar nicht an einem Tag, an dem das 500. WWWW erscheint.

I celebrate myself, and sing myself,
And what I assume you shall assume,
For every atom belonging to me as good belongs to you.

Das passt: Heute sind die Atome gut gemixt, denn dieses WWWW entstand wie angekündigt nach dem AAL-Prinzip des Web 2.0. Andere arbeiten lassen und ruhig die Kohle einstreichen. Jedenfalls halbwegs: Das Honorar dieser Wochenschau geht an die Reporter ohne Grenzen, die in diesen Tagen für pakistanische Journalisten sammeln. Beim Kampf gegen die Taliban wurde die Pressefreiheit wohl in einem Terrorcamp vergessen.

*** So bleibt mir nur noch das große Vergnügen, die anderen Arbeiter vorzustellen. Den Anfang macht der Ex-Redakteur der "Zeit" und Management-Berater Klemens Polatschek, zu seiner Zeit der Miterfinder der "Bulkware", aus der das WWWW entstand. Anschließend kommt Harald Taglinger zum Zuge. Mitte der 90er Jahre hatten wir gemeinsam viel Spaß, Journalisten die Nutzung des Internet zu erklären. Seltsam nur, dass es immer noch Kollegen gibt, die dieses Medium und seine Technik nicht verstehen wollen. Es folgt Felix von Leitner, mit seinem Blog der fnordistische Verschwörungsverlinker schlechthin. Dass Journalisten bloggen können, beweist Torsten Kleinz mit seinem dualen System. Hier steuert er eine historische Notiz bei. Als Schriftsteller ist Peter Glaser mit seiner Glaserei ein würdiger Nachfolger von Joseph Roth. Seine Geschichte von Nichts ist äußerst lesenswert, komplett mit einem Wink ans WWWW. Zum Schluss sorgt mit Markus Hansen ein vergleichweise jüngerer Blogger dafür, dass nicht nur alte Säcke vertreten sind, sondern Leser, die das WWWW Nummer 1000 erleben könnten.

***"Why would a person ever need a computer?"
(Beatrice Dworkin Ballmer)

Hal Faber hat sich abgestöpselt und lässt seine elektronischen Kumpel schreiben. Das gab's noch nie. Normalerweise ist immer Hal zur Stelle, wenn bei anderen der Griffel fällt. Legendär seine Fahrten nach Hannover, weil Redakteure sich weitgehend auf die Position von Texteinfügemachern zurückgezogen haben und außerhalb tariflich geregelter Arbeitszeiten selbst Zusammentreffen mit britzelnden Schwergewichten meiden. Ja, Hal tut's auch für Geld, aber mit Segen von ganz oben.

Angesichts dieses Phasenübergangs im Redaktionsgewerbe kann das nichts werden mit dem Aufstand der Seelen gegen das große Säurefass namens Internet, in dem sich selbst die Kollegen schon wohlig auflösen.

Wir sind auch schon blau vor Wut, dass "im Internet" die Hälfte aller Schreiber glauben, der Satz "Die Zeit ist das Feuer, in dem wir brennen" in Star Trek VII stamme von ihnen selbst oder von Kapitän Picard oder von Dr. Soran (immerhin, der spricht den Satz dort aus) oder gar von Mr. Spock. Es ist zu wirklich zu dumm mit diesem Netz, schmerzhaft bewahrt es die qualitätsgemanagten Werke globaler Bestseller-Journalisten in marktführenden Wissensportalen auf. Allerdings, ohne die Quellen kollektiver Dummheit wie Google oder Wikiquote wüsste vielleicht niemand die korrekte Antwort.

Zum Verbrennen kommen wir gleich wieder, aber vorher noch in Selbstreferentialität schwelgen. Wenn man schon einmal einen hohen Feiertag hat, soll man ihn auch missbrauchen. Das 500. Jubiläum des WWWW – Hintergrund der dieswöchigen Arbeitsentsorgungsmaßnahme an die Kollegen, mit der Herr Faber seinem Namen alle Schande macht – hat er ja schon vergangene Woche vorab selbst abgehandelt. Einerseits hat er also paradoxerweise die Arbeit doch bereits selbst erledigt und andererseits für diese Woche die möglichen Witze dezimiert. Dreimal Schande.

Im Ernst: So übel das Internet ist – mit den Faxaufträgen zu Fahndungsausschreibungen, die dank eines Nummerndrehers jahrelang aus unserem Wohnzimmer-Fax liefen statt in die Polizeizentrale nebenan, konnten wir auch nicht viel anfangen. Die abgebildeten Leute kannten wir meistens nicht.

Man muss es doch mal sagen. Echte Zensur ist immer gut, denn sie adelt bloße Technik zum Medium – das dann auch Intellektuelle endlich erkennen und lieben können, siehe Gutenberg und Voltaire. Dass Minister heute technische und juristische Nachhilfe für die Qualitätsverbesserung ihrer Initiativen durch eine Petition der kollektiv Dummen erhalten, ist doch ein großartiges Beispiel für die Transparenz moderner politischer Prozesse. Fest verlassen sich die Führer inzwischen darauf, dass sich selbst die krummste Idee im Feuer demokratischer Einwände zu einer leckeren Sache veredelt.

499 mal Hal und was ist, wenn Witz und Ernst wirklich nicht mehr zu unterscheiden sind? Wenn auch das ernsthafteste Bemühen in Wahrheit nur mehr dem Vergnügen einer gelangweilten Gottheit diente, die irgendwo da oben, unten oder drüben an ihren Fingern zieht, bis sie knacken? Wenn es egal ist, ob man als Dieter Bohlen oder als Mahatma Ghandi durchs Leben schlurft? Was für ein erhabener Gedanke! Auch nicht neu. Man kann dann auch Hal Faber sein.

*** Jubiläum? Ach, da fällt mir ein, wie ich 1994 zum ersten Mal via CompuServe dieses "Internet" mitgeliefert bekommen habe. Wollte es gar nicht. Hatte ich doch zwei Jahre vorher bei Eggi, meinem alten Kumpel in Berlin, etwas auf seinem Bildschirm flimmern gesehen. "Isn des?" "Internet." "Brauchstn des?" "Software klauen." Hatte ich aber 1994 im Herbst gerade nicht vor. Also bin ich trotzdem mal über dieses Browserprogramm da rein. Und die erste Adresse war eine Filmdatenbank. Sehr praktisch. Bei 18 Bytes in der Sekunde. Teuer bei CompuServe aber ... die ganze Welt ... in Grau. "Das wird sich wohl noch nicht so schnell durchsetzen" dachte ich mir und bin zu Burda Europe Online aufbauen gegangen. Einen schönen Datendienst mit klaren Grenzen. Zum Beispiel der des eigenen Businessplans. Wir haben dann ein Jahr später gleich wieder abgebaut. Erinnerte mich auch ein wenig an meine erste Online-Erfahrung überhaupt. Sommer 1987, mit einem der BTX-Terminals. Eigene Hardware. "Machtsn da?" "BTX." meinte Achim. "Und?" "Zugpläne über den Bildschirm, Seite 10 Pfennig." "Fahre U-Bahn. Schwarz." Durchblick war eben schon vor 10 oder 15 Jahren alles.

*** Der Mensch braucht Struktur im Leben. Mit Veränderungen kommen wir nicht gut zurecht. Evolutionär sind Veränderungen mit Gefahr assoziiert und wir reagieren darauf, indem wir Adrenalin ausschütten und andere, wichtigere Dinge aus unserem strukturierten Leben stehen und liegen lassen. Im Internet kann man das hervorragend beobachten, z.B. bei E-Mail, RSS, Twitter und Konsorten. Die Online-Menschheit ist in zwei Lager zerfallen. Das GAGA-GOGO-Lager lässt sich minütlich von Junkmail oder Updates ihrer 300 RSS-Feeds unterbrechen und kann an nichts mehr als ein paar Minuten am Stück arbeiten.

Die andere Hälfte, das TRALAFITTI-Lager, hat aufgegeben, hat 5000 ungelesene E-Mails in der Inbox und guckt von ihren 500 RSS-Feeds nur zwei tatsächlich an. Wie sich doch alles wiederholt. Genau daran sind auch die Browser-Bookmarks verendet. Solange man nicht mehr als ein halbes Dutzend hat, sind sie hilfreich und nützlich, aber darüber hinaus binden sie nur noch Energien, die man für ihre Verwaltung aufbringen müsste. Meine in Bookmarks gepflegte Liste von 50 spannenden "müsstest du dir mal anschauen, wenn du mal Zeit hast" Blogs hebe ich nur noch aus Nostalgiegründen auf, und sie werden vermutlich eines Tages Teil meines Nachlasses sein. Überhaupt sind von meinen Bookmarks die Hälfte 404.

Dann gibt es noch Politiker, die beides zusammen denken.

Wie gut hatte es doch die Generation meines Vaters, die abends um acht die Tagesschau geguckt hat, und dann wohl informiert war. Auf diese Viertelstunde waren die Menschen vorbereitet, sie waren ausgeruht, aufnahmefähig und interessiert. Mit der Post war das ähnlich. Die kam täglich, nicht minütlich. Ich arbeite seit zehn Jahren am Besten in der Bahn, weil ich da kein Internet habe, das mich ablenken könnte. Und was tut die Bahn? Baut Internet in ihre Züge ein. Eine Katastrophe.

Ich will keineswegs die ganzen neuen Technologien verteufeln, im Gegenteil! RSS-Feeds sind eine hervorragende Möglichkeit, die Gewichtung einer Nachrichtenquelle zu unterwandern. Die für mich interessanten Meldungen sind häufig eher die, die die Zeitungen für unwichtig halten und unter "Vermischtes" oder auf Seite 4 im Kleingedruckten des Politikteils laufen lassen. Und nicht zuletzt sind auch die Navigationsseiten von Zeitungen im Allgemeinen auf Echtzeitkonsum ausgelegt. Ohne Scrollen kriegt man nur 4 bis 5 Meldungen zu Gesicht, und die ändern sich halbstündlich. Wenn man mal ein paar Stunden etwas anderes getan hat, sind die Hälfte der Artikel schon wieder rausgescrollt. Wenn ich das wollte, könnte ich auch RSS benutzen.

Bei Heise brauche ich kein RSS, weil da die Nachrichten schon per se ungewichtet im Ticker stehen. Und neben dieser (in meinen Augen großen) Innovation bin ich Heise auch dafür dankbar, dass ich wöchentlich mein WWWW kriege. Da habe ich mir dann auch dafür Zeit genommen, bin vorbereitet, interessiert und aufmerksam. Und bisher war noch jede Woche etwas dabei, für das sich die Lektüre gelohnt hat. In diesem Sinne: Danke, Heise! Danke, Hal! Und auf die nächsten 500 WWWW! Und fallt bloß nicht auf diesen Echtzeit-Mumpitz rein!

*** Die Fragen "Was war" und "Was wird" sind schwer zu trennen in diesen Zeiten. Denn was die Großkoalitionäre da zusammenkochen, hat den Geschmack der Vergangenheit. Was darf es sein? Ein staatlich kontrolliertes Internet mit zertifizierter Erotik, wie es einschlägig bezahlte Vordenker fordern? Der Gilb hat die Lösung parat.

*** Im übrigen ist der Vorschlag, den Menschen in die Gegenwart einzusperren und ihn von Vergangenheit und Zukunft abzuschneiden, nicht erst unserer Zeit entsprungen und auch nicht an die ausschließliche Orientierung auf die elektronische Kommunikation gebunden. Die alte Bezeichnung für diese Form zentralisierter Kontrollmacht ist Bücherverbrennung."
Lewis Mumford, "Mythos der Maschine"

Am 35. Mai holt Onkel Ringelhuth seinen Neffen Konrad von der Schule ab. Auf dem Weg in die Wohnung des Onkels treffen sie ein sprechendes ehemaliges Zirkuspferd mit Namen Negro Kaballo. Dann fällt Konrad ein, dass er noch einen Aufsatz über die Südsee schreiben muss, und er versucht verzweifelt, in einem Lexikon ein paar Informationen zu finden. Es gelingt ihm nicht, und das Pferd schlägt vor, dass sie alle schnell mal die Südsee besuchen könnten. Auf dem Weg dorthin fahren sie mit der U-Bahn nach Elektropolis. Dort braucht niemand zu arbeiten, weil alles vollautomatisch geht. Gerade als die drei beginnen, den Ort als modernes Paradies anzusehen, wird alles durch eine gewaltige Überspannung zerstört...

Blackout in einer Maschinenwelt – eine moderne Geschichte. Aber Der 35. mai oder Konrad reitet in die Südsee von Erich Kästner ist bereits 1932 erschienen. Ein Jahr später gehörten die Bücher Kästners zu denen, die bei den Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten auf dem Schlossplatz in Berlin ins Feuer geworfen wurden. 32 Jahre später, im Jahr 1965, wurden wieder Bücher von Erich Kästner ins Feuer geworfen, diesmal in Düsseldorf von Mitgliedern des Jugendbundes für Entschiedenes Christentums. Die Veranstaltung war zuvor vom Ordnungsamt genehmigt worden. Auf die Frage eines Journalisten, was er an diesem Abend vortragen werde, sagte Kästner, dass er etwas Aktuelles lesen werde, nämlich die Rede zur Bücherverbrennung, die er schon 1958 gehalten hatte.

Beinahe hätte auch ein anderer Bücherbrand sich wiederholt: Bei einem Feuer im Verwaltungstrakt der neuen Bibliothek in Alexandria wurden Anfang März 2003 dreißig Menschen verletzt. Die Bücher wurden alle vor den Flammen gerettet. Die erst ein halbes Jahr zuvor offiziell eröffnete Bibliothek ist eine moderne Version der berühmten Bibliotheca Alexandrina. Einige Jahrhunderte nach ihrer Gründung um 300 vor Christus war das Gebäude, in der das Wissen der Antike versammelt war, in einem Krieg abgebrannt. Die moderne Bibliothek, ein 200 Millionen Euro teures Prestigeobjekt, erinnert von aussen an einen riesigen Mikrochip. Kurz vor dem Brand kündigte die Leitung der Bibliothek ein Großprojekt an: Jedes auf der Welt existierende Textarchiv solle online verfügbar gemacht werden. Das könnte die Lernmöglichkeiten in Entwicklungsländern revolutionieren, in denen Wissen schwer zugänglich ist. "Die Bibliothek steht als ein historisches Symbol der Toleranz und der Vernunft der Sorge der Menschen über Gewalt und Fundamentalismus gegenüber", sagte Ismail Serageldin, der Direktor der Bibliothek von Alexandria. Kritiker fragten sich allerdings, wie weit die hohen Ideale in einem Land verwirklicht werden können, in dem Zensur immer noch gang und gäbe ist. So gibt es in Ägypten nach wie vor Bestrebungen, die Gesamtausgabe von "Tausendundeiner Nacht" wegen der "zahllosen Obszönitäten" nur in Bibliotheken zu Studienzwecken auszuhändigen. Eine elektronische Version dieser Märchen hätte dadurch übrigens kurioser Weise in den USA schlechte Karten: Viele Bibliotheken benutzen dort Filtersoftware, um pornografisches Material zu sperren – eine Voraussetzung, um an öffentliche Gelder zu kommen.

Am 30. Mai 2009 endet die Bewerbungsfrist auf das Amt des neuen Chefs der UNESCO. Wir erinnern uns: Die UN-Organisation hat sich die Förderung von Erziehung, Wissenschaft und Kultur sowie von Kommunikation und Information ihrer 193 Mitgliedsstaaten zur Aufgabe gemacht. Von den derzeit vier Kandidaten gilt der ägyptische Kulturminister Faruk Hosni als aussichtsreichster Kandidat, die Nachfolge des Japaners Koichuro Matsuura anzutreten. Bereits vor einem Jahr hatte der Kandidat sich als Freund der signalstarken Sitte des Bücherverbrennens gezeigt. Auf die Behauptung eines Abgeordneten der Muslimbruderschaft, in Ägyptens Buchhandlungen und Bibliotheken stünden zu viele israelische Bücher, hatte der Minister geantwortet: "Bring mir diese Bücher, und wenn es sie gibt, werde ich sie vor deinen Augen verbrennen."

"Faruk Hosni ist ein gefährlicher Mann", so der Philosoph Bernard-Henri Lévy, der Filmregisseur Claude Lanzmann und der Nobelpreisträger Elie Wiesel in der französischen Le Monde, "ein Brandstifter der Herzen". In einem Antwortschreiben bedauert Minister Hosni nun seine Worte: "Nichts liegt mir ferner als der Rassismus, die Negierung anderer oder der Wunsch, sich in verletzender Weise über die jüdische Kultur oder eine andere Kultur zu äußern." Ein kleines Feuer, ausgepustet wie Geburtstagskerzen. Ach, fast vergessen. Der IT-Branchenverband Bitkom sieht bei den von der Bundesregierung geplanten Internetsperren Nachbesserungsbedarf in mehreren Punkten. Auch staatliche Internetanbieter wie Bibliotheken und Universitäten sollten nicht von der Pflicht zur Sperrung ausgenommen werden. Ein Fall für die UNESCO.

*** Mit Filtermechanismen ging es los, damals, im ersten Absatz, Anno 2000. WWWW? Eine Anomalie. Eine Störung. Mitten in der streng funktionalen Optik im Heise-Newsticker rote Buchstaben, nicht mal auf Linie. Und dann noch als Grafik. Dachte man nicht mal mehr bei Heise an die Bandbreite? Untergang des Abendlandes, wenn auch etwas spät, denn die digitale Apokalypse war ja schon zum Jahreswechsel erwartet worden.

WWWW. Es war Heise, aber nicht, wie wir es kannten. Hal Faber? War das überhaupt ein Realname? Usenet-Nervensägen gingen ins Killfile, die bandbreitenfressende Grafik mit den vier Ws in den Filter. Von diesen Filtern hatte er ja selbst geschrieben.

Gelesen habe ich den Kram nämlich trotzdem. Und dann eigentlich immer wieder. Und Leuten erklärt, dass sie manchmal die Links auch klicken müssen, um zu schnallen, um was es eigentlich geht. Um auch die etwas anderen Stories mitzubekommen, die es nicht in den Ticker und schon gar nicht in die gleichgeschalteten Mainstream-Medien schaffen.

Apropos Medien. Nun fällt das Jubiläum ausgerechnet in diese Medienkrise, von der man überall liest. Content ist teuer, aber keine Sau will dafür zahlen. Und die Werbung, die das alles retten soll, die filtern auch noch alle aus, die halbwegs wissen, dass man die Maus nicht drehen muss, wenn man mit dem Zeiger auch mal nach links will. Schade für Heise, da lesen diese ganzen Filterexperten nämlich besonders häufig.

Irgendwann würde wohl auch der Ticker nur noch aus Agenturmeldungen zusammengekleistert, meinte Hal mal. Die Agenturen würden technisch langsam besser, dann fiele das nicht mal unbedingt auf. In seinem ersten WWWW-Absatz las sich das mit den Agenturen noch anders, aber das ist ja nun auch schon eine Weile her.

Heute baut Hal vor, heuert Leute an, die für ihn schreiben. Zum 500. hat er sich einfach abgesetzt, womöglich als Ergebnis Faberscher Erkenntnis. Südamerika, munkelt man, Schildkröten streicheln. Oder als 13-jähriger Minensklave getarnt Coca-Blätter kauen, nicht nur lahme Cola süppeln. Und was die Medienkrise betrifft: Hey, User-generated Content geht immer, deshalb schreiben wir hier. AAL-Prinzip. Und wenn das mit den Agenturen nachher auch nicht rechnet, kann man ja immer noch die Kommentare aus wunderbaren Foren in den Ticker packen. Das weist dann auf Missstände in der Gesellschaft hin und regt zum Nachdenken an.

Wobei ich nicht glaube, dass das was wird, mit den Agenturen. Das WWWW, nein, ganz Heise ist kritischer Journalismus, wie er viel zu selten geworden ist. Eine Anomalie. Qualitätsjournalismus, wie ihn eine Agentur, deren Produkte überall reinpassen müssen, nie leisten können wird. Deshalb hoch die Tassen auf die nächsten 500 und die ganzen anderen Beiträge, die dann hoffentlich immer noch dazwischen stehen und die dann hoffentlich immer noch auf gleich hohem Niveau sind.

In letzter Zeit las man in eben diesen Beiträgen auch wieder häufiger über Filterexperten der anderen Art. Wenn die sich durchsetzen, brauchen wir bei Folge 1000 nicht nochmal mitschreiben.

Liest dann nämlich keiner mehr.

Was wird.

Kurras und kein Ende. Muss die Geschichte wirklich neu geschrieben werden? Müssen etwa wir einen Gedenktag für den korrekten bideutschen Beamten am 2. Juni einführen? Oder vielleicht einen für Klaus Wagenbach, der den Mord an Benno Ohnesorg, den Bruder meines Mathematiklehrers, schlicht als Mord bezeichnete und dafür ins Gefängnis musste? Aber nicht doch. All die strunzdummen Kommentare vom "Schuss, der die Republik veränderte" wimmern um Vergebung nach dem großen Vergessen. Heinrich Heine hat die Dinge schon ganz richtig gesehen, als er über deutsche Patrioten, West wie Ost schrieb:

"Der Patriotismus des Deutschen besteht darin, dass sein Herz enger wird, dass es sich zusammenzieht wie Leder in der Kälte, dass er das Fremdländische hasst, dass er nicht mehr Weltbürger, nicht mehr Europäer, sondern nur ein enger Deutscher sein will."

(Hal Faber) / (jk)

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