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Was war. Was wird. #Free them all

Künftige Kriege gehen nicht um natürliche Ressourcen (1. Iteration) oder Industrieanlagen (2. Iteration). Sie gehen um Daten, meinen Militärexperten. Erstmal wird um Menschen und deren Freiheit gekämpft, um unser aller Freiheit willen, hält Hal Faber fest

Freiheit, Zaun, Draht

(Bild: David Bruyland, gemeinfrei (Creative Commons CC0)

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Deniz Yücel ist frei. Der deutsche Journalist und Satiriker, der in deutscher Sprache schreibt und seine deutsche Heimat Flörsheim liebt, ist nach einem Jahr Haft aus dem türkischen Gefängnis entlassen worden, nachdem ihm die Anklageschrift mit der Androhung von 18 Jahren Haft zugestellt wurde, und ist dann in einem vom Springer-Verlag gecharterten Flieger nach Berlin gebracht worden. Anders als die deutsche Journalistin Mesale Tolu durfte Yücel das Land verlassen. Deniz Yücel ist also frei und auf allen Titelseiten der großen Zeitungen. Deniz Yücel ist nicht so frei, dass er nach Istanbul zurück reisen und dort wieder als Korrespondent der "Welt" arbeiten kann. Die Freiheit der Pressearbeit haben neben Deniz Yücel derzeit 153 Journalisten eingebüßt, die in türkischen Gefängnissen sitzen. Sie werden als Geiseln gefangen gehalten, demit über Präsident Erdogan nur Gutes berichtet wird. Sie sind die Scherenhebel für die Zensur im Kopf der türkischen Medien – und der ausländischen Korrespondenten, die noch aus der Türkei berichten. Zeitgleich mit der Entlassung von Yücel wurden Ahmet Altan, Mehmet Altan und Nazli Ilicak zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie werden unserem Außenminister Sigmar Gabriel herzlich egal sein, der um seinen Posten kämpft. Welche Gegenleistungen für Yücel im Spiel waren, ist derzeit noch nicht bekannt. Die Sache hat einen bitteren Beigeschmack. Von der Dysgeusie geht es schnurstracks in die Dystopie mit einem NATO-Mitgliedsstaat, der eine osmanische Ohrfeige austeilen will.

*** Einen üblen, faulen Beigeschmack hat die Springer-Geschichte über den Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert, der angeblich mit einem Juri aus Sankt Petersburg per E-Mail über eine NoGroKo-Aktion verhandelt haben soll. Als Beweis dienen E-Mails, die von einer Adresse @jusos.de verschickt wurden. Sie gibt es wirklich, obwohl Kühnert wie alle SPD-Politiker und Politikerinnen über eine @spd.de-Adresse verfügt und diese nutzt. Jusos-Adressen sollen reine Weiterleitungssysteme sein, was deshalb Sinn macht, weil jedes SPD-Mitglied unter 36 Jahren automatisch Mitglied der Jusos ist. So können sie prompt als junge Massenorganisation gefeiert werden, obwohl längst nicht alle Jungmitglieder politisch aktiv sind. Die schwächelnde Partei ist ein Scheinriese, da hilft auch der schönste Rucksack Kühnerts oder ein autorisiertes handzahmes Interview nicht viel. Um so fauliger die Boulevard-Geschichte. Für das gehobene Bürgertum, das sich nicht für die Feinheiten von Mail-Adressen interessiert, hat man ja noch die Geschichte mit dem Stinkefinger.

*** Digitalisate haben es faustdick hinter den Eselsohren. Da kaufte die bayerische Staatsbibliothek zu München einen Druck der Waldseemüller-Globenfragmente ein, jener berühmten Globenvorlage, auf der ganz oben erstmals America als Kontinent verzeichnet ist. Beim Ankauf sprach die Deutsche Kulturstiftung der Länder von einem Taufzeugnis Amerikas aus Deutschland. Nachdem ein weiterer Druck dieser Globensegmente auf einer Auktion verkauft werden sollte und Experten Zweifel hegten, wurden durch das Digitalisat dieser Fälschung auch in München Zweifel laut. Titan in der Druckfarbe, das geht ja gar nicht. Auch dieses Bild der "Neuen Welt" ist hinfällig, ganz passend zu einer Zeit, in der wir uns neu orientieren müssen, wie Bruno Latour anmerkt. Zwar ist das Klimaziel 2020 im Weiterwurstelvertrag der Großen Koalition verschwunden und durch verschiedene Bekenntnisse zu einem umfangreichen Klimaschutz ersetzt worden, doch wird die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel in den nächsten hundert Jahren eine zentrale Rolle in der Politik spielen. Das betrifft zahlreiche Aspekte von der Dieselschulddebatte über den Roboterbau bis zu den Auguren der künstlichen Intelligenz, gepriesen durch Eric Schmidt. Was passiert eigentlich, wenn beim Spiel Mensch gegen Computer der Energieaufwand in die Ver-Gleichung eingepreist wird?

*** Bleiben wir in München, wo auf der Sicherheitskonferenz über die kommenden Kriege spekuliert und nach einem Recht im Cyberspace gerufen wird, wenn dort ordentlich attribuierte Krieger auftauchen. Für den Meatspace gibt es allerhand hübsche Pläne, wie schnell verfügbare Kampftruppen eingesetzt werden können. Doch um was wird gekämpft, wie um die Ölfelder im Irak? Wie die Kriege und Konflikte kommender Zeiten aussehen werden, hat der Militärgeschichtler Yuvai Noah Harari für die Münchener Sicherheitsspezialisten so skizziert: "Während in der Antike politische Kämpfe sich auf die Kontrolle von Land konzentrierten und in der Neuzeit politische Kämpfe sich auf die Kontrolle von Industriemaschinen konzentrierten, werden sich politische Kämpfe im 21. Jahrhundert um die Kontrolle der Daten drehen. Aber der Kampf wird nicht zwischen Menschen und Computern liegen. Vielmehr könnten Konflikte zwischen einer kleinen Elite, welche die Algorithmen und Datenbanken besitzt, und der Mehrheit der Menschen ausbrechen, die wirtschaftlich wertlos und politisch machtlos werden könnten." Der Autor, der davon überzeugt ist, dass wir spätestens 2050 unsere Smartphones in unsere Körper integriert haben werden, kann sich bewaffnete Konflikte vorstellen, die sich über das Eigentum an Daten abspielen, wenn die Daten am eigenen Körper von anderen entwendet werden. Dagegen steht nach Steven Pinker die Vernunft und die Wissenschaft, beide etwas aus der Mode gekommen.

Zweimal in kurzem Abstand hintereinander ist Wikileaks-Gründer Julian Assange vor einem britischen Gericht mit dem Versuch gescheitert, aus "Gründen des öffentlichen Interesses" einen Haftbefehl aussetzen zu lassen, der besteht, seitdem er britische Meldeauflagen ignorierte und in die Botschaft von Ecuador floh. Die Richterin beschied ihm in dieser Woche, er möge doch selbst vor Gericht erscheinen, um die Frage zu klären. Nach diesen Niederlagen veröffentlichte The Intercept eine Geschichte über den ruppigen Umgangston in enem internen Chat-Forum von Wikileaks. Nun ist ein Hauen und Stechen ausgebrochen, denn für Assange und sein Wikileaks ist der Feind klar auszumachen. Im Dezember gab es nicht nur die Stellungnahme der Wau-Holland-Stiftung zur Finanzierung von Wikileaks, sondern auch die Ankündigung der Freedom of the Press Foundation, nicht länger als Spendenagentur für Wikileaks aufzutreten, weil es keine Wikileaks-Zahlungsblockaden in den USA mehr gibt.

Tatsächlich startete diese Organisation einstmals als Spendensammelseite für Projekte wie Wikileaks oder MuckRock, in etwa das Gegenstück zu Frag den Staat. Inzwischen sammelt man Geld für Projekte wie Signal oder Haven, mit denen sich Whistleblower und Journalisten vor der Überwachung schützen können. Ein Großteil der Spenden der Freedom of the Press Foundation stammen von Pierre Omidyar, der auch das Angebot von The Intercept finanziert. Ist es ein Kampf um Daten?

Für die Woche jedenfalls hat Wikileaks "tabula rasa" angekündigt und via Pastebin einen ersten Text veröffentlicht, in dem Assange sich zusammen mit dem verstorbenen John Perry Barlow zum Gründer der Organisation stilisiert. Ein leerer Tisch kann auch schön sein. (Hal Faber) / (jk)

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