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Was war. Was wird. Humanismus oder Humbug, das ist die Frage.

Dummheit ist kein Privileg rechtsradikaler Spinner. Dummheit gibt es überall, leider, weiß Hal Faber. Auch bei "linken" Künstlern. Und politischen Parteien.

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Was war. Was wird. Humanismus oder Humbug, das ist die Frage.

Der "Mantel der Gechichte", mal wieder? Oder nur die Sehnsucht nach alten Zeiten? Manche Wahlen lassen einem doch ratlos zurück.

(Bild: Vincent Ciro, gemeinfrei, und ein seltsamer, aber möglicherweise passender Text zum "Mantel der Gechichte")

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Eine Weihnachtsspendenkarte des ZPS, Beilage in der taz von diesem Wochenende

*** "Aggressiver Humanismus", damit wirbt das Zentrum für politische Schönheit für die humanistische Revolution, die dann passiert, wenn die "kompromisslose Gangart des Humanismus" anschlägt und Reaktionen auslöst. "Sie erhalten nirgends so viel Aufruhr und Dissens für jeden gespendeten Euro wie bei uns." Das ist doch einmal eine frohe Botschaft in dieser um Spendenbitten so reichen Vorweihnachtszeit. Nun hat das ZPS ein "fingiertes" Denunziationsportal aufgemacht und mit dem Honeypot nach eigenen Angaben Neonazis identifiziert, die in Chemnitz bei der Keinhetzjagd dabei waren. Dabei will man auch Geld an Nazis gezahlt haben, die ihre Kumpels verpfiffen haben. Nun gibt es etliche Debatten, ob die Aktion politisch oder gar ästhetisch eine gute Idee war. Ein anderer Strang diskutiert die Aufforderung der Künstler an Unternehmen, "Haltung zu zeigen": Nicht nur gespendete Euros bewirken Aufruhr, auch eingesparte Euros für rechtsradikale Arbeitskräfte. Die Zuweisung der Besucher erfolgte in größtmöglicher Schlichtheit: "Viele von Euch braunen Mobbern haben dann sofort die Suchfunktion genutzt und oftmals zuerst den eigenen Namen gesucht. Die Suchdaten wurden gemäß Datenschutzbestimmung wie bei allen Web-Suchdiensten mitgeloggt und einer pseudonymisierten Benutzerkennung zugewiesen. Als nächstes haben mehr als 62 Prozent der relevanten Besuchergruppe unsere Datenbanken nach Familienangehörigen durchforstet, bevor im Schnitt nach 6,72 Freunden oder Bekannten gesucht wurde."

*** Zum aufgestellten Honeypot gibt es eine Beschreibung, die wirklich weh tut: "Wir arbeiteten mit Experten der Bilderkennung, künstlichen Intelligenz und Algorithmik. Und wir bauten eine Webseite mit einem einzigen Ziel: Ihr liefert uns Euer gesamtes Netzwerk selbst aus und zwar ohne es zu merken. Das wichtigste Element dieser Seite: die Suchfunktion. Über die Suche habt Ihr uns mehr mitgeteilt, als öffentlich zugängliche Quellen je verraten hätten." Experten der Bilderkennung, der künstlichen Intelligenz und der Algorithmik sollen bei dem gelb-schwarzen Imitat der Hamburger G20-Soko "Schwarzer Block" mitgearbeitet haben. Sollte dies wirklich stimmen, wird das Bild des unpolitischen Informatikers wieder aufgefrischt, der da eifrig mitmacht, die 2000 Datensätze zu komplettieren, die nach Angaben des ZPS vorhanden sind. Da ist die ganze Debatte über die fehlerhafte Datenschutzerklärung und der "Datenschutzbestimmung" des ZPS nur ein kleines Teilchen dieser aufgehäuften Müllhalde, wenn auch ein sehr deutsches. Was bleibt von der Aktion übrig als die Erkenntnis, dass auch Künstler Trolle sein können? Oder muss man von einer Nazi-Schufa reden? Wie wäre es mit der Umbenennung in Zentrum für politische Selbstgefälligkeit oder in die Umfirmierung als Suchmaschinenaufruhroptimierer (SAUO)?

*** Unterdessen gab es wieder einen G20-Gipfel, diesmal in Argentinien. Während dort US-Präsident Donald Trump mit seinem chinesischen Amtskollegen Xi Jinping verhandelte, wurde zeitgleich in Kanada Huaweis Finanzchefin Meng Wangzhou festgenommen, die Tochter des Huawei-Gründers Ren Zhengfei. Die Verhaftung der chinesischen "Prinzessin" dürfte ein Streich des US-Präsidenten Trump sein, dem bekanntlich seine Familie über alles geht. Das spektakuläre Timing der Aktion gibt in vieler Hinsicht Rätsel auf, vom notorisch beliebten Huawei-Bashing ganz zu schweigen, das diesmal von einem EU-Kommissar betrieben wird.

*** Kanada ist einer der 5Eyes und wird die Aktion nicht ohne vorherige Absprache durchgeführt haben, vielleicht sogar auf dem Gipfel in Argentinien durchgeführt. Darauf deutet auch die harte Haltung hin, eine Freilassung auf Kaution abzulehnen. Der "Handelskrieg" zwischen den USA und China dürfte zur Verhaftung von US-Managern in China führen, wo sich gerade unser Bundespräsident Steinmeier aufhält und den Wert der Menschenrechte verkündet. Wie heißt es so schön im meistübersetzten Dokument der Welt: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen." Der morgen anstehende Tag der Menschenrechte kann geknickt/gefeiert werden.

*** Ganz nebenbei wird die Haltung des Anwaltes von Assange verständlich, der dem "Deal" – kurze Haftstrafe in Großbritannien wegen Verletzung der Bewährungsauflagen – nicht zustimmen will. Auch Großbritannien gehört zu den 5Eyes und muss von den USA bei der Aufklärung der Frage beistehen, inwieweit Wikileaks an der großen "Collusion" beteiligt war oder auf Twitter selbst agierte. Wie das gehen kann, zeigt eine gerade veröffentlichte wissenschaftliche Studie. Bleibt noch Australien übrig, das sich in dieser Woche ein Gesetz zugelegt hat, nach dem die Verschlüsselung von Inhalten mit tätiger Mithilfe von Providern und Software-Herstellern gebrochen werden soll. Natürlich nur beim Vorliegen einer schweren Straftat und dem Verdacht auf terroristische Umtriebe, aber ein Einstieg in die Kriminalisierung von Kryptografie ist gemacht.

*** Mit der Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer hat Bundeskanzlerin Angela Merkel immerhin erreicht, den Merzinfarkt im deutschen Journalismus zu verhindern. Außerdem wurde Jens Spahn als Scheinriese enttarnt. Da kann es jetzt ja weiter gehen mit den Fortschritten, die künstliche Intelligenz zu einem europäischen Airbus-großen IT-Unternehmen auszubauen und sich ein Stück weit auf das noch nicht beschrittene Terrain einzulassen. Auch für Jens Spahn gibt es genug zu tun, hat doch die deutsche Datenethikkommission (DEK) getagt und ihre "Empfehlungen für eine partizipative Entwicklung der elektronischen Patientenakte (ePA)" veröffentlicht. Die ePA des souveränen Patienten soll im Namen einer digitalen Gesundheitskompetenz gestaltet werden und keine undurchsichtige App mit Sicherheitsmängeln sein. Das wäre mal ein Fortschritt. Wo wir bei diesen Schritten auf dem fast noch neuen Terrain sind, können wir auch die Abnahme der e-Akte Bund begrüßen, die nun im Justizministerium eingeführt und getestet wird. Natürlich gibt es auch Rückschläge zu vermelden. Nehmen wir nur das schwächelnde De-Mail-System. Wer De-Mails an das Bundesverfassungsgericht schickt, um eine Verfassungsbeschwerde einzureichen, hat keine Chancen, da nur "körperliche Schriftstücke" zugelassen sind. Selbst wenn eine De-Mail mit dem Sicherheitsniveau "hoch" eintrudelt, unterläuft sie die Schriftformerfordernis.

Alles wird gut. Open Source hat den Browser-Krieg gewonnen, die Weihnachtswunschzettel machen die Runde und während einige leicht abirrend den 50. Geburtstag der 1963 entwickelten Maus feiern, tummeln sich die wahren Freaks auf einem Tastatur-Festival oder kaufen alte oder neue Tastaturen. Nichts tut so gut wie ein kräftiger Hau auf die Tasten, da kommt das Streicheln eines Tablets, das Schubsen einer App nicht mit.

Das ist ja eben das Problem mit Google und Facebook, die alles daransetzen, "Menschen auszuspionieren, auszuwerten, politisch zu manipulieren und ihnen letztlich auch die Seele und ihre Autonomie zu rauben und durch einen Algorithmus zu ersetzen." Meint Jaron Lanier, der sicher nicht für einen Airbus oder einen Transrapid der KI arbeiten würde.

Werbung für die re:publica unter dem Titel "God has burnout"

Der schon in der letzten Wochenschau erwähnte Heilsbringer hat im Silicon Valley beobachtet, wie ultralibertäre und ultralinke Ansichten sich vermischen und dann gemeinsam nach Neuseeland auswandern. Positiv gesehen ist Lanier wenigstens kein Anhänger der Hufeisentheorie. Negativ gesehen ist tatsächlich bald Weihnachten. Süßer die Türchen nie klappen. Aber es geht ja weiter, nicht nur im Kleingedruckten. Auch wenn der eine oder andere nach diesem wuseligen 2018 schon jetzt vom Burnout geplagt wird. (jk)

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