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Was war. Was wird. In Sommergewittern

Es dampft. Die Luftfeuchtigkeit lässt auch Hal Faber zum Kiemenatmer mutieren. Da fehlt glatt die Luft, sich aufzuregen. Macht nix, lohnt sich auch nicht. Nicht immer, zumindest.

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Eule

Wachsamkeit? Ja, so ein Uhu, auch ein Vogel, hat's drauf. "Ihr aber lernet, wie man sieht statt stiert und handelt, statt zu reden noch und noch. [...] So was hätt einmal fast die Welt regiert. [...] Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."

(Bild: Chräcker Heller, gemeinfrei, Zitat: Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui, Schluss des Epilogs)

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Prassel, prassel, wumm, zisch und rumms. So ein Sommergewitter hat ja etwas theatralisches. Es kühlt nicht wirklich ab und reinigt auch nicht, sondern schichtet den Dreck in der Stadt um. Auf dem Land sorgt es für stinkenden Schlamm und knickt den einen oder anderen Baum. Physikalisch ist das natürlich ein Zeichen der Klimaerwärmung: Um ein Grad wärmere Luft kann 7 Prozent mehr Wasserdampf aufnehmen und ratzeklatsch wieder abgeben. Aber das Sommergewitter übertreibt so, wie all das heißlüfterne Gerede um die Datenschutzgrundverordnung. Da gibt es welche, die von einer gigantischen Lebenszeitvernichtung donnern und andere Blitzmerker, die behaupten, dass ein recherchierender Journalist ohne konkreten Auftrag einer Redaktion bereits eine illegale Datensammlung anlegt. Sie haben offenbar nichts vom Medienprivileg gehört – und sie haben wohl auch von der Meinungsfreiheit keine große Meinung. Für die nun völlig überraschend nach zwei Vorbereitungs-Jahren in Kraft getretene Datenschutz-Reform gibt es billigste Attacken auf "die Politiker da oben" und besonders die, die im Rausch der Daten einen kühlen Kopf behalten wollten. Aber nein.

Das Gespenst der Entdigitalisierung geht um in Europa, verkündet vom Branchenverband mittelständische Wirtschaft. Welchselbigen man sich merken sollte, zumindest bis zum Ende dieser Wochenschau.

*** Aua, aua: Ja, dem Journalismus geht es wirlklich nicht gut. Insofern ist die Show, die der ukrainische Geheimdienst und der russische Journalist Arkadi Babtschenko abgezogen haben, eine üble Sache, weit mehr als eine Beule an der Glaubwürdigkeit der Journalisten. Auf das ukrainische Schmierentheater gibt es die einfache Antwort, dass alle Geheimdienste lügen, das ist nun einmal ihr Job. Auch in der Politik ist das Lügen salonfähig, mindestens seit Donald Trump ist Lügen OK, wenn es der Sache dienlich ist. Vielleicht schon früher, wie es Michal Chmela beschrieb: "Lügen gehört zur Politik, seit der erste Höhlenmensch herausgefunden hat, dass man sich um das gefährliche Elefanten-mit-spitzen-Stöcken-Anpieksen herumdrücken kann, indem man einen Ausschuss einsetzt, der das erbeutete Fleisch verteilt."

*** Der gekonnte Umgang mit der Lüge inklusive Irreführung von Journalisten ist für den ukrainischen SBU genauso wie für den BND das Alltagsgeschäft. Man betreibt ach so harmlose Repeater an Kirchen und hat ein ganz wunderbares, mehrstufiges Filtersystem geschaffen, das laufend von einer G10-Kommussion mit ruhmreicher Vergangenheit inspiziert und kontrolliert wird. Die zuletzt bekannt gewordene Zahl von 193 Abhörmaßnahmen (in der Sprache der Dienste natürlich "Beschränkungsmaßnahmen") vom Februar 2015 gilt für alle drei deutschen Dienste und dürfte mittlerweile erheblich gewachsen sein. Nur gut, dass die Klage jetzt vom Bundesverfassungsgericht behandelt werden soll.

*** Vor einem Jahr erreichte der Journalismus einen anderen Tiefpunkt, jedenfalls technisch gesehen. Am 3. Juni wurde in den USA die Whistleblowerin Reality Winner verhaftet, weil einer von vier beteiligten Journalisten so unvorsichtig war, bei seiner Recherche sich mit dem Originalmaterial an die Ermittler zu wenden. Über die Geschichte der Whistleblowerin habe ich in einer kleinen Wochenschau geschrieben. Zur Entlastung der Journalisten, auf die Wikileaks eine Art Kopfgeld ausgesetzt hatte, erschienen Artikel, wie sich die junge Frau so oder so verraten hätte, ganz ohne eingebettete Drucker-Codes auf den von ihr ausgedruckten Seiten. Bleibt festzuhalten, dass die Ex-Soldatin Winner seit einem Jahr in Untersuchungshaft sitzt und die Ermittler keine Anzeichen erkennen lassen, Anklage zu erheben. Das an diesem Skandal das angebliche Versäumnis mit dem Miranda-Statement Schuld sein soll, mag niemand mehr glauben. "Dabei ist der Fall für zukünftige Whistleblower von großer Bedeutung. Die Frage steht im Raum, welchen Schutz Whistleblower während der Regierungszeit von Trump erwarten können", schrieb ich in dieser Wochenschau. Die Frage steht immer noch im Raum und möchte abgeholt werden.

*** Inzwischen hat die Regierung von Donald Trump durchaus Fortschritte zu verzeichnen. Der Präsident begnadigt Betrüger wie Dinesh D'Souza und trollt damit im "Sumpf" von Washington, so gut es eben geht. Der lang versprochene "Handelskrieg" ist da und dürfte für die eine oder andere "Schlacht" mit überraschendem Ergebnis sorgen,wie es der Fall ZTE gezeigt hat. Die Welt ist alles, was ein Deal ist. Wenn sich Trump und Kim tatsächlich in Singapur treffen sollten, wird die hohe Kunst des Deals zeigen, was herauskommt, wenn sich Trump auf sein Bauchgefühl verlässt und Kim auf die Gewissheit, ein Gott zu sein. Nach wie vor unterschätzt die diplomatische Welt diesen Gesichtspunkt, das hier einer als Unfehlbarer auftritt wie der Tenno in Japan bis 1945. Weshalb Japan ja den Gipfel misstrauisch beäugt.

*** War noch was? Wie bitte, Gaulands "Vogelschiss"? Ach, ignoriert doch den senilen Spinner. Mehr hat er nicht verdient. Uhu-hafte Wachsamkeit hin oder her.

Zur Kunst des Deals gehört die Vertragsfreiheit, auch für Politiker und Politikerinnen. Doch es gibt auch Grenzen, wehalb eine Abklingzeit nach Ende des Mandates das Schlechteste nicht ist. Nun will die SPD-Politikerin Brigitte Zypries gegen eine Karenzzeit juristisch vorgehen, weil sie darin einen Verstoß gegen die Berufsfreiheit sieht. Zypries will in den Beirat von einem Start-Up, einer Vermögensberatung und des Branchenverbandes mittelständische Wirtschaft. Die letztgenannte antigewerkschaftliche Lobbyorganisation will eine Politikerin umarmen und umbeinen, die sich zuletzt für ein Amazon der Verwaltung stark machte, zu liefern vom exzellenten deutschen IT-Mittelstand.

Damit steht der SPD-Sommerhit fest, der mit dem unsäglichen Satz von Andrea Nahles eingeleitet wurde und einen hübschen Refrain hat, den der FAZ-Feuilletonchef in bester schirrmachernder Klangfülle so formuliert hat: "Macht den Laden zu, ihr Deppen."

Was macht Neuer? Lacht Neuer? Wie dehnt sich Neuer? Und, das ist der Wahnsinn, Neuer fährt Fahrrad!. Ja, hindert ihn denn niemand an dieser Wahnsinnstat, die zu gefährlichsten Schürfwunden à la Müller führen kann? Während am Rande der norddeutschen Tiefebene die CeBIT-Neu (nein, nicht Neuer) stattfindet und Obama spricht, startet in Russland die Fußball-Weltmeisterschaft. Die Fähnchen werden an die Autos gesteckt, die Außenspiegel umhüllt, und wer Fahrrad fährt, hat seine Nationalverbundenheit natürlich mit dem Helm zu zeigen oder mit Schminke auf der Fanmeile. Wir. Grölen. Deutschland. (Für den "la Mannschaft"-Slogan "Best Never Rest" ist die Reservierung in der Wortspielhölle längst bestätigt.)

Nicht dabei in Russland ist Norwegen, wo Den Norske Helsingforskomitee ein aufklärendes WM-Buch für die aus Russland berichtenden Journalisten herausgegeben hat, das ganz und gar nicht nach dem Geschmack der FIFA und der russischen Organisatoren geworden ist. All die wunderbaren Erfolgeschichten der Sponsoren werden von gruseligen Geschichten über die Arbeitsbedingungen der Nordkoreaner beim Bau der Stadien überlagert, das geht überhaupt nicht. Sport ist ja so unpolitisch. Freuen wir uns auf Bilder begeisterter Fans. Nein, warten wir auf schöne Bilder von Neuers Ausflügen über den grünen, grünen Rasen. Oder stören da etwa Sommergewitter die Eisenplatte im Mittelfuß von Titan Neuer? (jk)