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Was war. Was wird. Inklusive eines sommerlichen Nachklapps aus dem Zelt

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war. Ein sommerlicher Nachklapp aus dem Zelt.

Wir leben in transationalen Zeiten. Züge aus Foxconnien fahren bis nach Hamburg, der Vater des Internets kommt ins deutsche Innenministerium, im Auftrag von Google. Geredet wurde nicht über das seltsame deutsche Leistungsschutzrecht, das nunmehr in Kraft getreten ist und Googles News unkenntlich verändert hat. Ein paar deutsche Regionalzeitungen fehlen, doch die großen Namen sind nach wie vor dabei. Ähnlich wird es bei dem geplanten Gesetz zur Datenuntreue, wenn es denn kommt. Besprachen Cerf und Rogall-Grothe, wie es in Deutschland um die Internet-Väter-Forschung bestellt ist? Aber halt, das besorgt doch das Google-Institut, das gerade den putzigen Titel "Oma liebt eine Maschine" seriöser als "brauchen wir eine Roboter-Ethik" umformulierte. (Brauchen wir nicht, aber eine umfassende Roboter-Versicherung wäre nett).

*** Nein, mit einem schwerhörigen Opa wie Cerf besprach man lieber die großen, letzten Dinge, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und den Schutz der Privatsphäre: "Die Entwicklung der Gesellschaft muss sich immer wieder an den Grundrechten ausrichten. Und das gilt auch für das Internet", sagte Rogall-Grothe. Solche Sätze wollen wir eigentlich von ihrem Vorgesetzten hören, doch der schwafelt lieber von übertriebenen Ängsten der Bürger und davon, dass die NSA lediglich etwas herumfiltert. Wir filtern nur und dann wird ein bisserl Metadaten weitergegeben, das ist doch nur wie ein bisschen schwanger sein. Dass ein Auslands-Geheimdienst so vorgeht, ist eigentlich ein bisschen mehr. Es widerspricht dem Grundgesetz.

*** Und die Anderen? Unschuldige Schäfchen, soweit das Auge reicht? Das sehen Fachleute wie der ehemalige NSA-Mitarbeiter Thomas Drake natürlich ganz anders. Auf dem Hackercamp OHM erklärte er: "Die NSA filtert nicht, sie saugt alles auf." Nur unter dieser Prämisse werden die flehentlichen Bitten der Whistleblower an die Hacker verständlich, sie sollen bitte Werkzeuge für die Lebensverschlüsselung prgrammieren. (Was so einfach nicht ist, da muss man schon seine Verhaltensweisen ändern und keine Gmail-Konten führen, wie die US-amerikanischen Whistleblower.)

*** Oh, schon wieder ein Sommerrätsel? Aber nicht doch. Nur ein Bild aus vergangenen, besseren Tagen, von dem niederländischen Hackercamp "Hacking at Random" im Jahre 2009, als die Wikileaks-Aktivisten Julian Assange und Daniel "Schmidt" die Aktion "Wikileaks most wanted" starteten. Unsere Nachbarn haben mit Klokkenluider ein Wort für Whistleblower, was in der deutschen Sprache fehlt. 2009 begann der Höhenflug von Wikileaks, mit Dokumenten aus Hungry, Haiti und Germany. Ja, der Hunger nach Dokumenten war groß, doch was der praktizierende Humanist Bradley Manning ablieferte, war viel größer. Einer der wichtigsten Vorwürfe gegen Manning und Wikileaks hat sich in dieser Woche in Luft aufgelöst: Dass in den War Logs aufgeführte Namen zum Tod von Informanten geführt haben sollen, ist eine Behauptung der Taliban, um mögliche Verräter abzuschrecken. Vor Gericht wurde diese Behauptung nicht akzeptiert. Ansonsten gibt es wenig vom Verfahren zu berichten, aber eine bemwerkenswerte Konstellation: Sämtliche Aussagen von Zeugen aus dem US-Außenministerium erfolgen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das State Departement gibt sich geheimnissvoller und abgeschotteter als die US-Armee.

*** Auch in diesem Jahr hatte Assange seinen Auftritt, diesmal dank einer Videoschalte per Skype, die die beiden Vortragszelte zum Platzen brachte. Vorab untersagte der Kontrollfreak der Presse, Fotos, Videos oder Soundbytes von seinem Vortrag aufzuzeichnen. Hacker, die ungerührt ihr Smartphone den Vortrag aufzeichnen ließen, boten ein schönes Beispiel für die Transparenz und Unduldsamkeit gegenüber dem "Verbots-Bullshit" (Assange in seiner Ansprache), die von ihnen erwartet wird. Auf der HAR 2009 hatte Assange ein DECT-Phone mit der Nummer 6639 für MNDX, seinem alten Hackernamen "Mendax" für sich reservieren lassen. Er konnte allerdings kaum angerufen werden, da er sich damals zur Vorbereitung seiner Rede in einem weiter entfernten Hotel aufhielt. Was Mendax in seiner Jugend getrieben hatte, wurde zur besten Hacker-Nachtzeit auf der OHM in einem Zeltkino gezeigt. Der Fernsehfilm Underground entpuppte sich als kaum glaubwürdiges Stück zum Wank-Virus und dem behaupteten Einbruch in das US-amerikanische Milnet, verknüpft mit einer wirren Familiengeschichte. Der Mythos Assange wird rückwirkend in seine Jugend zurückgeschrieben, mit stehendem Beifall.

*** Haben "die Hacker" eigentlich die geheime Superkraft, die Dokumentenmanager wie Assange und Whistleblower wie Ray McGovern ihnen zuschreiben? Sind sie die wahren Revolutionäre der technischen Intelligenz, wie einstmals auf "das Proletariat" gehofft wurde? Arbeiten nicht ebenso viele gute Programmierer bei den Strafverfolgern? Bereits auf der HAR war die niederländische Firma Fox-IT der größte Sponsor des nächtlichen Sommervergnügens. Auf der OHM toppte Fox-IT sein Sponsoring und war mit einem Zelt samt Planschbecken unter dem Slogan "We clean up the Shit & Shizzle" vertreten. Fox-IT-Mitarbeiter, die das Camp organisierten, durften dafür langen unbezahlten Urlaub nehmen. Auf das Fox-IT-Banner sprühten Hacker in der ersten Nacht "NSA", in der zweiten Nacht kamen <3-Herzchen dazu und als Fox-IT den Slogan in "if you want to discuss this, please come inside" änderte, wurde dazu aufgerufen, faule Eier und verschimmeltes Essen in das Zelt zu werfen. Ein echter Dialog sieht etwas anders aus. Das Gegenstück zu dieser Nicht-Kommunikation bildete wohl der Hacker Mitch, der dem ZDF vom positiven Aspekt der ganzen Sache erzählte: "Je mehr Cyber-Krieger es gibt, desto mehr Ed Snowdens wird es geben." Junge ITler, die bei der NSA oder dem BND arbeiten, können ihr Gewissen entdecken und den Weg in ein lateinamerikanisches Exil antreten. Klar machen sie das.

*** Auf einem Panel zur Hacker-Ethik gab ein Teilnehmer unumwunden zu, für viel Geld für einen großen US-amerikanischen Software-Konzern zu arbeiten. Dafür erntete er Kritik, aber auch Beifall für den Zusatz, er würde überschüssige Kopeken an darbende Hacker-Projekte spenden. Wikileaks begann als echtes Hacker-Projekt. Mit dem nach HAR im Jahre 2009 zugespielten Material von Bradley Manning, mit dem in Island zusammengeschnittenen, kommentierten Video "Collateral Murder" wurde Wikileaks weltberühmt. Hacker Daniel koppelte sich bald aus dem Projekt aus, unter anderem, weil ihm der isländische Hacker Siggi supekt war, der von Julian Assange zum neuen Sidekick aufgebaut wurde. Auf der OHM ist Daniel Domscheit-Berg wieder dabei und hat großen Spaß. Seine Truppe klebt Vouchers für Ipredator, einem neuen Service in der Tradition von The Pirate Bay, die auf dem Sommercamp eine VPN-Verbindung anbieten, bei der Fox-IT die Segel streichen muss – sollten sie denn abhören mögen täten wollen, um es im Valentintativ zu sagen. Die Voucher-Postkarten von dieser Truppe sind beliebt, weit mehr als der lachende Waschbär von Bluejade. People like you and me sitzen eben nicht im ordentlich geordneten Zelt. Die kurz vor der OHM eingefrorenen Bankverbindungen für Ipredator zeigen, dass das System System hat.

Was wird.

Wir waren alle einmal Edward Snowden. Wir versagten, als es galt, Haltung zu zeigen. In Spanien wird in den nächsten Tagen eine neu gebildete Cyber-Einheit antreten, unter Befehl des dortigen Cyberterror-Abwehrzentrums. "Über eine ausgefeilte Kommunikationspolitik soll die Schaffung eines fiktiven Radikalisierungsumfeldes wie auch die Stigmatisierung der muslimischen Gemeinschaft nachgebildet werden", heißt es in einem deutschen Bericht zu diesem Projekt, den "Homegrown-Terrorismus" mit einer Netz-Simulation zu verhindern. Journalisten sollen mitarbeiten, die fiktive Radikalisierung möglichst realitätsnah auszufüllen. Sie sollen in Spanien besonders günstig zu haben sein.

Diese kleine, etwas andere Wochenschau endet heute etwas ungewöhnlich. Weil mein Bericht von der HAR 2009 von einem der beliebten Netz-Sprachforscher kritisiert wurde, gibt sich die Wochenschau diesmal Gender-gerecht. Nein, die Frauen schleppten diesmal nicht ihre Kinder – das Gelände war nicht geeignet dazu. Wer an die Taten heroischer Weibsbilder erinnern will, muss weit zurückgreifen: Vor 100 Jahren erschien der viel beachtete Bericht der Aktivistin und Journalistin Sylvia Pankhurst über ihre Zwangsernährung. Guantánamo, anyone? (jk)