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Was war. Was wird. Make Orwell Fiction again. Nicht nur am Ende eines Jahres.

Seltsames Jahr. Nun ist es zu Ende. Hal Faber aber macht nicht in Traurigkeit, sondern blickt hoffnungsvoll, unverbesserlicher Optimist, der er ist.

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Freiheit, Tunnel, Licht

Freiheit? Nicht leicht zu bekommen, immer wieder gefährdet - und auch immer wieder eine schwere Bürde.

(Bild: Melissa Battaglia, shutterstock.com)

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Rückblicke, Schmückblicke. In diesem Jahr gab es bereits so viele, dass ich nicht die treuen Leser dieser Wochenschau mit einer weiteren Ausgabe langweilen möchte. Es gab diesen Rückblick, basierend auf Zugriffszahlen und Leistungsstatistiken, es gab den Rückblick bei den
Kohlenstoff-Fossilen, den der Kollegen von der vordersten technologischen Front und es gab das Fazit aus dem Newsroom und die Bilanz der Gamer und der Uplinker.Ganz zum Schluss kam der Rückblick des Chaos Computer Clubs hinzu, einer Vereinigung von leitenden Kreaturen mit einem Hang zur Selbstdarstellung. Leise weinten die Erfa-Kreise. Wer mit der Zeit geht, ist mittlerweile ein Hackerspace geworden, ein nom de plume für mächtig kreative Sachen.

Kunstinstallation Big Hope 4 Syria auf dem 35C3

*** Von der mächtig gewachsenen Hacker-Versammlung zwischen den Jahren ist auch das Motto dieser kleinen Wochenschau abgestaubt, als guter Vorsatz für das nächste Jahr, das sich zum Einlauf bereit macht. Das Buch, das Orwell zu einem Synonym für den Überwachungsstaat machte, ist an dieser Stelle vor wenigen Tagen besprochen worden. "Make Orwell Fiction Again" sollte damit verständlich sein. Es gilt, den Überwachungsstaat mit seinem Neusprech und Denkrechts zu verhindern, die Rede vom Menschen als "Gefährder" als das zu enttarnen, was sie ist: Gesinnungsterror.

Träume, wenn Du kannst, von einer trauernden App. Das Handy ist unserem psychischen Knochen gefährlich nahegekommen, bis zu einem Punkt, an dem die beiden nicht mehr getrennt werden können. Wenn mein Telefon nur leise weinen könnte. (Geert Lovink, Programmierte Traurigkeit. Vom Leben in den Ruinen der Luftschlösser der digitalen Kommunikation. Lettre International 123)

*** Man nehme nur die Deutsche Polizeigewerkschaft von Rainer Wendt, die da fordert, dass das Jahr 2019 das Jahr der inneren Sicherheit werden soll und damit die Stimmung aufheizt, nur um die aufgeheizte Stimmung in den politischen Debatten zu beklagen. Sie sieht viele "Gefährder" links wie rechts und fordert Vorratsdatenspeicherung für alle und Beweislastumkehr im Kampf gegen Banden und Clans. Wo seiner Ansicht nach ringsherum Gesellschaften instabiler werden und die Stimmungen aggressiver, will Rainer Wendt ein ordentliches deutsches Deutschland, in dem es kein "Staatsversagen" bei den Abschiebungen gibt und keinen "Kontrollverlust" in der Zuwanderungsfrage. Das ist nah an den Gedankengängen der sich weiter rechtsradikalisierenden AfD. Das alles kommt vom Chef einer (wenn auch kleinen) Polizeigewerkschaft, nicht von einer rechtsradikalen Whatsapp-Gruppe von Polizisten.

Die Hölle, das sind die anderen. (Jean-Paul Sartre, Geschlossene Gesellschaft)

*** 2018 war das Jahr der Abschiede. Spektakulär geriet der von Hans-Georg Maaßen, der seinen Verfassungsschutz gerne als "Dienstleister der Demokratie" bezeichnete. Ausgerechnet Maaßen als Chef dieses Dienstleisters irrte sich gründlich, als er der "Tagesschau" unterstellte, von Hetzjagden in Chemnitz gesprochen zu haben. Nach diesem Patzer musste er das Amt verlassen, wurde befördert und schließlich doch in den Ruhestand abgeschoben, nachdem er sich mit einer selbstgefälligen Rede in einem "Club" der Geheimdienstchefs noch einmal in die Nesseln setzte. Nun jammert Maaßen über die öffentliche Herabwürdigung seiner Person. Wir warten auf die packende Spiegel-Geschichte über den verzweifelten Chef-Schnüffler.

Wie Langeweile ist Traurigkeit keine Krankheit. Egal wie kurz und mild, Traurigkeit ist die seelische Grundverfassung der Online-Milliarden. Ihre ursprüngliche Intensität verschwindet wieder, sickert heraus und geht über ein eine allgemeine Stimmung, einen chronischen Hintergrundzustand. Gelegentlich – für einen kurzen Moment – spüren wir den Verlust. Eine brodelnde Wut kommt auf. [...] Die anderen sollen uns bewegen, erregen, und trotzdem fühlen wir nichts mehr. Das Herz ist eingefroren. (Geert Lovink, Programmierte Traurigkeit. Lettre International 123)

*** Ein weiterer Abschied im Jahre 2018, verbunden mit einem bemerkenswerten Umstieg dürfte die IT-Szene noch 2019 beschäftigen. Als ehemalige McKinsey-Beraterin und als Chefin der Bundeswehr-Abteilungen Ausrüstung und Cyber/Informationstechnik war Katrin Suder praktisch die Nummer 2 hinter Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, ehe sie Knall auf Fall auf eigenen Wunsch die Bundeswehr verließ, nicht ohne feierliche Serenade. Ihr Umstieg kam wenig später, als sie als Leiterin des Digitalrates wieder auftauchte. Einen weiteren gehobener Posten hat sie an der Hertie School of Governance, wo sie über Verteidigung im digitalen Zeitalter doziert. In der Bundeswehr-Berateraffäre zeigte sie sich aussageunwillig, wird aber vor den Parlamentariern 2019 erscheinen müssen, wenn ein Untersuchungsausschuss gebildet wird. Transparenz ist eine Zierde.

Der Mensch kann nichts wollen, wenn er nicht zunächst begriffen hat, dass er auf nichts anderes als auf sich selber zählen kann, dass er allein ist, verlassen auf der Erde inmitten seiner unendlichen Verantwortlichkeiten, ohne Hilfe noch Beistand, ohne ein anderes Ziel als das, das er sich selbst geben wird, ohne ein anderes Schicksal als das, das er sich auf dieser Erde schmieden wird. (Jean-Paul Sartre, Zum Existentialismus. Eine Klarstellung.)

*** Mitten in der Nacht tauchte US-Präsident Trump im rheinland-pfälzischen Ramstein auf, ließ sich für ein paar Selfies umarmen und schrieb Autogramme auf rote Caps. Die Relais-Station für den Drohnenkrieg im Nahen Osten, in Jemen und in Afghanistan sollte auch etwas haben von der Weihnachtsreise in den Irak, von der brisantere Bilder veröffentlicht wurden als die Selfies mit Trump. Dann ging es zurück über den Teich, ein Besuch in Kallstadt war nicht drin. So etwas schaffen nur hartgesottene Spiegel-Reporter, die dem eisigen Wind trotzen und den Saumagen bewundern. "Die USA können nicht der Weltpolizist sein", so Trump bei seiner Stippvisite im Irak. Die Folgen des US-Rückzugs in Syrien sind bereits dramatisch, doch der Verrat hat Geschichte. Zwar bekommen die Kurden die zurück gelassenen Waffen, doch das reicht nicht, wenn Erdogan Soldaten schickt. So triumphiert Assad, wieder einmal.

Ma hûn kurdî dipeyive? Sprechen Sie Kurdisch? Das wird eine Frage sein, die in Zukunft die Ausländerbehörden und das BAMF schwer beschäftigen wird, wenn die demokratischen kurdischen Politiker vor den Schergen Assads und Erdogans fliehen und ins Exil gehen müssen. Wobei Syrien jetzt schon Spitzenreiter bei den Asylanträgen ist.

Personen-Identifizierungskoffer des BAMF

(Bild: BAMF)

Allein an Hand der BAMF-Schulungsunterlagen hat die Journalistin Anna Biselli untersucht, mit welcher Software beim BAMF die Smartphones von Flüchtlingen analysiert werden, um herauszufinden, ob sie wirklich aus einer Region stammen, in der sie verfolgt werden. Auf dem Chaos Computer Congress hat sie dazu einen engagierten Vortrag gehalten und parallel dazu einen Artikel in der tageszeitung veröffentlicht. Besonders kritisch ist es offenbar um die Software zur Sprachanalyse bestellt, "sprachbiometrisches Assistenzsystem" genannt. Zwei Minuten lang müssen Asylsuchende ein Bild beschreiben, dann wird die Aufnahme von einer Software analysiert und die Sprache oder der lokale Dialekt des Sprechers ermittelt. Die Software arbeitet mit einer Fehlerquote von 15 Prozent. Besonders fehlerhaft sollen die Erkennungsraten kurdischer Sprachdialekte sein. "Wir sind ein scheißreiches Land mit bescheuerter Software", in dem Computer über Asyl entscheiden, erklärte die wütende Journalistin unter großem Beifall.

Die soziale Wirklichkeit erteilt uns keine Erlaubnis, uns zurückzuziehen. [...] Die Vorstellung, zur Dorfmentalität des Ortes, der früher als das "wirkliche Leben" bekannt war, zurückzukehren, ist in der Tat beängstigend. (Geert Lovink, Programmierte Traurigkeit. Lettre International 123)

Beim BAMF sieht man das ganz anders. Dort hat die Software den Preis als bestes Digitalisierungsprojekt 2018 gewonnen. Und für 2019 hat man Großes vor: "Das "Sprachbiometrische Assistenzsystem" stößt, zusammen mit weiteren innovativen Verfahren aus der Digitalisierungsstrategie des BAMF, bei unseren europäischen Partnerbehörden auf großes Interesse. Als Vorreiter bei der Erschließung innovativer Technologien ist das Bundesamt ein gefragter Ansprechpartner und Ratgeber für die Entwicklung und Einführung ähnlicher Verfahren in unseren europäischen Partnerländern." Europaweit sollen Computer über Asylgesuche entscheiden. Selbst auf dem "Luftwaffenstützpunkt Nr. 1" von Ozeanien soll der Einsatz möglich sein.

Der begrenzten Möglichkeiten der individuellen Sphäre bewusst, können wir uns aber auch nicht positiv mit der tragischen Manifestation des Kollektivs identifizieren, das als Social Media bezeichnet wird. Wir können weder zum Mystizismus noch zum Positivismus zurückkehren. Der naive Akt der Kommunikation ist verlorengegangen – und darum weinen wir. (Geert Lovink, Programmierte Traurigkeit. Lettre International 123)

Ohnehin hat man beim BAMF viel zu tun. Zum neuen Jahr läuft die BAMF-Finanzierung der sogenannten Personen-Identifizierungskoffer (PIK) aus, von denen die Bundesdruckerei laut Antwort der Bundesregierung 1036 Stück zum Stückpreis von 10.000 Euro geliefert hat. Hier müssen noch Rahmenvereinbarungen mit den Ausländerbehörden und den Bundespolizeistationen abgeschlossen werden, damit die Identifizierungskoffer weiterhin genutzt können und technischer Support gewährleistet ist. Zwar droht kein Government-Shutdown wie in den USA, wo Regierungsangestellte sich mit Maler-Jobs und Putzarbeiten über Wasser halten, nur ein kleineres Versorgungs- und Unterstützungsproblem in einem ziemlich reichen Land. Ach ja, in einem Land, in dem ab Dienstag die Diversität anerkannt ist und gelebt werden kann.

Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. (Jean-Paul Sartre, Der Existenzialismus ist ein Humanismus)

So fängt bald ein neues Jahr an, in dem wir nicht nur gegen minderbemittelte Rechtspopulisten, sicherheitsparanoische Polizeigewerkschafter und vergleichbare Spinner unsere Freiheit verteidigen. Und vielleicht sogar das Ende von Social Media, wie wir es bislang kennen, erleben. Nicht allein wegen der individuell erzeugten Traurigkeit. Auch, weil all die Influencer und Poser schon weit über das Nerven hinaus sind und nur noch eine traurige Leere hinterlassen, eine Hölle aus den jeweils anderen. Wir ziehen weiter. Zurück in die Zukunft, zu den Anfängen des Netzes. Mancher mag solchen Utopien anhängen, mancher davor als Dystopie zurückschrecken. Die User, die schon im abgelaufenen Jahr erste Absetzbewegungen zeigten, entscheiden. Nicht nur virtuell, auch IRL. Für die anerkannte Diversität, für die Freiheit und gegen die vereinfachenden Verführer. Vielleicht. Hoffentlich. Darauf eine kleine feinstaubfreie Rakete und einen Champagner-Tschunk, gerührt. Guten Rutsch!

(Bild: Romolo Tavani / shutterstock.com)

(jk)