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Was war. Was wird. Mit Erinnerungen an eine gescheiterte Revolution

Lehren werden gezogen, falsche Vorgehensweisen gerügt. Hal Faber aber lässt bald Doxing Doxing sein und feiert Erinnernswertes.

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Revolution, Handys, Smartphones

Revolution? Echt jetzt? Wobei: Was revolutionär, gar was freiheitlich ist, liegt allzu oft rein im Auge des Betrachters.

(Bild: Morocko / Shutterstock.com)

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Hans-Mieth-Preis, AWO Mittelrhein Journalistenpreis, Herbert Quandt Medien-Preis oder Preis der Stiftung AtemWeg: Es gibt so viele deutsche Journalistenpreise wie DLG-prämierte Dauerwürste oder Fahrerlaubnisklassen mit all ihren Einschränkungen.

Sooooo viele Auszeichnungen!

Das ist schön für Journalisten, denn die meisten Preise sind dotiert, die Einnahmen steuerfrei. Freuen wir uns also mit Timo Grossenbacher vom Team SRF Data, der in dieser Woche mit dem Journalistenpreis der Surveillance Studies ausgezeichnet wurde und das vom Team Telepolis gestiftete Preisgeld für eine Sendung über Predictive Policing gewinnen konnte.

*** Wenn es derart viele Journalistenpreise gibt, so gibt es noch viel, viel mehr Journalisten und sonstige Medienbetriebler, die in den Jurys sitzen und diese Preise vergeben. Gerade bei den "großen" Preisen, die einer wie Claas Relotius kassierte, ist das ein Schaulaufen in einer ganz besonderen Kategorie. Doch halt, das Schaulaufen trifft nicht ganz zu, denn öffentlich solche Jurys zur Schau stellen, das ist nicht comme il fault. Als am vergangenen Dienstag der streitlustige Götz Aly Namen nannte, wurden diese von der Redaktion zensiert. Natürlich aus Platzgründen. Omerta! Ausgerechnet auf Facebook ist der unzensierte Artikel mit den Namen der Jury-Mitglieder zu lesen, doch hier sei lieber auf den preisgekrönten, immer lesens- und finanzierenswerten Perlentaucher verlinkt.

*** Für alle Freunde des geblähten Blafasels gibt es frohe Kunde: diese Sorte Ausmal-Journalismus mit szenischem Einstieg stirbt nicht aus. Kleines Beispiel gefällig? "Fleißig ist er. Nacht für Nacht sitzt er vor dem Rechner im Haus seiner Eltern. Und sammelt. Telefonnummern, Adressen, Bankdaten, E-Mail-Konten." So beginnt der Artikel von Tanja Tricaro über den Spieler S. aus der hessischen Kleinstadt H., der "die Republik viele Tage in Atem gehalten" hat. Nacht für Nacht saß die Journalistin neben ihm, nur hin und wieder atmend. Leider fehlen Relotius-typische Gewinnersätze. Welche Musik hörte der junge Mann da Nacht für Nacht im Haus seiner Eltern beim Sammeln? Ist der 20-jährige noch Jungfrau? Und hat er gar noch nie das Meer gesehen? Da geht noch was! Im Artikel fallen ja noch andere Urteile, weil die Journalistin mit dem Aktivisten padeluun gesprochen hat, der den Mann als Cracker einordnet und seine Taten als typisch männliche Kinderkacke, einen möglichst großen Datenhaufen zu scheißen. Ja, diese traditionelle Männlichkeit aber auch, immer hat sie Folgen.

*** Neben der Erklärung, wie der Cracker gefunden werden konnte, bleibt es seltsam blass, wenn es zu den rechtsextremen Inhalten kommt, die von ihm im Internet verteilt wurden. Auch Aussagen über rechtsradikale Parteien wie AfD und NPD gehören dazu. Die fleißige Datensammelei hatte offensichtlich einen politischen Hintergrund. Hier nur von einem "Spieler" zu reden, der "fame" sammeln will, ist fahrlässig. Neben den guten und richtigen Lehren die aus diesem Doxing-Vorfall gezogen werden, muss gefragt werden, wie systematisch auf der rechten Seite Daten gesammelt werden, mit klarem Verwendungszweck, wenn man denn einmal "dran" ist. "Wir kriegen euch alle", wie es kurz auf Indymedia zu lesen war, ist eine solche Ansage. "Nazis raus" aus diesem Netz mag eine verständliche Antwort sein, bleibt aber missverständlich. Prompt gibt es Blödeleien, dass die flapsige Antwort grundgesetzwidrig sein soll.

*** Wo bleibt das Positive? Im Zuge all der Debatten über den furchtbaren Hackerangriff haben sich etliche Politiker bekleckert, angefangen mit der Forderung nach einem "Hackback" bis hin zur Forderung, ein ebenfalls gefordertes Cybercrime-Zentrum Plus in Thüringen anzusiedeln, wegen der zentralen Lage in diesem unseren Land. Den Vogel hat freilich der CSU-Politiker Stephan Mayer abgeschossen, der den Zusammenhang zwischen Sicherheitslücken und Staatstrojanern nicht zu kennen scheint. Alles nur Einzelfälle, wenn bei einem Terrorismusverdächtigen oder sonst einem Kapitalverbrechen "in die IT der betreffenden Person" eingegriffen werden muss, vom Smartphone über das Tablet bis hin zum Laptop oder seiner Cloud.

*** Auf das verwerfliche Doxing von Politiker- und Prominenten-Daten folgt das fröhliche Volksdoxing. Am heutigen Sonntag gibt es die größte Datenvereinigung aller Zeiten, wenn die Daten aller Meldeämter in einer Klartext-Datenbank zusammengeführt werden, nur zu Forschungszwecken, versteht sich. Die Aktion soll ein Testlauf für die große europaweite Volkszählung 2021 sein. Europa ruft, da darf man doch nicht kleinlich sein und mit dem Datenschutz fuchteln. Bis zu 26 Datenbröckchen pro Person wandern über das Netz. Die so entstehende zentrale Forschungssammlung dürfte ein Leckerbissen für Hacker, Cracker oder Kacker sein – sollte nicht doch noch der Eilantrag des AK Zensus die große Datenschmelze verhindern. Die ganze Aktion ist übrigens mit den Stimmen der SPD beschlossen worden, die gerade den neuen Datenschutzbeauftragten stellt. Er hat sich gleich zum Dienstantritt gegen intelligente Gesichtserkennung und die Vorratsdatenspeicherung positioniert. Ob das Argument "zum Wohle Europas" akzeptiert wird?

In diesem an Gedenktagen so proppenvollen Jahr, vom Bauhaus über die Weimarer Republik bis hin zum Geburtstag von Alexander von Humboldt, beginnt es heute schwer symbolisch und sehr politisch. Über 100.000 Menschen folgten im Januar 1919 den Särgen von Karl Liebknecht und 31 weiteren Toten des Berliner Arbeiteraufstandes – Rosa Luxemburgs Leiche wurde erst im Juni aufgefunden. Nach dem Beginn der Novemberrevolution schöpften Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht die Hoffnung, dass Deutschland auf dem Weg über die Demokratie hinein in eine Republik der Arbeiter-, Bürger- und Bauernräte wachsen könnte. Doch die Hoffnung währte nicht lange. Womit beide nicht rechneten, war die Haltung der SPD, die unter Friedrich Ebert und Gustav Noske das Militär und weite Teile der wilhelminischen staatlichen Verwaltung intakt ließen. Schließlich ließen sie sogar das Freikorps gewähren, diese Ansammlung ultra-aggressiver Männerphantasien schwer bewaffneter Proto-Faschisten.

Was zumindest Rosa Luxemburg nicht so recht wahrhaben wollte, war die bornierte Rolle der KPD beim Putschversuch namens Spartakusaufstand, den sie mit allen Mitteln verhindern wollte, weil die Planungen überhastet und unkoordiniert waren. Das gelang ihr nicht und so kam es nach der Niederschlagung des Aufstandes zum Mordbefehl an "führenden Personen", den Gustav Noske dem Freikorps-Kommandanten Waldemar Pabst gab. 1200 Menschen wurden in Berlin getötet, unter ihnen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Sie wurde von Herrmann Souchon erschossen, der in der alten Bundesrepublik jeden verklagte, der ihn als Mörder bezeichnete – und damit Recht bekam. Noch 1969 schrieb Pabst sich einen historischen Ruhm für die Morde zu: "Tatsache ist: die Durchführung der von mir angeordneten Befehle ist leider nicht so erfolgt, wie es sein sollte. Aber sie ist erfolgt, und dafür sollten diese deutschen Idioten Noske und mir auf den Knien danken, uns Denkmäler setzen und nach uns Straßen und Plätze benannt haben!"

Bildausschnitt aus Johannes Molzahn: "Der Idee-Bewegung-Kampf. Zum Tode von Dr. Karl Liebknecht". Das Bild von 1919 war damals am Grabe ausgestellt, bis sich ein KPD-Funktionär beschwerte.

Berlin hat heute einen Rosa Luxemburg-Platz und eine Karl-Liebknecht-Straße. Dort, wo Rosa Luxemburg starb, gibt es heute den Rosa-Luxemburg-Steg, bei der Lichtensteinbrücke, über deren Rettungs-Ring Egon Erwin Kisch eine seiner berühmtesten "erzählerischen" Reportagen schrieb. Illustriert wurde sie vom sich selbst "Fotomonteur" nennenden Künstler und späteren Karikaturisten Viktor Kuron-Gogol. "Forsche Herren, monokelnd und näselnd, die nun kurzerhand übereinkamen, die 'Galizierin' um die Ecke zu bringen." Ein Quäntchen Revolutionsromantik kann man heute in Berlin ab 10:00 bei der üblichen Luxemburg-Liebknecht-Demonstration mit allen möglichen Linksparteien inhalieren. Das Motto lautet "Trotz alledem!" – nach dem Titel von Liebknechts letztem Text, der am Tag seines Todes in der "Roten Fahne" erschien. So strahlende letzte Sätze, wie Rosa Luxemburg sie über die ewige Revolution schrieb, werden heute eher schräg bestaunt: Ich war, ich bin, ich werde sein! Das sei, vor allem, wenn man Luxemburgs Kampf gegen den leninistischen Autoritarismus in einem totalitären Nach-Revolutions-Staat gedenkt: "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden" – was sie aber keineswegs als Bekenntnis zur liberalen freiheitlichen Demokratie und einem alle Strömungen der Gesellschaft einbeziehenden Diskurs verstanden wissen wollte. (jk)