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Was war. Was wird. Mit prognosterlichen Grüßen.

Ach ja, die Zukunft. Muss Hal Faber erst an Karl Valentin erinnern? Schon. Aber es wird auch so lustig und gleichzeitig gespenstisch genug.

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"Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen." Soll u.a. Karl Valentin gesagt haben. Passen würd's zu ihm, der ebenso meinte, die Zukunft sei früher auch besser gewesen.

(Bild: Mirexon / Shutterstock.com)

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** "Ja, wo liegt Nirgendwo? Nun, wo soll es liegen? Welches Nirgendwo? Welches von den vielen Tausend und Hunderttausend, Millionen und Billionen Nirgendwo, die es gegeben hat, gibt und geben wird, solange der Mensch etwas anderes ist als eine selbsttätige Maschine, als ein Selfaktor von Fleisch und Blut?" (Wilhelm Liebknecht, 1892)

Das Zitat von Wilhelm Liebknecht ist aus seiner Übersetzung des Romans "Kunde von Nirgendwo" des Briten William Morris.

Alle, alle sind sie da, die gesamte Vogelschar. Alle jubeln, schwurbeln, tirilieren, welch ein lügen und musizieren, Zukunft will nun einmarschieren, kommt mit großem Geschwalle. Und alle wissen jetzt schon wieder, was die Zukunft bringt. Die Gilde der Zukunftsforscher nimmt kein Blatt vor den Mund und schwafelt, was das Coronazeius so hergibt. "Deshalb werden wir uns nach Corona noch stärker auf das Wesentliche konzentrieren, und den ganzen Firlefanz, den ein unbeschwertes Leben so hervorbringt, einfach vergessen", lallt der Trendforscher Mattias Horx, der uns eine Regnose für den Herbst 2020 anbietet, nachdem es mit den Prognosen nicht so recht klappen will. Der 1955 geborene Horx, der sich zu den Baby-Boomern rechnet, überlässt es jedem Leser, was denn das "Wesentliche" ist und was davon als der "ganze Firlefanz" in die Wertstofftonne gehört. Dummerweise fehlt in seinen Trendprognosen jeder Hinweis, was eine Pandemie auslösen könnte, dafür haben wir die hübsche Prognose von 2010, dass in fünf bis sechs Jahren kein Mensch mehr von Facebook reden wird. Seien wir nicht ungerecht: Sein 1986 gefälltes Urteil in seinem Hauptwerk "Schrift und Chips", dass Microsoft Word die grauenvollste DOS-Textverarbeitung ist, hat viele Menschen einstmals vor der Microsoftierung gerettet – doch dann kam Windows.

*** Hätte man es denn vorher wissen können? Ja, würde man auf Bill Gates hören. Der warnte schon 2015 vor einer Pandemie, die seine Welt zerstören könnte. Doch es gab noch andere Hinweise, die ohne Paywall erreichbar sind, etwa den Bericht von der LÜKEX-Übung von 2007, einer Stabsrahmenübung, bei der die Kommunikation der Versorgungsketten mit zwei Szenarien getestet wurden. Bis zu 3000 Menschen nahmen an diesem riesigen Schreibtischmanöver teil. Beim aggressivsten von drei möglichen Szenarien, die das Robert-Koch-Institut damals vorgab, rechnete man mit 21 Millionen Erkrankten und einer Gesamtletalität von mehr als 170.000 Todesfällen. Damals wurde es mit wir üben Grippe hübsch beschrieben. Der Zukunftsforscher nahm kein Blatt vor den Mund: "Die dramatischen Folgen reichen über die bloße Zahl der Toten und Erkrankten weit hinaus. Die Krankenhäuser selbst würden zu Ansteckungszentren. Da die Ausstattung der Krankenhäuser mit ABC-Schutzanzügen völlig unzureichend ist und ein effektiver Impfstoff erst Wochen nach Beginn der Pandemie zur Verfügung stehen würde, können die Ärzte und Krankenschwestern einen Teil ihrer Krankenhausbetten gleich für sich selbst reservieren. Durch den hohen Krankenstand käme es zu einem Zusammenbruch der Versorgung mit antiviralen Arzneimitteln, d.h., die Erkrankten könnten medizinisch nicht länger behandelt werden. Die Ängste der Noch-Nicht-Erkrankten entladeten sich in einem Kaufrausch. Dadurch würden nicht nur die Güter des alltäglichen Bedarfs knapp; insbesondere rechnen die Sicherheitsbehörden mit einer Verknappung an spezifischen Produkten (Desinfektionsmittel, rezeptfreie Medikamente, persönliche ABC-Schutzausstattung etc.).

*** In der Situation, in der wir uns jetzt befinden, wäre es schön, wenn in der politischen Führung Menschen mit naturwissenschaftlichen Kenntnissen diese Übersicht eines Mediziners, vielleicht noch durch Zahlen für Deutschland ergänzt, mit ruhiger Stimme verlesen würden. Leider hat Bundeskanzlerin Angela Merkel im Zuge ihrer langen Amtszeit die Naturwissenschaft zu den Akten gelegt und kann nur schwache Appelle vortragen. Leider sind wissenschaftliche Texte lang und sprengen so manches Aufmerksamkeitsbudget. Dann ist es schon besser, eine PR-Agentur wie Storymachine damit zu beauftragen, eine Studie wie das Heinsbergprotokoll als Hoffnungsschimmer zu vermarkten. Denn die 0,37 Prozent der Infizierten, die nach diesen Angaben sterben, liegen weit unter den 1,6 Prozent, die von anderen Wissenschaftlern errechnet wurden. Die letzte Zahl würde auf 360.000 Todesfälle in Deutschland hinauslaufen und würde die Bevölkerung unnötig beunruhigen.

*** Dann lieber doch den Zukunftsforscher lauschen und das Wesentliche suchen? In dieser Woche wurde ein besonders in die Zukunft gerichtetes Werk im Nachrichtenticker erwähnt, die im Jahr 1900 veröffentlichte Prognose von John Elfreth Watkins, die dieser unter dem Titel What may happen in the next 100 Years veröffentlichte. Kameras und Telefone, die elektrisch die ganze Welt verbinden, Medizin gegen Lungenkrankheiten, die direkt in die Lunge gespritzt oder elektrisch appliziert wird. Strafen für Händler, wenn Lebensmittel durch den Atem von Passanten kontaminiert werden. Aber hach, keine Rechner trüben das Bild und Weltraumflüge sind auch nicht bekannt. Die künstlichen Menschen, die im 18. Jahrhundert durch die Literatur spukten, tauchen nicht auf und Kriege sind überwunden. Doch nicht für lange: 1909 beschäftigte sich H.G. Wells mit der Forschung von Marie Curie und schrieb die realistischere Zukunftsstudie The World Set Free, in der ein Krieg mit Atombomben vorhergesagt wurde und in dem Berlin verstrahlt wird.

*** Was sich Watkins für das Jahr 2000 ausmalte, ist von heute aus gesehen kaum verständlich, wenn man nicht den ungeheuren Erfolg kennt, den Edward Bellamy 1888 mit seinem Rückblick 2000-1887 erzielte. Das Buch war ein Bestseller wie sonst nur Onkel Toms Hütte. In den USA bildeten sich über 160 Bellamy Clubs, um Amerikas Übergang in den Staatssozialismus zu diskutieren, in dem jedermensch gleichberechtigt in einer Industriearmee bis zu seinem 45. Lebensjahr arbeiten musste. Bezahlt wird bei Bellamy mit einer Art Kreditkarte, gekauft wird in großen Warenhaus-Kooperativen, die die Güter unmittelbar bis vor die Haustür liefern. Gegessen wird in öffentlichen Küchen; genossen wird Musik über das gerade erfundene Telefon, mit dem man ein Orchester seiner Wahl anruft, das 24 Stunden am Tag spielt. Die medizinische Versorgung ist kostenlos, doch am wichtigsten ist die kostenlose Bildung für alle. Helle Köpfe suchen sich bei Bellamy Themen und Interessen selber aus, die anderen sollten so lange zur Schule gehen, bis das Staatsbürgerwissen sitzt.

*** Der Staat als einziger Arbeitgeber und Über-Kapitalist ärgerte die deutschen Sozialdemokraten, besonders Karl Kautsky lästerte über die fiskalische Ausbeutung der Staatsproletarier durch Kapitalisten als einer Art höherer Staatsbeamten. "Die Neue Zeit", das Blatt der SPD, druckte als Gegen-Roman die Kunde von Nirgendwo des Briten William Morris, übersetzt von Wilhelm Liebknecht. In dem Roman, der ebenfalls im Jahr 2000 spielt, hat 1952 eine weltweite Revolution ausgehend vom Trafalgar Square in London den Kapitalismus beendet, die Großstädte und die Kirchen zerschlagen. Es gibt keine industrielle Produktion mehr, die Menschen leben ländlich vom wieder geschätzten Handwerk, der Warenaustausch erfolgt über "Kraftbarken" nach dem Vorbild der britischen Narrowboats auf den Kanälen, die das Land durchziehen.
"Die Menschen sind Teil der Natur, aber ein Teil, der noch keine stabile Nische in der Ökologie der Biosphäre gefunden hat. Eine solche Nische muss gefunden werden, was immer konventionelle Ökonomen über die Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum lehren; dieses ist schlicht unmöglich. Früher oder später muss die Menschheit eine stabile, erhaltungsfähige Beziehung zum Rest der Natur einnehmen, in der das, was der Biosphäre genommen wird, in Balance steht mit ihrer Kapazität, das Entnommene zu erneuern. Weil in der Tat eine solche Balance nur im Rahmen einer kommunistischen Gesellschaft möglich ist, bleibt der Kommunismus von Morris nicht nur eine praktische Lösung des Problems, wie die menschlichen Bedürfnisse rational befriedigt werden können, sondern auch eine dringende Notwendigkeit, wenn die menschliche Gattung in Harmonie mit der übrigen Natur überleben soll."

Romantischer wird es nicht. Hundert Jahre nach Bellamy und Morris blickte man schon ganz anders auf das Jahr 2000. Ja, selbstfahrende Autos waren schon vorstellbar, aber eben auch das Essen und Züchten von Hunden, alles natürlich im besten Kapitalismus ever. Schauen wir deshalb zum Osterfest, wie sich der Arbeiter- und Bauernstaat die Zukunft vorstellte.

Aus dem Film von Joachim Hellwig. Wie man sich so im Arbeiter- und Bauernstaate die Zukunft vorstellte.

In diesem Fall geht der Blick von 1972 auf das Jahr 2002, in dem die Liebe computergesteuert die Partnerwahl organisiert. Der Computer ist eine Art Ei und die paarungswilligen tanzenden Frauen stecken ihre Kennkarte ein, damit der richtige Boy errechnet werden kann. Irgendwann kommt der ach so moderne Flughafen Schönefeld, aber auch dort lässt sich nicht klären, was mit der Liebe in 30 Jahren ist. Auch der Besuch in einer Disko bringt keine "Ergebnisse bei der künstlerischen Gestaltung sozialistischer Zukunftsvorstellungen im Film". Vielleicht sollte man sich zu Ostern doch lieber noch einmal Welt am Draht ansehen, in all dieser Simulationitis. (jk)