Menü

Was war. Was wird. Potztausend.

Hal Faber wird zur tausendsten Wochenschau nachdenklich. Und hält sich an einen leider bereits verstorbenen Zeitgenossen.

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 63 Beiträge
Gänseblümchen, Tausendschön, Blumen, Wiese

Ich pflücke mir am Weg das letzte Tausendschön ... Es kam ein Engel mir mein Totenkleid zu nähen – denn ich muß andere Welten weiter tragen. Das ewige Leben dem, der viel von Liebe weiß zu sagen.

(Bild: Hans Braxmeier; Text: Else Lasker-Schüler, Herbst)

Wie immer – und das nun mehr zum tausendsten Mal, seit 18 Jahren –, möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Eine Notiz von Joe Weizenbaum.

*** Wenn diese kleine Wochenschau in den Weiten des Welt Weiten Webs auftaucht, hat der große Informatiker Wolfgang Coy die Weizenbaum-Medaille des Forums InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF) erhalten und sich in seiner Dankesrede mit dem Zusammenhang von Ethik und Informatik beschäftigt. Das ist ein Thema, mit dem sich Joe Weizenbaum häufig in seinem Leben beschäftigt hat. Und es ist ein aktuelles Thema, wie es die ethischen Leitlinien der Gesellschaft für Informatik zeigen, die gerade zum dritten Mal nach 1994 und 2004 aktualisiert wurden. Zur informationellen Selbstbestimmung und zur Integrität informationstechnische Systeme sowie der Deklaration der Menschenrechte ist der Verweis auf das Grundgesetz hinzugekommen, nicht das Schlechteste für Informatiker, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind. Auch wenn sie nicht im FIfF sein sollten, sonder nur in der großen Gesellschaft für Informatik.

*** Nun ist diese Wochenschau selbst etwas besonderes, denn es ist die eintausendste Ausgabe des WWWW. Zum fünfhundertsten WWWW gab es Lob von berufener Seite, verbunden mit dem Hinweis auf Nummer 1000, irgendwie ganz weit weg. Jetzt ist es so weit, über 18 Jahre nach dem ersten WWWW, das an einem Sonntag ganz gemütlich um 14:03 ins Netz wanderte, mit einem einzigen Link. Nach vielem Grübeln, wie das Jubiläum gefeiert werden kann – und ob nicht die 1024. Iteration stilvoller wäre – ist Joe Weizenbaum ein guter Begleiter für diesem Anlass. Ich möchte statt der üblichen Wochenchronik einen kleinen Text zum Nachdenken präsentieren. Zu seinem Tode hieß im Newsticker es an dieser Stelle: "Unser Tod ist der letzte Service, den wir der Welt leisten können: Würden wir nicht aus dem Weg gehen, würden die uns folgenden Generationen die menschliche Kultur nicht wieder frisch erstellen müssen. Sie würde starr, unveränderlich werden, also sterben. Und mit dem Tod der Kultur würde alles Menschliche auch untergehen." Das waren starke Worte und Joe schrieb sie mir in einer E-Mail zum Tode seines Bruders Henry F. Sherwood im Jahre 2005. Weizenbaums Worte tauchen im Abspann des wunderbaren Films Plug and Pray auf, gesprochen vom Heise-Button "Beitrag vorlesen" rechts oben, der dafür in den Credits als Darsteller auftauchte. Ein Witz, der dem Vater von "Eliza" bestens gefallen hätte.

Wenige Tage vor seinem Tode schrieb Joseph Weizenbaum eine andere Mail unter dem Betreff "Woran ich am Ende meines Lebens glaube". Es ist eine Sammlung von 13 Aussagen, die zeigen, worum sein Denken in den Jahren 2007/2008 kreiste. Im engeren Bereich der Informatik beschäftigt sich der Text mit den Kollegen Herbert Simon und Abraham Kaplan, im weiteren mit Gott und der Welt. Es gibt diese Liste in verschiedenen Varianten. Einige Aussagen mögen bekannt vorkommen, andere sind eher hippiesk, doch alle zusammen passen sie zur Verleihung der Weizenbaum-Medaille an Wolfgang Coy, zur 1000sten Ausgabe der Wochenschau und zu diesem Leben im Menschenspace, das Weizenbaum so beschäftigte.

  1. "Alles ist sagbar in Worten, nur nicht die lebende Wahrheit". (Eugene Ionesco)
  2. "Wer nur einen Hammer hat, sieht die ganze Welt als ein Nagel". (Abraham Kaplan)
  3. Die Naturwissenschaft ist nicht die einzige, nicht mal die reichste oder die wichtigste Quelle der Wahrheit.
  4. Das Fundament der Naturwissenschaft ist Glauben, nämlich der Glaube, dass die Naturgesetze, nicht nur die, die wir heute kennen, im totalen Raum und in der ewigen Vergangenheit und Zukunft herrschen. Dieser Satz ist nicht falsifizierbar.
  5. Die Naturwissenschaft sowie die von ihr abgeleiteten Technologien und Instrumentarien sind nicht wertfrei. Sie erben ihre Werte von den Werten der Gesellschaften, in die sie eingebettet sind. In einer hoch militarisierten Gesellschaft sind Wissenschaft und Technologie von den Werten des Militärs geprägt, in einer Gesellschaft, deren Werte hauptsächlich vom Streben nach Reichtum und Macht abgeleitet sind, sind sie entsprechend gestaltet usw.
  6. Würde die weltweite Gesellschaft bloß vernünftig sein, könnte das schon erreichte Wissen der Menschheit ein Paradies aus dieser Erde machen.
  7. Totale, komplette und völlige Kenntnisse der physikalischen, genetischen und neurologischen Strukturen, Teile und Eigenschaften eines Lebewesens, sowie ihre Zusammenhänge und Verbindungen genügen nicht, um das Lebewesen zu verstehen. Wer z.B. all diese Kenntnisse über eine Ameise hat, abr nicht weiß und zutiefst begreift, dass die Ameise in einer riesigen Gesellschaft von Ameisen lebt, versteht die Ameise nicht. Dasselbe gilt für das Verstehen des Menschen.
  8. "Wissen ist besser als Ignoranz" (Weizenbaum-Vortrag, Minute 34 über Herbert Simon) – ja, aber nicht zu jedem Preis oder in jedem Kontext.
  9. Metapher und Analogien bringen neue Einsichten hervor, indem sie disparate Kontexte zusammenbringen. Fast all unseres Wissen, einschließlich das wissenschaftliche, ist metaphorisch. Deswegen auch nicht absolut.
  10. Es ist nicht möglich, eine feste Grenze, weder zwischen Gut und Böse noch zwischen Tag und Nacht zu zeichnen. Aber der Unterschied zwischen Mittag und Mitternacht ist deutlich. Der Mensch kann wissen, ob sein Tun und Handeln eher im Rahmen des Tageslichts oder der Nacht ist und sich entsprechend verhalten. Doch sicher ist, dass Krieg, Armut und Hunger eines Drittels der Menschheit, die massiv ungleiche Verteilung der Ressourcen der Natur, all dieses Mitternacht ist. Liebe ist Mittag.
  11. Der Glaube, dass man in der Mitte des Bösen es dort besser als von draußen ändern kann, ist irre und selbstvernichtend.
  12. Gott gibt es. Gott ist in uns allen, denn Gott ist Liebe. Das Gebet ist die Suche eines Menschen, seine innere Liebe zu finden und sei es, um inneren Frieden und Ruhe zu erreichen, eine Not ertragen zu können, sich zu trösten oder der Weg, einem anderen zu helfen zu finden, was auch immer.
  13. Kein Mensch ist eine Insel (John Donne), seine Haut ist nicht seine Grenze. Der Mensch ist ein Element, unteilbar von seinen Mitmenschen, in der Tat, von der gesamten Menschheit und ihrer Geschichte. Nicht mal sein Tod trennt ihn vom Universum. Es ist unmöglich, einen individuellen Menschen rein wissenschaftlich zu begreifen.

Riemannsche Zetafunktion in der komplexen Ebene, Illustriation von Jan Homann

(Bild: Jan Homann )

Natürlich geht es weiter. Es lohnt sich, nicht nur Joe Weizenbaum, sondern auch John Donne zu lesen. Niemand ist eine Insel, in sich ganz; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlandes. Wenn eine Scholle ins Meer gespült wird, wird Europa weniger, genauso als wenn’s eine Landzunge wäre, oder ein Landgut deines Freundes oder dein eigenes. Jedes Menschen Tod ist mein Verlust, denn ich bin Teil der Menschheit; und darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt; sie schlägt dir selbst.

Mit dem Brexit wird keine Scholle, keine Landzunge, sondern die britischen Inseln und ein Stückchen Irland ins Meer gespült, sofern in Großbritannien nicht doch Neuwahlen im November anstehen. Selbstmord aus Angst vor dem Tod nennt das der Politologe, dabei ist gerade von der größten Insel frohe Kunde über uns gekommen. Nein, leider kein neuer Computer von Sir Clive. Aber in Heidelberg hat der Mathematiker Michael Atiyah von der Universität Edinburgh die Kurzfassung eines Beweises der Riemannschen Vermutung präsentiert, basierend auf der müpfigen Feinstrukturkonstante und der Todd-Funktion. Nun wartet alles auf die Langfassung des Beweises, der in den Proceedings of the Royal Society A. erscheinen soll. Was bisher von Atiyahs Beweisführung bekannt ist, ist einfach zu wenig, um den Beweis nachzuvollziehen. Die Skizze sorgte jedenfalls für beste Unterhaltung. Frühestens in zwei Jahren wird das Clay Institute entscheiden können, ob der Beweis tatsächlich erfolgt ist und es ein Jahrtausendproblem weniger gibt. Etwas früher ist die Disruption mit der bayerischen Landesregierung dran. (jk)

Anzeige
Anzeige