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Was war. Was wird. Stell dir vor, es ist hybrider Krieg, und wer zu Hause bleibt...

Im Internet wird ein neuer Krieg geführt und alle machen mit. Hal Faber erinnert sich wehmüttig an die guten alten Zeiten bei der Schülerzeitung, immer vom Verfassungsschutz begleitet.

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Was war. Was wird. Stell dir vor, es ist hybrider Krieg, und wer zu Hause bleibt...

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Es gab eine Zeit, in der ein junger, ungestümer Hal vom Verfassungsschutz beobachtet wurde, weil er einem Grüppchen angehörte, das sich Kommunistischer Oberschülerverband nannte und in Hannover neben der bundesweiten Pflichtlektüre "Schulkampf" eine kleine Zeitschrift namens "Widerhaken" herausgab. Irgendwie muss man ja mit dem Schreiben anfangen, wenn es nicht auf schwiemelige Gedichte hinauslaufen soll. Der "Widerhaken" beschäftigte sich Nummer für Nummer mit drei Themen: den Berufsverboten, der Exegese von Karl Marx und der NDR-Sendung Sympathy for the Devil des großen Horst Königstein, weswegen Jungautor Hal wegen "Abweichung von der Parteilinie" aus der K-Truppe herausgeworfen wurde. Von der Rektorenkonferenz Hannover wurde der "Widerhaken" als "Desinformations-Schmierblättchen" betitelt, alles bestens notiert vom Landesverfassungsschutz Niedersachsen.

*** In dieser komischen Zeit Anfang der 70er Jahre gab es einen anderen deutschen Geheimdienst, der sich ein Referat F in der Abteilung VII der Hauptverwaltung Aufklärung leistete, das für "Desinformationsstrukturen und Desinformationskulturen" zuständig war. Die wichtigste Aufgabe der Desinformierer-Ost war das Fälschen von Material über Politiker, um "faschistische Tendenzen" in der Bundesrepublik Deutschland nachweisen zu können. Die größte Aktion des Referates war die Operation Neptun, als in Zusammenarbeit mit dem russischen KGB und dem tschechoslowakischen StB mehrere Kisten mit sorgfältig gefälschtem Kompromat in einem See versenkt wurden und als "Originalmaterial" des Hitler-Regimes "entdeckt" wurden. Das Ziel der Aktion war es, die Verjährung für Verbrechen im III. Reich zu verlängern und westdeutsche Politiker als Verbrecher in der Kontinuität der Nationalsozialisten darzustellen. Das gelang nicht, weil der tschechoslowakische Leiter der Aktion in den Westen 'rübermachte und die Sensation enttarnte.

*** Spion vs. Spion vs. Doppelspion ist ein beliebtes Spielchen im Kalten Krieg gewesen. Heute befinden wir uns nicht mehr im Kalten Kireg, heute sind wir weiter! Hurra, wir reden jetzt vom hybriden Krieg, in dem Desinformationskampagnen ein wichtiges "Wirkmittel" sind. In dem ein Edward Snowden allein dadurch schon in der "Bild-Townhall" als Verräter dargestellt wird, weil er sich in Russland aufhält. Wer aus bekannten Gründen nicht auf den Link klicken will, lese hier, wie Geheimdienstchef Gerhard Schindler vom BND die desinformationelle Hetzkampagne einläutet:

"Bei aller Wertschätzung und bei allem guten Willen, den ich ihm unterstelle, ist und bleibt er ein Verräter. Er hat amerikanisches Recht gebrochen. Und was ich noch eher skeptisch beurteile ist, dass er sich in die Hand der Russen begeben hat und damit das Spiel der Russen und die hybride Kriegsführung mit unterstützt."

Jaja, das schlimme Spiel der Russen, bei denen man immer auf ein Foul gefasst sein und die Koffer parat haben muss, um sich schnell nach Spanien abzusetzen. Hybride Kriegsführung ist übrigens für die Linke sinnigerweise nur heiße Luft, wie es in dieser Woche hieß, wenngleich auch dort bei der "Eskalation gegen Russland" in dem hybriden Krieg die "Manipulation der öffentlichen Meinung" eine Teilstreitkraft auf dem Schlachtfeld Internet ist.

*** Wie die Meinung manipuliert werden soll, zeigte in dieser Woche der zweite Geheimdienstchef Hans-Georg Maaßen mit einem interessanten Auftritt vor dem NSA-Untersuchungsausschuss. Das ganze gekrönt von der Tatsachenbehauptung, Snowden sei ein russischer Agent, wie es die Parlamentsnachrichten zusammenfassen. Auch bei Maaßen ist die intellektuelle Glanzleistung zu bestaunen, dass der Entzug des Reisepasses durch die US-Regierung Snowden selbst angelastet, der Versuch von ihm, Asyl in Deutschland zu bekommen, überhaupt nicht erwähnt wird. Dass der Zufallsfang der russischen PR-Strategie zupass kam, ist alles, was an "Tatsache" vorhanden ist. Bei der Frage, ob vielleicht der BfV-Chef Maaßen ein russischer Agent ist, ist dieselbe Logik am Werk. Wie staatstragend, dass ein Blatt wie Cicero dazu passend in einem online nicht verfügbaren Artikel "Falsche Freunde" darauf hinweist, dass alle Whistleblower aus dem Snowden-Umfeld sich gerne von dem Propaganda-Sender "Russland Heute" bzw. "Russia Today" interviewen lassen. So geht hybride Kriegsführung.

*** Zur Desinformationsstruktur der hybriden Kriegsführung werden nicht wie einstmals Kisten präpariert und in einem See versenkt werden müssen, wir haben ja das Internet mit der Darknet-Kiste innen drin. In der letzten Wochenschau wurde der Fall von Jacob Appelbaum nur kurz erwähnt, schließlich gab es nur Gerüchte und Appelbaum äußerte sich erst später dazu. Inzwischen ist aus der Causa Appelbaum ein großes Gesumm geworden, das sicher weiter summen wird. Wenige Beiträge sind wirklich interessant, etwa der von Patrice Riemens. Wagen wir darum eine kleine "Anmaaßung" und nehmen den Gedanken eines Heise-Lesers auf, der das Geschehen im Sinne der hybriden Kriegsführung interpretiert, seinerseits auf einen Artikel über Tor. Danach könnte der Zeitpunkt gekommen sein, dass Tor keinen Zuwachs an Traffic mehr braucht, der wesentlich von der stark angewachsenen Hacker-Szene kommt, mit all ihren Schattierungen von Sicherheitsforschern bis zu den Online-Aktivisten. Die Netzwerkstrecke DB ist ausreichend versorgt. Ob der Tor-Popularisierer Jakob Appelbaum ein Geheimagent ist oder nur ein nützliches Helferlein, ist dabei egal. Man kommt auch ohne verschwörungstheoretische Überlegungen aus, ob die zwei Dutzend US-Amerikaner und Briten in der Berliner Hacker-Szene Agenten sind oder nur von diversen Agenten und Militärattachés beäugt werden, die in Berlin agieren.

*** Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke! Mit diesen Inschriften am Ministerium der Weisheit kann der US-amerikanische Wahlkampf betrachtet werden. Da gibt es in Chicago eine Firma namens Timshel, die eine Software namens The Groundwork vertreibt zum Zwecke der "Social Media Activation" von digitalen Couchkartoffeln, mit besten Ergebnissen bei Präsidentschaftskampagnen. Offensiv wirbt man damit, dass die Erfahungen der Obama-Kampagne in Software übersetzt wurden und nun von der PR-Agentur Groundwork bei der Truppe um Hillary Clinton als "Salesforce für Politik" zum eingesetzt wird. Wichtigster Finanzier von Allem: Eric Schmidt, der Über-CEO von Google. Das bewog Julian Assange, anlässlich des Medienforums von "Russland Heute" (s.o.) in Moskau davor zu warnen, dass Google Hillary Clinton unterstützt. Doch noch ist Schmidt nur ein Investor unter anderen. Wie man als Milliardär sein Geld richtig diruptiv anlegt, hat Peter Thiel gezeigt: Gawker ist pleite. Pressefreiheit ist die Freiheit von einer handvoll Milliardären, sich rächen zu können. Kommt von irgendwo ein Lichtlein her? Aber klar doch, nicht immer gehen die Rache- und Vernichtungspläne auf.

Was wird.

Die Fußball-EM hat angefangen, im Supermarkt um die Ecke gibt es Klobürsten in den Farben Schwarz-Rot-Kack und andere Hässlichkeiten. Selbst reputierliche Computer-Museen zeigen sich bildlich vom "Fußballfieber" infiziert. Die Froschfresser spielen gegen die Zigeuner und "wir" gegen die Krimverlierer: Twitter lässt in seiner ganzen Rohheit grüßen, von @schland_watch dokumentiert. Das ganze hat mit Fußball natürlich nichts zu tun: wenn England die EM gewinnt, fällt der Brexit aus. Das nennt man dann Abstimmung mit den Füßen.

Am Dienstag startet der "Digitale Flüchtlingsgipfel" des Bundesinnenministerium in Berlin. Mit dabei: Betterplace, die Initiative D21 und OpenTransfer sowie viele Firmen-Beauftragte für Corporate Responsibilty und chancengleichen Wohltaten. Man will offensiv die Möglichkeiten des Internet nutzen und die Hilfe besser koordinieren, "statt ständig das Rad neu zu erfinden". Eine gewisse Erfindungshöhe kann man dem Einfall der, ähem, sozialdemokratischen Bundesarbeitsministerin Nahles nicht absprechen, die Ein-Euro-Jobs bei Flüchtlingen auf 80 Cent zu reduzieren, weil diese meistens in den Aufnahmeeinrichtungen selber arbeiten würden. Ne kleine Einordnung? 15 bis 20 Cent kostet eine Minute beim Telefonieren nach Syrien. Aber digitale Flüchtlingshilfe, das können wir.

(Hal Faber) / (vbr)

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