Menü
4W

Was war. Was wird. Über disruptive Innovationen und andere Meucheleien

Endlich! Jahrzehnte haben SF-Autoren das fliegende Auto herbeigeschrieben, nun ist es da! Leider parkt es etwas weiter weg, bedauert Hal Faber. Disruption, ja, die geht manchmal halt ihre eigenen Wege. Merkt man auch bei der SPD. Aber nicht in der GroKo.

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 44 Beiträge
Gleis, Eisenbahn,

Oh. Da scheint die Disruption aber gehörig schiefgegangen zu sein.

(Bild: Niek Verlaan, gemeinfrei (Creative Commons CC0)

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Das ich das noch erleben darf! Gefühlte 100 Jahre oder geschlagene 7577 Zeilen im neuen Koaltionsvertrag von CDU/CSU und der Sozialdemokratischen Parodie Deutschlands hat es gebraucht, bis dieser Passus in die Welt kommen konnte: "Zur Sicherstellung technologischer Innovationsführerschaft werden wir unter Federführung des Bundesministerium der Verteidigung und des Bundesministerium des Innern eine 'Agentur für Disruptive Innovationen in der Cybersicherheit und Schlüsseltechnologien' (ADIC) sowie einen IT-Sicherheitsfonds zum Schutz sicherheitsrelevanter Schlüsseltechnologien einrichten."

Im letzten Koalitionsvertrag schwärmte die aktuell noch die Geschäfte führende Vorgängerregierung von der "digitalen Souverantität Deutschlands", ohne eine einzige Angabe zu machen, wie diese digitale Souveranität definiert werden kann und wer sie denn sicherstellen soll. Derweil investierte China geräuschlos in Kuka, während der letzte deutsche Netz-Hardware-Lieferant Lancom nur durch ein Investment von Rohde & Schwarz ein deutsches Unternehmen blieb. Jetzt ist es raus: ADIC wird das Ding schaukeln, eine Agentur für Disruptive Innovationen in Cybercybercyber. Seite an Seite mit ZITIS und GTAZ plus wird Deutschland so am Digikusch verteidigt.

*** Nun, treue Heise-Leser wissen natürlich, was so eine disruptive Innovation ist, die liebend gerne mit dem Übergang vom Pferd zum Auto erklärt wird. Bis zum Jahre 1910 mussten jährlich 10.000 tote Pferde von den Straßen von New York City entfernt werden und so geriet der Job der Pferdeleichenwegschaffer in die Krise, als das Auto die Oberhand gewann. Hinzu kam, dass der Rennstallbesitzer John Daniel Hertz seine Taxen gelb anstreichen ließ, als er im großen Stil ins Taxengeschäft einstieg. Angeblich scheuten Pferde vor der Farbe gelb, die sie gut sehen können und wichen so den teuren Taxen aus, was kurzfristig den Job des Pferdeleichenwegschaffers sogar verlängerte: Disruptive Innovationen sind halt eine knifflige Sache.

*** Apropos Autos. Schon der große Henry Ford prognostizierte im Jahre 1928, dass eines Tages Autos fliegen können werden. 1956 kam dann das Aerocar von Moulton Taylor heraus, verkaufte sich aber nicht sonderlich gut. Dafür waren fliegende Autos in den großen Werken der "harten Science Fiction" der 60er Jahre bald der Standard, gefolgt vom Moller Skycar. Der verkaufte sich überhaupt nicht. Hier musste die disruptive Innovation der technologischen Evolution unter die Arme greifen und pardauz, wir haben es geschafft! Seit letzter Woche haben wir das fliegende Auto! Es parkt nur woanders. Das hätte auch einer künftigen Bundesagentur für Schlüsseltechnologien unter dem Vorsitz der bekannten Allzweckdisruptiererin und Internetbotschafterin Gesche Joost passieren können.

*** Zurück zu der tollen ADIC. Sicherheitsrelevante Schlüsseltechnologien sind die, die "für mehr Sicherheit im Cyberraum" sorgen und die, mit denen eine "moderne, digitale Verwaltung" für mehr Bürgernähe sorgt. Es wird ein harter kampf werden, aber hey, der Sieg ist in Sichtweite (Zeile 1988): "Wir werden sicherheitsrelevante Schlüsseltechnologien besser vor einem Ausverkauf oder einer Übernahme schützen und die nationalen und europäischen Außenwirtschaftsinstrumente ergänzen." Das ist doch eine Ansage an diese Ausländer. Hände weg vom elektronischen Personalausweis, denn er "wird zu einem universellen, sicheren und mobil einsetzbaren Authentifizierungsmedium". Da flutscht dann alles ganz geschmeidig wie bei dem Antrag auf Auskunft aus dem Gewerbezentralregister. Mehrfach hat auch diese kleine Wochenschau von der neuen Behörde ZITiS berichtet, die nicht im Koalitionsvertrag erwähnt wird, aber Mittel und Wege erforschen soll "kryptierte Kommunikation" wieder lesbar zu machen. Gibt es Entwarnung? Wer immer diesen Passus eingebracht hat, sie oder er hatte Humor, nach dem Authentifizierungsmedium nPA das Thema Identifizierung so auf die Tagesordnung zu setzen: "Wir wollen einfache und sichere Lösungen für die elektronische Identifizierung und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für jedermann verfügbar machen und es den Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen, verschlüsselt mit der Verwaltung über gängige Standards zu kommunizieren (PGP/SMIME)." Tschüss De-Mail, war nett mit dir.

*** Es begann mit einem Mord: "Der Tathergang wird in diesen Tagen minutiös geplant. Der andere soll stolpern, ohne dass ein Stoß erkennbar ist. Er soll am Boden aufschlagen, scheinbar ohne Fremdeinwirkung. Wenn kein Zucken der Gesichtszüge mehr erkennbar ist, will Schulz den Tod des Freundes aus Goslar erst feststellen und dann beklagen", schrieb die deutsche Edelfeder Gabor Steingart am Mittwoch über Martin Schulz. Am Donnerstag legte eben dieser "Freund aus Goslar", Siggy "Pop" Gabriel, gekonnt nach, immer nach der alten Weisheit "Kindermund tut etwas kund, was niemand uns beweisen kummt". Der ehemalige "Beauftragte für Popkultur und Popdiskurs der SPD" hatte ein 6 Jahre altes Töchterchen parat, das sagte: "Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht." Damit soll Martin Schulz gemeint sein und nicht Karl Marx, August Bebel, Karl Kautsky und Eduard Bernstein, deren Portraits in der guten Stube jedes Sozialdemokraten hängen.

*** An dieser Stelle bekenne auch ich mich schuldig, anlässlich seiner Initiative für eine digitale Grundrechtecharta über Martin Schulz hergefallen zu sein. Als dieser auf dem Schirrmacher-Symposium ein paar krause Gedanken über die Pflicht von staatlichen Stellen und Informationsdiensten vortrug, gegen Mobbing und digitale Hetze vorzugehen. Daraus wurde später das umstrittene Netzdurchsetzungsgesetz. Nun hat es genau diese Charta als eigenständiger Schulz-Beitrag in den künftigen Koalitionsvertrag gebracht, wenn es ab Zeile 2230 heißt: "Um den Grundrechteschutz auch im digitalen Zeitalter sicherzustellen, begleitet die Bundesregierung das Projekt einer europäischen digitalen Grundrechtecharta. Durch diese Charta sollen die Chancen und Risiken der Digitalisierung zu einem gerechten Ausgleich gebracht werden." Wie immer auch Chancen und Risiken gerecht ausgeglichen werden können, dies wird wohl ein unerfülltes Versprechen bleiben, wenn Martin Schulz und Sigmar Gabriel Seit an Seit von der Bühne schreiten. Bis zur nächsten Wahl hat der "Tanker" Zeit für eine disruptive Innovation oder für eine letzte Fahrt als Totenschiff. Wobei – für den Rest der potenziellen Groko gilt das wohl auch. Und für einige andere ebenfalls.

*** Eugen Gomringer hätte seine Freude an diesem Gedicht zum neuen Heimat- und Innenminister Horst Seehofer. Heimat und Inneres und Bauen und ein Horst, der alles wieder aufpolieren will: die Heimat, das Bauen und das Innere. Unter Seehofer soll das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik ausgebaut, aber nicht in die Unabhängigkeit entlassen werden. Ein letzter echter de Maizière weht durch den Koalitionsvertrag, wenn es heißt: "Die Sicherheitsbehörden brauchen gleichwertige Befugnisse im Umgang mit dem Internet wie außerhalb des Internets. Das bedeutet im Einzelnen: Es darf für die Befugnisse der Polizei zu Eingriffen in das Fernmeldegeheimnis zum Schutz der Bevölkerung keinen Unterschied machen, ob die Nutzer sich zur Kommunikation der klassischen Telefonie oder klassischer SMS bedienen oder ob sie auf internetbasierte Messenger-Dienste ausweichen." Signal, Threema oder Telegram, hier stößt die anderswo gelobte Ende-zu-Ende-Verschlüsselungen an die Grenzen unser schönen Heimat, auch wenn das Justizministerium mit Rat und Tat beim Verschlüsseln dabei ist. Da ist ein horstischer Knoten, den es zu zerschlagen gilt. Mit dabei: der umfassende Ausbau des Verfassungsschutzes mit operativer Technik zum Mithören gegen all die Vermummschlüsseler. "Aufgrund des ständigen technischen Fortschrittes und des damit einhergehenden personellen und finanziellen Ressourceneinsatzes soll das BfV als zentrale Servicedienststelle für den Einsatz operativer Technik im Verbund gestärkt werden."

Am kommenden Mittwoch erscheint ein unscheinbares Buch, Wir sind ja nicht nur zum Spass hier von Deniz Yücel. An diesem Tag vor einem Jahr wurde der deutsch-türkische Journalist der Welt in Istanbul unter dem Vorwurf der Terrorproaganda und Volksverhetzung festgenommen. Seit einem Jahr sitzt er in der Untersuchungshaft, eine Anklageschrift lässt auf sich warten, auch deutsche Außenminister haben keine Zeit, ihre Tochter zu befragen, was mit diesem Mann mit den Haaren im Gesicht da passieren soll. So sitzt Deniz fest und schreibt, mit Gabel und Konservensoße oder mit einem Stift in den "Kleinen Prinzen". Alle ermuntern ihn, das aufzuschreiben, was er erlebt, ganz nach dem großen Satz "Du bist für Deine Rose verantwortlich". Den sagte keine Politiker-Tochter, Politiker-Schwester oder dem Politiker sein Hund, sondern ein Fuchs."Ich bin für meine Rose verantwortlich", wiederholte der kleine Prinz, um sich auch dies einzuprägen. (Hal Faber) / (jk)

Anzeige
Anzeige