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Was war. Was wird. Über postfaktische Wahrheiten und faktische Geheimnisse

Faktotum Hal Faber sucht den Anfang des Endes der Wahrheit im Netz und stolpert dabei über allerhand Geheimhaltungsstufen. Doch wer wann was wo warum geheim bleibt, das weiß immer noch der Herr Minister am besten.

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Was war. Was wird. Über postfaktische Wahrheiten und faktische Geheimnisse

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

***Ei der Daus, potz Blitz!, ähem, natürlich muss es jetzt postblitz heißen: Postfaktisch ist das Wort des Jahres 2016 geworden, kostengünstig gewählt und bereit zur Aufstellung an den Landesgrenzen, zur Abschreckung der in unseren Sprachkörper eindringenden Postfakten, getragen von fastidiösen Faktoten. Ja, "fac totum", sie versuchen alles, damit die Wahrheit versteckt bleibt und die gefühlte Wahrheit siegt.

Wer sich auf die Suche macht, wie dieses Wort in unser beschauliches Leben als Netizen eingedrungen ist, wird verschiedene Quellen finden.Die einfachste Fundstelle ist nach Google ein Artikel der Historikerin Jill Lepore im New Yorker. In ihrer frühen Analyse des US-Wahlkampfes bestimmte sie das Internet als Netz, das vom Ende der Fakten kündet. Die ganz gelehrten Köpfe werden bei Hannah Arendt landen und bei ihrer Unterscheidung von Tatsachenwahrheiten und Meinungswahrheiten. Pragmatiker könnten sich auf "9/11" beziehen, weil mit dem Fall der Türme die Post-Truther ihren Auftritt hatten.

***Kurzzeitgedächtigen sei die japanische Variante angetragen, nach der postfaktisch immer auch Schutz vor bösen Whistleblowern und ihren Fakten ist: Beim Gesetz gegen den Geheimnisverrat bestimmt der Ministerpräsident, was ein Geheimnis ist. Das Ganze gilt auch rückwirkend und selbst dann, wenn der Whistleblower gar nicht weiß, dass es sich um ein Geheimnis handelt. Das hat natürlich seine Logik, denn warum sollten sich Whistleblower um Geheimhaltungsstufen kümmern? Bestes Beispiel ist ja Wikileaks, das Akten aus dem NSA-Untersuchungsausschuss veröffentlichte und damit en passant verriet, dass es in Deutschland mit "SG Anrecht" und "SG Schutzwort" zwei hoch geheime Geheimhaltungsstufen gibt, die nur den wenigsten bekannt sind.

***In den USA hat der noch amtierende Präsident in einer seiner letzten Amtshandlungen eine umfassende Untersuchung angeordnet. Sie soll klären, ob Russland in irgendeiner Form der Drahtzieher hinter den Leaks interner Mails der Demokraten ist, die Wikileaks dann veröffentlichte, um den Wahlkampf zu beeinflussen. Zu klären wäre auch, ob ebenfalls gehackte Mails der Republikaner absichtlich zurückgehalten worden sind. Trump hat beim Aufbau der kommenden Kleptokratie einfach nur wenig Interesse an Geheimdienst-Informationen und bastelt weiter an seinem Regierungs-Club der Milliardäre und Goldman-Sachs-Mitarbeiter. Eine Fake-News auf Twitter muss reichen.

***So ist die von Obama angeordnete Untersuchung ganz unpostfaktisch für uns interessant. Wie darf noch ein Blatt mit großen Buchstaben ganz offiziell auf der Homepage des Bundesinnenministeriums nachfragen: Übt Pu­tin schon für die Bun­des­tags­wahl, Herr de Mai­ziè­re?. Mit Merkel hätte dann Wikileaks wieder einmal eine Frau mit einem weit verzweigten Machtapparat als Ziel im Visier. Doch wenn es nur so einfach wäre. Das Attributsproblem (wer ist der Angreifer?) überschattet alle Beeinflusungsspielchen und so denkt man mit Grauen an den kommenden Cyberangriff, der nicht nur von der Bundeswehr gestartet werden könnte, sondern bald auch durch eine Spezialtruppe im Bundesinnenministerium, die dem Befehl von de Maizière unterstellt ist. "Als Auslöser für die neuen Pläne gilt der großangelegte Angriff auf Speedport-Router der Deutschen Telekom vor wenigen Tagen." Soso, auch hier "der Russe" am Werk? Und was ist die Erpressung deutscher Personalabteilungen, wenn nicht eine groß angelegte Schleuseraktion von drüben? Drauf auf den Sack, es wird schon den/die Richtigen treffen. Wer den Betrug mit Pröbchen und Nescafe-Körnchen beherrscht, wird ja wohl dieses Cyber können.

***Am Samstag vergangener Woche wurde eine BigData-Bombe gezündet und konnte im letzten WWWW nur verlinkt werden. Mittlerweile erzählen die Bomber die Geschichte nach dem großen Knall. "Uns wackeln immer noch die Ohren", beschreiben die Autoren die Reaktion auf ihre Story über jenen Facebook-Forscher Kasinski, der seit einigen Jahren aus den Likes bei Facebook die Menschen hinter ihnen ermitteln kann. In Digitalistan und anderswo gab es Kritik an dieser aufgebauschten Big Data-Geschichte, hinter der angeblich eine linke Verschwörungstheorie sein soll. Ganz kulturkämpferisch gibt sich die Süddeutsche Zeitung an diesem Wochenende und warnt vor dem Griffin den Kopf, gegen den allenfalls ein humanistischer Rettungsring hilft, der "mündige Bürger", der selbstbewusst kauft und wählt. Die Autoren des Explosionsartikels geben sich derweil reuig: "Beim Erzählen dieser Geschichte haben wir uns dann zu sehr in Bann schlagen lassen von den unglaublichen Verwicklungen. Beim Versuch, die technischen Elemente verständlich und spannend zu vermitteln, haben wir teilweise überspitzt formuliert. Wir hätten unsere Recherche-Ergebnisse stärker hinterfragen müssen." War das nun postfaktischer Journalismus oder was?

***Steht nach diesem skurrilen Urteil des Landgerichts Hamburg die Zukunft der Verlinkung auf dem Spiel? Solche Wochenschauen fast ohne Links hat es ja schon von mir gegeben, etwa als Zeichen der Trauer, aber auch am ganz am Anfang, aus Mangel an passenden Links und schließlich als Protest gegen eine juristische Entscheidung. Zudem hat diese Wochenschau ein Verfahren verloren, als ein Freiherr von Gravenreuth gegen einen nur privat gedachten Foto-Link protestierte, auf dem er in Kampfanzug beim Paintball-Spielen abgebildet war. Wie diese postfaktische Link-Anfrage von heise online zeigt, ist nicht aller Tage Abend. Unterdessen sind auch unsere Leser belustigt und experimentieren mit dn Hamburger Link-Empfehlungen herum.

***Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, zumal in Hamburg. Ok, dort
waren es nach dem OSZE-Treffen zwar eher olfaktorische Ankündigungen in Gestalt von Pferdeäpfeln, aber irgendwie musste doch schon einmal für den G20-Gipfel geübt werden. Etwas kleiner, aber bunter und wurstiger soll der 33C3 werden, der unter dem Motto Wurst forme tagt. "Auf diesem Kongress treffen sich die wichtigsten Hacker und IT-Entwickler, Programmierer und sicher auch Geheimdienstmitarbeiter. Es ist das Jahresereignis der Szene, in Deutschland, Europa und weit darüber hinaus", heißt es in der tageszeitung, die im Vorfeld des Kongresses den Fall von Jacob Appelbaum aufrollt, ganz im Stil von Zeit online. Doch halt, in diesem Jahr ist der 33C3 "kein Ort, demDrama um Jacob Appelbaum ein Forum zu geben".

***Warum dann der Artikel? Im Kern erinnert er daran, wie unglaublich klein die Hackerszene ist, selbst in Berlin, der heimlichen Hauptstadt der Hacker. "Für diesen Text wurden über einen Zeitraum von mehreren Monaten Dutzende Menschen befragt, unter ihnen viele der Anklägerinnen, Beteiligte, Lebenspartner, Zeugen beider Seiten sowie Mitarbeiter und Führungskräfte von Tor." Im fernen Eindhoven will Appelbaum an der TU promovieren. Der Gutachter, der gleich nebenan die Arbeit(en) von Appelbaum bewerten muss, ist Lebensgefährte einer Frau, die Appelbaum wegen sexueller Übergriffe angeklagt hat. Alles unter Kontrolle, dass ist ein beliebtes Motto, für Hacker und Geheimdienste. Das ist schon zum Lachen.

(Hal Faber) / (axk)

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