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Was war. Was wird. Überall Einzeltäter.

Wer ängstlich auf "das Netz" starrt, wenn sich Antisemitismus mit Genderhass und Ausländerfeindlichkeit zusammentut, hat nichts begriffen, grummelt Hal Faber.

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Jom Kippur ist keine schlechte Zeit für ein bisschen Wunder, und wenn es nur in einer stabilen Tür besteht. Die Schande, dass schon zuvor selbst Synagogenbesuche nur unter Polizeischutz möglich scheinen, wird durch stabile Türen nicht geringer.

(Bild: tomertu / Shutterstock.jpg)

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Er ist wieder da. Der Einzeltäter, ein Angehöriger der weißen Männergruppe, die ein nationalsozialistisches Gebräu aus Judenhass, Islamhass und Frauenhass konsumieren und dann Menschen umbringen. Einer, der ein Manifest schreibt und seine Taten auf Englisch ankündigt und einen Live-Stream einrichtet. Als ich das letzte Mal über das dumme Wort des Einzeltäters schrieb, hieß dieser Anders Breivik und tötete 77 Menschen. Diesmal starben "nur" zwei Menschen, weil die Waffen aus dem 3D-Drucker Waffen aus dem 3D-Drucker waren und die Tür der Synagoge etwas solider war als Politiker, die von "Alarmzeichen" faseln, wenn gemordet wird. Es war schließlich Jom Kippur und Zeit für ein Wunder. In der Synagoge wurde gebetet und das Überleben gefeiert wie das Überleben des jüdischen Volkes gefeiert werden muss.

*** In dem per Helmkamera übertragenen Live-Stream haben sich die anderen Einzelnen geärgert, die beim Morden zuschauen wollten: "Er vermasselt alles total. Ahhh, er ist so verdammt ungeschickt." Auf Imageboards werden die Bauteile diskutiert, die der Mörder ausgedruckt, aber nicht sorgfältig genug bearbeitet hat. Daher die vielen Ladehemmungen, die in Kommentaren beklagt werden. Natürlich wandert das Video von Imageboard zu Imageboard, weil es doch der "Nachwelt" erhalten werden muss, genau wie beim Massaker in Neuseeland. Im Unterschied zu Anders Breivik rechnete der Mörder von Halle offenbar damit, getötet zu werden und in "Valhalla" einzuziehen, wo gefügige "Waifus" auf ihn warten würden, ganz wie die Jungfrauen, die auf Islamisten im Jenseits warten.

*** Doch es gibt weitere Unterschiede zu 2011. Heute gibt es eine Partei in Deutschland, die die Zeit als "Vogelschiss" bezeichnet, in der Juden systematisch getötet wurden. Diese bekommt bis zu einem Viertel der Wählerstimmen, vielleicht auch von der Familie des Mörders, wo man nichts gegen Juden hat, wohl aber gegen "Finanzjuden": Ein Investor aus Israel wollte in seinem Wohnort Benndorf investieren. "Das Deutschland von 2019 ist ein Land, in dem die Juden nicht wissen, ob sie gerade zur Zielscheibe von Neonazis, Islamisten oder sonstigen Extremisten werden. Und das Deutschland von 2019 ist ein Land, in dem man besser weder Kippa auf dem Kopf noch einen Davidstern um den Hals tragen sollte, will man sich nicht körperlichen Angriffen aussetzen." Das schreibt ein Professor für jüdische Geschichte. Heute ist der Islamhass eine Komponente des Antisemitismus: "Döner - nehm wer", sagte der Mörder, ehe er einen jungen Mann im Imbiss erschoss. Dann fuhr er davon und hielt brav an, als die Ampel auf rot sprang. "Es konnte und musste geschehen, weil es inzwischen normal ist, dass Nazis in Deutschland Menschen umbringen", schrieb Dimitrij Kapitelman, der nur einen Hakenkreuzwurf von Halle entfernt wohnt.

*** Natürlich gibt es auch einfache Antworten im schlimmsten Zeitungsdeutsch. Dann schreibt man einfach mal etwas über die "Mordlust im Netz" und gibt der "Meme-Kultur" des Internet die Schuld, weil sie angeblich ein "Radikalisierungsprogramm für erfolg- und orientierungslose" Jungmänner bietet. Oder man prangert die Gamification durch Steam & Co an, die den Weeaboo aus Benndorf zu seinen Taten inspiriert haben soll.

Von einer Postkarte des Tucholsky-Literaturmusuems Schloss Rheinsberg

(Bild: Kurt Tucholsky Literaturmusuem Schloss Rheinsberg )

Wen schert es schon, dass jeder Personaler heutzutage von Gamification redet, wenn man auf das böse Netz verweisen kann. Dann kommt so ein Unsinn heraus, dass verschlüsselte Messenger-Dienste daran schuld sind, dass die geplante Tat nicht vorher aufflog. Wenn die so entstandene Berichterstattung "aus dem Netz" nicht passt, kann man das ja immer noch bedauern. Insgesamt macht damit dieser Mordfall deutlich, woran es in der deutschen Digitalisierungsdebatte hapert: An einem grundlegenden Verständnis für Technik, gepaart mit Defiziten in logischer Beweisführung. Deutschland drückt sich nicht vor einer Digitalisierungsdebatte, sondern führt sie ängstlich und mutlos und drückt sie auch noch schlecht aus.

*** Sagen wir es nochmal deutlich: Angst war noch nie ein guter Ratgeber. Auch nicht die Angst vor der Digitalisierung. Und nicht die Angst vor den Rechtsradikalen, die auch bei deutschen Intellektuellen allzu schnell dazu führt, jeden Rülpser irgendwelcher Wutbürger sich gleich als "berechtigtes Anliegen besorgter Bürger" auf die eigene Agenda zu schreiben.

*** Gut, dass wir da einen Mutmacherposten haben und mit SprinD eine Agentur für Sprunginnovation, die jetzt auch ein ordentliches Büro hat. Von Leipzig aus werden also große Sprünge gemacht, aber auch große Sprüche. Zwar ist es wunderbar, wenn jetzt die Entwicklung von stromsparenden Analogrechnern mit Millionen gefördert wird, doch ist es etwas seltsam, wenn der oberste Chefinnovator der Bundesrepublik davon spricht, dass künftig nicht bei jedem neuen Rechenzentrum drei Atomkraftwerke gebaut werden können. Vielleicht sind diese Atomkraftwerkchen von Terrapower gemeint, die für Bill Gates die Lösung sind, den Klimawandel erträglich und weniger gefährlich zu gestalten.

*** Mut und Tempo bei der Digitalisierung, das forderte SAP-Vorstandsmitglied Christian Klein im Sommer. Wer im Herbst mutig handelte, war SAP-Haudegen Hasso Plattner. Mit Christian Klein in Walldorf und Jennifer Morgan in den USA an der Spitze des wertvollsten deutschen Unternehmens hat er eine Doppelspitze installiert, wie es sich seit den Zeiten von Plattner und Kagermann immer mal wieder gegeben hat. "Die erste Frau an der Spitze eines DAX-Konzerns", wie überall berichtet wird, dürfte ihren ersten großen Auftritt auf dem IT-Gipfel der Bundesregierung haben und dieser erzählen, was es mit dem von ihr geleitetem Cloud-Geschäft auf sich hat. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass es Jennifer Morgan war, die sich für die EDGE-Zertifizierung von SAP eingesetzt hat, nach der gleiches Geld für gleiche Arbeit bezahlt wird. Ob es einen Zusammenhang mit dem Frauenanteil in STEM-Berufen und der fehlenden Geschlechtergleichheit in Ländern gibt, wie hier behauptet wird, wird noch zu diskutieren sein.

*** Greta Thunberg, die Klima-Aktivistin für die guten, inspirierenden Freitage, hat nicht den Nobelpreis in der Sparte Frieden bekommen. Das hat einige überrascht, nicht zuletzt die Buchmacher, die jede mögliche und unmögliche Wette annehmen. Ob jemand auf Abij Aymed gesetzt hatte, ist unbekannt. Die Überraschung ist dennoch gelungen, vergleichbar mit dem Wirtschafts-Nobelpreis für William Nordhaus im Jahre 2018 für seine Klimaforschungs-Ansätze. Damals, als das Thema Klima die Jury beschäftigte, erwartete man, dass Martin Weitzman den Preis gewinnen würde. Dieser nahm sich im Sommer das Leben. An seine Forschung erinnert dieser Artikel: Wenn die Welt immer reicher wird und unsere Kenntnisse der Zusammenhänge vom Klimawandel und seinen tödlichen Folgen immer besser wird, warum überlassen wir dann nicht unseren Kindern oder Enkelkindern die Lösung der Probleme? Auf acht oder zehn Millionen Tote zusätzlich kommt es ja nicht an, wenn die Menschheit insgesamt den Dreh rausbekommt, die Entwicklung zu stoppen. Vielleicht mit dieser Atomenergie?

Das NATO-Mitglied Türkei hat mit dem Einverständnis der USA seinen Krieg gegen die Kurden begonnen. Nach türkischen Angaben wurden bis zum Wochenende 277 kurdische Terroristen getötet, während es zu toten Zivilisten nur Schätzungen gibt. Seitens der NATO mahnte Generalsekretär Jens Stoltenberg die Türkei, bitteschön "zurückhaltend" zu agieren. Seitens der USA verkündete Trump, die Kurden hätten den USA schließlich auch nicht im zweiten Weltkrieg in der Normandie geholfen. Zwischen 70.000 und 100.000 Menschen sollen auf der Flucht sein, der Kampf gegen den islamischen Staat ist bis auf weiteres eingestellt.

Werbung der Frankfurter Stromwerke um 1980 aus dem Pflasterstrand. Was gab das damals für heftige Diskussionen in linken WGs über Abo-Abbestellungen!

Im Trubel der türkischen Angriffe konnten die ersten IS-Kämpfer aus der Haft fliehen. Viel Phantasie braucht es nicht, eine Zunahme von Flüchtlingen aus der Region zu prognostizieren. Das bringt uns zu der Jungen Union, die witzig sein will und über einen Innenminister Seehofer twittert, der die Flüchtenden "zum Freibier einlädt". Unterdessen ist eine Klage vor dem Internationalen Strafgerichtshof eingegangen, in der Angela Merkel, Emmanuel Macron und Jean-Claude Juncker beschuldigt werden, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben, indem sie den Tod von Flüchtlingen im Mittelmeer vorsätzlich in Kauf nahmen. Die Klageschrift stammt vom israelischen Anwalt Omar Shatz. Die Welt dreht sich weiter. (jk)