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Was war. Was wird. Vermittelnd ein paar Gedanken zum Jahresende.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich – und dieses Mal wie  immer  zum  Jahresende  nicht  nur  für die Woche, sondern sie versucht, das ganze Jahr ins Blickfeld zu bekommen.

Was war.

*** Plus ça change, plus c'est la même chose - ein Jahr geht zu Ende, das nächste fängt an. An allen Ecken des endlosen Web finden sich Jahresrückblicke auf 2007 wie Prognosen, welcher Ei-Pott 2008 das Rennen macht. Zum lesenswerten Rückblick der Netzpolitiker gesellt sich daher dieser kleine Rückblick der Netztechniker, basierend auf den Jahres- und Monatsstatistiken der vorzüglichen Admins, die in der norddeutschen Tiefebene am Werke sind und die Netzpräsenz, des kleinen, aber feinen Verlages am Laufen halten. Ja, Lobet die Admins, die es mit dieser Meldung zum Spitzenreiter im Juli 2007 brachten.

*** Über das ganze Jahr betrachtet, reichte es dennoch nicht für sie, sich in den Top Ten der Meldungen einen Rangplatz zu sichern. Hier hat die Statistik manche Überraschungen parat. 2007 mag ja das Jahr der Billig-Laptops oder der iPhone-Hysterie gewesen sein, mag vor allem als das Jahr der Vorratsdatenspeicherung oder der heimlichen Festplatten-Durchsuchung dastehen. War das das Jahr 2007? Die Hosen voll, die Reihen fest geschlossen, Deutschland marschiert ...? Alles wird gut: Ein Innenminister im Angstrausch beherrscht das Land? Wer sich noch wunderte, dass die Truppen des konservativen Sicherheits-Etatismus den Präventionsstaat Schäublescher Prägung unter dem Beifall der Sozialdemokraten in Szene setzten, sollte sich das Idealbild des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaats vor Augen führen, das nur auf Basis der Kontrolle und Steuerungen aller Lebensäußerungen und -umstände funktionieren kann. Privatsphäre der Bürger ist keine Komponente der Idealstaaten von Konservativen und Sozialdemokraten, hier trifft sich die Linke mit der Rechten.

*** Aber die nackte Statistik sieht es völlig anders, was denn so wichtig war in diesem Jahr. Völlig anders? Vielleicht nicht ganz: Eindeutiger Sieger über alle anderen Nachrichten des Jahres 2007 ist diese Meldung einer Pron-Sperre bei Arcor mit 257.821 Zugriffen. Zwei weitere Verfügungen gegen Arcor brachten es ebenfalls in die Top Ten, womit Arcor in der Summe aller Tickermeldungen gewichtet sogar Apple als Firma überholt. Nur der Computerbauer Aldi und der ewige Spitzenreiter Microsoft konnten sich vor dem TK-Anbieter platzieren. Auch der 2. Platz über alles ging an eine juristische Meldung, diesmal über eine Abmahnfalle, die sich gleich zu Beginn des Jahres öffnete. Nimmt man weitere viel besuchte Nachrichten wie Atze gegen die Wikipedianer und die Forenhaftung hinzu, so kann man schlussfolgern, dass das Internet anno 2007 ein Spielball der Rechtsanwälte geworden ist. Die ironisch gemeinte April-Meldung auf Platz 8 der Top Ten passt genau in den Jahres-Trend. Zoomt man auf die Top 100, ist selbst der letzte Platz mit 71.241 Zugriffen von einem juristischen Thema besetzt.

*** Ja, Windows Vista kam in die Pötte und Apple brachte eine P-Verlängerung (181.355 Zugriffe) für Porsche-Fahrer unter die Leute, doch was war das gegen die große Blinde? Als Einzelmeldung brachte es eine kleine juristische Tickernotiz über einen Münchener Anwalt mit großem Geltungsbedürfnis mit 209.179 in das WWWW-Buch der Rekorde, nicht nur nach den Zugriffszahlen. Mit 14.188 Kommentaren sorgte diese Justizfarce unter den aktiven Forums-Teilnehmern für eine denkwürdige Heiterkeit.

*** Es ist sehr schwer, über Nicht-Meldungen zu schreiben, über Sätze, die geschrieben wurden und dann doch nach /dev/null wanderten, weil sie unwichtig waren oder eine schlichte Anwalts-Flatulenz. Ich könnte jetzt Adorno zitieren, der den vorigen Jahresrückblick geprägt hat, doch das hilft nicht, nicht hier und heute. Eine Nicht-Meldung dieser Woche ist die über den freien System-Administrator Roman Stanowsky, der in München seinen Sohn Mickey ermordete und sich dann selbst tötete. Etliche Leser werden sich an den Administrator der legendären Markt und Technik-Mailbox erinnern, andere vielleicht an Artikel, die den Spam-Bekämpfer feiern. Wenige werden sich wohl in die Rechts-Foren begeben, die den Täter Roman S. als Opfer feiern, als Beweis für die unfähige Justiz und die "Familienvernichtungsmafia", die dieser schwer verletzte Mensch als Rechtfertigung für seine Tat anführte.

*** Wir werden den Tätern nicht gerecht, weil wir den Opfern nicht gerecht werden können: Jeder einzelne Mensch muss da gezählt und erwähnt werden. Inmitten der ansetzenden Jubelarien über 1968 bleibt da die RAF, die mit Schleyer einen NS-Täter ermordete. Es bleibt ein Chemiker Buback, der einen Prozess in Gang setzte, komplett mit Beugehaft, der Täter finden soll. Jeder Tote, den diese Widerstandsform produziert hat, muss erinnert und betrauert werden. Warum sollte Jürgen Schumann der Größte sein, warum nicht Reinhold Brändle, Heinz Marcisz, Roland Pieler und Helmut Ulmer?

*** Gäbe es nicht die wunderbaren Berichte von Plomlompom zum CCC im bcc, die Aufmunterung "Guten Rutsch / Gegen die Vorratsdatenspeicherung" vorm bcc am Alexanderplatz, so müsste die Woche kläglich enden. Die großartige Osterweiterung, von der auch ein kleiner Verlag in Hannover nicht unberührt geblieben ist, hat einen herben Verlust zu tragen. Mit Jaan Kross starb einer der wichtigsten estnischen Autoren – an dem Tag, an dem vor 34 Jahren in Paris der Archipel Gulag erschien.

*** Das Positive ist natürlich Bo Diddeley, der heute 79 Jahre alt wird und mit Who do you love Geschichte geschrieben hat, mit einer rechteckigen Gitarre. Wer nicht rockröhren will, mag vielleicht Doug Coupland aus Baden-Baden feiern, den Autor der Microsklaven und von jPod, der Werbung für Smirnoff (Getränk) und Blackberry (Digitalfessel) macht, weil es passt.

Was wird.

Eigentlich hat es schon angefangen, das Jahr der Mathematik, mit wundersamen, von "Mathemachern" produzierten Ausstellungen wie der in Garching. Was folgt, heißt Zahlen, bitte! und findet in Paderborn statt. Irgendwann in diesem Jahr feiert das erste Videospiel Geburtstag und am 23. April ist Max Planck an der Reihe, Vamutter der Quantentheorie.

Überstrahlt wird alles natürlich vom Geburtsjahr der Proteste derer, die derzeit in Rente gehen: 1968 wird in Berlin gefeiert und noch einmal in berlin gefeiert, damals die zentrale Abschiebungsstätte süddeutschen Bundesländer. Hatte ich schon Berlin erwähnt, die Hauptstadt der Bewegung? Glaubt irgend jemand außer "Joschka" wirklich, dass Krankfurt da mithalten kann? Wie wäre es mit Herbert Schoner und Kaiserslautern?

Mitunter endet der große Wurf in einem kleinen Häufchen. Das zeigt nicht nur 68. Immer muss der Blick in die Zukunft auch dem Boden gelten, auf dem Dichter in die Grube fallen, auf dem man ausrutscht, vom Häufchen beschleunigt. Freuen wir uns deshalb nicht nur über die 68er und Mathemacher, sondern ganz unspektakulär auf Digerati wie Martha Stewart und Paul Coelho, die Digital, Life, Design 2008 weichspülen werden. Die Einladung, komplett mit drastischen, eigentlich internen Anmerkungen über die Qualität der eingeladenen Redner/Innen ging an ca. 300 Journalisten raus, deren Adressen im cc: für alle sichtbar waren. Wer braucht schon Spam, wenn er solche sachkundigen digitalen Freunde hat? Daher allen Lesern happy happy sonstwas, ganz ohne Klick, Kultur und Kolophon: Sauber wollten wir Ende 2006 ins neue Jahr kommen. Ob wir sauber wieder rauskommen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber alles wird gut. Deutschland marschiert nicht. (Hal Faber) / (jk)