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Was war. Was wird. Vom Auffressen der Grundrechte

Es gibt Romane, die vergisst man sein Leben lang nicht, wenn sie in jungen Jahren Wege aufzeigten. Auch alberne Verfilmungen konnten den Zauber nicht auslöschen. Sich kaum an der Welt erfreuen zu können, dafür sorgen schon andere, bedauert Hal Faber.

Was war. Was wird. Vom Auffressen der Grundrechte

"Um das Leben als Ganzes zu sehen, musst du es als Sterblicher sehen. Ich sterbe, du stirbst; wie könnten wir einander sonst lieben? Die Sonne brennt aus, wie könnte sie sonst scheinen?" Ursula K. Le Guin

(Bild: Valentin Sabau, gemeinfrei (Creative Commons CC0))

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

"equo ne credite, Teucri. quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentis."

(Bild:  Ach nee, Quelle des Zitats: Vergil, Aeneis, II, 48/49 )

*** Es ist passiert. Die "dritte Produktlinie" soll sich im Einsatz befinden. Das jedenfalls behauptet der Rechercheverbund von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR. Die ersten Staatstrojaner für die Quellen-TKÜ auf Smartphones sollen sich im Einsatz befinden. Details gibt es aus "ermittlungstaktischen Gründen" nicht, nur eine einfache Bestätigung durch das Bundeskriminalamt gegenüber den Rechercheuren. Stillschweigen auch zur Frage nach dem Betriebssystem des Smartphones. Auf irgendwelchen Unsicherheitsfunken wird also im Namen des Staates die Kommunikation von Whatsapp oder Whatsapp for Business über einen Staatstrojaner ausgeleitet und den Ermittlern zugespielt, die Gewährleistung der Vertraulichkeit informationstechnischer Systeme ausgehebelt. Einfacher gesagt: Der Staat frisst die Grundrechte auf. Zwar sind die erste Produktlinie und zweite Produktlinie, der Trojaner bzw. die Software RCIS 2.0 für PCs, Notebooks und Tablets, entgegen der vollmündigen Ankündigung noch in der Mache, doch mit dem heimlichen und beweissicheren Abfangen der Chats vor der Verschlüsselung oder nach der Entschlüsselung habe man einen großen Schritt nach vorne gemacht, freut man sich in Berlin und Wiesbaden.

*** Jetzt braucht man nicht mehr die Chats durch ein heimlich angemeldetes Smartphone mitzuhören, wie dies bei der Oldschool Society passierte, jetzt schickt man einfach einen Installationsbefehl auf die Reise. Mit richterlicher Genehmigung, natürlich. Wie das Programm funktioniert, muss der Richter ja nicht verstehen, er hat Vertrauen in die informationstechnische Überlegenheit der Kriminalisten. Vielleicht wird der Meilenstein Polizei2018 heißen, in Anlehnung an den großen IT-Brocken Polizei2020. Und schneller ist man außerdem fertig geworden, noch vor dem Hessentrojaner für den dortigen Verfassungsschutz, der sich mit tätiger Mithilfe der Grünen materialisieren soll! Schädigung der Grundrechte?. "Grün wirkt weiter"

*** Trump wirkt weiter. Der 45. Präsident der USA kam nach Davos, lobte sich selbst und trug maßgeschneiderte Hemden mit dem Monogramm 45. Mächtige Industriebosse durften brav aufstehen und in einfachen Worten sagen, wie toll sie die USA mit Trump finden. Der bizarre Stuhlkreis im Stil eines Kita-Elternabends wurde gegen ihren Willen gefilmt und dürfte für angeregte Diskussionen sorgen. Dort in den Bergen, wo Milliardäre Millionären erklären, was die Menschen "da draußen" wollen. Die Menschen, die unteren 50 Prozent mit 15.000 Euro Brutto-Jahreseinkommen stellen, nicht das eine Prozent, das ab 200.000 Euro Brutto beginnt. Leider nicht online im aktuellen Freitag sei dieses Zitat von Charlotte Bartels zur Einkommensentwicklung in Deutschland nachgereicht, das die Geschichte von Ihr da oben, wir da unten einmal anders erzählte. "Was ich aber spannend finde, ist, dass viele der Namen, die sich heute in der Liste der 1.001 reichsten Deutschen im Manager Magazin finden, auch schon 1913 in den Reichenlisten waren und offensichtlich über zei Weltkriege hinweg dort verblieben sind."

*** Abseits des Rummels gab es in Davos interessante Veranstaltungen etwa zur Gensequenzierungstechnologie CRISPR. In Ergänzung zur transhumanistisch verzückten Wochenschau vor einigen Wochen möchte ich ganz ungeniert Werbung für ein kleines Sonderheft über Transhumanismus und Militär machen, das parallel von Wissenschaft und Frieden sowie dem Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung herausgegeben wird. Hier kann man lesen, wie dank CRISPR Genom-Experimente im militärischen Kontext eingesetzt werden, abseits des Science-Fiction-Geschwafels vom Supersoldaten, der in den Labors gezüchtet wird. Unterdessen cybert es munter weiter, mit niederländischen Hackern, die per Videocam beobachten, was ihr russischer Fancy/Cosy-Bear-Gegenpart so treibt und dies dann den Amerikanern melden. Mit Amerikanern, die im beschaulichen Kansas dem Töten mit Drohnen nachgehen und mit Deutschen, die in aller Ahnungslosigkeit um ein vollständiges Lagebild ringen, wo offensichtlich keine Satellitenaufklärung möglich ist.

*** Ihr Science-Fiction-Roman "Das Wort für Welt ist Wald" inspirierte James Camaron zum Film Avatar und wurde beim Erscheinen im Jahr 1976 zu einem "Drehbuch" der Umweltbewegung. Mit der linken Hand der Dunkelheit beschrieb sie eine Gesellschaft jenseits der Geschlechtergrenzen und mit der Erdsee-Saga lieferte sie den Prototypen einer Zauberschule im Stil von Hogwarts ab. In dieser Woche wurde bekannt, dass Ursula Le Guin im Alter von 88 Jahren gestorben ist. Die größte Science-Fiction-Autorin und Feministin sollte auch als große Kritikerin von Trump in Erinnerung bleiben. Die Zukunft der allseitigen Kommunikation gehört ihr sowieso.

"Can we in fact know it? Can we ever understand it? It will be immensely difficult. That is clear. But we should not despair. Remember that so late as the mid-twentieth century, most scientists, and many artists, did not believe that Dolphin would ever be comprehensible to the human brain [ or worth comprehending! Let another century pass, and we may seem equally laughable. 'Do you realise,' the phytolinguist will say to the aesthetic critic, 'that they couldn't even read Eggplant?' And they will smile at our ignorance, as they pick up their rucksacks and hike on up to read the newly deciphered lyrics of the lichen on the north face of Pike's Peak.
And with them, or after them, may there not come that even bolder adventurer – the first geolinguist, who, ignoring the delicate, transient lyrics of the lichen, will read beneath it the still less communicative, still more passive, wholly atemporal, cold, volcanic poetry of the rocks: each one a word spoken, how long ago, by the earth itself, in the immense solitude, the immenser community, of space."
(The Compass Rose)

Lust auf etwas Mathematik? Wie wäre es mit dieser Aufgabe aus dem Alltagsleben? Sie fußt auf dem, was über die Gesichtserkennung am Sicherheitsbahnhof Südkreuz bekannt geworden ist. Da sie auf Twitter die Runde machte, sind auch die Lösungen längst bekannt. Nimmt man noch hinzu, dass a.) wahrscheinlich weniger als 4 Terroristen am Südkreuz auftauchen und diese auch noch b.) wahrscheinlich unkooperativ versuchen werden, der Gesichtserkennung auszuweichen, sinkt die Rate noch unter 0,003 Prozent. In einigen meiner Wochenschauen war bereits davon die Rede, dass hinter der Gesichtserkennung die künstliche Intelligenz mit ihrem Deep Learning steht und Systeme wie das von Baidu in China ganz erstaunliche Ergebnisse produzieren.

Nur hat das wenig mit dem zu tun, was am Südkreuz passiert und was als toller Beitrag zur allgemeinen Sicherheit gewertet wird. Wir haben einen geschäftsführenden Innenminister, der sich historische Gelassenheit wünscht und ein Volk von Stehaufmännchen, das resilient wackelt und weitermacht. Gleichzeitig fördert er Projekte wie die Gesichtserkennung und erklärt:"Und nach Einführung dann einer solchen gesetzlichen Grundlage möchte ich das gerne – wenn die Ergebnisse positiv sind – flächendeckend einführen. Mindestens im Bereich des Bundesinnenministeriums, also bei Bahnhöfen und Flughäfen. Ich bin aber auch gerne bereit, mit den Ländern zu sprechen, ob sie bereit sind, dann diese Systeme für ihren öffentlichen Personennahverkehr, Bussysteme und anderes zu verwenden."

Derzeit werden bekanntlich in großer Eile die Fertigbauteile zur nächsten großen Koalition zusammen getackert. Das bringt es mit sich, dass auf dem anstehenden europäischen Polizeikongress noch kein neuer oder alter Innenminister die Sicherheitsdebatten eröffnet.

Ursula K. Le Guin's Pard - mit sicherem Gespür für die eigentliche Sinnhaftigkeit manch technischen Geräts. Ach, wäre solche Weisheit auch den Menschen gegeben.

(Bild:  Ursula K. Le Guin )

Das ist wirklich schade, denn die Gesichtserkennung steht unter Rubriken wie "Intelligente Videoanalyse" oder "Videoüberwachung" oder "Biometrie als Dreh- und Angelpunkt für Europas neue und interoperable Sicherheitsstruktur" ganz oben auf der Tagesordnung des Kongresses. Viele Firmen wollen ihre Technik präsentieren, denn der Kongress ist auch eine Verkaufsmesse. Mit der analytischen Präzision von Deep Learning geht es in Berlin auf Kundenfang. (Hal Faber) / (jk)

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