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Was war. Was wird. Vom Leben in foppigen Zeiten

"Alle staatlichen Gewalten sollten mehr Aufmerksamkeit darauf verwenden, ihr Handeln zu erklären." Das genaue Gegenteil ist Hal Faber aufgefallen.

Wolf

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Liebes Web-Tagebuch, heute habe ich das "Rechtsempfinden der Bevölkerung" gesehen. Es spielte mit einer Waage, jonglierte mit einem Schwert am Grill und nutzte eine Binde als Sonnenschutz. Dann habe ich gelesen, dass der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul meint, dass Richter nicht nach dem Gesetz und der durch Gesetze gefestigten Rechtsprechung mit entsprechenden Urteilen urteilen, sondern gefälligst das Rechtsempfinden der Bevölkerung berücksichtigen sollen. Nun könnte ich einen namhaften Politiker wiederholen und damit ebenfalls gegen den Pressekodex verstoßen. Also überlasse ich das Kommentieren anderen Berufenen, einmal von dieser Seite und dann von der ganz anderen. Nanu, gibt es keinen Unterschied zwischen FAZ und taz als die Groß- und kleinbuchstabigen Kürzel? Bescheuert?

*** Am universalen Foppen der Gerichte beteiligt: Eine etwas andere Zeitung mit großen Buchstaben, die den Fall Sami A. nach und nach zur dringlichen Angelegenheit aufbauschte und das Abendland in Gefahr sah. Das Blatt schaltete prompt in den Krisenmodus. Bei Eugen Gomringer wurde man noch die Freiheit der Kunst verteidigt. Schwupp ist sie weg, schepper und klirr. Es gibt Politiker, die in diesem Blatt das Rechtsempfinden der Bevölkerung verkörpert sehen. Was fehlt, da in diesem Zustand als Scherbenhaufen nur noch wegkehrbar: Das Image der FDP als Partei der Freiheitlichkeit und der Bürgerrechte. F steht ab sofort für Foppen.

*** Natürlich folgte eine Art politischer Fallrückzieher. "Alle staatlichen Gewalten sollten daher mehr Aufmerksamkeit darauf verwenden, ihr Handeln zu erklären." Dumm, wenn man selbst das genaue Gegenteil macht. Bei Innenminister Reul kommt hinzu, dass er eigentlich ganz, ganz anders in die Schlagzeilen dieser Woche kommen wollte. Denn der erklärte Gegner der Sommerzeitumstellung sieht sich mitsamt einer EU-Umfrage eigentlich auf dem Zenit seiner Karriere angelangt. Reul ist einer, der sich unermüdlich für das Zeitempfinden der Bevölkerung eingesetzt und immer wieder vor dem "Tod durch Zeitumstellung" gewarnt hat! Und nun wird er als Ewiggestriger wegen dieses Rechtsempfindens enttarnt, das ist hart und bitter und treibt dem Beobachter Tränen in die Augen. Immerhin will Reul seine Polizei, bei der er die Kennzeichnungspflicht abgeschafft hat, nach dem neuen Polizeigesetz und all seinen Befugniswerweiterungen mit "Distanzimpulsgeräten" ausrüsten, die aufsässige Bürger auf kleine Zeitreisen schicken können – Kinder eingeschlossen. Wir kennen ja diese kleinen Racker mit ihrem Aufstand gegen das Ruheempfinden der Bevölkerung.

*** In den USA bekommt US-Präsident Trump keine Militärparade und muss wieder nach Frankreich fliegen, um sich solch ein Spektakel anzusehen. Zur patriotischen Kniefallkontrolle wären überdies Stadionbesuche fällig, weil Sportsender diesen unsportlichen Teil künftig ausblenden wollen. Da für Trump das Ausblenden angeblicher Fake-News zum Alltag gehört, dürfte ihn das starke Lebenszeichen der US-Presse kaum stören. Und der Tod von Aretha Franklin? "Sie arbeitete für mich." Immerhin gibt es ein paar warme Worte für die Königin des Souls, bei anderen Afroamerikanern waren dieser Tage schon Tiernamen fällig.

*** Ja, Respect ist etwas anderes, auch in der Pop-Version. Behalten wir darum You make me feel in guter Erinnerung, gesungen für Carole King. So hat man Freunde. Oder möchte jemand hier die Teilnehmer zählen? Nun, es gab andere Treffen von Präsident und der Königin. Was natürlich nicht vollständig ist ohne den größten Soul-Song aller Zeiten. Der Abschied einer großen Stimme kann natürlich auch mit Worten betrauert werden oder mit Unfug wie dem von der "übermenschlichen Stimme". Sie war so menschlich, Precious Lord, oh Precious Lord.

Von Aretha Franklin zu Brett ist es ein etwas gewagter Sprung, zugegeben, aber einmal noch am Leben möchte ich vom "Neo Kraut Rock mit Haftbefehl" schreiben, der auf der anstehenden IFA zu hören sein soll. Das ist als Werbesprech der Veranstalter allemal glaubwürdiger als die Vorstellung, dass im Sommergarten Igel an den Orgeln sitzen und dank des Schmetterlingseffektes Orgien in Georgien auslösen. Oder so. Knuffige Neuheiten soll es geben, etwa einen Dialoggarer, dem man die Worte "nun quäl dich, du Sau" zurufen kann, damit das Fleisch hübsch gar wird. Interaktiver wird es nur noch, wenn man mit "Alexa, mach Schnitzel" einen zweiten Dialogkoch an seinen Posten setzt.

Das Ganze wird dann mit leichter Trauer serviert, denn Kuri ist nicht mehr dabei. Kuri, der Knuffige hat ausgedient, weil er keine Schnittmenge mit dem Bosch-Portfolio geboten hat und ein Knuff von bescheidener Intelligenz war. Auch fehlte ihm der Charme und das gewisse Etwas der 6000 Euro teuren Sexpuppen, für die die taz seit einer Woche kräftig Werbung macht. Man könnte ihm ferner unter gewissen Umständen das Fehlen der Arme ankreiden, weil so der deutsche Gruß nicht möglich ist, wie ihn das Forschungsministerium auf seinem aktuellen Titelblatt präsentiert. Vielleicht ist es auch das Siegeszeichen, alles eine Frage des Bildempfindens der Bevölkerung. Schließlich kam diese Woche ja die Entwarnung vor Horrorszenarien der künstlichen Intelligenz. Es wird nicht so schlimm und Richard David Precht, der Viel-o-Soph für alle Emfindungslagen, hat Unrecht. Es piekst nur ein kleines bisschen. Dafür werden die //dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/037/1903771.pdf:Foppern.

Halt, einen habe ich noch. Der die Nähe von Trump suchende Gesunheitsminister Jens Spahn will bekanntlich Kalif werden anstelle der Kalifin. Im aktuellen SZ-Magazin zeigt er sich ganz im Bild, dazu twittert sein Ministerium die Bilder vom harten Kanzler-Training weiter. In den nächsten Tagen will Spahn eine Verordnung vorstellen, nach der die gesetzlichen und privaten Krankenkassen dazu verpflichtet werden, ihre Mitglieder über die elektronische Gesundheitsakten aufzuklären und für die moderne Digitalmedizin zu werben. Was fehlen wird, ist die Aufklärung darüber, dass Medizindaten in diesen Angeboten bei Drittfirmen wie IBM gespeichert werden und nicht dem Sozialgeheimnis unterliegen. "Es handelt sich bei den eGA-Lösungen um ein privates Angebot von Dritten, die weder Sozialdaten im Sinne des § 67 Abs. 1 SGB X verarbeiten noch das Sozialgeheimnis gemäß § 35 SGB I beachten müssen." Industriefreundlicher geht es nicht.

(Hal Faber) / (anw)

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