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Was war. Was wird. Vom Leben jenseits der Filterblase.

Was waren die Zeiten noch schön, als deutsche Bürger nicht in analogen oder digitalen Filterblasen lebten, sondern in herrschaftsfreien Diskursen ihr gesellschaftliches Wohl bestimmten. Ach, die Zeiten gab es nie? Sowas aber auch, grummelt Hal Faber.

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Flusspferd

Ob Flusspferde etwas von herrschaftsfreien Diskursen halten? Und ob sie auch unter Fake-News leiden? Man weiß es nicht ...

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein." Dieser Satz stammt von Karl Marx, an ihn erinnerte Eckart Spoo, als er 1988 den Fritz Bauer-Preis bekam. Nun ist Eckart Spoo gestorben und wer seine Gedanken zur Pressefreiheit und informationellen Selbstbestimmung liest, zum Schweigen der Konzernmedien in Angriffskriegen und Katastrophen wie Aleppo, mag staunen, wie kritisch linker Journalismus sein konnte.
"Das Kapital wird nie ein Freund von Gleichheit und Brüderlichkeit sein, unter Freiheit versteht es nur, daß es sich nicht an Regeln halten muß, die seine Macht einschränken (sollten). Gegenüber allen Regeln, die einmal in günstigen historischen Momenten demokratisch erkämpft werden konnten, dringt es auf Deregulierung. Aber niemals ruft es nach Abbau der vielen Gesetze, die die individuellen und kollektiven Grundrechte des Volkes einschränken, das Volk einschüchtern."

*** Ja, der Journalismus hat es im postfaktischen Zeitalter mit seinen Fake News nicht leicht. Selbst im allseits bekannten Medium der Gegenöffentlichkeit ist es eine Qual, mitzulesen, wie Kollegen gegen das redaktionelle Truth Awareness Team kämpfen, bis der Text wie Aleppo aussieht. So gesehen ist es einfach nur logisch, dass die besonders klugen Köpfe einfach mitmachen beim postfaktischen Schreiben und von präzisen Erkenntnissen fabulieren, ohne selbige auszubreiten. So entfaltet sich ein Drama, das keines ist: Putin soll persönlich für Hackerangriffe verantwortlich sein und Obama verspricht Vergeltung. Beides ist kompletter Unsinn. Obama spricht im Interview nicht einmal von Vergeltung, das interpretieren die postfaktischen Journalisten in seine Worte. Auch mit der Wiederholung, dass Obama Putin für verantwortlich hält – "zumindest indirekt" – wird es nicht besser. Die schlichte Tatsache, dass Putin gar nichts anordnen und verantworten muss, sondern es eingespielte Mechanismen gibt, die seit dem Fall Lisa bekannt sind, ist wohl zu schlicht.

*** Ja, da müssen perfide "Internet-Söldner" her, wie sie im Dossier des BND und des Verfassungsschutzes für Angela Merkel als dämonische Hintertreiber genannt werden, die wie Hacker auch noch unsere Rechner nehmen, um sie als Bots zu missbrauchen. Das Geraune von den "Internet-Söldnern" hat Methode, denn anders als die Internet-Soldaten einer regulären Armee können Söldner überall angeworben werden und unterliegen keiner Knebelei wie die Bundeswehr beim Umgang mit den Medien. Gruppen wie APT28, Guccifer 2.0 oder eben Winnti können von allen Seiten angeworben werden, auch von US-amerikanischen Interessenten. Wie beschrieben die Shadow Brokers in dieser Woche ihr Anliegen in gebrochenem Englisch, als sie dementierten, rein kriminell zu sein? "TheShadowBrokers is opportunists. TheShadowBrokers is giving 'responsible parties' opportunity to making things right." Responsible parties, da lacht der einfache Gänsefuß. Beweise hat noch niemand vorgelegt, doch was soll's, der angekündigte Bericht wird es schon richten, mit großer Präzision.

*** Es gibt eine gute Nachricht, ausgesprochen von dem Facebook-Forscher, der aus Likes unser inneres Ich errechnen kann und damit unfreiwillig in den letzten Wochen für bombige Schlagzeilen sorgte: Die Wahl von Trump war nicht manipuliert und so etwas wie die Filterbubble gibt es nicht. Es gibt nur abwesende Nachrichten. Etwa die über die Debatte, was in einer DNA technisch gesucht werden kann und juristisch gesucht werden darf. Ausführlich und sachlich hat sich die Deutsche Spurenkommission mit einer Stellungnahme zu Worte gemeldet, ebenso ausführlich gibt es eine Stellungnahme der Kritiker, doch alles schnurrt mit markigen Worten zur "Flüchtlingsfrage" zusammen. So holt sich die Gesellschaft blaue Augen.

*** In dieser Woche haben die "Größen" des Silicon Valley ihre Aufwartung beim künftigen US-Präsidenten Donald Trump gemacht, eingefädelt vom Trump-Unterstützer Peter Thiel. Dieser sorgte prompt dafür, dass mit Alex Karp von Palantir Technologies die Überwachungstechnik mit dabei ist. Sie sollen die Möglichkeit bekommen, den US-Präsidenten jederzeit per Telefonanruf zu erreichen. Hinzu kommt, dass drei Personen in eine Art "technischen Beirat" (CEO Council) aufgenommen wurden: Ginny Rometty (IBM), Elon Musk (Tesla) und Travis Kalanick (Uber). So zahlt sich zumindest für IBM der offene Brief an Trump aus, in dem an erster Stelle "new collar jobs" gefordert wurden, scheinbar weitab der white collar und blue collar-Grenze. Derweil wird im Silicon Valley Thiels Traum von der gänzlichen Aufhebung des Staates weiter geträumt, während Geisteswissenschaftler auf computer science umgepolt werden. Hauptsache, sie schreiben keine Restaurant-Kritiken, die Trump auf die Palme bringen. In etwas anderer Mission war da Bill Gates unterwegs, der Trump mit seiner "unbelasteten" Vergangenheit als Chance für Innovationen mit John F. Kennedy verglich, der die Eroberung des Weltraums zu seinem Regierungsprogramm machte.

Was wird.

Das Jahr geht zu Ende, nur ein letzter Tatort noch, in dem Computerkram und Algorithmen eine mörderische Rolle spielen und dann ist Frieden angesagt und die Weihnachtsansprache fällig.

Ihr für ein Meer an Frieden und sozialer
Gerechtigkeit brav eintretenden Singleinnen
und Singles in den deutschen Städten
durch die bekanntlich hindurchgeht der Wind
Seid gegrüßt
Von einem dessen Einsamkeit am Heiligen
Abend gradso wie die eure ohne Maßen ist

Wenn die Uneinsamen anderen ihre guten Weihnachtsmärchen auserzählt haben, die Unsinns-Geschenke ausgepackt, die Kinder mit ihren Ausmalbüchern zum Drohnenkrieg beschäftigt und die Afghanen abgeschoben sind, ja, dann können die Streams beginnen. Der Fahrplan des natürlich von den Russen aufgekauften Kongresses des CCC steht seit einem Tag online, der vom gegenmit-Kongress auch. Wenn Edward Snowden redet und der Snowdenbot über die Bühne ruckelt, wird man sich vielleicht die Snowden-Kritik in Erinnerung rufen, die NSA-Mitarbeiter gegen Snowden ins Feld führten. Dass es interne Wege gebe, über die man als Whistleblower auf Missstände aufmerksam machen kann, etwa über den NSA-Inspector. Als Snowden nach Hongkong flog, war dies George Ellard. Nun hat das Bürgerkommitee zur Überwachung des Regierungshandelns (POGO) mitgeteilt, dass Ellard einen Whistleblower übel mitgespielt hat und selber gehen muss. Der betroffene Whistleblower will sich zu POGO-Fragen äußern, wartet aber die Freigabe durch die NSA ab. Wir sehen: die NSA wird uns auch im Jahre 2017 mit spannenden Nachrichten beglücken, der deutsche NSA-Untersuchungsausschuss sowieso. Das hält selbst einen Politik-Aussteiger wie Ströbele im neuen Jahr bei der Stange. (Hal Faber) / (jk)

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