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Was war. Was wird. Vom anonymen Gemurmel - dans l'anonymat du murmure

Seid Ihr es, liebe Vogonen? Seid ihr in gewisse EU-Abgeordnete gefahren und lasst sie Skurriles faseln? Hal Faber graust es, dass Michel sich erbarme.

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Was war. Was wird. Vom anonymen Gemurmel - dans l'anonymat du murmure

Auch eine Art Ordnung der Dinge. "Erst als die Naturgeschichte zur Biologie wurde, die Analyse der Reichtümer zur Ökonomie und vor allem die Reflexion der Sprache zur Philologie, und jener klassische Diskurs erlischt, in dem das Sein und die Repräsentation ihren gemeinsamen Platz fanden, erscheint in der tiefen Bewegung einer solchen archäologischen Veränderung der Mensch mit seiner nicht eindeutigen Position als Objekt für die Wissenschaft und als Subjekt, das erkennt."

(Bild: Lincoln Beddoe, shutterstock.com, Zitat: Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge, siehe auch: Jean Amery, Aufsätze zur Philosophie, Französische Tendenzwende?)

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

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*** "Der Bürger darf Presseartikel privat nutzen und kann die auch entsprechend hochladen. Auch auf Plattformen hochladen. Das heißt, die Plattform ist dann nicht verpflichtet, hierfür eine Lizenz zu erheben, weil es autorisierte Hochladung ist. Wir als Gesetzgeber geben dem Einzelnen die Möglichkeit, diesen Artikel eben zu privaten Zwecken entsprechend auch hochzuladen." Mit diesem Unsinn hat der Europaabgeordnete Axel Voss von der CDU Artikel 11 der Urheberrechtsreform erläutert, die Europa zu einem Schlaraffenland der Bürger als Hochlader machen soll. Da waren die Bürger sehr froh und jubelten, mit Ausnahme der Bürger, die Abgeordnete sind. Einer Parlamentskollegin erklärte Voss so: Du, für dich gildet das nicht, du darfst nur herumlinken. "Den Link dazu kannst du immer machen, nur ob du den ganzen Text dort sozusagen abbilden kannst, ohne dass der Leser nachher auch zur Webseite der Presseverlage geleitet wird, das müsste man in der Form eines Abgeordneten, ist das vielleicht ... als Nichtabgeordneter darfst du das tun. Da ist die private Nutzung dort erlaubt."

*** Will uns Axel Voss mit diesen Worten klarmachen, dass er die von ihm mitgetragene Urheberrechtsreform überhaupt nicht versteht oder ist da etwas ganz anderes gemeint? Erleben wir die Definition der Vossianischen Altussalvie? Wer spricht, wenn Axel Voss spricht? Wen kümmert's noch, wer spricht und wer hochlädt? Ich glaube, dass Axel Voss ein gebildeter Europäer ist, der Becketts Texte um Nichts als Gutenachtgeschichte nutzt und tief vom Wissen darüber durchdrungen ist, dass es keine Autoren mehr gibt. Presseartikel entstehen in einem vielstimmigen Diskurs, da ist es schlicht egal, wer Hal Faber ist und wovon er seine Existenz bestreitet. Europaabgeordnete legen ja auch nicht ihre Einkünfte offen. "Lieb Bürgerlein, lass das Kopieren sein", so etwas ist für Axel Voss einfach nicht mehr zeitgemäß.

*** Auf seine Weise verbeugt sich Axel Voss vor einem Höhepunkt der europäischen Kultur, der in dieser Woche den 50. Jahrestag hatte. Am 22. Februar 1969 hielt der Philosoph Michel Foucault einen Vortrag vor der Französischen Gesellschaft für Philosophie und fragte in die Runde: "Qu'est-ce qu'un auteur?" Was ist ein Autor? Nach landläufiger Meinung demolierte Foucault mit seinem Vortrag die Literatur und den Autor, doch Axel Voss weist uns mit seiner Intervention ebenso listig und lässig wie Lessig darauf hin, dass Foucault vor 50 Jahren das Problem vom großen Urheber benannte.

*** "Als Leeraussage zu wiederholen, dass der Autor verschwunden ist, reicht aber offenbar nicht aus. Ebenso reicht es nicht aus, endlos zu wiederholen, dass Gott und der Mensch tot sind, von einem gemeinsamen Tod ereilt wurden. Was man tun müsste, wäre, den durch das Verschwinden des Autors freigewordenen Raum ausfindig zu machen, der Verteilung der Lücken und Risse nachzugehen und die freien Stellen und Funktionen, die dieses Verschwinden sichtbar macht, auszukundschaften." Das strenge Denken, das Foucault vor 50 Jahren vorschlug, unterteilte die Diskurse in solche, die die Funktion "Autor" haben und andere, die sie nicht haben. Mit starken Folgen für das Urheberrecht, dass sich nach Foucault um 1800 herum entwickelte und nun von Axel Voss kundig demoliert wird.

*** Alle Diskurse entfalten sich in der Anonymität des Gemurmels, erklärte Foucault. Nutzlos sei es, einen Autor nach den Tiefen seiner selbst abzuklopfen, nach seiner Originalität und anderem Gedöns. Dafür wird man andere Fragen stellen müssen. "Welche Existenzbedingungen hat dieser Diskurs? Von woher kommt er? Wie kann er sich verbreiten, wer kann ihn sich aneignen? Wie sind die Stellen für mögliche Stoffe verteilt? Und hinter all diesen Fragen würde man kaum mehr als das gleichgültige Geräusch hören: 'Wen kümmert's wer spricht?'"

*** Wer Foucault kennenlernen möchte, sei an diese Adresse verwiesen, hier geht es mehr im Sinne des großen Urheberrechtsexperten Axel Voss weiter. Denn was wäre diese Woche ohne all das Gerassel und Gefasel zum Framing-Gutachten der ARD, erstellt von einem Berkeley Framing Institute – oder der Kommunikations-Fachhochschule Karl-Theodor zu Guttenberg, da gehen die Frames auseinander. Immerhin verdanken wir dem Gutachten so schöne Begriffe wie "medienkapitalistische Heuschrecken" oder "profitwirtschaftliche Sender". Da sei doch der heilige Axel vor! Was sind das denn für Deutungsrahmen, die die öffentlich-betulichen Rechtlichen da in ihren Wortschatz integrieren sollen? Ist das schon Neusprech oder nur ein kleines bisschen Sprachmanipulation?

*** Ist es gerechtfertigt, Axel Voss als Vollvossten zu bezeichnen, wie es auf einer Demonstration wählender Bots in Köln geschehen ist? Oder muss man ihn als vogonische Inkarnation begreifen (für die Jüngeren unter uns: Die Vogonen "sind eine der unausstehlichsten Rassen im ganzen Universum - mies gelaunt, bürokratisch, aufdringlich und gefühllos")? Was machen die jungen Bürger da? Bekanntlich geht es bei der EU-Reform nicht nur um Artikel 11 und das Urheberrecht, sondern auch um Artikel 13 und die Upload-Filterei. Bürger mögen Presseartikel hochladen, aber bei Youtube-Videos hört der Spaß auf, für Vossens CDU wie für Schrödingers SPD. Wer die jungen Menschen gleich als Bots abkanzelt, hat schon mal ganz schlechte Karten, von diesen gewählt zu werden. Und komisch, in all den bewegenden Artikeln zum Tod von Rockpalast-Gründer Peter Rüchel finden sich Erinnerungen älterer Semester zu den Line-Ups in der Grugahalle, mitgeschnitten und dann nach eigenem Gusto re-kombiniert, natürlich auch auf Youtube zu finden. Ja, hätte es damals Youtube gegeben, wären die Konzerte nicht nötig gewesen. Jetzt rollen die Naturtränen über die Backe, auch bei der Kölnerin Katharina Barley, die sicherlich den Rockpalast aus ihrem Leben filtern wird.

Die Upload-Filterei soll bekanntlich unheimlich wertvolle Originale vor illegaler Vermoppelung im großen Gemurmel schützen, aber dennoch Parodien im Rahmen der künstlerischen Freiheit zulassen. Das ist nett gemeint, erzeugt aber als unverbindliche Versicherung großes Kopfkratzen. Wie soll das gehen? Wer das Märchen von der künstlerischen Entfaltung glaubt, glaubt sicher auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten, hahaha. Ist das zu platt, die olle Kamelle? Aber nicht doch: Da behauptete ein Bot oder ein Mitarbeiter der "Gesellschaft für Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte" (GEMA) in dieser Woche via Twitter: "Künstliche Intelligenz kann heute Gesichter erkennen, Vorlieben herausfiltern und sogar selbstständig einparken. Da sollte es ein leichtes sein, zwischen Original und Parodie zu unterscheiden." Abgesehen vom Einparken, das eine Frage der Sensor-Steuerung und nicht der Künstlichen Intelligenz ist, sind die Behauptungen samt und sonders Zukunftsmusik, geschickt geträllert.

Wer Zeit und Lust hat, studiere in einer gut sortierten Universitätsbibliothek (noch so eine Zukunftsvision) die aktuelle Ausgabe der Kriminalistik und lese den Bericht über "Personenidentifizierung mittels Mensch und Maschine". Der Artikel ist zwar ausdrücklich auf Bayern beschränkt, umfasst aber auch die intelligente Gesichtserkennung wie die ganz normale zentrale biometrische Gesichtserkennung durch Cognitec-Software beim Bundeskriminalamt, auf die sämtliche dort angeschlossenen Landeskriminalämter via Schnittstelle zugreifen können. Die Computersysteme schneiden nicht besonders gut ab, was vor allem an der mangelnden Bildqualität und der Ausleuchtung der Gesichter liegt. Jedenfalls werden die Systeme im Vergleich zu Personen mit hohem Gesichtserkennungs-Potenzial gesetzt, die zu Super-Recognizern ausgebildet wurden. Ich würde diesen Artikel ganz im Geiste des großen Axel Voss zu einer platten Form hinüber schaufeln, aber halt, es ist ja kein Presseartikel, sondern harte, proprietäre Polizeiwissenschaft. So muss es bei einem vom Zitatrecht abgedeckten Informationsbröckchen bleiben, wenn als Fazit zu lesen ist: "Insbesondere im Zusammenspiel mit der automatischen Gesichtserkennung, deren technische Entwicklung rasant fortschreitet, können Super-Recognizer ein hilfreiches Fahndungsmittel im polizeilichen Alltag darstellen."

EAT News, ebenfalls 1968

Bleibt die Frage mit der Parodie, nicht nur auf Twitter. Fakten, Fakten, Fakten? Wenn selbst die hartgesottenen Rechercheure des Focus bei dem total idiotischen Blasebalgleaks nicht die Parodie erkannten, dürfte die Künstliche Intelligenz auch nicht weiterhelfen. Wer mit Fleischhauern heult, den bestraft halt das Leben. (jk)