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Was war. Was wird. Vom richtigen Leben im falschen.

Fake-News haben ein langes Leben, muss Hal Faber leider feststellen. Dafür darf man dann auch die Wunder der IT bewundern, selbst in der Klinik.

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Ich wollt', ich wär ein ... lalala, nee, kein Huhn. So ein Chamäleon hats gut, es passt seine Existenz der Realität an. Nun gut, es sind nur die Farben, die sich der Umgebung anpassen, aber immerhin: So lebt es nie im falschen.

(Bild: Pantherchamäleon (furcifer pardalis), Fotograf: Manuel 82 / Shutterstock.com)

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Es ist passiert. Es ist wirklich passiert. Ich habe einen Fake-Kommentar gepostet und damit weiter verbreitet.

Die verflixte Passage aus dem Kursbuch.

Und daran geglaubt, dass es ein netter Sidekick wäre, zu allem dem Getue um den 9. November und dem Mauerfall. Was passiert ist, kann man aus dem Screenshot hier oben erkennen. Das ist die Passage eines Textes, den ich in der letzten Wochenschau zu Ehren von Hans Magnus Enzensberger vor seinem 90. Geburtstag zitiert habe. Danach sei das Jahrhundertereignis, die Wiedervereinigung Deutschlands, im Kursbuch 14 mit der "Kritik der Zukunft" tatsächlich korrekt vorhergesagt worden. Autor war der Politik- und Medienwissenschaftler Ithiel de Sola Pool, der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den 60er Jahren angefangen hatte, die dort installierten Computer für spieltheoretische Aussagen zu nutzen. Sein erster Wurf war ein Text mit dem hübschen Titel "Der Kaiser, der Zar und der Computer". Letztgenannter berechnete unter 17.000 möglichen Schritten, wie sich Kaiser Wilhelm II und Zar Nikolaus II hätten verhalten können, um den ersten Weltkrieg zu vermeiden. Beide machten katastrophale Fehler, so die Analyse des Computerprogrammes.

*** In der Folge berechnete de Sola Pool weitere politische Entscheidungen, wagte sich aber auch an die Auslegung möglicher Zukünfte, was man damals auf Vorschlag von Ossip Flechtheim Futurologie nannte. Es ging um nichts Geringeres als die Befreiung der Zukunft. Aus einer Berechnung entwickelte der ehemalige Trotzkist de Sola Pool eine Gesamtschau der Entwicklung des internationalen Machtsystems bis zum Jahr 2015. Damit kommen wir zur Hohen Schule der Manipulation, wie sie Enzensberger in seinem "Baukasten zu einer Theorie der Medien" rühmte (auch das steht in der Wochenschau). Denn die Übersetzung, die das Kursbuch da abdruckte, war eindeutig falsch. Was die damalige Praktikantin Ingrid Heckl, heute eher bekannt als Kursbuch-Herausgeberin Ingrid Karsunke, übersetzte, läuft vollkommen in die Irre. Ithiel de Sola Pool prognostizierte gar keine Wiedervereinigung, sondern einen Stopp der deutsch-deutschen Vereinigungsversuche durch die USA und Deutschlands Nachbarstaaten, gefolgt vom Austarieren neuer Machtblöcke. Seine Vorhersage liest sich im Original so: "During these events, the Soviet hold over Eastern Europe will be completely broken. An unconsummated attempt at East German-West German unification will occur. This will stop the revolution in the Soviet Union from going full course. In the last analysis, German unification will be aborted by diplomatic pressure from Western Europe and the United States. This will create a kind of US-Polish-Hungarian alliance with guarantees against Germany and, implictly, against the Soviet Union." Am Ende prognostizierte er die Auflösung der NATO und ein enges Bündnis der USA mit Frankreich, das die Teilung von Deutschland weiterhin überwacht, nur ohne diesen Kommunismus in Ostdeutschland. So sah "die Zukunft der Konterrevolution aus", wie im Kursbuch das Dossier der Futurologen überschrieben war.

*** Die Berechnung von 1965 wackelte schon im Jahre 1967, als der Aufsatz von Ithiel de Sola Pool erschien, wie er im Vorwort schrieb. Vor allem China entwickelte sich rasanter als im Computermodell berechnet und das, obwohl Mao Tse-Tung noch lebte. Trotz dieser Abweichung gelangen dem Wissenschaftler einige bemerkenswerte Zukunftsprognosen. Im Jahre 1983 beschäftigte sich de Sela Pool angesichts der TCP/IP-Umstellung des Arpanets mit den "Technologies Ob Freedom" im Zeitalter der elektronischen Vernetzung. Seine Prognose war, dass im Zeitalter der elektronischen Medien das Copyright verschwindet: "The recognition of copyright and the paying of royalties emerged with the printing press. With the arrival of electronic reproduction, these practices became unworkable. Electronic publishing is analogous not so much to the print shop of the eighteenth century as to word-of-mouth communication, to which copy­right was never applied.” Damit schalten wir in die Gegenwart direkt um, denn schließlich haben wir eine Kultur-Staatsministerin, die in dieser Woche in einer Rede mahnte, das Leistungsschutzrecht der Verleger zügig umzusetzen. Es geht um Geld für die Verleger und ihre Verwertungsgesellschaft, aber die Kulturexpertin verwechselt das, spricht von einer "gemeinsamen Verwertungsgesellschaft" von Autoren und Verlegern. Dann schwingt sie sich zu der kühnen These auf, dass dieses Geld der journalistischen Qualität zugutekomme, womit die Demokratie gerettet werde.

*** Schnief, Schnüffel, schnaff. Erkältung im Herbst? Aber nicht doch! Zu den beglückendsten Momenten in dieser Woche zählte die feierliche Eröffnung des ZNAF, des Zentrum für Nachrichtendienstliche Aus- und Fortbildung in Berlin. Ob Bundesnachrichtendienst, Verfassungsschutz oder Militärischer Abschirmdienst, hier werden künftig die besten Schnüffler des Landes in trautem Beisammensein ausgebildet – 110 Dienstunterkünfte sind gleich nebenan. "Die Studierenden und Auszubildenden lernen, wie sie Informationen zu aktuellen außen- und sicherheitspolitischen Fragestellungen sowie extremistischen Bestrebungen beschaffen und analysieren können. Hierzu gehört auch, wie man Quellen führt, Zielpersonen observiert und dabei selbst unentdeckt bleibt. Auch die rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen nachrichtendienstlicher Arbeit sind ein wichtiges Thema." Wer da fehlt beim Erlernen des nachrichtendienstlichen Handwerks "von A bis Z" ist das B wie das Bundeskriminalamt oder das B wie Bundesinnenministerium, die beide im Fall von Anis Amri nichts von der richtigen Quellenführung gehalten haben, sondern im Februar 2016 die Anweisung erteilt haben sollen die Quelle VP-01 "kaputt zu schreiben" und abzuschalten. Bis dahin berichtete die Quelle VP-01 ausführlich über den späteren Attentäter. Ein Fall, wie er wohl in einem schicken neuen Hörsaal des ZNAF erzählt wird – als Schauermärchen für angehende Dipl-Znfas. Auch schick ist der neue Masterstudiengang "Intelligence and Security Studies", früher simpel Abhören genannt. "So wirkt das ZNAF als Motor für die Herausbildung einer deutschen Intelligence Community und einer gemeinsamen nachrichtendienstlichen Kultur in Deutschland." Hoppla, da ist sie wieder, diese Kultur.

*** Zu den Wundern, die nur ITler wirklich verstehen und würdigen können, gehört die Verwandlung von Geräten durch ein zauberhaftes Upgrade. Im Vorfeld der Medica hat die Gematik auf diese Weise die erste Verwandlung eines normalen Konnektors in einen hochsicheren eHealth-Konnektor zugelassen. Nur solche Geräte dürfen einen Notfalldatensatz oder einen Medikationsplan auf die Gesundheitskarte schreiben. Ein weiteres Wunder ist leider ausgeblieben: Im Zuge der Dauerdiskussion über die richtige Installation des Konnektors in Arztpraxen wollte ein Rechercheverbund demonstrieren, wie leicht eine Arztpraxis gehackt werden kann. Das gelang mit einem eigens präparierten Rechner, dazu wurde ein Telefoninterview mit einem Arzt nachgesprochen, der sich eine nicht näher bezeichnete Malware eingefangen hatte. Richtige Aufklärung sieht anders aus, vor allem bei der haftungsrechtlichen Seite. Ohne solche Aufklärung geraten die Ärzte in Stress und dann muss Software her, um die Gestressten ins Lot zu bringen. Die Rede ist von Ambient Clinical Intelligence, "die das Behandlungszimmer der Zukunft unterstützt, in dem sich die klinische Dokumentation von selbst schreibt."

Von der ersten Gerburtstagsparty der ARPANETler. Vint Cerf, der gerade nach Stanford gegangen war, koppelte das dort entwickelte Programm Parry (das einen Schizophrenen simuliert) mit ELIZA von Joe Weizenbaum (damals noch richtigerweise DOCTOR genannt). Der im RFC wiedergegebene Dialog brauchte 8 Stunden.

(Bild: RFC 439 )

Künstliche Intelligenz ist das Stichwort für den Blick in die nahe liegende Zukunft, aber ohne Futurologie. Gerade hat der Bundesverband Bitkom eine ziemlich harsche Kritik der KI-Strategie der Bundesregierung vorgetragen, da bietet es sich an, auf die kritischen Informatiker des FIfF zu verweisen, die am nächsten Wochenende in Bremen ihre FIfFkon 2019 unter dem Titel "Künstliche Intelligenz als Wunderland" abhalten. Bei freiem Eintritt geht es in der öffentlichen Veranstaltung um die Frage, ob künstliche Intelligenz unser aller Leben bereichert oder uns mit ihren Handlungsempfehlungen bevormundet. Was passiert etwa, wenn die klinische Dokumentation sich nicht nur von selbst schreibt, sondern einfach zu schreiben aufhört, weil ein Expertensystem im Hintergrund längst die Diagnose einer tödlichen Krankheit gefunden hat? Was ist los, wenn künstliche Intelligenz bei der Entwicklung von Malware eingesetzt wird, wovor das Bundeskriminalamt gerade gewarnt hat? Und was hat es eigentlich zu bedeuten, wenn ein "KI-Bundesverband" Informatik als Pflichtfach an den Schulen fordert, damit die künstliche Intelligenz endlich, endlich ernst genommen wird? G^tt ist groß, der Mensch ist klein, dazwischen wird wohl der Computer sein. (jk)