Menü
4W

Was war. Was wird. Von Amtswechseln und schöpferischen Zerstörungen.

Man kann schon mehr als moralische Panik bekommen, bedauert Hal Faber die US-Amerikaner. Jammern aber hilft nicht. So mancher traditionell amerikanische Amerkianer kann unsere Unterstützung nun gut gebrauchen. Und vice versa.

New York, Manhatten

Ach, Amerika.

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

Anzeige

Das große Buch vom Widerstand

*** Ripped, rusted and trapped: Das wütende Amerika ist da, Präsident Trump verbreitet Angst und Schrecken. In seiner Antrittsrede präsentierte er ein engherziges Amerika am Rande einer "moral panic". Er sprach noch beim Gala-Essen nach der zivilreligiösen Vereidigung von einem "casting", als wäre das Regieren eine einzige Show, mit einem Showdown am Ende der Sendung. Aus dem President-Elect ist der "Art of the Deal"-President geworden, der in den Büros des Weißen Hauses seine Deals durchziehen wird, wie das "im Internet" bereits geschehen ist. "Climate change" ist ein Begriff geworden, der ins Leere führt, weil die entsprechende Informationsseite der Regierung Obama schnurstracks in die Archive verschoben wurde. Mit globaler Verantwortung will Präsident Trump nichts zu tun haben, das macht ein Amerika nicht groß, in dem es nur noch zwei Regeln gibt: Buy American and Hire American. Die Wirtschaft bewundert die schöpferische Zerstörung, die der Kapitalismus so mit sich bringt.

*** Während Trump redete, besuchte Angela Merkel zusammen mit Bill Gates das Museum von SAP-Gründer Hasso Plattner, eine schöne Geste. Später spielte der unverwüstliche John Fogerty Songs von Creedence Clearwater Revival, begleitet von Plattner-Riffs, ein echter "Swamp" mit der trotzigen Ansage: Amerika ist anders. Sehr künstlerisch übrigens auch die Entscheidung von SAP, dieses Internet der Dinge nach dem Leonardo aus Vinci zu benennen.

*** Ja, die deutsche Stimmung ist jetzt ganz anders als damals bei Obamas Amtsantritt, während sie – das sollte man nicht vergessen – schon zu Beginn der zweiten Präsidentschaft Obamas bereits erheblich abgekühlt war. Man erinnere sich bloß an das erste Gesetz der zweiten Periode anno 2013, die von Obama verkündete Gummi-Lizenz zum Töten mit Drohnen. Ohne mit der Wimper zu zucken, begehe ich jetzt einfach mal Wortbruch und breche mir ein Stückchen raus aus meiner Kolumne zu Obamas Amtsantritt. Ich schrieb 2009: "Was kann mit der Amtsübernahme besser gefeiert werden als die Revolution im Journalismus, die heute vor 48 Jahren zur ersten modernen Presse-Konferenz mit frei gestellten Fragen führte. Ehe John F. Kennedy dieses Wagnis einging, mussten alle Fragen vorab schriftlich gestellt werden, wie dies heute noch bei einigen Firmen in der IT-Branche gepflegt wird. Kennedy schaffte das höfische Zeremoniell ab – allerdings sprach er die Fragen später mit befreundeten Reportern ab und ließ sich mit witzigen Antworten von professionellen Gagschreibern beliefern."

*** Bekanntlich hält Donald Trump nicht viel von Pressekonferenzen und twittert lieber, weil er weiß, dass die Presse seine Tweets ohnehin beachten und kommentieren muss. Außerdem gibt es keine störenden Nachfragen. Aus diesem Grunde ist diese Erklärung der US-Journalisten, die im White House akkreditiert sind, eine Sternstunde unserer Zunft. Leider hat sie nicht den größten Stellenwert: Man erinnere sich an die letzte Pressekonferenz von Trump vor seiner Vereidigung, als ein CNN-Journalist übergangen wurde. Die eiserne Journalisten-Regel, dass die Frage eines übergangenen Journalisten vom nächsten Fragesteller wiederholt werden muss, wurde da prompt gebrochen.

*** Doch was soll das Jammern über die USA, wenn es Deutschland gibt, mit einem Journalismus im noch jammerhafteren Zustand? Wo es Kollegen gibt, die nicht einmal wissen, wie Urteilsbegründungen vor Gericht eingeleitet werden und schnellstmöglich twittern, dass die NPD verboten ist. Wo andere Kollegen eine Reporterfabrik gründen und damit web-basiertes Training für angehende Blogger meinen. Passend dazu eröffnet dann auch noch der Geschäftspartner Facebook ein digitales Lernzentrum, aus dem dann all die fabrizierten Reporter stolpern. Zur weiteren Rolle der Fabrikbesitzer kann man diesen Kommentar oder diesen Hintergrundbericht lesen.

*** Die NPD ist nicht verboten, die AfD auch nicht. Das kleinste gemeinsam Vielfache, die europäische ENF-Fraktion, zeigt unterdessen, was sie von Journalisten hält: gar nichts. "Go away!, Go away!" skandierten die Trump-Anhänger zur Einführung des Präsidenten in den USA, "Ausmisten! Ausmisten!" skandierten die Zuhörer von Björn Höcke, als dieser über das "Denkmal der Schande" sprach und davon, dass die Bundesregierung zu einem Regime mutiert sei. Die bösartigen Assoziationsketten von Höcke erinnern an das Denkmal der Schande, einen Artikel, den der Journalist Giselher Wirsing 1967 unter dem Pseudonym Albrecht Lauffer schrieb. Besagtes Denkmal war Das Haus der Wannsee-Konferenz, wo vor 75 Jahren die "Endlösung der Judenfrage" besprochen wurde. Über Pläne, hier eine Gedenkstätte einzurichten, regte sich das braune Deutschland auf. "Rachedenkmal statt Kinderheim", schrieb die Deutsche Wochen-Zeitung, und die Deutsche National- und Soldatenzeitung jammerte über das 1967 als Kinderheim genutzte Gebäude: "Sollen Berliner Kinder für NS-Verbrecher büßen?". Auf diesen inneren Faschismus bezog sich der Geschichtslehrer Björn Höcke, nicht auf den vergreisten Rudolf Augstein von 1998. Wenn junge Journalisten solche Zusammenhänge nicht mehr kennen und sich auf Google-Ergebnisse verlassen müssen, hat einer wie Höcke leichtes Spiel.

Was wird.

Chelsea Manning wird am 17. Mai 2017 entlassen, nachdem US-Präsident Obama das harte Urteil gegen die Whistleblowerin zwar akzeptierte, aber das Strafmaß reduzierte. Zu wünschen ist, dass die Ex-Soldatin ihren Frieden finden kann, unbeirrt von dem Getue, das jetzt um Julian Assange inszeniert wird. Ob er in die USA gehen kann, liegt nicht in seinen Händen, da sowohl Großbritannien (Bruch der Bewährungsauflagen) wie Schweden (Vergewaltigung im minderschweren Fall) sich bisher nicht äußerten. Noch absurder wird es im Fall Snowden, wo ebenfalls ein Pardon gefordert wird, ganz ohne Anklage und Verurteilung. Nur zur Erinnerung: Michael Flynn, der Chefaufklärer der "Snowden-Leaks" bei der Defense Intelligence Agency, ist jetzt der Nationale Sicherheitsberater von Präsident Trump. Von Flynn stammt die Zahl von 1,7 Millionen DIA-Dokumenten, die Snowden "berührt" haben soll. Über 900.000 Dokumente aus dem Verteidigungsbereich soll Snowden dabei kopiert haben, so die letzten Zahlen von Cryptomes Tally. Seit wenigen Tagen ist ein Buch von Edward Epstein im Handel, das Edward Snowden in jeder Hinsicht demontieren will. Für Epstein ist Snowden entweder ein großer Angeber – oder aber ein Meisterspion, bei dem der Aspekt des Whistleblowing die eigentliche Tat, die Spionage im großen Stil für Russland, mit Hilfe allerlei Legenden geschickt übertüncht wird. Beweisen kann er nichts, denn genau wie der Rest der Welt hat auch Epstein keine festen Angaben, wieviele Dokumente Snowden wirklich in seinen Besitz gebracht hat. Geht es im aktuellen Tempo weiter, werden wir in 42 Jahren mehr wissen.

In dieser Woche ist die offizielle Chronologie des Behördenhandelns um die Person Anis Amri veröffentlicht worden. Niemand hat ja jemanden irgendetwas vorzuwerfen bei dieser organisierten Unverantortlichkeit. Deshalb richtet sich der Unmut auf das gemeinsame Terror-Abwehrzentum in Berlin, wo die Gefährder an die Wand projiziert werden und jeder seinen Senf abgibt. Solchermaßen abgewatscht, wollen die Terrorspezialisten in die Offensive gehen und eine Software namens Radar vorstellen, die erste für das "Predictive Terroristfinding" auf der Basis von Dyrias. Die Software basiert auf den eingespeicherten Vorgehensweisen von 30 Attentätern, 30 Gefährden und 30 Unterstützern. Bei der Eingabe der Daten von Anis Amri in eine frühe Beta-Version ordnete sie den Breitscheidplatz-Attentäter als "hochgefährlich" ein: Deutschland wird im Juli 2017 wieder sicher sein. Dann soll die Wunder-Software fertig sein, mit allen bekannten Gefährder-Daten gefüttert. Wo sind sie? Wohin gehen sie? Mit wem chatten sie im Internet? Das sind die drei zentralen WWW.

Amerika hat so einiges verloren

Wir hören uns derweil The Life of Pablo an. Nicht weil Kanye West so ein großer Spinner ist. Oder weil er sich in seiner Egomanie mit Trump vergleichen kann. Nein, einfach, weil es geniale Musik ist von einem Amerikaner, der wohl traditionell amerikanischer ist als Trump je sein wird. Was Trump in seinem Rassismus niemals begreifen wird. (Hal Faber) / (jk)

Anzeige