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Was war. Was wird. Von Babelfischen, Bayern und Briten

Zum Verbot der Gesichtserkennung schweigt der Modelleisenbahner wie die Glocken ohne Klöppel vom Big Ben zum Brexit. Herrlich, Hal Faber genießt diese Ruhe.

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(Bild: Shutterstock/Romolo Tavani)

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Als Chronist des technischen Fortschrittes hat man es manchmal nicht leicht. Wir befinden uns im Jahr 2020, in dem wegen dieses Neulands über das "Recht auf Vergessen" philosophiert wird oder der Schwachsinn von der Klarnamenspflicht eine Neuauflage erfährt. Es erinnert an die 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts, als Juristen gegen eine Compuserve-Adresse wie 7707,333 klagten, weil sie darin eine arglistige Namenstäuschung sahen und nicht das Mailsystem der PDP-10-Architektur kannten, mit dem Compuserve groß wurde. Nun fordert ein Artikel in der Zeitschrift für kluge Köpfe unter dem Mantel der Netzkultur und des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes eine gesetzlich geregelte Kultur der Pseudonymität als Haftbarkeit, die dem Netz noch fehlen würde: "Sie bedeutet, dass jemand für andere Nutzer nicht erkennbar an entscheidender Stelle mit seinem Klarnamen auftritt. Bei der Plattform oder bei einer neutralen, dritten Stelle muss er unter diesem registriert sein. So ließen sich Rechtsbrecher im Netz leichter haftbar machen. Verzichten Plattformen auf den Mechanismus, treten sie selbst in Haftung." Am besten wäre dieser Namendienst auf Vorrat bei der Bundesnetzagentur angesiedelt, womöglich noch mit dem biometrisch geprüften Bild, das jetzt doch wieder von Fotografen geknippst werden soll, die es halt auf sicheren Wegen in die Meldebehörden transportieren müssen, damit die bösen Morpher keine Chance haben. Die totgeglaubte De-Mail zuckt.

Der Babel Fish – ins Ohr eingesetzt, ermöglicht er dem Träger das Verständnis aller gesprochenen Sprachen. Der Symbiont ernährt sich von externen Gehirnwellen.

*** Manchmal ist die Begleitung des technischen Fortschritts eine schöne Sache. Ich erinnere mich jedenfalls gerne an die wunderbare Poesie dieses Satzes: "Im Verlauf des Flirtings mit ihm, hob sie ihre Jacke in der Rückseite an und zeigte ihm die Brücken ihrer Zapfenunterwäsche, die über ihr Hosen ausdehnten." Ja, das ist die entscheidende Stelle aus dem einstmals vom Internet sehnlichst erwarteten Lewinsky-Report des US-amerikanischen Chefanklägers Kenneth Starr aus dem Jahre 1998, wie sie vom legendären Babel Fish übersetzt wurde. Mit dieser Qualitäts-Übersetzung des Geschehens im Weißen Haus erwies sich Babel Fish als ein würdiges Programm, an den großartigen Douglas Adams zu erinnern. Nun hat die einstmals flirtende Praktikantin Monika Lewinsky einen Kommentar getwittert, weil besagter Kenneth Starr nun zum Anwaltsteam von Donald Trump gehört. Was das heutige Babel-Fischchen ganz nüchtern übersetzt: 'Das ist definitiv ein "Willst du mich veräppeln?' - Tag". Ja, solche Tage gibt es, zumal mit Alan Dershowitz auch der Verteidiger von Jeffrey Epstein ins Team geholt wurde. Es gibt sie also definitiv, diese Veräppel-Tage.

*** Ob es einen Gott gibt, der Trump hasst, weiß ich nicht. Ich komme gut ohne die Verehrung höherer Wesen aus und kann mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die Trump hassen. Mit solchen Plakaten sind kurz nach der Wahl Frauen demonstrieren gegangen. Dabei wurden sie fotografiert. Ausgerechnet für eine Ausstellung über das Frauenwahlrecht und die Frauenbewegung in den USA hat das Nationalarchiv der USA die Fotos retuschiert und den Namen von Trump unkenntlich gemacht. Auch wurden potenziell anstößige Begriffe wie Vagina auf den Plakaten übermauselt. Mindestens ein Hinweis auf die Bearbeitungen hätte man anbringen können, aber das hätte angeblich der guten Sache, eben der Geschichte der Frauenbewegung geschadet. Das böse Wort Zensur wird bestritten. Man solle bitte von politischer Neutralität sprechen.

*** Ich habe in dieser Woche ein neues Wort kennengelernt. Aitschnik ist russisch und bezeichnet Systemadministratoren, ITler und ganz allgemein die Menschen, die sich von der IT und dem eGovernment große Verbesserungen versprechen. Der neue russische Premierminister Michail Mischustin ist solch ein Aitschnik. Er ist der Erfinder der INN, der einheitlichen, lebenslangen Steueridentifikationsnummer. Er ist der Mann hinter der App, mit der in Russland die Steuererklärung von Selbstständigen mit wenigen Klicks abgewickelt werden kann, was dazu führte, dass sich die Steuereinnahmen auf rund 300 Milliarden für 2019 verdoppelten. Dieser Zuwachs wurde geschafft, obwohl die Zahl der problematischen Steuerprüfungen deutlich zurückgingen. "Wir als Beamten müssen unsichtbar werden, das war immer mein Ziel", soll er als frischgebackener Premierminister gesagt haben. Der Aitschnik als unsichtbarer Technokrat, der Sysadmin als neue Klasse Russlands, das alles muss natürlich mit der Absicht von Wladimir Putin zusammen gedacht werden, eine neue russische Verfassung zu installieren. Darüber ist an anderer Stelle geschrieben worden. Jetzt fehlt nur noch der Hinweis auf die Versuche Putins, Polen die Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieg in die Schuhe zu schieben und den Hitler-Stalin-Pakt vergessen zu machen. Das Ganze natürlich vor Beginn der Feierlichkeiten zur Befreiung von Auschwitz am 27. Januar.

*** Ach, Europa, du hast nicht nur Polen, sondern auch eine EU-Kommission, die sich mit AI befasst, mit den Problemen der künstlichen Intelligenz. Während sich in Deutschland der unvermeidliche TÜV um die Sicherheit von KI-Anwendungen kümmern soll, denkt man auf europäischer Ebene etwas weiter und überlegt, ob ein zeitlich limitiertes Verbot der KI-Anwendung "Gesichtserkennung" helfen kann, jedenfalls bis Klarheit vorliegt, ob diese Technik nicht schädlich für eine Gesellschaft ist. Das ist natürlich nichts für einen Innenminister, der zur Krönung seines Überwachungs-Gesamtkunstwerkes die Gesichtserkennung auf 135 Bahnhöfen und 14 Flughäfen einsetzen will, ehe er als nicht mehr so junger und frischer Politiker vorzeitig aufs Altenteil geht, hartnäckig dazu so lange von Journalisten befragt, bis dem Modelleisenbahner der Modelleisenbahnerkragen platzt: "Das war jetzt der letzte Versuch, nun schweige ich."

*** Das mit dem "jung und frisch" stammt übrigens vom bayerischen Ministerpräsidenten Söder, der zur Burda-Konferenz Digital Life Design 2020 mit dieser Aussage startet: "Ich bin der festen Überzeugung, dass die Künstliche Intelligenz wie jeder technische Fortschritt in der Geschichte am Ende das Leben besser, sicherer und interessanter machen wird. Die KI wird im Rückblick vergleichbar sein mit der Erfindung der Dampfmaschine, sie wird eine Tür aufstoßen zu völlig neuen Dimensionen von Wissen und erleichtertem Leben." Besser, sicherer und interessanter, in dieser Reihenfolge. Ja, wir leben in interessanten Zeiten, in denen für die KI Leuchttürme gebaut werden, in denen massenhaft Professoren sitzen und forschen. Bayern wird nach den Vorstellungen von Söder übrigens zum "führenden" KI-Distrikt Deutschlands, einfach deswegen, weil Bayern und Kalifornien vergleichbar sind, wegen dieser Work-Life-Balance, wissens.

Wie die Bayern so sind auch die Briten ein ganz eigener Menschenschlag. Vor allem haben sie klare Vorstellungen, was british ist, von den Lippen über den Tee bis zu Big Ben. Zum anstehenden Austritt aus der EU, formerly known as Brexit, sollten eigentlich um Mitternacht die Glocken von Big Ben läuten. Wenigstens das ist gewiss, dass sie nicht läuten werden (können), weil die Klöppel gerade restauriert werden. Dies mal abgesehen von der Frage, wann sie zum Läuten ansetzen: Wenn es in Brüssel Mitternacht ist, sitzt der Brite noch in seinem Pub und überlegt, wieviele Pints zum Last Order gehören. Die Szene, die sich dann abspielen wird, hat Fintan O'Toole so beschrieben: "Thus the great moment of departure on 31 January will be like the last lines in Samuel Beckett’s Waiting for Godot, in which Vladimir asks: “Well, shall we go?” and Estragon answers: “Yes, let’s go.” The stage direction is: “They do not move.” Nothing will really move. The entry into a period of transition of unknown duration and the beginning of trade talks likely to be marked by tedium, indecision and a slow climbdown from grandiose promises really doesn’t ring any bells."

Immerhin kann man dazu singen, wie es die englischen Fußballfans vormachen. Weil gut Ding ohne KI seine Weile haben will, bleibt uns noch ein bisschen Zeit, die Strophen zu lernen, die zur Last Night of the EU-Comms gehören. Sie sind auf Deutsch laut Wikipedia ganz schön rummsig und splatterig.

"Das ist definitiv ein 'Willst du mich veräppeln?'-Tag" – hoffentlich sind das keine retuschierten Babelfische.

Noch majestätischer sollst du aufsteigen, noch schrecklicher durch jeden fremden Schlag; weil das laute Krachen, das die Himmel zerreißt, nur dazu führt, deine eingeborene Eiche zu verwurzeln. (bme)