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Was war. Was wird. Von Cybersicherheitspullovern und anderen Zumutungen.

Technik ist Fortschritt? Ja, doch, man muss sich Marx als begeisterten Smartphone-Nutzer vorstellen, meint Hal Faber. Da ist aber viel Neuland ...

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Fortschritt, Treppe

Wege ins Neuland? Bei aller Begeisterung ist es halt mit dem Fortschritt machmal doch so eine Sache.

(Bild: Rudy and Peter Skitterians, gemeinfrei)

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Hach, da werden's die bösen Cyberkriminellen und -krieger aber schwer haben.

(Bild: Stiftung neue Verantwortung )

*** Willkommen im Jahr 1474! Gerade ist der Buchdruck erfunden. Martin Luther ist noch nicht geboren, all die Flugblätter pro und contra Reformation sind noch nicht geschrieben und an die Medienrevolution dachte sowieso niemand. Noch ein Vorteil: 1474 ist vollkommen frei von der idiotischen Debatte um einen Menschen namens Mesut Özil. 1474 wurde Technik als Fortschritt begriffen, der freilich geschützt werden muss, wie es in Venedig passierte: "Unter uns leben große und geniale Männer, die fähig sind, sinnreiche Vorrichtungen zu erfinden und zu entdecken; und mehr solcher Männer kommen in Anbetracht der Größe und Kraft unserer Stadt täglich von überall her zu uns. Wenn nun Vorsorge getroffen würde, dass andere, die die von diesen Männern entdeckten Vorrichtungen und Werke sehen, sie nicht bauen können und dem Erfinder seine Ehre nehmen, dann würden mehr Männer ihre Talente anwenden, würden entdecken und Vorrichtungen bauen, die sehr nützlich und vorteilhaft für unser Gemeinwesen sind.

*** Nützliche Vorrichtungen umgeben uns auch heute. Ungefähr so wie den gerade erst etablierten Buchdruck als brandneue Informationstechnologie müssen wir im Jahre 2018 das Internet begreifen, als eine neue Technik, deren Auswirkungen wir noch gar nicht verstehen können. Neuland, soweit das Auge reicht. Unbekannte Gefahren lauern in den Gemeinschaften, die sich ausbilden, aber auch ungeahnte Möglichkeiten kommen mit ihnen. Das jedenfalls meint der Journalismus-Professor Jeff Jarvis, der die Journalisten der Zukunft ausbildet. Er hat darüber das Buch Geeks Bearing Gifts geschrieben, was auf Deutsch unter dem lahmen Titel "Ausgedruckt – Journalismus im 21. Jahrhundert" als Buch das Ende der Gutenberg-Ära verkündet. Irgendwo wird Ted Nelson das Rumpelstilzchen machen, weil sein Buch früher da war, genau wie sein Hypertext früher da war und alles besser erklärte. Aber was solls, in allem Anfang wohnt ein Zauber inne, der kann auch mal faul sein, mitten in heißen Sommernächten. Jeff Jarvis, Autor von "1474", empfiehlt seinen Journalismus-Studenten denn auch schonmal eine Wetter-App als Recherche-Werkzeug.

*** Denn obwohl wir in der Sicht von Jeff Jarvis ganz am Anfang stehen, ist schon viel passiert, gerade in diesen Tagen, wo es in allen Ecken und Enden gecybert und wo gegengecybert werden muss. Was oben im Bild aussieht wie ein Muster eines knallbunten Norweger-Pullovers, ist der Versuch der Stiftung neue Verantwortung, die Zuständigkeiten und Aufgaben in der deutschen Cyber-Sicherheitspolitik nach zwanzigjähriger Aufbauarbeit in ein verständliches Organigramm zu transferieren. Dafür, dass es eigentlich erst 1474 ist und wir ganz am Anfang einer Entwicklung stehen, ist eine Menge los. Alle, alle sind schon da, von ZITiS bis zu den Cyber-Zentren, den Netzagenturen, und Bundesämtern für Finanzen und Turbulenzen, nicht zu vergessen die elf Bundesministerien, die irgendwie das Thema "Digitales" in einem ihrer Ressorts bearbeiten. Besonders gelungen die Position des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), gewissermaßen als dicker Knopf am Norweger, wo alles zusammenläuft, wo Arne "Stavro" Schönbohm über dem Gewimmel im "Nationalen Cyber-Abwehrzentrum Plus" (NCAZ) thront und versonnen eine weiße Katze krault. Mit WDR und ZDF geht es ans Mausen.

*** Hübsch vernestelt ist auch die Behörde vom Kragenrand des Pullis, das Bundesamt für Verfassungsschutz. Die Frontkämpfer für die freiheitlich-demokratische Grundordnung haben dieser Tage ihren Verfassungsschutzbericht 2017 vorgestellt, in dem das ganze Ausmaß an Advanced Persistent Threats im Cyber-Raum ermittelt wird. Ob APT 10 aus China oder APT 28 aus Russland, die Cyberbedrohungen sind vielfältig, die Truppenstärken der drei russischen Dienste sind enorm (für chinesische und andere feindliche Cyberkrieger fehlen Zahlen). Die Forderung nach Ausweitung der eigenen Truppe unter dem Banner des Adlers mit dem Erdbeerbauch "drängen" sich auf, zumal befreundete Nachrichtendienste "auch mal untreu werden" können, wie es der oberste Verfassungsschützer Maaßen zur Vorstellung des Berichtes formulierte. Unter Freunden spionieren, das geht. Macht doch jeder. Auch unsere freundlichsten der Freundlichsten, unsere amerikanischen Verbündeten "USA-T" sind nicht untätig gewesen und haben eine Übersicht zur Foreign Economic Espionage in Cyberspace veröffentlicht, die vielfältige Gefahren beschreibt. Russland, China und der Iran sind die bösen Roten. Hier taucht er übrigens wieder auf, der Vorwurf gegen die fünfte Kolonne, getragen von den Kaspersky Labs. Nach wie vor fehlen Beweise oder Hinweise, wie die Arbeit der K-Kolonne funktioniert haben soll. So geht der Cyber-Kampf weiter, bis hin zum letzten Geschäft mit kritischen Infrastrukturen.

*** Zurück zum Journalismus anno 2018, zu einem Journalismus im Zeitalter der unbeschränkten Hasserei und Antisemitismenproduzierung. Gerade kleine Publikationen leiden unter dem, was sich in ihren Foren abspielt. Sie haben nicht die Kapazitäten, mit Moderatoren mäßigend eingreifen zu können. Als aktuelles, sehr ungutes Beispiel sei die Legal Tribune Online genannt, die ihre Kommentarfunktion abschaltet und nur noch die guten alten "Leserbriefe" zulässt. "Dieses Forum, das ursprünglich dem offenen fachlichen und gesellschaftlichen Diskurs diente, wurde unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit zunehmend missbraucht, um Hass zu verbreiten. Die Sprache verrohte. Mit einem echten Diskurs hatte das oft nichts mehr zu tun, Meinungsvielfalt fand sich nicht mehr wieder." So sieht die traurige Wahrheit zum Zustand des Journalismus aus. Es gibt noch einen anderen Aspekt, ebenfalls in einer juristischen Publikation festgehalten: Da hat ein sogenanntes Recherchenetzwerk von NDR, Radio Bremen und der Süddeutschen Zeitung einen "Asylskandal" in der Bremer Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Fllüchtlinge aufgedeckt. Nach Untersuchung der Vorwürfe sind gerade einmal 13 Asylentscheidungen kassiert worden, eine durchaus kleine Zahl, verglichen mit den berichteten 1200 oder 2000 Fällen, die die Rechercheure gefunden haben wollen. Auch so wird der Hass vorproduziert, über den man sich dann trefflich auslassen kann.

Und Facebook ist pleite, spätestens nächste Woche. Ach, wer's glaubt – die hysterische Gesellschaft produziert angesichts der aktuellen Geschäftszahlen des Netzwerks mal wieder Aufgeregtheiten, die morgen schon keinen mehr interessieren. Und keiner will's dann gewesen sein. Alle wussten es besser. Dabei sind die Zahlen durchaus interessant: "Wir geben den Leuten, die unsere Dienste nutzen, mehr Wahlmöglichkeiten bezüglich ihrer Privatsphäre. Das könnte sich auf unser Umsatzwachstum auswirken", meinte Finanzchef David Wehner lapidar. Die europäische DSGVO hat ihr gar schröcklich Haupt erhoben und jagt den ganzen lieben Plattformen Angst ein. Angst muss man aber vor allem vor der Reaktion der User haben, denn die fühlen sich von all den Cookie-Bannern, Einverständniserklärungen und seitenlagen Datenschutz-Erklärungen zunehmend genervt. So kann die gut gemeinte DSGVO das Gegenteil dessen bewirken, was sie bezweckt: Den Usern geht zu viel Transparenz auf den Keks, was sie dann gleich auf den ganzen Datenschutz ausweiten. Dieses ganze Datenschutzgelumpe, dass kann uns doch eigentlich völlig egal sein? Eigentlich nicht. In Zeiten umfassender Digitalisierung und Vernetzung ist aber eine Neudefinition dessen notwendig, was wir unter Privatsphäre verstehen wollen und wie wir sie dann auch gegen unser öffentliches Dasein im Netz abgrenzen. Diese Diskussion aber wird nicht geführt – stattdessen mit jahrzehntealten Grundsätzen auf ganz neue Gegebenheiten reagiert. So graben die Datenschützer sich selbst das Grab.

Ratzen, so ganz ohne Schlaftracking, das kann Frau Mahlzahn sehr gut.

(Bild: Frau Mahlzahn)

Inmitten all der Diskussionen um die DSGVO und die Segnungen der Industrie 4.0 ist der Datenschutz für Beschäftigte etwas auf der Strecke geblieben. Hier will zum kühlen Ende des Sommers die Sommerakademie der Datenschützer über die Risiken und Nebenwirkungen des Arbeitnehmertrackings aufklären. Die Begehrlichkeiten von Arbeitgebern gehen bis zu dem mit einem Big Brother Award prämierten Einsatz von Tools zur Schlafanalyse. Wo die Grenzen beim Malocher 4.0 sind, das wollen die Datenschützer in Kiel zu Tage förden. (jk)