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Was war. Was wird. Von Gedenk- und echten Feiertagen.

Humor? Ach ja, warum nicht, vor allem SPD-Fans und Hertha-Ultras brauchen den dieser Tage besonders, gniggert Hal Faber. Es gibt aber auch Beeindruckendes.

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Bei mancher Musik muss man nicht an ein höheres Wesen glauben, um ins Jubilieren zu verfallen.

(Bild: Doidam 10 / Shutterstock.com)

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** So, endlich geschafft. Die SPD-Mitglieder haben sich für ein neues Führungsduo entschieden, "die Saskia" und "der Nowabo" sollen es nun richten. Hat das Elend nun ein Ende? Wahrscheinlich aber bleibt weiter gültig, was die Zeit in einer Satiregrafik formulierte: "Was ist das größte Problem der Sozialdemokratie?" "Die SPD." Vielleicht aber ist die SPD auch nur genauso verzweifelt wie Hertha BSC – wenn gar nichts mehr hilft, hilft nur noch Galgenhumor.

*** Aber genug, widmen wir uns langlebigeren Themen. Denn: Was langer Wert, wird endlich gut. Seit 1988 begehen Mathematiker in aller Welt den Pi-Day als Feiertag ihrer eigenen, manchmal skurrilen Disziplin. Auch in den Nachrichten vom Rande der norddeutschen Tiefebene spielt er eine Rolle, sei es bei Zahlen, bitte! oder sei es bei der heißen Nachricht in diesem Jahr, dass Google einen neuen Pi-Rekord geschafft hat. So gesehen ist es doch wunderbar, dass die UNESCO auf ihrer 40. Generalversammlung den Pi-Day nun auch ganz offiziell zum Tag der Mathematik bestimmt hat. Ab jetzt kann er richtig gefeiert werden, mit Kranzniederlegung vor dem Denkmal des endlos geflochtenen Bandes. Oder ist dafür nicht der Tag der Logik zuständig, der 14. Januar, der ebenfalls von der UNESCO zum Welttag erklärt wurde? Was dann eine Hommage an Kurt Gödel sein könnte, der am 14. Januar 1978 starb. Logischerweise werden jetzt Leser jaulen, denn schließlich wurde Alfred Tarski am 14 Januar 1901 geboren. Er entwickelte eine Formel, die fast dem Unvollständigkeitssatz des großen Gödel entsprach. Die Aufzählung der neuen Welttage wäre unvollständig ohne den neuen "International Day against Violence and Bullying at School, including Cyberbullying", der jeweils am ersten Donnerstag im November gefeiert werden soll. Mit ihm soll auf das weltweite Problem von Gewalt und Anmache in der Schule aufmerksam gemacht werden, ähnlich wie beim Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, den wir gerade begangen haben.

*** Zu diesem Tag ist in der Neuen Zürcher Zeitung ein Interview mit dem Männerforscher Klaus Theweleit erschienen, das einen furiosen Anfang hat:
"Die SPD-Politikerin Katarina Barley hat etwa neulich im Bundestag Männer für den Brexit verantwortlich gemacht. Vor kurzem gab es einen Bericht im Deutschlandfunk, der dem Patriarchat die Schuld am rechten Terror in die Schuhe schiebt.
Ich glaube, Sie sitzen da einfach einem Journalisten-Fehler auf.
Welchem?
Sie glauben das veröffentlichte Print-Wort. Doch das kümmert die meisten Menschen überhaupt nicht. Das sind Randphänomene, ebenso wie das, was Politiker so daherreden. Das ist schließlich deren Beruf."

Auch sonst hat Theweleit Recht, wenn er davon spricht, dass Männer eine 12.000 Jahre alte Gewaltgeschichte im Körper tragen, die in der Gesellschaft weiter gefördert und gepflegt wird. Da helfen keine Gedenktage. Ganz nebenbei klärt Theweleit über die Denk-Grenzen von Evolutionsbiologen und Gender-Theoretikerïnnen auf.

*** Aber halt, da war noch was. Mit dem 24. Januar hat die UNESCO einen Tag für afrikanische und afrikastämmige Kultur festgelegt, der auf den ungeheuren kulturellen Reichtum des Kontinents aufmerksam machen soll. Was eben auch eine 12.000 Jahre alte Geschichte über die Wiege der Menschheit ist, die gegen die Rechtsausleger von der AfD verteidigt werden muss, wenn diese den deutschen Kolonialismus bejubeln und den Troll Bruce Gilley in den Bundestag einladen. Sein Thema: "Die Bilanz des deutschen Kolonialismus. Warum sich die Deutschen nicht für die Kolonialzeit entschuldigen und erst recht nicht dafür bezahlen müssen." Ja, was hat das Deutsche Reich den Menschen in Togo oder Namibia gebracht, was ist mit dem Völkermord an den Herero und Nama? Und was hat man alles gestohlen oder auf fragwürdigen "wissenschaftlichen Expeditionen" mitgenommen?

*** Die Kleinteiligkeit der aktuellen Restitutionsdebatte ist auch eine europäische mickrige Denke, wie Felwine Sarr im Interveiw erklärt: "In Europa dreht sich alles um Fragen des Besitzes, des Rechts oder der Frage, ob die Objekte ohnehin universellen Status hätten, also der 'Weltgemeinschaft' gehörten und sich die Rückgabefrage daher nicht stelle. In Afrika hingegen fragt man viel nach dem immateriellen Wert der Objekte, die für Afrikaner traditionell oft gar keine Objekte, sondern Subjekte waren. Man fragt sich, ob und wie man diese Gegenstände in die Gemeinschaft resozialisieren könnte oder ob sie durch den langen Aufenthalt in den Museen nicht sogar ihren "Spirit" verloren haben." Was uns zum ganz besonderen "Spirit" von Afrika bringt, von dem Bill Gates fasziniert ist und jetzt auch Twitter-Chef Jack Dorsey. Der will jetzt jeweils ein halbes Jahr in Afrika verbringen.

Wie kommt man weg vom hottentottenartigen Bild von Afrika, das den AfD-Politikern und all denen vorschwebt, die da von Gaudimigration faseln? Vielleicht mit einem kleinen Gedankenspiel, das dieser Tage veröffentlicht wurde. Was wäre gewesen, wenn Julius Caesar die Bibliothek von Alexandria gerettet hätte, anstatt sie verbrennen zu lassen? Die Schriften der Griechen über Dampfkraft wären erhalten geblieben, die Alexandriner hätten mit Dampfschiffen Amerika erobert und die erste Mondlandung wäre im Jahre 1492 gewesen, alles mit dem Wissen von Mutter Afrika, wie hier gesungen.

*** Aus Afrika sind die gekommen, die dann der Welt den Gospel-Gesang geschenkt haben. Das ist ein großes Geschenk mit all den Phrasierungen und Rhythmuswechseln, mit Chören und mit Aretha Franklin. Ihr Produzent Jerry Wexler meinte einmal, es müsse in der Geschichte der Pop-Musik eigentlich von Gospel & Blues geredet werden, nicht von Rhythm & Blues. So komme ich nicht umhin, inmitten all der Quatsch-Meldungen zu den Schnäppchen der Black Fridays, Sundays oder Mondays auf das größte Weihnachtsgeschenk hinzuweisen, das es in diesem Jahr überhaupt geben kann. Dagegen kommt kein Laptop und keine VR-Brille oder sonst ein Schnickschnack an. Geht in die Kinos, Leute, schaut euch "Amazing Grace" von Sydney Pollack und Alan Elliot an. Das ist der Dokumentarfilm zur Aufnahme der Platte "Amazing Grace" vor 47 Jahren, was bis heute das weltweit erfolgreichste Gospelalbum ist. Mit einer Aretha Franklin, die vor nicht allzu langer Zeit verabschiedet werden musste – und die die Aufführung des Filmes mit allen juristischen Mitteln blockierte. Mit James Cleveland, dem "King of Gospel" als Arrangeur und begnadetem Moderator. Man braucht kein Verehrer höherer Wesen zu sein, um den Gesang aus einer anderen Dimension zu würdigen, das zeigen auch Mick Jagger und Charlie Watts, die bei der Live-Aufnahme dabei waren. Ein besseres Weihnachtsgeschenk gibt es nicht. Und wenn's nicht fürs Kino reicht, kann man sich wenigstens die vollständige Originalaufnahme anhören.

Die frisch gewählte EU-Kommission unter der Präsidentin Ursula von der Leyen nimmt ihre Arbeit auf und will sich in den nächsten Wochen gleich mal um die innere Sicherheit und die Geheimdienste kümmern. Dazu hat der frisch abgetretene Präsident Jean-Claude Juncker in seinem Abschieds-Blogbeitrag eine kleine, aber feine Anekdote erzählt. Junker nutzte offenbar in seinem Amt ein altes, nicht verschlüsselndes Nokia-Telefon wie das 3310. Kurz nach einem Telefonat mit seinem Freund Bill Clinton klingelte das Handy und Jacques Chirac war am Apparat. "Was hast du da gerade zu Clinton gesagt, Jean-Claude?" Wie war das noch mit dem Abhören unter Freunden, das gar nicht geht? Es geht, es ging und es wird weiter gehen, weil es ja um unser aller Sicherheitsphantasma geht.

Die kleine Anekdote ist deswegen ein Thema für die Zukunft, weil Bundeskanzlerin Merkel auf dem Internet Governance Forum und auf einer Veranstaltung des Deutschen Industrie und Handelskammertags in dieser Woche betonte, bei 5G den chinesischen Konzern Huawei als Anbieter nicht ausschließen zu wollen. Gleichzeitig werkeln EU-Kommission wie Bundesregierung an Plänen für die digitale Souveränität Deutschlands oder mindestens Europas, indem darüber nachgedacht wird, ob durch eine Zusammenarbeit von Nokia und Ericsson einen "europäischen Champion" im Bereich der 5G-Netze entstehen könnte. Schon die Geburtsvorbereitungen für diesen Champion sind alles andere als optimal, da besagte Firmen die 5G-Patente von Huawei erwerben müssten. Nicht zu vergessen die Patente von Cisco, wo man zur "Offenlegung" des Quellcodes für 5G-Produkte durch das BSI gerade ein Technology Verification Center eröffnet hat.

So kann man das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik bequem zum Jagen tragen. Heraus kommt dann ein vielleicht ein hübsches Siegel, das vom BSI auf sichere IoT-Geräte gebappt wird. In Finnland sieht das neue Logo für die Cybersicherheit ganz eschermäßig aus. (jk)