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Was war. Was wird. Von Lügenpressen, fünfter Gewalt und dem Irrsinn unaufgeklärter Debatten

Historisch ahnungslos, das scheinen in diesen Zeiten allzu viele zu sein, befürchtet Hal Faber, der sich weigert, "das" Internet zu verdammen. Und "den" Journalismus auch nicht. Es gibt ganz andere Vergifter der Pressefreiheit.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Vor 235 Jahren begann das, was die ehrwürdige Zürcher Zeitung in ihrer Erstausgabe vom 12. Januar 1780 "die Beschleunigung der Pränumeration" nannte, die Herausgabe eines Blattes mit Tagesnachrichten. "Es wird uns zwar, so wie anderen Zeitungs=Schreibern, nicht möglich sein, die Weltbegebenheiten früher anzuzeigen, als sie geschehen sind; oder, als sie auswärtige Zeitungen der Welt berichten. Aber doch haben wir Anstalten getroffen, vermittels der besten Französischen, Englischen, Italienischen, Holländisch= und Deutschen Zeitungen, und auch durch zuverlässige Privat=Correspondenz die Nachrichten immer so bald zu erhalten, und in unsere Zeitungen einzurücken, als es andere von unseren Nachbarn thun können." Das ist umständlicher formuliert als das bekannte "All the news that’s fit to print", mit dem die New York Times im Jahre 1851 an den Start ging, aber weitaus ehrlicher. Denn Nachrichten waren zunächst einmal Nachrichten, die in anderen Zeitungen standen und übernommen wurden. Man hatte ja kein Internet, das alle darüber aufklären konnte, wie alle von allen abschreiben. Wie Tom Standage in seiner Geschichte über "Das Viktorianische Internet" launig erzählt, machten sich bereits die ersten Telegraphen in ihrer Community darüber lustig, dass alle dieselben Nachrichten morsten.

*** Doch was sind die nunmehr aufs biedermeierliche fokussierte Neue Zürcher Zeitung oder die giftgaswaffenerklärende New York Times schon gegen die Lausitzer Rundschau? Die Zeitung, die aus Spremberg wiederholt und beharrlich über die Aktivitäten von Neonazis berichtet und dafür im Jahre 2012 mit Lügenpresse halt die Fresse beschmiert wurde. Was seinerzeit auch im TV berichtet wurde, ist knapp drei Jahre später wohl wieder vergessen, als das Neonazi-Wort von der Lügenpresse zum Unwort des Jahres 2014 ausgerufen wird. Zur Begründung der Jury schreibt Stephan Hebel (Autor von Deutschland im Tiefschlaf) dann, nach historischer Herleitung des Wortes: "Natürlich ist nicht automatisch ein Nazi, wer – womöglich historisch ahnungslos – von 'Lügenpresse' redet." Historisch ahnungslos, was vor drei Jahren klar den Neonazis zugeordnet wurde? So macht man es sich – und Pegida – zu einfach.

*** Ausführlich zitiert Stephan Hebel in seiner Begründung den Philosophen Habermas, der von dem Internet meint, dass es zerstreue und bestenfalls der Unterhaltung diene. Entsprechend unwillig ist auch Hebel eingestellt: "Ich warne vor der Illusion, das 'Web 2.0' als freier Kommunikationsraum könne den professionellen Journalismus nicht nur ergänzen, sondern ersetzen." So, kann es nicht? Und Journalisten sind erst recht unersetzlich? Weit besser und weit genauer hat da der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in dieser Woche hingeschaut, der im Interview über die fünfte Gewalt konstatierte, dass Journalisten künftig im Zweitjob als Aufklärer über ihre Arbeit diese ihre Arbeit reflektieren müssen – für den Leser, der als fünfte Gewalt in vielfacher Form in der Zivilgesellschaft auftreten kann:

"Die fünfte Gewalt besteht aus den vernetzten Vielen des digitalen Zeitalters, die längst zur publizistischen Macht geworden sind, zu einer 'Publikative' eigenen Rechts. Sie verändern und beeinflussen die Agenda und das Tempo des klassischen Journalismus, veröffentlichen auf Blogs, Wikis, in sozialen Netzwerken, werden als Medienkritiker und Meinungskorrektiv aktiv, bilden Protestgemeinschaften, treiben bei Bedarf die Entlarvungs- und Enthüllungsarbeit voran. /.../ Und sie finden sich mitunter zum grausamen Mobbingspektakel zusammen. Ein Agendasetting von unten, Medienkritik, Fahndungs- und Entlarvungsarbeit bis hin zur brutalen Attacke - all das sind Rollen- und Aktionsmuster der fünften Gewalt."

*** Sehr interessant ist die Beobachtung des Medienwissenschaftlers, dass der Sachbuchmarkt Teil einer Gegenpresse geworden ist, mit Büchern von Sarrazin und Pirincci, wobei letzterer offen damit spielt, Philosophen auf die Fresse zu hauen. Oder halt, ist das Satire? So krank gar, wie andernorts angedeutet? "Zwar sollte die geistige Freiheit nie mit der Schädeldecke enden, aber Satire ist eine Art der intulektuellen Artikulation, die keinem gesunden Menschenverstand entspringen kann ... und eine Schwalbe macht noch keinen Sommer."

*** In dieser Woche wurden mehr Traktakte über "den" Journalismus und "das" Internet veröffentlicht als Nachrichten über Sicherheitslücken von Microsoft. Gute wie ausgesprochen dümmliche über die große Gerüchteschleuder Internet, immerhin mit dem originellen Zusatz über die christlichen (!) Tugenden: "Glaube, Liebe, Hoffnung sind die Feinde der nüchternen Fakten." Den Vogel dürfte eine Sammlung journalistischer Irrtümer darstellen, die so endete: "Wir sind nicht Charlie, sondern der Schwarzwälder Bote. El País. Aftonbladet. ZEIT ONLINE." Schade, dass irrtümlicherweise die Lausitzer Rundschau fehlte. Besonders hübsch ist übrigens der Irrtum Nummer 3, demzufolge Journalisten sich gegen die Mehrheitsmeinung stellen müssen, wenn dies nach Ansicht der Journalisten der Schutz einer Minderheit bedarf. Hier hat ein Franzose namens Jacques Derrida etwas genauer hingesehen, als er mit dem Marxismus abrechnete:

"Sicherlich kann eine solche Technik –wie die Presse –Minderheiten eine Stimme verleihen, die in den Institutionen nicht vertreten sind. Sie kann dazu beitragen, dass Fehler berichtigt und ungerechte Zustände beseitigt werden. In keinem Fall repräsentiert jedoch eine derartige 'Demokratisierung' die 'öffentliche Meinung' auf legitime Weise, ohne Siebwirkung. Die 'Pressefreiheit' ist das kostbarste Gut der Demokratie; in dem Maße indes, in dem die Gesetze und die Sitten den Fragen nicht gerecht geworden sind, die wir gerade gestellt haben, müssen diese grundlegende 'Freiheit' und mit ihr die Demokratie noch erfunden werden. Tag für Tag. Mindestens." (Jacques Derrida: Marx' Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale.)

*** Schweife ich ab? Keineswegs, denn die festgefahrenen Codes der Politik durchbrechen nach Derrida alles Gerede von der Berücksichtigung der Minderheit. In der Süddeutschen Zeitung formuliert dies Heribert Prantl auf seine Weise angesichts der prompten Forderung nach Vorratsdatenspeicherung durch CDU/CSU und durch den SPD-Vizekanzler – die Grünen zieren sich noch ein Bisschen: "Wer 'Je suis Charlie' sagt und zugleich umfassende Vorratsdatenspeicherung fordert, der lügt. Eine solche Vorratsdatenspeicherung vergiftet die Pressefreiheit."

Was wird.

"Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, der Humor über das, was sie sind."

Wie wäre es mit einem neuen Hashtag, "Jesus Raif"? Am Freitag wurde in Saudi-Arabien die Auspeitschung des Bloggers Raif Badawi aus medizinischen Gründen um eine Woche verschoben, nachdem der Gefängnisarzt festgestellt hatte, dass Badawi die 50 Schläge auf Rücken und Beine in 5 Minuten möglicherweise nicht überleben würde. Es ist eine Hinrichtung auf Raten, die in Saudi-Arabien praktiziert wird, von einem Land, das den Anschlag auf Charlie Hebdo verurteilt hat. In der tageszeitung schreibt Karim El-Gawhary offline über den Staatsterrorismus, mit dem die Meinungsfreiheit wie der radikale Islamismus bekämpft wird, bei sinkenden Ölpreisen. Das archaische Auspeitschen bildet damit das Gegenstück zu unserem Gerede vom Cyberwar. Raif Badawi wurde von einem Strafgericht zu 1000 Peitschenhieben und 10 Jahren Haft verurteilt, weil er nach Ansicht des Gerichts in seinem Blog "Freie saudische Liberale" den Islam beleidigt haben soll. Unter anderem zitierte Badawi in seinem Blog einen weiteren klugen Franzosen, Albert Camus: "Der einzige Weg, mit einer unfreien Welt umzugehen, besteht darin, so absolut frei zu sein, dass bereits die schiere Existenz ein Akt der Rebellion ist."

In dieser Woche wurde in der Schweiz nicht nur der Franken "entkoppelt", sondern auch eine Kunstaustellung beschlagnahmt, in dem ein Bot wahllos Dinge aus dem Darknet oder auch Silk Road genannten Bereich kaufte, die dann als Kunst in Vitrinen wanderten. Nachdem 10 Ecstasy-Pillen eingeführt wurden, waren offenbar die Grenzen der Kunst erreicht. Nun muss ein Gericht darüber entscheiden, wer denn verantwortlich ist, wenn ein Roboter autonom handelt. Haben uns nicht gerade Wissenschaftler vor intelligenten Maschinen gewarnt? Die Kunst war schneller. (jk)