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Was war. Was wird. – Von Ordnungen und scheinbar billigen Lösungen

Die Welt könnte beschaulich sein, aber dafür herrscht wohl zu viel Chaos. Zudem breiten sich die roten und schwarzen Flecken aus. Eine Wahl steht an, die Cyberwaffen sind gezückt, während wir uns nackt im Internet vergnügen.

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Was war. Was wird. – Von Ordnungen und scheinbar billigen Lösungen

Ordnung, Blick auf Oberstdorf im Allgäu im Sommer 2016

(Bild: Dirk D., CC-BY-SA 4.0)

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Nein, es ist nicht besonders spaßig, wenn vor dem Urlauber-Hotel ein Journalist hingerichtet wird. Wenn die Türkei mit Präsident Recep Tayyip Erdogan nun auf der Liste der Feinde der Pressefreiheit steht und die regierungskritische Zeitung Cumhuriyet angegangen wird. Eine islamofaschistische Diktatur droht, die sozialen Medien sind abgeschaltet. So bleibt von hier aus nur die Forderung: Freiheit für den Papagei und seine Journalisten!

*** Nun ist sie da. Die Ordnung. In Bayern entfaltet sich das neue Grundsatzprogramm der CSO [sic!] mit einem leicht verklärt gezeichneten Blick auf Oberstorf. Wo sich das Riesenrad gleich neben der Biomassen-Anlage dreht und ein Hubschrauber "stark und verläßlich" hinunter ins Alpenvorland hubschrappt. Himmelblau ist's über der Ordnung, da bei den Bergen, wo keine Autobahn und keine von Ausländern verstopfte Landstraße den freien Blick stört. Schlimm wäre es doch, wenn sich das absolute Chaos ins Bild schieben würde, welches der ordentliche Herr Dobrindt mit seiner PKW-Maut angerichtet hat, die uns den größten automatischen Abgleich von KFZ- Kennzeichen beschert, auf Fahndungsvorrat natürlich und wahlwirksam mit einer ökologischen Komponente. So eine Ordnung muss inklusive ordentlicher ausländischer Maut-Abgabe schließlich laufend überwacht werden, ob sich da nicht ein Zipfelchen Unordnung breit macht. Das wusste schon Georg Büchner, der den Staat in seiner Zeit gar nicht in Ordnung fand: "In Ordnung leben heißt hungern und geschunden werden. Wer sind denn die, welche diese Ordnung gemacht haben, und die wachen, diese Ordnung zu erhalten?"

*** Aber halt, es gibt nicht nur "Die Ordnung", die historisch bis auf die Reformation zurückgeführt werden kann. Die Ordnung muss in jedem bayerischen Haus gelebt werden, deshalb gibt es die Bayerische Hausordnung mit vier einfachen Punkten, angefangen bei der Pflicht, Bayerisch zu lernen. Wer dann in diese wunderbaren bayerischen Häuser einbricht, wird geschnappt, da braucht es keine Aachender Erklärung wie in Nordrhein-Westfalen. Was in dieser himmelblauen bayerischen Welt noch fehlt, ist die christliche Leitkultur, aber die hatten wir ein paar Wochenschauen früher in ihrem ganzen Elend ausgebreitet.

*** Ganz abseits aller weißblauen deutschen Ordnungsvorstellungen sind in dieser Woche Details von Spitzenpolitikern bekannt geworden, nachdem recherchierende Journalisten einmal die Big-Data-Jauche analysierten, die ihnen als kostenlose Probe zugetragen wurde. Plötzlich nackt im Netz, angeblich wegen dem Browser-AddOn Web of Trust, das hat was. Lassen wir einfach die Spitzfindigkeit beiseite, dass dieses AddOn kaum zur Standard-Umrüstung von Browsern gehören dürfte, bleibt Platz genug für das Erstaunen, dass es immer noch Menschen gibt, die Metadaten unbedenklich finden und allgemeine Geschäftsbedingungen anklicken, in denen aufrichtig erklärt wird, dass Metadaten kommerziell genutzt werden. Noch gilt die gute alte Internet-Faustformel, wenn etwas kostenlos ist, dann zahlt man nur anders. Umsonst ist nicht einmal der Tod und selbst ein häßliches buntes Brillengestell kostet ein paar Cents.

*** Möglichst für umme, möglichst kostengünstig sollte es sein, das dachten sich die Clintons, als sie dem Techniker Justin Cooper den Auftrag gaben, nach dem Ende der Präsidentschaft von Bill Clinton einen alten, übrig gebliebenen Apple-Rechner als privaten Mail-Server in ihrem Haus in Chappaqua zu installieren. Dieser Server wurde von Hillary Clinton weiter benutzt, als sie Außenministerin unter Präsident Obama wurde. Dabei wurden 62.320 E-Mails für Hillary Clinton über diesen Server geschickt, von denen 110 geheimhaltungsbedürftig waren oder geheimzuhaltende Passagen enthielten. Nachträglich wurden weitere 1983 aus diesem Fundus als geheim klassifiziert. Wer diese Zahlen von Clintons Mailserver-Skandal mit den 650.000 Mails vergleicht, für die das FBI in dieser Woche einen Durchsuchungsbeschluss bekommen hat, wird eine gewisse Diskrepanz feststellen. Sollte dieses Detail rund um den Sexting-Skandal eines ehemaligen Kongressabgeordneten die US-Wahl zugunsten von Trump entscheiden, hat sich dessen Spende für die FBI Agents Association bezahlt gemacht. Die Untersuchung, ob das FBI gegen den Hatch Act verstoßen hat, ist da noch das kleinste Übel.

Was wird.

Die Wahl zwischen Hillary Clinton und Donald Trump wird in der anstehenden Woche auch den Ticker in der norddeutschen Tiefebene beschäftigen, nicht nur die Schar der Nobelpreisträger, die vor Trump warnen, als ob der leibhaftige Brexit vor der Tür steht. Auf allen auf allen Seiten wird mit soviel Cyberkampf gedroht, das die Cyberwände wackeln. Die gerne "den Russen" zugeschriebene Gruppe Guccifer 2.0 hat per Blog angekündigt, sich die Wahlen vom "Inneren des Systems" anzuschauen. Nach neuesten Berichten hat sich der Gegentrupp von Cyberkriegern angeblich schon auf Kreml-Servern in Bereitschaft eingenistet. Auch die Volkswehren rechtsradikaler Militia-Gruppen in Amerika sollen sich hübsch maskiert im Cyberraum eingerichtet haben.

Natürlich ist auch der Kreml auf Hackerangriffe vorbereitet. Wie leichtfertig da mit dem Begriff "Hacker" gezündelt wird, ist einfach nur noch gruselig. Vorbei die Zeiten, als "Hacker" für technisch Interessierte stand, die sich Skripte basteln, um möglichst schnell an Congress-Tickets zu kommen. Aber bitteschön, wir können auch zündeln, wenn selbst eine deutsche Politikerin vom Schlachtfeld im Cyberraum reden darf. Wenn selbst die ihr unterstellte Armee von Hackern der Reserve (PDF-Datei) spricht und Freiwillige meint, die als "Ethical Hacker" gemeinsame Cyber-Übungen zusammen mit den Soldaten der "Cyber-Wirkkomponente" simulieren sollen – bis es knallt, ganz real im Dingsdanetz.

Am 8. November ist nicht nur US-Wahltag. Der 100. Geburtstag von Peter Weiss ist da und wird mit einer 50 Stunden langen Staffetenlesung der Ästhetik des Widerstandes begangen. Immerhin gibt es eine Kurzfassung, die durchaus aktuelle Bezüge aufweist:

"Auch wenn es schien, als würde die künstlerische Revolution an einer anderen Front als der politischen ausgetragen und setze sich nicht für gesellschaftliche Verändrungen ein, so war sie, indem sie sich gegen die verbrauchten Konventionen wandte und Normen zertrümmern wollte, die ihre Zwangsmuster seit langem enthüllt hatten, unserer Revolution doch verwandt. Mit ihrem Kampf um die Befreiung der Formen, der Bewegungen, um die Erneurung der Sprache, des Sehens, musste sie Einfluss ausüben auf unsere Sinne, unsere Suche nach einem verwandelten Dasein. Die Kunst habe keine Macht über de Realität, sagten die Politiker. Und mit der Realität meinten sie einzig und allein die Realität der Außenwelt. Sie sahen nicht, wie fadenscheinig diese Realität geworden war."

Un-Ordnung, die Weltkarte der Pressefreiheit

(Bild: Reporter ohne Grenzen)

(Hal Faber) / (kbe)

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